Der grösste Banküberfall Argentiniens

An sich hatte ich den argentinischen Film «El robo del siglo» (Der Jahrhundertraub) bereits während des Zürcher Filmfestivals sehen wollen. Da es im Kosmos jedoch nur noch Plätze in der ersten Reihe gab, habe ich zunächst auf das Vergnügen verzichtet. So sehr ich mich über diesen Erfolg beim Zürcher Publikum freute, waren mir das denn in Corona-Zeiten zu viele Leute in einem abgeschlossenen Raum. Letzten Freitag war der Film dann als Schweizer Vorprèmiere im Kulturschuppen in Klosters zu sehen. Da musste ich hin.

¡Mantengan un bajo perfil!

Es geschah an einem Freitag, dem 13.

Der Film basiert auf einer wahren Geschichte. Am 13.01. 2006 überfiel eine Bande von sechs Männern eine Zweigstelle der Banco Río in Acassuso. Das ist ein wohlhabender Vorort von Buenos Aires. Die Männer täuschten einen konventionellen Überfall auf die Kassenbestände vor, hatten es aber hauptsächlich auf die Wertgegenstände in den Schliessfächern der Privatkundschaft der Bank abgesehen. Mit Spielzeugpistolen bewaffnet, nahmen sie zahlreiche Geiseln. Während einer von ihnen, «el hombre del traje gris», langwierige Verhandlungen mit der Polizei führte, leerten zwei weitere insgesamt 147 Schliessfächer. Die Räuber flohen mit ihrer Beute in Höhe von umgerechnet 15 Millionen US-Dollar über einen Schacht, den sie zur städtischen Kanalisation gegraben hatten.

Obwohl der Ausgang der Ereignisse den meisten Zuschauern bekannt sein dürfte, schliesslich handelt es sich um einen der bekanntesten Einbrüche der internationalen Kriminalgeschichte, schafft es der Film auf sehr hohem Niveau, Spannung zu erzeugen und diese bis zum Schluss zu halten. Zeitgeist und Spannung entstehen auch durch den genialen Soundtrack (einen Auszug gibt es hier). Das liegt vor allem auch daran, dass viele Szenen mit viel liebevoller Detailtreue gedreht wurden. Ariel Winograd beherrscht sein Handwerk. Das betrifft sowohl den Plan und seine Umsetzung wie auch die komödiantisch-selbstironische Darstellung und Entwicklung der Akteure selber. Bei manchem bleibt diese Entwicklung dann eben auch aus…

Viele filmreife Banküberfälle, aber nur ein Jahrhundert

Der Film, kurz vor dem Corona-Shutdown der grosse Publikumshit in Argentiniens Kinos, lohnt sich auch für europäische Zuschauer. Leider mag gerade in Europa auch Verwirrung ob des Filmtitels «El robo del siglo» entstehen, um was es denn nun genau geht, weil fast gleichzeitig Netflix mit einer kolumbianischen Mini-Serie, die den gleichen Titel trägt, an den Markt gekommen ist. Es wäre poetischer (aber finanziell vermutlich weniger schlagkräftig) gewesen, man hätte für die Betitelung einen Auszug aus dem enigmatisch-spielerischen Spruch genommen, den die Bankräuber am Zugang zu den Schliessfächern hinterliessen:

Exclusivo: las impactantes fotos inéditas del líder del robo del siglo, en  el túnel y encapuchado, el día que asaltaron el banco - Infobae
(«Im Bonzenviertel, ohne Waffen oder Groll, geht es nur um Geld und nicht um Liebe.»)

Die Vorlage des Drehbuchs

Das hat zumindest Rodolfo Palacios so gemacht. Unter dem Titel «Sin armas ni rencores» hat der Journalist gemeinsam mit den ehemaligen Bankräubern die Chronik des spektakulären Überfalls aufgeschrieben und damit die Grundlage für das Drehbuch des Films gelegt. Dank der Einnahmen aus dem Filmvertrieb sind die Bankräuber vermutlich inzwischen auf ehrliche Weise Millionäre geworden.

Bewertung

Ich habe mich im Kino wie schon lange nicht mehr amüsiert. Meine Kurzkritik habe ich in einem Twitter-Thread zusammengefasst:

Buenos Aires – ein neues Kapitel

Tolles Feature. Peter B. Schumann in Buenos Aires. Hört mal rein!

Förderkreis des IAI

Peter B. Schumanns publizistische Reisen durch Lateinamerika | Teil II

Die Redaktion des SWR hatte Peter B. Schumann gebeten, doch mal ein Resumée seiner Reisen durch Lateinamerika zu ziehen. Ein halbes Jahrhundert in einer Stunde Sendezeit. Wir stellen davon Auszüge vor. Nach Rio de Janeiro folgt hier nun Teil II: Buenos Aires.

Nach der Bossa Nova nun der Tango, nach dem ach so „wunderbaren“ Rio de Janeiro eine Stadt, die mir bekannt vorkam, so wie Rom oder Madrid. Ich stieß hier bei meinem ersten Aufenthalt im Oktober 1969 auf nichts irritierend Befremdliches, sondern auf eine Art europäische Großstadt.

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Pro Helvetia baut Programm zum Kulturaustausch Schweiz-Südamerika aus

Die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia eröffnet 2021 Aussenstellen in Chile, Argentinien, Brasilien und Kolumbien. Damit führt die Stiftung die Aufbauarbeit des Programms «COINCIDENCIA – Kulturaustausch Schweiz – Südamerika» fort.

