https://www.wikidata.org/wiki/Q58175745#/media/File:Anton_Fugger_burning_the_debenture_bonds_of_Charles_V_in_1535_by_Carl_Ludwig_Friedrich_Becker.jpg

Die finanzielle Infrastruktur der Macht

Kürzlich habe ich Greg Steinmetz‘ Buch Der reichste Mann der Weltgeschichte. Leben und Werk von Jakob Fugger gelesen, um mich auf eine Reise zu den ehemaligen Fugger-Faktoreien in Spanien vorzubereiten. Die deutsche Übersetzung des englischen Originals von 2015 wurde 2025 neu aufgelegt. 2025 jährte sich Jakob Fuggers Todestag nämlich zum 500. Mal. Hier sind meine Gedanken zum Buch:

Albrecht Dürer, Jakob Fugger der Reiche (1518)

Worum geht’s

Der US-amerikanische Journalist Greg Steinmetz erzählt das Leben von Jakob Fugger (1459–1525), dem einflussreichsten Kaufmann und Bankier der Renaissance. Er zeigt, wie ihn sein unternehmerisches Geschick, sein Machtbewusstsein und seine hohe Risikobereitschaft zu enormem wirtschaftlichem und politischem Einfluss verhalfen. Das Buch schildert Fuggers Aufstieg vom Augsburger Handelshaus zur globalen Finanzmacht, seine Rolle als Kreditgeber europäischer Könige, Kaiser und des Papstes sowie seine strategischen Investitionen in Bergbau und Handel. Zugleich verbindet Steinmetz die Biografie Fuggers mit einer grösseren wirtschafts- und machtgeschichtlichen Perspektive: Jakob Fugger wird als Prototyp eines frühkapitalistischen Patrons dargestellt. Er baut ein Wirtschaftsimperium auf, von dem die Politik in vielfacher Weise abhängig wird. Günter Ogger hat dies bereits 1979 auf die griffige Formel Kauf Dir einen Kaiser gebracht.

Was mir gefiel

Ich mochte den unterhaltsamen Stil. Das Buch liest sich wie ein Drehbuch für eine Fernsehdokumentation. Das wirkt lebendig, mit dramatischen Szenen und einer klaren Erzählstruktur entlang der Lebensstationen Fuggers. Steinmetz versteht es auch, komplexe Finanztransaktionen verständlich und spannend zu vermitteln. Die Mischung aus Biografie und wirtschaftshistorischem Kontext bietet einen guten Überblick, weshalb das Buch als Einstieg für Nicht-Historiker geeignet ist. Damit sind wir aber auch schon bei den Kritikpunkten.

Was mir weniger gefiel

Steinmetz stützt sich stark auf sekundäre Literatur, was eine historisch geschulte Leserschaft nicht überzeugen kann. Die chronologische Darstellung führt zu Wiederholungen, da Fuggers Handeln oft ähnliche Muster aufweist oder zumindest vermuten lässt. Eine thematische Verdichtung (z.B. entlang dieser Muster oder Geschäftsgebaren) wäre gerade für die finanz- oder wirtschaftsgeschichtliche Einordnung aufschlussreich gewesen. Einige Schilderungen wirken auch sehr oberflächlich und zeugen von wenig Ortskenntnis. Zum Beispiel wird die Quecksilbermine von Almadén in die Verwaltungseinheit des Maestrazgo in Aragón verlegt (S. 260). Almadén befindet sich jedoch in der Provinz Ciudad Real (Kastilien-La Mancha). Hier sitzt Steinmetz einer rein sprachlichen Übereinstimmung von Begriffen auf. Die gebirgige Landschaft des Maestrazgo hat ihren Namen von den Meistern der Militärorden («los maestres»), die dort die Gerichtsbarkeit ausübten. In den Geschäftsunterlagen der Fugger bezeichnet «maestrazgo» dagegen das Recht oder Amt des «maestre», der für den Betrieb der Bergwerke zuständig war. Auch hier geht der Begriff darauf zurück, dass diese Rechte bei den Militärorden lagen, bevor sie an die Krone fielen. Wenn wir also im Zusammenhang mit den Fuggern von «maestrazgo» sprechen, geht es nicht um eine territoriale Bezeichnung, sondern allgemein um das Unterhalts- und Nutzungsrecht an einem Bergwerk. Mit solchen «maestrazgos» sicherte Fugger nicht nur seine Kredite ab, sondern liess sich die Kredite auch gut bezahlen, denn diese Einkünfte bildeten eine im Rahmen des kirchlichen Zinsverbots konstruierte Form der Kompensation.

