Kulturelles Trauma

Im aktuellen Tertulia-Newsletter beschäftige ich mich mit drei Themen, die allesamt um kulturelle Traumata kreisen.

Das ist zum einen die Vernachlässigung und Unterdrückung der regionalen Kultur des kolumbianischen Departments Chocó. Ich zeige auf, wie die Autorin und Kulturmanagerin Velia Videl diesen Missstand beheben möchte. Im zweiten Thema geht es um die Aufarbeitung eines traumatischen Ereignisses der jüngeren kolumbianischen Geschichte: Helena Urán Bidegain schreibt über die Besetzung des Justizpalastes in Bogotá im Jahr 1985, bei der ihr Vater ums Leben kam. Zu guter Letzt kommentiere ich die Wahlen vom 07. November 2021 in Nicaragua, die Erinnerungen an die Somoza-Diktatur wachrufen.

Hier geht es zum Newsletter: https://tertulia.substack.com/p/dealing-with-cultural-trauma

Was ist ein «cuento chino»?

Gestern Abend haben wir bei Nüsschen und einem Glas Wein eine DVD aus dem Regal gekramt. Wir sind der Meinung, es lohnt sich «Un cuento chino» (Ein Chinese zum Mitnehmen, Argentinien, 2011) mehr als einmal anzuschauen.

Der Film von Sebastián Borensztein handelt von der Begegnung des argentinischen Eisenwarenhändlers Roberto mit dem Chinesen Jun, der auf der Suche nach seinem Onkel nach Argentinien gekommen ist, ohne ein Wort Spanisch zu sprechen.

Trotz etwas Klamauk ist es ein stiller, melancholischer Film, der viele argentinische Vorurteile gegenüber der chinesischen Bevölkerung und China als Ganzes kritisch aufs Korn nimmt. Das fängt an mit der touristisch verklärenden Perspektive der Anfangsszene, in der die Braut in ihrem hochgeschlossenen traditionellen Kleid wie aus der Zeit gefallen erscheint. Das geht bis zum Titel des Films: Ein «cuento chino» ist im Spanischen nicht einfach nur eine chinesische Erzählung, sondern eine absurde, erfundene Geschichte. Es stellt sich jedoch heraus, dass die absurdeste und unglaublichste Geschichte von allen am Ende wahr ist (nun gut, zumindest im Film)…

Un cuento chino: significado y usos coloquiales.

Neues aus Nicaragua und Kolumbien

Im aktuellen Newsletter gehe ich auf die Situation des nicaraguanischen Schriftstellers Sergio Ramírez ein. Seinem ehemaligen Weggefährten aus der FSLN und heutigem Präsidenten Nicaraguas, Daniel Ortega, gefällt die beissende Systemkritik des Schriftstellers in seinem neuen Buch Tongolele no sabía bailar nicht. Er lässt den Schriftsteller per Haftbefehl suchen. Überhaupt versucht Ortega kritische Stimmen mundtot zu machen, indem er sie verhaften lässt. Das tut er, um seinen Gewinn bei den Präsidentschaftswahlen im November sicherzustellen.

Die beiden weiteren News kommen aus Kolumbien. Kolumbien führt im zweiten Jahr in Folge eine traurige Rangliste an: Nirgendwo sonst leben Umweltschützer und -aktivistinnen gefährlicher. Die gegenwärtige Regierung schafft es nicht, das Leben dieser Menschen wirksam zu schützen.

Auf der positiven Seite berichte ich von einem Projekt zum Schutz der Korallenriffe vor der kolumbianischen Insel San Andrés. Ziel ist es, mit Hilfe des 3D-Drucks Strukturen zu schaffen, die ein optimales Umfeld für die Ansiedlung neuer Korallen dort wieder herstellen, wo einem Riff bereits aufgrund des Klimawandels erhebliche Schäden zugefügt wurden. Das Projekt nahm seinen Anfang an der Zürcher ETH.