Das Programm COINCIDENCIA

Pro Helvetia hat das Programm «COINCIDENCIA – Kulturaustausch Schweiz – Südamerika» im Rahmen der Kulturbotschaft 2016-2020 lanciert, um die Verbreitung von Kunst und Kultur aus der Schweiz in Südamerika zu fördern und den transkontinentalen Kulturaustausch zu stärken. Rund 250 Projekte wie Ausstellungen, Tourneen, Lesereisen, Residenzaufenthalte oder Recherchereisen fanden seit 2017 statt. Sie führten zu Kooperationen zwischen Kunstschaffenden und Kulturinstitutionen in der Schweiz und zehn südamerikanischen Ländern.

Standorte Santiago de Chile, São Paulo, Buenos Aires, Bogotá

Auf Grund des grossen kulturellen Potentials und der erfolgreichen Aufbauarbeit hat die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia entschieden, im Anschluss an das auf vier Jahre begrenzte Programm «COINCIDENCIA» ab 2021 eine ständige Aussenstelle zu etablieren. Diese soll die Partnerschaften in den von Pro Helvetia geförderten Kunstsparten weiterführen.

Um der geografischen Vielfalt und der Dimension des Kontinents gerecht zu werden, verteilt sich die Aussenstelle auf vier Standorte in Santiago de Chile (Sitz der Leitung), São Paulo, Buenos Aires und Bogotá. Die sechs lokalen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verfügen über profunde Kenntnisse und ausgezeichnete Beziehungen zu den Kulturszenen in ihren Regionen und verhelfen Kulturschaffenden aus der Schweiz und Südamerika zu gegenseitigen Partnerschaften. 

Neuer Schwerpunkt «Kultur, Wissenschaft und Technologie»

Neben den darstellenden, visuellen und interdisziplinären Künsten fördert Pro Helvetia Projekte aus Musik, Literatur, Design und Interaktive Medien. Zudem wird die Aussenstelle auch Kollaborationen im Rahmen des neuen Schwerpunkts «Kultur, Wissenschaft und Technologie» aufbauen sowie Residenzen und Recherche-Reisen organisieren.

«Simetría» beispielsweise ist ein Residenzprogramm zwischen der Schweiz und Chile, das Künstler in drei der faszinierendsten wissenschaftlichen Forschungszentren der beiden Länder einlädt: das CERN in Genf (CERN= Conseil Européen pour la Recherche Nucléaire), das ALMA-Observatorium (ALMA= Atacama Large Millimeter Array) und das VLT-Observatorium (VLT= Very Large Telescope) in der Atacama-Wüste im Norden Chiles. Ziel des Programms, das von Pro Helvetia im Rahmen des Programms COINCIDENCIA unterstützt wird, ist es, Netzwerke für Kunst-und Wissenschaftsforschung aufzubauen. Die chilenische Künstlerin
Nicole L’Hullier und der Schweizer Alan Bogana sind die ersten, die an dieser Residency teilnehmen.

Nicole L’Huillier zu Besuch am ALMA Observatorium in Nordchile © Nicole L’Huillier

Webinare zur Eröffnung

Zur Eröffnung der Aussenstelle in Südamerika organisieren Veranstaltungspartner in Argentinien, Brasilien und Chile kostenlose Webinare zu aktuellen kulturpolitischen und gesellschaftlichen Fragen.

Webinar «Race & Fiction», Veranstaltungsplattform Planta, Argentinien: (13. bis 29.11.)
Das Webinar widmet sich der Dekolonialisierung von Kulturinstitutionen in Argentinien. Es untersucht die kolonialen Zusammenhänge von Diskriminierung gegenüber der indigenen Bevölkerung und People of Color, fragt nach inhaltlichen und strukturellen Verbindungen zur Schweiz und beleuchtet die Rolle der Kunstschaffenden in diesem Kontext.

Webinar «Open-ended Encounters», Kunstkollektiv Aarea, Brasilien: (4. – 6.12.)
Die Pandemie hat unsere Körper von physischen Begegnungen weitgehend losgelöst und zugleich digital vervielfacht. Das Webinar konfrontiert die Teilnehmenden mit der digitalen Repräsentation ihrer Selbst und ihrer Gegenüber. In einem virtuellen Ausstellungsraum wird mit medialen Formen der Begegnung experimentiert.

Webinar «Co practices: Principles and Challenges for (co) production, (co)llaboration and (co) curation», Centro Gabriela Mistral, Chile (9. – 11.12.)
Vor dem Hintergrund des historischen Referendums zur Chilenischen Verfassung vom 25. Oktober 2020 erkundet das Webinar die politische und soziale Solidarität zwischen Kulturinstitutionen: Welche Zukunft baut sich eine neue Generation politisch und sozial engagierter Kunstschaffender auf? Untersucht werden Methoden zur kulturellen Teilhabe sowie die Rolle von Kunst und Kultur in demokratischen Prozessen.

Mehr Informationen und Anmeldung zu den Webinaren:
https://coincidencia.net/en/initiative/opening-activities/

Quelle: Pressemitteilung Pro Helvetia, 27.10.2020, https://prohelvetia.ch/de/press-release/aussenstelle-in-suedamerika/, Fotomaterial

Tatort Montevideo

Mercedes Rosende ist eine originelle und witzige Schriftstellerin aus Uruguay. Ich habe diesen Sommer ihre beiden Romane Falsche Ursula (2020) und Krokodilstränen (2018) gelesen.

Manchmal ist es gut, etwas später dran zu sein. Das deutschsprachige Publikum durfte zunächst die Krokodilstränen lesen, obwohl dieses Buch die Fortsetzung zu den Ereignissen im Krimi Falsche Ursula (im spanischen Original unter dem Titel La mujer equivocada bereits 2016 erschienen) erzählt. Erst dieses Jahr ist die erste Episode über die kriminellen Verstrickungen der Protagonistin Úrsula López im Deutschen erschienen. Auch wenn ich froh war, die beiden Bücher in der chronologischen Reihenfolge ihres Erscheinens des spanischen Originals zu lesen, tut auch ein Lesen in umgekehrter Reihenfolge dem Lesevergnügen keinen Abbruch: Die Falsche Ursula wird dann einfach zum Prequel.