Fazit

Das Buch ist unterhaltsam und flüssig geschrieben. Als populärwissenschaftlicher Einstieg taugt es gut, doch für eine fundierte Auseinandersetzung mit Fuggers Motivation und der historischen Einordnung sind spezialisiertere Quellen erforderlich. Wer eine dramatische Erzählung sucht, wird sich gut bedient fühlen. Wer analytische Tiefe erwartet, muss andere Texte hinzuziehen. Für die Vorbereitung meiner Spanienreise taugte es jedenfalls überhaupt nicht. Was Spanien angeht, ist denn auch Jakobs Neffe Anton von grösserer Bedeutung. Erst Anton erweiterte die Geschäftsaktivitäten mit Spanien massiv; aber sein Onkel Jakob legte mit der massiven finanziellen Unterstützung Karls V. den Grundstein dafür.

Spannend bleibt Fuggers Leben und Wirken bis heute, denn die Fragen, die sich aus der Lektüre ergeben, sind aktuell und relevant: Was treibt Menschen an, die nach immer mehr Macht und Reichtum streben? Wie kann man diese Gier nach Wachstum erklären? Wie entsteht die wirtschaftliche Infrastruktur eines der grössten Reiche, die Europa je hatte, und wer hatte das Sagen? Wie viel Macht sollen Finanzakteure über politische Entscheidungen haben? Wann und wie soll man sie regulieren? Wenig überraschend funktionieren viele von Fuggers Methoden und Verhaltensstrategien noch heute im Geschäftsleben. Tatsächlich zeigt Fuggers Geschichte aber auch, dass der Kapitalismus nicht naturgegeben ist, sondern ein von Menschen gemachtes System, das bei Bedarf umgestaltet werden kann.

Mohnblumen in Andalusien

Legalisieren statt abschieben? Wie Deutschland und die Schweiz auf Spaniens Migrationsdekret reagieren

Das spanische Migrationsdekret vom 27. Januar 2026

Die spanische Regierung hat angekündigt, den Status von rund 500.000 Zuwanderern zu legalisieren. Der Beschluss vom 27.01.2026 sieht vor, dass alle Einwanderer ohne Aufenthaltstitel auf Antrag eine vorläufige Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis erhalten. Der Prozess ist auf das enge Zeitfenster von April bis Juni 2026 begrenzt und sieht folgende Voraussetzungen vor:

  • Interessierte Personen müssen zum Zeitpunkt der Antragstellung einen ununterbrochenen Aufenthalt von mindestens fünf Monaten nachweisen und vor dem 31.12.2025 in Spanien gewohnt haben.
  • Sie sind nicht vorbestraft und stellen keine Gefahr für die öffentliche Sicherheit dar.

Rechtfertigung der Massnahme

Die spanische Regierung rechtfertigt das Dekret vor allem mit humanitären, ökonomischen und demografischen Argumenten. Es dient gleichzeitig auch als politisches Signal eines progressiven Spanien gegen die zunehmend restriktive Migrationspolitik in Europa und den USA. Damit diese Form der Migrationspolitik nicht am konservativen Kongress scheitert, wurde sie in Form eines königlichen Dekrets verabschiedet. Es ist nämlich durchaus so, dass diese Politik auch in Spanien auf Widerstand stösst. Dabei wird gern übersehen, dass es eine ähnliche Massnahme bereits in den Regierungszeiten von José María Aznar gegeben hat. Auf die Wiedergabe der Fake News, mit denen rechtsextreme Politiker in Spanien nun gegen diese Legalisierung ankämpfen, möchte ich an dieser Stelle verzichten. Stattdessen verweise ich auf dieses Aufklärungsvideo von der Deutschen Welle:

Vorbild Spanien?

