«Jede Sprache ist für jeden Menschen fremd», schreibt Yoko Tawada. Daniela Dröscher nutzt das Zitat als Epigraph für ihren Essay über das Sprechen. Ich möchte Euch den gelungenen Text aus der Reihe Das Leben lesen vorstellen, indem ich ihn an meinen eigenen Erlebnissen spiegele.
Mut zum Missverständnis
In Sprechen (2026) reflektiert die deutsche Autorin Daniela Dröscher ihre persönliche Entwicklung als Sprecherin. Mit dem Sprechen verbindet die Schriftstellerin, die sich beim Texten wesentlich wohler zu fühlen scheint, eine durchaus schmerzhafte Entwicklung. Im Zentrum des Essays stehen daher Selbstbeobachtungen, Lernmomente, Zweifel und Einsichten zur eigenen Sprechpraxis. Diese reichen von ihrer frühen Kindheit und Schulzeit im Hunsrück über die ersten Beziehungen, die universitäre Ausbildung bis zu ihren Auftritten vor Publikum. Der Literaturbetrieb treibt nämlich auch Menschen, die lieber schreiben als reden, auf die Bühne. Linguistische Theorien und Begriffe setzt sie sehr diskret ein, vor allem, um persönliche Beobachtungen zu ordnen oder kurz zu kontextualisieren, nicht als Schwerpunkt der Arbeit. Dabei thematisiert Dröscher immer wieder die emotionale Seite des Sprechens – Ängste, das Austesten der Selbstwirksamkeit und (fehlende) Rollenvorbilder. Dröscher ist es gelungen, sich von ihren Ängsten zu befreien und souverän ihre mündliche Sprachkompetenz zu nutzen und weiterzuentwickeln. Den Beweggrund, sich mit dem Sprechen autobiografisch auseinandersetzen, kommt im Appell, mit dem sie ihr Buch abschliesst, zur Sprache:
Wenn die menschliche Sprache das sein soll, was den Menschen zum Menschen macht, so wünsche ich mir für das 21. Jahrhundert, dass wir lernen, sie auf eine Weise zu gebrauchen, die unserer Menschlichkeit gebührt. Das aber gelingt nur, wenn wir das Missverständnis nicht nur in Kauf nehmen, sondern geradezu umarmen, als eine der vielen Grundbedingungen des Sprechens. Wer spricht, muss bereit sein, sich zu blamieren, zu riskieren. Das ist der Preis der Arena. (S. 102)
Vom Schreiben zum Sprechen
Daniela Dröscher ist Schriftstellerin und weiss zu schätzen, dass sie durch überlegtes Schreiben Missverständnisse zwar nicht ausschliessen, so doch minimieren kann. Bevor ein Text publiziert wird, kann er verändert, gekürzt, erklärt, verbessert werden. Texte können strategisch durchgeplant werden. Das gibt Sicherheit. Beim Sprechen ist dies anders. Was gesagt ist, lässt sich nicht so einfach löschen. Sprechen erfordert Spontaneität und – das macht die besondere Herausforderung aus – ein direktes Gegenüber. Zudem wird vieles, was mitgemeint ist, gar nicht gesagt, gerade im familiären Kontext. Bereits Koch/Österreicher haben der mündlichen Nähe die schriftliche Distanz gegenübergestellt (Peter Koch/Wulf Oesterreicher, Sprache der Nähe – Sprache der Distanz (1985)). So zeigt Dröschers biografischer Essay, wie sie lernt, den Anspruch ans Schreiben und den an das Sprechen auseinanderzuhalten und ihre ängstliche Stille zu überwinden.