Erst die Entführung, dann der Raubüberfall

Worum geht’s also, wenn wir uns die Romane in der Reihenfolge der Ereignisse anschauen? Úrsula erhält einen Erpresseranruf. Ihr Mann sei entführt worden und sie solle doch bitte Lösegeld zahlen, wenn sie ihn wiedersehen wolle. Das Problem? Úrsula ist gar nicht verheiratet. Sie nutzt die Verwechslung aber aus, um sich in den Entführungsfall einzumischen. Das führt zu einigen Verwirrungen, auch mit der tatsächlichen Ex-Ehefrau, die noch ganz andere Forderungen stellt. Úrsulas impulsives Agieren hat mich zunächst verblüfft, wie sie sich so tolldreist auf kriminelle Aktivitäten einlässt. Wer mit den Krokodilstränen angefangen hat, wird sich dagegen wenig wundern.

Der Entführungsfall wird aufgeklärt. Ob Ursula diese Entführungsgeschichte legal und psychologisch gut übersteht, soll hier nicht verraten werden. In den Krokodilstränen erfahren wir dann wesentlich mehr über sie und ihre dunklen Seiten. In diesem zweiten Roman geht es um einen bewaffneten Überfall auf einen Geldtransporter. Úrsula wird in diesen verwickelt, weil Germán – das ist einer der Typen, die die Entführung des ersten Romans verantworten – sie involviert. Was da genau passiert, ist eigentlich egal. Der Verlauf folgt einem typischen Heist-Movie. Es ist sehr spannend und lustig. Und geht auf den ersten Blick ordentlich schief.

„Den Lauen wird Gott ausspeien“: Schlaue Frauen und männliche Trottel

Rosende geht es natürlich auch um die Spannung und das Vergnügen. Viel mehr ist sie jedoch an der Darstellung und Entwicklung der Personen interessiert. Das ist auch aus meiner Sicht das Spannendste überhaupt. Die Erzählerin kann sehr gut beobachten und überlässt uns das Urteil.

Die interessanteste Person, die die Geschehnisse aus ihrer Perspektive darstellen darf, ist die Protagonistin Úrsula. Sie selber stellt sich als Opfer einer repressiven Oberschicht-Erziehung dar, die den Ansprüchen ihres Vaters nicht gerecht wurde: alleinstehend, übergewichtig, ohne besondere soziale Kontakte lebt sie in der Wohnung in der Altstadt von Montevideo, die sie von ihrem Vater geerbt hat. Ihr gehören denn auch zunächst viele Sympathien, was mich aber gleich misstrauisch machte. Die Zwiegespräche mit dem toten Vater sind mit das Beste in beiden Romanen. Erst mit der Lektüre der „Krokodilstränen“ offenbart sich, dass sie nicht nur Opfer ist.

Viele Passagen werden aus der Sicht Úrsulas erzählt, aber wir erfahren auch, wie es dem einfältigen Germán ergeht, der an der Entführung beteiligt war und nun am Überfall auf den Geldtransporter teilnimmt. Wir lernen Roto kennen, der zum einen ein skrupelloser Vergewaltiger ist, aber dann auch unschuldig als Mörder verurteilt wird. Interessant ist auch die Perspektive Antinuccis. Das ist Germáns religöser Anwalt, der sich als grandioser Mafioso entpuppt. Im zweiten Roman spielt auch Leonilda Lima, eine Polizistin, eine gewisse Rolle. Sie nimmt die Perspektive der aufrechten Beamtin ein, die zwischen Resignation und Idealismus hin und her gerissen wird.

Generell kann ich sagen, dass die Männer in beiden Romanen ziemlich trottelig dargestellt werden. An erster Stelle ist dies Germán, dem gar nichts gelingen will. Aber auch Roto oder Antinucci stehen ihm kaum nach. Dennoch werden sie nie als gänzlich unsympathisch dargestellt. Sie sind eben Trottel. Ihre Verbrechen gehen nicht auf, weil sie nicht intelligent genug sind. Thomas Wörtche hat dazu die treffenden Worte in seiner Laudatio anlässlich der Preisverleihung des Liberatur-Preises 2019 an Mercedes Rosende gefunden.

Montevideo als beste Nebendarstellerin

Montevideo ist als Schauplatz die beste Nebendarstellerin der beiden Romane. Es gibt vor Ort all das zu erleben, was man in einem ordentlichen Heist-Movie erwartet: detailgetreue Verfolgungsjagden in der Provinz und in der Altstadt, die sich über Google-Maps rekonstruieren lassen. Rosende selber hat ihren Erfolg im deutschsprachigen Raum damit zu erklären versucht, dass die Lesenden den Tatort Montevideo als besonders exotisch wahrgenommen hätten (auch wenn sie dies selber nicht intendiert hat):

Me llama mucho la atención que a ellos les resulte exótica mi literatura, que habla mucho de Montevideo, está muy aferrada a la geografía montevideana. Lo que menos se me ocurrió al escribir fue tratar de darle un viso de exotismo (risas).

https://www.republica.com.uy/mercedes-rosende-la-autora-uruguaya-que-conquisto-alemania-id711469/

Aus meiner Sicht ist die Darstellung Montevideos und ihrer Bewohner nicht exotisch. Montevideo wird detailliert beschrieben. Die sozialen Unterschiede zwischen dem Oberschicht-Viertel Carrasco, der heruntergekommen Altstadt und dem Vorstadtviertel, in dem der Raubüberfall geplant ist, treten deutlich zutage; aber es könnte auch eine mittelgrosse Metropole in Europa sein, die soziale Spannungen kennt. Die Romane könnten also auch in Brest, Genua oder Brighton spielen. Viel wichtiger als die exotische Geografie ist die Kartierung der sozialen Unterschiede: Hier leben die Wohlhabenden, dort leben die Mittellosen. Vermeintlich trennt sie das Viertel, in dem sie leben. Sie alle leiden aber gleichermassen unter der mafiös-korrupten Verwahrlosung des öffentlichen Raumes.