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Kolumbien auf der Madrider Buchmesse

Für Bücherwürmer macht die Corona-Pandemie gerade eine kleine Pause. Am Wochenende gab es lange Schlangen, um Eintritt zur traditionellen Feria del Libro im Retiro-Park zu erhalten. Wie die Philologin Irene Vallejo twitterte, kann Warten auch Ausdruck der Vorfreude sein. Fast wie Weihnachten!

Ehrengast bei der Buchmesse war dieses Jahr Kolumbien, weshalb sogar der kolumbianische Präsident Ivan Duque diesen Zeitpunkt für einen Staatsbesuch in Spanien gewählt hatte. Sein Besuch erfreute nicht alle. Insgesamt gab es anlässlich der Buchmesse nicht nur zahlreiche Überblicke in der spanischen Presse zur gegenwärtigen kolumbianischen Literatur, sondern auch politische Diskussionen um die Einflussnahme der kolumbianischen Regierung, wer das Land nun angemessen auf der Messe vertreten dürfe. Dazu habe ich in meinem aktuellen Newsletter eine kleine Zusammenfassung geschrieben. Es geht also bereits zum zweiten Mal in Folge im Tertulia-Newsletter um Kolumbien. Wie immer, könnt Ihr den Newsletter auf Substack lesen oder gleich abonnieren!

Dreimal Kolumbien

In der 16. Ausgabe des englischsprachigen Tertulia-Newsletters geht es gleich dreimal um Kolumbien.

  1. Dieses Jahr erinnert Kolumbien daran, dass vor 170 Jahren die Sklaverei im Land abgeschafft wurde. Im Newsletter erfahrt ihr, welche Aktivitäten das Kultusministerium plant, um dieses Gedenken so zu gestalten, dass die afrokolumbianischen Beiträge zum Enstehen der kolumbianischen Kultur und Nation besser bekannt und gewürdigt werden.
  2. Mein guter Freund Memo Anjel ist einer der Podcast-Pioniere Kolumbiens. In seinem Podcast „La otra historia“ spricht er über historische, philosophische und literarische Themen und zeigt vor allem auch immer wieder die Zusammenhänge auf. In den letzten Monaten macht er die Aufnahme gemeinsam mit der Kollegin Alejandra Lopera vom EAFIT. Der Podcast wird von der Universidad Pontificia Bolivariana in Medellín gehostet, wo Memo Kommunikation unterrichtet. Hört mal rein!
  3. Die angehende Kulturwissenschaftlerin Larissa Hernández hat in einem «close reading» des Romans Hundert Jahre Einsamkeit zusammengestellt und analysiert, welche kulinarischen Gewohnheiten im Hause Buendía gepflegt wurden, wie diese sich im Laufe der Familiengeschichte entwickelten und was sie mit der Ungleichheit Kolumbiens zu tun haben.

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Und hier könnt Ihr den Newsletter abonnieren, damit Ihr keine weitere Ausgabe mehr verpasst.

Der Fall Tenochtitláns

Heute, am 13. August 2021, jährt sich zum 500. Mal der Fall von Tenochtitlán durch die Truppen des Hernán Cortés.

Einen kurzen und informativen Überblick über die Ursprünge und die Einnahme Tenochtitláns, dem heutigen Mexico City, könnt Ihr in diesem Video der Encyclopedia Britannica nachschauen. Was hier in wenigen Minuten skizziert wird, ist seit 500 Jahren Gegenstand der Diskussion zwischen Spanien und Mexiko und füllt zahlreiche Bücher, Debatten und Forderungen. Dazu gehört allein schon die Benennung dieses Gedenktages. Einen guten Überblick gibt es hier, aus meiner Sicht besonders empfehlenswert der Beitrag des mexikanischen Historikers Enrique Krauze.