Dröscher steht mit ihrer Erfahrung nicht allein da. Sie schreibt gerne und kompetent – ist als Schriftstellerin anerkannt. Beim Sprechen fühlte sie sich jedoch lange Zeit aufgrund der eigenen Herkunft und Erziehung unsicher. Sie verstummte oft, wenn es wichtig gewesen wäre, ihre Stimme zu erheben. Umgekehrt kommt es ebenso vor, dass jemand mündlich kompetent ist und schriftlich Schwierigkeiten hat, z.B. beim Entwickeln einer logischen Textstruktur oder bei der Auswahl präziser Begriffe. Ich habe über viele Jahre ein Kommunikationsmodul unterrichtet, das in der einen Hälfte die Gesprächsführung im Job trainierte und in der anderen die schriftliche Dokumentation technischer Projekte vermittelte. Nur wenige Studierende haben beide Kompetenzen gleichermassen beherrscht. Es war auch nicht einfach, Dozierende für dieses Modul zu finden: Die einen unterrichteten bevorzugt das Schreiben, die anderen lieber Gesprächsführung und Präsentieren.
Der Dialekt im Hunsrück
Neben diesem beruflichen Bezug zum eigenen Unterricht habe ich in Dröschers Buch viele weitere persönliche Bezugspunkte gefunden, die mich zum Nachdenken über mein eigenes Sprechen anregten. Überhaupt habe ich mich erst für den Essay interessiert, als ich von ihren Erfahrungen mit dem Hunsrücker Platt erfuhr. Das sprach mich an, denn was sie dort beschrieb, ist Teil meiner eigenen Biografie.
Im Unterschied zu ihr, die Hochdeutsch als erste Sprache erlernte und dann den Dialekt zusätzlich sprach, ist das moselfränkische Platt des Hunsrücks meine erste Sprache. Hochdeutsch, oder das, was ich damals dafür hielt, kannte ich nur vom Pastor («d’Häa», also «der Herr») und von der Schreckschraube von Kindergärtnerin, die aus dem benachbarten Saarland kam. Auch im Fernsehen sprachen die Menschen anders als bei uns daheim. Dröscher erwähnt die «Grombiere» (S. 21, Kartoffeln) als eines der besonders seltsamen Wörter ihres Pfälzer Dialekts. Bei uns wird dieses Grundnahrungsmittel meiner Kindheit noch weniger verständlich, denn mein Dialekt macht auch die stimmhaftesten Konsonanten fast stimmlos: «Krompern». Das ist nur ein Beispiel aus dem Buch, das dazu geführt hat, mich gut in Dröschers Entscheidung wiederzufinden:
Ich weiß nur, dass ich mitten im Deutschunterricht entschied, von nun an nur noch reinstes Hochdeutsch zu sprechen. So wie die Figuren in meinen geliebten Büchern. Seit meinem siebzehnten Lebensjahr habe ich nie wieder Dialekt geredet. (S. 35)
Auch ich habe im Gymnasium angefangen, mit dem Dialekt zu hadern – aus sozialer Scham. Am Gymnasium wurde vorwiegend Hochdeutsch gesprochen. Vor allem dem Musiklehrer lag viel daran, uns beim Singen das korrekte „ch“ beizubringen („Kirche“ nicht „Kirsche“). Mit etwa 15-16 Jahren habe ich aufgehört, in meiner ersten Sprache zu sprechen, auch gegenüber den Eltern und meinen Brüdern. Ich brauchte damals diese Distanz, denn im Dialekt fühlte ich mich eingeschränkt auf das Dorf. Aus dem wollte ich unbedingt weg.
Befreiende Distanz
Ebenso wie für Dröscher waren für mich neben dem Hochdeutschen die Fremdsprachen eine hilfreiche virtuelle Flucht aus der Heimat, später dann das Ticket für lange, erfahrungsreiche Auslandsaufenthalte. Obwohl ich friedensbewegt war, habe ich als Schülerin voller Begeisterung den US-amerikanischen Soldatensender AFN aus K-Town gehört. Im Rückblick finde ich das Verhalten gegenüber meiner Familie verletzend, aber mir war es damals wichtig, dass man mir nicht mehr anhörte, woher ich kam. Doch auch die Zuflucht in die Fremdsprachen fand eine gewisse Grenze: Bei der Geburt des ersten Sohnes, der in den USA zur Welt kam, mochte ich gegen Ende der Wehen kein Englisch mehr sprechen.