Wertung

Beide Romane lassen sich leicht und vergnüglich lesen. Wie bereits gesagt, die Reihenfolge der Lektüre ist sekundär. Ich persönlich fand die Falsche Ursula überzeugender, weil man sich in diesem Buch voll auf die Protagonistin einlassen kann. Und ja, diese Episode ist die konventionellere. Die meisten Kapitel werden aus der Perspektive Úrsulas geschildert – natürlich ist da auch Argwohn angesagt. Die Dame, die zunächst zu Mitgefühl einlädt, weil ihr Papa sie so hart erzogen hat und sie ständig Diät machen muss/will, hat wohl einige dunkle Geheimnisse. Um diese wird im zweiten Roman kein Hehl gemacht.

In Krokodilstränen ändert sich die Perspektive denn auch viel häufiger und sehr kurzfristig. Die Kapitel sind sehr kurz. Das ist an sich spannend, gerade weil man sich damit auch weniger von Úrsula einnehmen lassen kann, die ungeahnte kriminelle Energien entlädt. Auf mich wirkten diese häufigen Perspektivwechsel allerdings ein wenig übertrieben – fast so wie die Szenenwechsel in einer Telenovela, wo ich spätestens nach 5 Minuten zu einer anderen Konstellation wechseln muss, um die Sache am Laufen zu halten. Was in der Telenovela okay sein mag, weil es zwischengeschaltete Werbesendungen gibt, hat mich im Roman weniger überzeugt. Der Fluss der Lesens ging für mich verloren.

Insgesamt kann ich beide Romane als vergnügliche und originelle Unterhaltung sehr empfehlen.

Die sefardische Küche, Teil 1

La mesa puesta

Der Esstisch ist ein unverzichtbarer Schauplatz jüdischen Lebens. Der kolumbianische Schriftsteller Memo Ánjel beispielsweise hat den Esstisch seiner Familie zum Mittelpunkt und Titel seines Romans Mesa de judíos (2005) gemacht (leider geht im deutschen Titel Das meschuggene Jahr die Anspielung verloren). Anlässlich der Feria del Libro in Medellín hat er erst kürzlich wieder über seinen ersten Roman gesprochen.

Uriel Macías und Ricardo Izquierdo Benito haben 2010 einen schönen Sammelband über die Bedeutung des Essens in der sefardischen Kultur herausgegeben. Speisen und Tischkultur gelten als Ausdrucksweisen kultureller Identität: „Du bist, was du isst“, aber auch „wie du isst“. Gerade in der Diaspora, wie im Fall der sefardischen Kultur, wirkt die Esskultur besonders gemeinschaftsstiftend.

El zarzabadjí und andere Entlehnungen aus dem Türkischen

Da nicht nur das Essen selber, sondern auch das Sprechen darüber gemeinschaftsstiftend sind, haben wir in unserem Ladino-Kurs (hier habe ich über die Anfänge berichtet) diese Woche viele Wörter für Früchte und Gemüse kennengelernt. Mit dem zarzabadjí, dem Gemüseverkäufer, haben wir auch erstmals eine Berufsbezeichnung kennengelernt, deren Wortendung aus dem Türkischen stammt, nicht aus dem Spanischen oder Hebräischen. Viele der aus Spanien und Portugal vertriebenen Juden wanderten nämlich in das Osmanische Reich aus, weil Sultan Bayezid II. sie mittels Dekret dort willkommen hiess. Die Sefarden brachten nach der Vertreibung ihre spanisch-jüdische Küche mit und bewahren sie bis heute, wie die vielen Rezeptbücher zeigen. Dennoch passten sie ihre Speisen und Wörter an das neue Umfeld an. Das Türkische ist eine der wichtigsten Lehnsprachen des Ladino bzw. Djudeo-Espanyol geworden. Sibel Cuniman Pinto, in Istanbul als Tochter sefardischer Juden geboren und heute in Paris erfolgreiche Köchin, hat ein Buch über die sefardische Esskultur in der Türkei geschrieben: The Evolution of the Sephardic Cuisine in Turkey. Five Hundred Years of Survial. Documentation on turkish sephardic cuisine heritage (2010).

Unsere Hausaufgabe: zarzavá

Unsere Hausaufgabe bestand nun darin, den Text des Liedes Zarzavá (auch zarzavát oder zerzevát, aus dem Rumänischen, = Gemüse) zu transkribieren.

Ich kam vor lauter Schunkeln nicht dazu, jede Zeile zu verstehen ;). Aber für den Refrain hat es gereicht:

La berendjena la tengo buena
vendo sevoya i patata
a las bashas i a las altas
yo si las se vender.*

Eskucha i kome kon gana!

*Update 15.10.2020: Hier ist der vollständige Text (und es wird deutlich, dass die Aubergine nicht erst seit Emoji-Zeiten sexuell konnotiert ist):

Yo so un buen vendedor
Ah! Vendedor de frutas
Ke arodeyo con ardor
Las cayes i las grutas
La berendjena la tengo buena
Vendo sevoyas i patatas
A las bashas i a las altasyo se las se vender

Yo tengo bueno zarzava
Mijor de las butikas
El dia entero me se va
Avlando kon ijlkas
La berendjena la tengo buena
Vendo sevoyas i patatas
A las bashas i a las altas
Yo se las se vender

Todos de mi keren merkar
Porke vendo barato
Ah! Ma yo las se pikar
Kon eyas kuando trato.
La berendjena la tengo buena
Vendo sevoyas i patatas
A las bashas i a las altas
Yo se las se vender

Renommierter chilenischer Literaturpreis geht an Elicura Chihuailaf

Der Mapuche-Dichter hat den diesjährigen Premio Nacional de Literatura de Chile erhalten.