Ladino-Sommerfestival

Letztes Jahr habe ich angefangen, Ladino zu lernen, was ich auf diesem Blog mehrfach dokumentiert habe. Für alle neuen Leserinnen und Leser möchte ich zunächst ein paar Begriffsklärungen vornehmen:Ladino ist die romanische Sprache der Juden, die sie nach der Vertreibung aus Spanien und Portgual in der Diaspora weiter gesprochen und über Jahrhunderte erhalten haben. Ladino wird oft auch Judenspanisch genannt. Die Nachkommen dieser jüdischen Menschen werden als Sephardim bezeichnet. Das Wort „Sephardim“ stammt von dem hebräischen Wort für die iberische Halbinsel, Sepharad, das in der Bibel vorkommt.

Mit guten Spanischkenntnissen fällt es leicht, Ladino zu verstehen. Sprechen ist herausfordernder, gerade weil die Nähe zum aktuellen Spanisch doch sehr gross ist und phonetische Abweichungen sehr systematisch erfolgen. Leider gab es für einen Konversationskurs, den ich über den Sommer besuchen wollte, nicht genügend Anmeldungen, so dass ich mich anderweitig auf die Suche nach interessanten Themen zu Sprache und Kultur des Judenspanischen gemacht habe. In meinem aktuellen englischsprachigen Newsletter habe ich drei Themen vorgestellt, die einen guten Überblick über verschiedene kulturelle Aspekte des Ladino geben:

  • das Video Saved by language erzählt die Geschichte eines bosnischen Sefarden, der bis zur Vernichtung seiner Gemeinde durch die Nazis Ladino sprach.
  • der Roman The beauty queen of Jerusalem bzw. Die Schönheitskönigin von Jerusalem erzählt die Geschichte einer sefardischen Familie in Jerusalem von den Zwanziger bis in die Siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts.
  • drei Online-Kurse in spanischer Sprache, die einen guten Einblick in die Geschichte und Kultur des jüdischen Spanien bieten.

Ausführlichere Informationen zu den drei Themen gibt es im aktuellen Newsletter.

Elisa Loncón nach der Wahl zur Präsidentin der verfassungsgebenden Versammlung

Wer wir sind und wer wir sein wollen

Im aktuellen Newsletter der Tertulia beschäftigen sich alle Themen mit der Frage nach kulturellem Gedächtnis und Identität in heterogenen Gesellschaften:

  • Elisa Loncón, Vertreterin des indigenen chilenischen Volkes der Mapuche ist vor zwei Wochen zur Präsidentin des chilenischen Verfassungskonvents gewählt worden. Das sind gute Nachrichten und macht Hoffnung auf eine progressive neue Verfassung, die auf Inklusion, Versöhnung und Wiedergutmachung ausgerichtet ist.
  • Der Kolumnist Michael Reid des britischen Wochenmagazins The Economist beteiligt sich im Zuge der laufenden Protestbewegungen in vielen lateinamerikanischen Ländern an der Debatte über nationale Identitäten in Lateinamerika und
  • der spanische Journalist David Yagué stellt neue Romane über den spanischen Bürgerkrieg vor.

Hier geht es zum aktuellen Newsletter: https://tertulia.substack.com/p/who-are-we

Tertulia meldet sich nach der Sommerpause im August wieder.

Credits für das Beitragsbild: Mediabanco, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

Spanische Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg

Das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit präsentiert erstmals in Deutschland die Sonderausstellung „Rotspanier“. Der Terminus entstammt der NS-Propaganda und verweist auf die hierzulande recht unbekannte Zwangsarbeit von Spaniern und Spanierinnen im Zweiten Weltkrieg.

Diese Ausstellung, über die der Fachinformationsdienst Romanistik informiert, ergänzt sehr gut meinen Kurzbeitrag im letzten Newsletter, dass der Themenbereich des spanischen Exils und der Flucht nach dem Ende des Spanischen Bürgerkriegs in Geschichtsschreibung und Literatur erneut aufgegriffen wird.

Worum geht es in der Ausstellung?

Neben 13 Millionen Kriegsgefangenen, KZ-Häftlingen und Zivilarbeitenden, die während des Zweiten Weltkriegs im Deutschen Reich Zwangsarbeit leisten mussten, gab es in den besetzten Ländern noch mal eine ähnliche Zahl von Menschen, die vor Ort oder in anderen Ländern zur Arbeit rekrutiert und ausgebeutet wurden.