Nun hat mich eine spanische Freundin aus dem Aargau, die für längere Zeit auf den Kanaren ist, gefragt, wie denn die Schweiz und auch Deutschland auf diesen Legalisierungsschub reagiert hätten. Kann Spanien gar ein Vorbild für ganz Europa sein? Immerhin hat sich Spanien in den letzten Jahren zum wirtschaftlichen Shooting-Star Europas gemausert. Ausserdem ist Spanien inzwischen eines der wichtigsten Einwanderungsländer der EU, mit starkem Zuzug aus Lateinamerika, Afrika und der EU. Es gibt also gute Gründe, weshalb Spanien pragmatisch mit dem Thema umgehen muss.

In all dem News-Taumel der letzten Wochen hatte ich zwar die ein oder andere persönliche Reaktion auf das Dekret gelesen und auf Bluesky versucht, diesen innovativen Schwenk der spanischen Migrationspolitik bekannt zu machen.

Doch ist das Umfeld auf Bluesky eher liberal-progressiv und wenig repräsentativ. So musste ich erst ein wenig recherchieren, um das Stimmungsbild in Deutschland und der Schweiz einzufangen.

Die Reaktionen in Deutschland

Die deutsche Bundesregierung betrachtet das spanische Modell nicht als Vorbild, sondern als politisch und rechtlich eigenständigen Weg, der in Deutschland so nicht übernommen werden soll. So wird eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums zitiert. Ausserdem verweist sie darauf, dass eine ähnliche Regulierung eine Gesetzesänderung erfordern würde, die politisch nicht gewollt sei. In den Medien habe ich ebenfalls die Darstellung gefunden, die den Gegensatz zwischen der spanischen Politik und den deutschen politischen Prinzipien betont (hier, hier und hier).

Wer sich auf Social Media und den Kommentarspalten der Tageszeitungen umschaut, hört vor allem heraus, dass der spanische Fall so nicht übertragbar sei, da Spanien keine Integrationsprobleme habe. Denn, so der Tenor dieser Kommentare, komme die Mehrheit der irregulären Migration aus Lateinamerika, namentlich Kolumbien, Venezuela und Ecuador, und müsse folglich weder sprachlich noch kulturell integriert werden. Menschen aus Lateinamerika stellen tatsächlich die Mehrheit derjenigen, die von dem Dekret profitieren könnten. Doch frei von Diskriminierung und Exklusion sind sie nicht. Besonders Menschen dunkler Hautfarbe sind davon betroffen. Wenn auch die kulturelle Nähe zunächst die Integration (vor allem im Arbeitsleben) erleichtert, ist es doch so, dass neben ökonomischen und sozialen Bedenken viele Ressentiments gegenüber lateinamerikanischen Migranten und Migrantinnen beobachtet werden können. Diese reichen von banalen Dingen (laute Nachbarn, laute Musik) über Frivoles (offenherzige Kleidung, anzügliche Tänze) bis hin zu harten Vorurteilen (höhere Kriminalität, Gewaltbereitschaft).
Als Deutsche in der Schweiz weiss ich zudem, dass es oft gar nicht an der kulturellen Nähe liegt, die eine schnelle Integration ermöglicht, sondern im Gegenteil sogar zu einer Angst vor kultureller Übernahme führen kann. Dies passiert besonders dann, wenn die Anzahl der Ankommenden so hoch ist, dass Überfremdung der eigenen Sprachvarietäten und lokaler Kultur befürchtet und abgelehnt wird.

In rechten Kreisen wurden auch Falschinformationen aus Spanien, Stichwort „Blitzeinbürgerung“, verbreitet, die den üblichen Empörungsmustern folgen (siehe Video der Deutschen Welle). Ein weiteres Gegenargument ist die Furcht vor einer Sogwirkung dieser einmaligen Angelegenheit. Man befürchtet, dass eine solche Massnahme zu noch mehr Einwanderung führen könnte.