Elicura Chihuailaf (Quelle: Pontificia Universidad Católica de Chile, CC BY-SA 2.0)

Schon der Name ist Poesie. In der Mapuche-Sprache Mapudungun bedeutet Elicura so viel wie „gläserner Stein“, Chihuailaf ließe sich etwa mit „dichtes Nebelfeld“ übersetzen. Dass ein indigener Schriftsteller einen Nationalpreis verliehen bekommt, sollte mitten im 21. Jahrhundert eigentlich kein Novum darstellen. Doch im offiziellen Kunstkanon wie in der Gesellschaft im Allgemeinen führen die indigenen Völker auch heute noch ein Schattendasein. Während in Santiago der nationale Literaturpreis verliehen wird, kämpfen in der 600 Kilometer weit entfernten Provinz Araucanía indigene Landgemeinden um ihre Territorien, die sich vielfach in den Händen von Privatbesitzer*innen befinden. In der südchilenischen Provinz ist der größte Teil der indigenen Bevölkerung ansässig.

Übersetzung in 20 Sprachen

Der Premio Nacional de Literatura de Chile ist die landesweit wichtigste literarische Auszeichnung, mit dem bereits das Gesamtwerk bekannter Nationaldichter*innen wie Pablo Neruda (1945), Gabriela Mistral (1951) oder Antonio Skármeta (2014) gewürdigt wurde. Nun erhält mit Elicura Chihuailaf zum ersten Mal ein Mapuche die renommierte Auszeichnung. Chihuailaf, Dichter, Essayist und Übersetzer, kann auf einen langen und bedeutenden literarischen Werdegang zurückblicken. Der in der Gemeinde Quechurewe geborene Autor schreibt sowohl auf Spanisch als auch auf Mapudungun. Das Werk des 68-Jährigen findet auch international große Beachtung: Es wurde in zwanzig Sprachen übersetzt, unter anderem auch ins Deutsche.

Auf der Seite des VI. Festivals lateinamerikanischer Poesie in Wien sind einige seiner Gedichte ins Deutsche übersetzt.

2016 war Chihuailaf bereits als erster Mapuche für den chilenischen Nationalpreis für Literatur vorgeschlagen, aber nicht prämiert worden Die Kultusministerin Consuelo Valdés begründete die Auszeichnung nun mit seinem bedeutenden Gesamtwerk und seiner Fähigkeit, die mündliche Überlieferung der Mapuche in eine kraftvolle und reiche Schriftsprache zu übersetzen, die über die der Mapuche hinausgehe. Mit dichterischem Können und einem ganz eigenen sprachlichen Stil habe Chihuailaf entscheidend dazu beigetragen, ihr poetisches Universum in der ganzen Welt zu verbreiten und aus der Gegenwart heraus die Stimmen seiner indigenen Vorfahr*innen zugänglich und hörbar zu machen.

Eine freundliche Geste

Die erstmalige Auszeichnung eines Mapuche mit dem chilenischen Literaturpreis wurde nicht nur als kurioses Ereignis verkündet, sondern auch als freundliche Geste verstanden. Zwischen den Zeilen interpretierte man die Auszeichnung Chihuailafs als ein wichtiges Zugeständnis der chilenischen Regierung an einen Repräsentanten einer Kultur, die durch Staat und Gesellschaft nach wie vor Ausgrenzung und Diskriminierung erleidet. Das ursprüngliche Stammesgebiet der Mapuche befindet sich heute weitgehend in den Händen staatlicher Unternehmen, Investoren und Großgrundbesitzer, ist jedoch nach indigenem Recht und internationalen, auch von Chile ratifizierten Abkommen weiterhin indigener Landbesitz. Auch auf kultureller Ebene ist die Diskriminierung und Ausgrenzung der Mapuche sichtbar. Die indigene Kultur, ihre Sprache, ihre Erfahrungen und Wissensbestände haben weder Wert noch Platz in der chilenischen Gesellschaft.

Indigene Kosmovision als Teil einer Protestkultur

Aufgrund seines Jahrgangs (geboren 1952) wird Chihuailaf oft mit der chilenischen Autor*innengeneration der 1960er Jahre in Verbindung gebracht, zu der u. a. der bekannte Dichter Raúl Zurita gehört. Auch mit den Schriftsteller*innen, die nach dem Militärputsch von 1973 aktiv waren – die sogenannte Versprengte Generation (Generación Dispersa) oder Generation der Diaspora und des inneren Exils – wird Chihuailaf in einem Zuge genannt. Die Literaturkritik sah im Aufkommen der Mapuche-Dichtung den Beginn einer sich verändernden Konzeption der chilenischen Literaturgeschichte. Diese war bis dahin von den schriftstellerischen Größen Chiles Gabriela Mistral, Vicente Huidobro, Pablo de Rokha, Pablo Neruda und Nicanor Parra geprägt. Eine rege Debatte problematisierte die Aufnahme der Mapuche-Werke in die literarische Tradition der großen chilenischen Dichtung. Die Poesie der Mapuche wurde als autonomes kulturelles Schaffen betrachtet, das in der Mündlichkeit wurzelte und damit weit entfernt von den symbolistischen und modernistischen Mustern europäischer Poesie und ihrer Dichterfigur lag. Um die Autonomie ihrer Poesie zu verteidigen und zu unterstreichen, positionierte sich ein Teil der Mapuche-Dichtung dem chilenischen Staat gegenüber kritisch und brachte durch die Fokussierung auf die eigene indigene Kosmovision und kulturellen Eigenheiten ihr Aufbegehren gegen kulturelle Ausgrenzung zum Ausdruck. Gerade die Mündlichkeit ist es, die Chihuailaf in seinen Werken stark macht. Er selbst nennt sich einen Oralitor, um damit die Bedeutung des Mündlichen für das Denken und die lebendige Gedächtniskultur der Indigenen hervorzuheben sowie auf den generellen intellektuellen Wert von Oralität hinzuweisen, den ihr die Akademie und intellektuelle Kreise absprechen.