Dazu gehörten auch antifaschistische Republikaner und Republikanerinnen, die im spanischen Bürgerkrieg vom Militär unter General Franco besiegt wurden. Knapp eine halbe Million Menschen floh 1939 nach Frankreich. Für mehr als 100 000 Flüchtlinge begann damit eine Odyssee durch Konzentrations- und Arbeitslager. Die von der NS-Propaganda als „Rotspanier“ bezeichneten Franco-Gegner wurden Opfer von Internierung, Ausbeutung und Deportation.

Quelle: „Rotspanier“ – Sonderausstellung zu spanischen Zwangsarbeitern im Zweiten Weltkrieg ab dem 4. Juni im Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit, Pressemitteilung des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit

Die dreisprachige Ausstellung (deutsch, französisch, spanisch) der Historiker Peter Gaida und Antonio Muñoz Sánchez zeigt zum ersten Mal in Deutschland die Geschichte dieser vergessenen Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen. Dabei geht es um den Einsatz der spanischen Flüchtlinge in der französischen Armee und in der Kriegswirtschaft. Die „Rotspanier“ mussten sowohl für das Vichy-Regime, das mit dem NS-Regime kollaborierte, Zwangsarbeit leisten als auch für die deutsche Besatzungsmacht. Sie wurden zum Beispiel für den Bau des „Atlantikwalls“ bei der „Organisation Todt“ eingesetzt. Im Laufe des Krieges wurden Tausende in Konzentrationslager deportiert.

Die Aussstellung läuft bis zum 30. Oktober. Wer es nicht nach Berlin schafft, der kann sich digital einen sehr guten Einblick verschaffen. Ein gelungener Beitrag der Erinnerungskultur!

Themen aus drei Kontinenten

Die aktuelle Ausgabe des Tertulia-Newsletters wartet mit Themen aus drei Kontinenten auf:

  • Ich stelle Euch Estanislao Medina Huesca vor, einen jungen Schriftsteller aus Malabó, der Hauptsstadt Äquatorialguineas. Spanisch ist eine Nationalsprache des afrikanischen Landes, weil es von 1778 bis zur Unabhängigkeit 1968 spanische Kolonie war, die einzige in Afrika südlich der Sahara.
  • El País hat eine guten Überblick über Neuerscheinungen zum Thema republikanisches Exil veröffentlicht. Der Zeitpunkt kommt nicht von ungefähr, denn das spanische Ministerium für Präsidiales, die Beziehungen zum Parlament und das demokratische Gedächtnis (Ministerio de la Presidencia, Relaciones con las Cortes y Memoria Democrática, MPR) hat am 08. Mai einen Staatsakt zum Gedenken und zur Ehrung der spanischen Exilanten durchgeführt. Das ist auch für mich ein guter Anlass, auf ein paar Bücher meiner Lieblingsautoren hinzuweisen, die das Thema des republikanischen Exils literarisch verarbeiten.
  • Der Philosoph José Luis Villacañas hat eine neue Biographie über den Humanisten Luis Vives geschrieben. Dazu gibt es auch den Link zu einem Video, in dem er anlässlich einer Veranstaltung mit dem Centro Sefarad-Israel das Buch vorstellt. Etwas länger, aber dafür etwas dialogischer, ist diese Buchbesprechung in der Fundación Juan March, die das Projekt finanziert hat. Auch Luis Vives ist streng genommen eine Art Exilant. Der Sohn von conversos verliess aus Sorge vor der Inquisition Spanien und lebte später hauptsächlich in Brügge. Er schrieb alle seine Werke in lateinischer Sprache.

Und wie immer gibt es zum Schluss etwas Musikalisches, Genussvolles oder etwas Nachdenkliches. Dieses Mal handelt es sich um eine Twitter-Reflexion des Kulturkritikers Jorge Carrión.

Viel Spass bei der Lektüre: Tertulia, vol. 11