Insgesamt kann man sagen, dass in Deutschland eine Übernahme des Modells aus prinzipiellen Gründen abgelehnt wird. Die Bundesregierung ist nicht gewillt, ihre restriktive Politik zu überdenken. Stattdessen werden straffere Kontrollen, eine enge Auslegung sicherer Herkunftsstaaten, eine weiterhin klare Differenzierung von Migrationsgründen und strenge Bleiberechtsreglungen für nachweislich gut integrierte Menschen fortgeführt. Aber wie kann man sich integrieren, wenn man nicht dazugehören soll?

Reaktionen in der Schweiz

Auch in der Schweiz gab es Reaktionen auf das spanische Dekret, wobei es bislang keine öffentliche, Stellungnahme des Bundesrates oder des zuständigen EJPD gab. Das passt zur Neutralitätsverpflichtung. Alle bekannten Medien (Tagesanzeiger, nzz, srf, rts, woz) vermeldeten das Dekret. Ähnlich wie in Deutschland, legten auch sie den Fokus auf den Kontrast zur eigenen restriktiven Migrationspolitik. Gerade die liberal-konservative Neue Zürcher Zeitung fällt in diesem Überblick angenehm durch ihre offene Haltung auf.

Spaniens Weg als Anstoss für eigene Lösungen

Spaniens Legalisierungsdekret zeigt, dass eine humanitäre Einwanderungspolitik, die sich an der wirtschaftlichen und demografischen Entwicklung des Landes orientiert, möglich ist. Deutschland und die Schweiz reagieren darauf mit Zurückhaltung. Vielleicht wäre es an der Zeit, über das spanische Vorgehen im Sinne eines „out-of-the-box“-Ansatzes nachzudenken. Wer schon gekommen ist, wird in der Regel nicht wieder freiwillig gehen. Das sind die Fakten, denen sich Spanien stellt. Wie liessen sich in Deutschland und der Schweiz Wege finden, die die Realität der hier lebenden Menschen ohne Aufenthaltsrecht ernst nehmen, ohne das Recht zu unterlaufen, die Bürokratie weiter auszubauen und den Sozialstaat zu überfordern? Die demografischen und wirtschaftlichen Herausforderungen stellen sich langfristig in beiden Ländern ähnlich wie in Spanien dar (auch wenn die politische Situation der Schweiz als Nicht-EU-Staat eine andere ist). Die Menschen, die nun schon einmal da sind und arbeiten wollen, könnten unter klaren Bedingungen viel besser und schneller integriert werden, wenn Regulierung, Arbeit und Integration stärker zusammen gedacht würden.

Container von RTVE am Filmfestival in San Sebastián

Rückblick auf das 73. Internationale Filmfestival in San Sebastián

Das 73. San Sebastián International Film Festival (SSIFF) bot dieses Jahr eine gute Auswahl an Filmen. Ich hatte den Eindruck, hier wird Kino für das Publikum gemacht, nicht nur für andere Filmleute. Die US-amerikanischen Celebrities, die mich sowieso weniger interessierten, hinterliessen wohl einen eher flüchtigen Eindruck.

Von den insgesamt elf Filmen, für die wir Tickets bekamen, waren zehn Neuerscheinungen aus dem aktuellen Jahr. Bis auf Franz haben wir ausschliesslich spanische und lateinamerikanische Filme angeschaut (wobei einige davon internationale Koproduktionen waren). Außerdem haben wir uns zum Abschluss am Samstagabend noch den mexikanischen Klassiker El callejón de los milagros (1995) in der Tabakalera gegönnt. Absolut empfehlenswert, mit Salma Hayek in ihrer ersten großen Rolle.

Hier sind nun meine drei Favoriten:

Un poeta, von Simón Mesa Soto

Un Poeta von Simón Mesa Soto ist ein kolumbianischer Film, der tief in die Seele von Medellín eintaucht. Der Film erzählt die Geschichte des Dichters Óscar Restrepo, dessen Leben von Liebe, Verlust und dem Kampf um künstlerische Anerkennung geprägt ist. Nach ersten Anfangserfolgen bleiben Inspiration und dichterische Produktivität auf der Strecke. Seine Schwester bringt’s auf den Punkt: «Du bist arbeitslos.»