Prämierung bedeutet keine staatliche Anerkennung der Mapuche-Kultur

Die Auszeichnung mit dem wichtigsten Literaturpreis Chiles betrachtet Chihuailaf dennoch nicht als Zeichen der Anerkennung für sein literarisches Werk oder für die Mapuche und ihre Kultur durch die chilenische Regierung. So erklärte der Schriftsteller in einem Fernsehinterview nach der Preisverleihung auf die Frage, was die Prämierung ihm denn bedeute: „Naja, ich empfinde diese Auszeichnung nicht als Würdigung durch den chilenischen Staat. Eine Fachjury habe entschieden und mein Werk ausgezeichnet. Entschuldigen Sie, dass ich es hier nochmal erwähne, aber meine Werke werden auf der ganzen Welt gelesen. Es geht um 43 Jahre schriftstellerische Arbeit, deren Bedeutung weit über das, was sich heute Chile nennt, hinausgeht. Erst kürzlich hat die Generaldirektorin der UNESCO in einer Rede über die Geschichte der Weltliteratur auf meine Arbeit Bezug genommen und am Ende aus meinem Gedicht Sueño Azul (Blauer Traum) zitiert.  Was mich hingegen wirklich freut, ist, wenn Kinder, Jugendliche und Erwachsene durch meine Dichtung mehr über unsere indigenen Vorfahr*innen erfahren“. Die Berücksichtigung bei einer Preisverleihung sage nichts über den Wert eines literarischen Werks. Der chilenische Literaturpreis könne jedoch, so der prämierte Schriftsteller, „eine Tür oder zumindest ein Fenster sein, durch das auch das oberflächliche und verkaufte Chile – also die Mächtigen, die das Land regieren –  die Tiefe, Schönheit und Zartheit der indigenen Kulturen wahrnehmen – insbesondere die der Mapuche, von denen ich einer bin.“

Ursprünglich ist der Artikel am 17.09.2020 auf dem Nachrichtenpool Lateinamerika erschienen, https://www.npla.de/thema/kultur-medien/renommierter-literaturpreis-geht-zum-ersten-mal-an-einen-mapuche/ (lizenziert unter CC BY-SA 4.0 international). Autorin ist Mónica López Ocón. Lediglich den Link zu den Deutsch-Übersetzungen habe ich hinzugefügt.

Ich lerne Ladino

Ich lerne Ladino. Wenn ich das sage, meine ich nicht das rätoromanische Ladinisch, sondern Ladino, die Sprache der sephardischen Juden. Neben dem Begriff Ladino sind auch Namen wie Judenspanisch, Djudeo-Espanyol oder Sefardisch zur Bezeichnung dieser Sprache gebräuchlich.

Was ist Ladino?

Über 500 Jahre lang war die Sprache unreguliert, so dass es nicht nur mehrere Bezeichnungen für sie gibt, sondern auch mehrere Spielarten, sie zu schreiben und zu sprechen. In der Definition meiner Lehrerin Liliana vom Centro Cultural Sefarad in Buenos Aires wird mit dem Ladino die Sprache der sephardischen Juden in der Diaspora des ehemaligen ottomanischen Reiches bezeichnet. Es ist auch die Bezeichnung, die die israelische Knesset bevorzugt (Gabinskij, Mark A. (2011): Die sefardische Sprache. Tübingen: Stauffenberg, S. 24). Historisch gesehen geht der Begriff darauf zurück, dass im mittelalterlichen Spanisch ein Muslim oder Jude „Ladino“ genannt wurde, der die Sprache der Christen sprach (eine vom Lateinischen abgeleitete Sprache). Mit „ladinar“ war aber auch die Übersetzung eines Bibeltextes ins Kastilische gemeint.

Um die Sprache vor dem Aussterben zu bewahren, wurde 1997 in Israel die Akademia nasionala del Ladino gegründet. Sie ging 2018 als 24. nationale Akademie in der Real Academia Española mit Sitz in Israel auf. 2020 soll sie voll funktionsfähig werden.

Neben zahlreichen Einflüssen des Hebräischen und Aramäischen ist das Ladino auch von den Sprachen der Zielländer beeinflusst worden. So lässt sich auch erklären, dass das Ladino vor allem in den Ländern lange überlebt hat, wo der Kontakt zum Kastilischen selber verloren ging. In den Kolonien Lateinamerikas ist das Ladino dagegen sehr schnell verloren gegangen, denn dort wurde fast überall Kastilisch gesprochen und die dorthin vertriebenen Juden bzw. Konvertiten nahmen die Neuerungen mit auf.

Sephardische Migrationen (Von Universal Life – http://michel.azaria.free.fr/History.htm, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4618667)

Die erste Schulstunde

Vinidos con bueno. In der ersten Stunde haben wir hauptsächlich über die Geschichte der Sprache geredet, so wie ich sie gerade geschildert habe, und haben die Regeln für Aussprache und Schreibung gelernt. Früher wurde Ladino hauptsächlich in hebräischen Buchstaben geschrieben. Im A1-Kurs, den ich gerade besuche, wird mir das Schreiben einfach gemacht. Das moderne Ladino bedient sich lateinischer Buchstaben und ist sehr nah an der Phonetik dran. Wer Spanisch spricht, versteht einen Alltagstext sehr gut. Nach meinem ersten Eindruck vermute ich, dass das moderne Ladino vom modernen Kastilisch Spaniens weniger weit entfernt ist als das Schweizerdeutsche vom Hochdeutschen. Die Lehrerin machte auch klar, dass es den sephardischen Kulturzentren vor allem darum geht, die Hemmschwelle, sich mit dem Ladino zu beschäftigen, niedrig zu halten. Ob das dann letztlich das Ladino ist, das heute noch gesprochen wird, kann ich noch nicht sagen.