Obwohl ich seit 40 Jahren nicht mehr im Hunsrück lebe, spreche ich den Dialekt längst wieder mit großer Gelassenheit, wann immer ich mit der Familie telefoniere oder ich zu Besuch bin. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann das intuitive Code Switching zwischen Dialekt und Hochdeutsch für mich wieder selbstverständlich wurde. «Mippelscha» gehören wieder zu meinen Leibspeisen – trotz der vielen «Krompern». Heute muss ich nicht mehr wegwollen. Die räumliche Distanz hat mir im Gegenteil geholfen, den Dialekt so authentisch zu bewahren, wie ihn Kinder im Hunsrück kaum noch erlernen.
„Kromperemippelscha“ aus der Spießbratenhalle Schillingen
Vom Sprechen zum Schreiben
Inzwischen habe ich es mit dem Dialekt an einer anderen Stelle zu tun. Seit 20 Jahren lebe ich in der Schweiz und verstehe Schweizerdeutsch sehr gut. Wie viele Deutsche im Land spreche ich die lokale Mundart nicht – obwohl ich die Regeln kenne und linguistisch die Unterschiede gut erklären kann. Natürlich nutze ich die üblichen Floskeln („würkli?“, „chunsch au?“, „e schöni wuche“ etc.) im Alltag; aber eine echte Konversation kommt mir bis heute nicht über die Lippen. Ein Dialekt funktioniert nur als Herzenssprache gut und das Züritüütsche ist es für mich nicht geworden. Mir reicht denn auch ein Dialekt im Leben und den habe ich bei der Einreise schon im Gepäck gehabt. Das Problem mit der Mundart ist demnach nicht kognitiv: Ich könnte es sprachlich leisten. Vielmehr liegt die Barriere auf psychologischer Ebene.
Nur wenige Menschen erwarten, dass ich den Dialekt aktiv beherrsche – welch ein Glück! Obwohl ich die Mundart nicht spreche, nutze ich gewisse phonetische und lexikalische Anpassungsstrategien, um von meiner Seite eine gemeinsame Basis zu schaffen. Damit beinhaltet aber jede Konversation in der Deutschschweiz eine bewusste Entscheidung, wie wir jeweils miteinander sprechen. «Verstehschts Züritüütsch?» Diese Klärung zu Beginn, wer in welcher Sprachvariante sprechen wird, sorgt im besten Fall für Vorsicht und Rücksicht im Umgang miteinander und braucht viel Wohlwollen beim Zuhören sowie den Mut zum Nachfragen. Was könnte der anderen Person fremd oder seltsam erscheinen, wenn ich spreche? Was könnte die andere Person – nicht nur auf der Sachebene! – missverstehen, weil ich z.B. zu schnell spreche oder typisch deutsche Begriffe nutze?
Fühle ich mich deshalb als Fremde? Manchmal ein wenig, was aber okay ist, denn ich bin nun mal eine Spätankommende. In diesem Dazwischen fühle ich mich sprachlich zu Hause. Da kann mich niemand leicht vereinnahmen. Außerdem kann ich mich einstweilen wunderbar im Schreiben ausleben.
Empfehlung
Ich kann Dröschers kurzen Essay nur empfehlen. Er ist frei von theorielastiger Überfrachtung, ist aber wissenschaftlich gut fundiert. Er lädt dazu ein, die eigene Sprachbiografie zu erkunden, was mir großen Spaß bereitet hat:
Mein Text will dazu animieren, das eigene Sprechen und Hören zu hinterfragen (S. 15).
Anhand persönlicher, gut nachvollziehbarer Beispiele aus dem Lebenslauf der Autorin öffnet das Buch den Blick dafür, wie Erfahrungen seit frühester Kindheit unser Sprechen formen und wie aus diesen Lernmomenten neue Beziehungen zu Mitmenschen und zum kulturellen Kontext entstehen können, dies auf sehr vielfältige Weise.
Das Rezensionsexemplar wurde mir kostenlos vom Hanser-Verlag zur Verfügung gestellt. Dafür vielen Dank!