Ich bin gespannt, wie’s weitergeht. Wir sind ein kleiner Zoom-Kurs mit derzeit 4 Teilnehmerinnen, zwei sind aus Buenos Aires, eine aus Brasilien und ich aus der Schweiz. Ich halte Euch auf dem Laufenden, wie es im Kurs weitergeht. Bis dahin wünsche ich Euch „kaminos de leche i miel“.

Mir geht es „muy very good“ – vom Umgang mit dem Tod in der mexikanischen Kultur

Wenn es nach den toltektischen Vorstellungen vom Himmel geht, kommen wir alle ins Paradies. Das ist tröstlich und nimmt die Angst vor dem Tod. Es kommt aber noch besser. Einmal im Jahr kehren die Seelen der Verstorbenen sogar zurück ins Diesseits, um die Lebenden zu besuchen. Der Tod bedeutet also nicht Trennung für immer.

Diese Überzeugung bildet den Ursprung des Día de los Muertos (Tag der Toten), der wie kein anderer mexikanischer Feiertag der kulturellen Selbstvergewisserung des Landes dient. Anders als in Europa wird nicht voller Trauer der Toten gedacht, sondern ihnen zu Ehren ein grosses, buntes Volksfest veranstaltet. Die Schweizer Autorin Milena Moser und ihr mexikanischer Lebenspartner Victor-Mario Zaballa haben gemeinsam ein Buch über diese Festtage und damit das Verhältnis der mexikanischen Kultur zum Tod geschrieben. Es trägt den Titel: Das schöne Leben der Toten. Vom unbeschwerten Umgang mit dem Ende.

Diego Rivera Núñez, CC BY 2.0, Sueño de una Tarde Dominical en la Alameda Central, Museo Mural Diego Rivera

Ohne Tod kein Leben

Die Mischung aus ethnografischen Beschreibungen kultureller Praktiken, Alltagserlebnissen der Schweizer Autorin in einem hybriden kulturellen Umfeld und ihren damit verbundenen Alteritätserfahrungen wird durch farbenfrohe Illustrationen Zaballas ergänzt. Die Intensität der Farben unterstreicht den Charakter des Día de los Muertos und damit die Intention des Buches:

Die mexikanische Kultur hat den Tod akzeptiert. Sie bekämpft ihn nicht, sie integriert ihn. Der Tod ist untrennbar mit dem Leben verbunden. Er ist immer dabei. Er wird gefeiert, er wird geneckt, er wird herausgefordert, er wird geehrt.

Moser/Zaballa, Das schöne Leben der Toten. Vom unbeschwerten Umgang mit dem Ende, Zürich: Kein & Aber, S. 17

Wem gehört die Tradition?

Moser geht in ihren Ausführungen über die Rituale, die im Zentrum des Día de los Muertos stehen, sehr vorsichtig vor. Wenn sie den Gang über den Markt beschreibt, auf dem sie die Blumen für den Altar kaufen, wenn sie über die Speisen spricht oder den Altar selber schmückt, kommt Zaballas Stimme als Rückversicherung immer wieder durch. Moser präsentiert sich als Chronistin, die das aufschreibt, was ihr Mann ihr aus seiner eigenen kulturellen Erfahrung erzählt. Das gibt ihren Ausführungen die Authentitiziät, die sie als Schweizerin den Beobachtungen so nicht geben könnte. Gleichzeitig befreit sie sich durch die vielen indirekten und direkten Zitate ihres Lebensgefährten von dem möglichen Vorwurf, mit ihren Überlegungen kulturelle Aneignung zu betreiben. Gerade der Día de los Muertos, ein Feiertag indigenen Ursprungs, ist in den USA sehr starken Kommerzialisierungsprozessen ausgesetzt. Moser weiss genau, was politisch opportun ist, und stellt sich kritisch die Frage, ob sie überhaupt befugt sei, über eine fremde Kultur zu schreiben, „ohne sie zu verletzen“ (S. 72). Sie beantwortet ihre Zweifel mit dem Lieblingswitz Zaballas:

„Weisst du, wie sich die traditionelle indigene Familie zusammensetzt? Nein? Aus Mutter, Vater, drei bis fünf Kindern, Großmutter, unverheirateteter Großtante, zwei Hunden und einer deutschen Anthropologin.“

Moser/Zaballa, Das schöne Leben der Toten. Vom unbeschwerten Umgang mit dem Ende, Zürich: Kein & Aber, S. 72

Bewertung

Ich habe keine Ahnung, wie gut Milena Moser sonst schreibt. Als ich das Buch in der Buchhandlung zur Kasse brachte, erwähnte der Buchhändler ausdrücklich, dass es sich bei dem Buch um ein Sachbuch handle. Denn Milena Moser ist nun einmal aus Buchhändlersicht eher fürs Romaneschreiben bekannt. Mich aber hat das Buch angesprochen, weil ich es als Hispanistin spannend fand, wie eine deutschsprachige Autorin den Dia de los Muertos erklärt.

Ja, es ist ein Sachbuch, aber der Verlag bewirbt es nicht umsonst als „erzählendes Sachbuch“. Das trifft die Sache sehr gut. Moser und Zaballa bieten Lesern, die wenig über Mexiko wissen, eine liebevolle Einführung in das Verhältnis der mexikanischen Kultur zum Tod. Beide sind keine Kulturwissenschaftler und erheben auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Mosers Stärke ist das autobiografisch reflektierte Erzählen. Wer eine andere Kultur beschreibt, hält sich unweigerlich immer auch den Spiegel vor. Letztlich geht es in dem Buch aber um mehr als ein kulturvermittelndes Unterfangen. Der Text ist eine sehr persönliche Liebeserklärung an ihren Partner, der schwer krank ist und den Tod trotzdem nicht fürchtet. Vielleicht ist ihr damit schon eine grosse Annäherung an die mexikanische Kultur gelungen, von der es heisst:

Das Formale ist wichtig – und wird doch immer mit einem Augenzwinkern ausgeführt.

Moser/Zaballa, Das schöne Leben der Toten. Vom unbeschwerten Umgang mit dem Ende, Zürich: Kein & Aber, S. 50

Das Buch ist informativ und unterhaltsam. Ich kann seine Lektüre empfehlen.

Wer noch mehr über das Buch und die Hintergründe seiner Entstehung hören möchte, kann dieses Gespräch von Frank Meyer mit der Autorin im DLF Kultur hören.

Engagierte Theaterarbeit in Peru in Gefahr — Förderkreis des IAI

Aufruf zur Unterstützung Je länger die Corona-Krise anhält, desto stärker geraten viele engagierte Kulturprojekte in Lateinamerika in Existenznot. Yuyachkani, eine Theatergruppe aus Lima, Peru, hat sich jetzt mit einem Hilferuf an die Öffentlichkeit gewandt. Der Förderkreis des IAI unterstützt die Spendenkampagne der Berliner Initiativen Ríos Profundos und Sociedad Académica Peruana e.V. für die laufenden Unterhaltskosten des […]

Engagierte Theaterarbeit in Peru in Gefahr — Förderkreis des IAI

Benjamin von Tudela: der jüdische Marco Polo des Mittelalters

Der Vergleich in der Überschrift mag anmassend klingen, denn Marco Polo ist mit seinen Reisen weltberühmt geworden. Die Reisen Benjamin von Tudelas (hebräischer Name: Biniamin ben rabbí Yonah mi-Tudela) führten denn auch tatsächlich nicht ganz so weit in den Osten, doch sie geben ein gutes Zeugnis über die Eindrücke eines jüdischen Reisenden in die Region, die wir heute als Nahen Osten bezeichnen. Immerhin gilt er als der erste Europäer der Neuzeit, der China mit dem heutigen Namen erwähnt. Anders als Marco Polo ist Benjamin von Tudela bis heute weitgehend unbekannt. Auch ich traf heute erstmals in einem Artikel der La Vanguardia auf die Reiseberichte des Rabbinersohns aus dem navarrischen Städtchen Tudela.

Die Reisen

Er notierte genau, was er auf seinen Reisen zwischen 1160 und 1173 beobachtete (eine andere Quelle behauptet auch ab 1158). Seine Notizen, die von einem unbekannten Autoren im Libro de viajes (Masa’ot Binyamin) zusammengestellt worden sind, machen ihn bis heute zu einem bedeutenden Geographen und Darsteller der jüdischen Geschichte des Mittelalters. Seine genaue Route ist nicht bekannt, aber sie kann wie folgt rekonstruiert werden:

Benjamin of Tudela route – ru.svg: Kaidor (talk · contribs) derivative work: rowanwindwhistler / CC BY-SA

Besonders angetan war er vom damaligen Konstantinopel:

„An diesem Ort“, fährt er fort, „zeigen sich vor dem König und der Königin alle Arten von Menschen auf der Welt, wie durch Zauberei; und sie bringen Löwen, Panther, Bären und Zebras dazu, gegeneinander zu kämpfen; sie tun dasselbe mit Vögeln, und so ein Spektakel sieht man in keinem anderen Land.“

übersetzt aus dem Spanischen, https://www.lavanguardia.com/historiayvida/edad-media/20200630/482013608705/benjamin-tudela-marco-polo-judio-libro-viajes-constantinopla-bagdad.html

Auch von Bagdad und der Person des Kalifen ist er sehr begeistert. Mit grossem Detail schildert er das Leben der jüdischen Gemeinschaften und hält seine Eindrücke vom städtischen Leben insgesamt in seinen Notizen fest. So schreibt er genau auf, wie die jüdische Gemeinde lebt, wer sie anführt und wie ihre Lage jeweils ist – ob sie marginalisiert sind und unterdrückt werden oder ob sie sich mit den Machthabern arrangiert haben. Bis heute spekulieren Historiker und Philologen über die Motive seiner Reise. Eine häufig geäusserte Hypothese ist die, dass er als Händler neue Märkte suchte. Da er sich einige Male interessiert über Korallen äussert, vermutet man, dass er möglicherweise mit Schmuck handelte.

Das Buch

Wenn ich die Quellenlage richtig deute, ist die Originalausgabe 1543 in hebräischer Sprache in Konstantinopel erschienen, also 50 Jahre nach der Vertreibung der Juden aus Spanien. Es ist wenig erstaunlich, welch lange Reise die Notizen machen mussten, um endlich veröffentlicht zu werden. Sie zeichnet das Schicksal vieler sefardischer Juden nach, die nach 1492 gen Osten ziehen mussten. Es scheint fast so, dass die erste spanische Übersetzung erst 1918 herausgegeben wurde. Sie ist als pdf erhältlich. 1994 hat die Regierung Navarras auch eine dreisprachige Ausgabe in Spanisch, Baskisch und Hebräisch herausgegeben.

Wer das Buch lieber auf Englisch lesen möchte, findet eine Übersetzung auf dem Projekt Gutenberg: http://www.gutenberg.org/files/14981/14981-h/14981-h.htm

Eine deutsche Übersetzung ist leider nur antiquarisch erhältlich: https://www.zvab.com/buch-suchen/titel/juedische-reisen-im-mittelalter/autor/tudela/