Im Privaten bemüht sich Óscar um die Beziehung zu seiner Tochter, die bei der Mutter lebt. Beide Eltern sind schon lange getrennt. Der Dichter lebt bei seiner alten Mutter, die ihn herumkommandiert und ihm aber auch immer wieder das notwendige Geld zusteckt. Neue Hoffnung erfährt er durch seine talentierte Schülerin Yurlady, nachdem er sich auf Druck seiner Schwester als Lehrer einstellen lässt. Yurlady hat jedoch andere Pläne und will ein bescheidenes, aber sicheres Leben führen, anstatt Dichterin zu werden.

Der Film besticht durch seine authentische Darstellung des soziokulturellen Lebens in Medellín und seine humanistische Haltung. Mesa Sotos Blick ist oft satirisch und humorvoll, aber nie zynisch. Mir hat vor allem auch der kritische Blick auf mögliche Geldgeber für künstlerische Projekte gefallen: Welche Themen werden von Stiftungen und internationalen Fördervereinigungen nachgefragt? Wie sehr muss sich eine Künstlerin, in diesem Fall Yurlady, verbiegen, damit sie ihr Werk präsentieren darf? Wo bleibt dabei die Autonomie der Kunst? Jeder, der schon einmal einen Antrag bei einer Stiftung eingereicht hat, kennt dieses Thema.

Eloy de la Iglesia – adicto al cine, von
Gaizka Urresti 

Eloy de la Iglesia – adicto al cine ist eine Hommage auf den Filmregisseur Eloy Germán de la Iglesia Diéguez (1944-2006). Er gilt als eine der relevantesten Stimmen des spanischen Kinos der Transición. Der Dokumentarfilm bietet einen temporeichen Einblick in das Schaffen eines Regisseurs, der in Spanien sehr populär war, im Ausland jedoch wenig bekannt wurde. Die Doku zeigt seine Schaffenskraft, seine offen ausgelebte Homosexualität, die Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei Spaniens sowie die Existenzkrise, die seine Heroinabhängigkeit mit sich brachte. Der Film ist eine ausgezeichnete Einführung in das Werk von Eloy de la Iglesia und regt an, mehr von seinen Filmen zu entdecken. Ich muss aber zugeben, dass mich die Darstellung seines Person und seiner überbordenden künstlerischen Energie mehr als die in der Doku präsentierten Filme ansprachen. Viele davon schienen mir zu gewalttätig und pornographisch. Das ist nicht mein Ding. Am ehesten würde ich mir noch die Filme El diputado und El sacerdote anschauen.

In dem nachfolgenden Interview spricht Gaizka Urresti über seine Motivation für die Dokumentation:

Ciudad sin sueño, von Guillermo Galoe

Ciudad sin sueño von Guillermo Galoe ist ein Film, der die Lebensrealität der Gitanos und weiterer marginalisierter Gruppen in der Agglomeration von Madrid zeigt. Der Film folgt zwei Teenagern, Toni und Bilal, deren Familien in Wellblechhütten und unter extrem schwierigen Bedingungen in der «Cañada Real» leben. Da Madrid aufgrund seines dynamischen Wachstums mehr Bauland braucht, ist die informelle Siedlung im Südosten der Hauptstadt sehr interessant für die Immobilienbranche geworden. Die Menschen, die dort leben, sollen umgesiedelt werden. Bilals Familie zieht deshalb zu Verwandten nach Marseille, was Toni sehr zu schaffen macht. Er fühlt sich alleine gelassen. Obwohl die Zustände furchtbar sind – es gibt weder Strom noch Wasser, die Kriminalität ist hoch – widersetzt sich Tonis Großvater einem Umzug, weil er nur in dieser Umgebung seine Freiheit bewahren kann. Manu Yáñez deutet diese Haltung des Großvaters als heroischen Akt des Widerstands gegen den ungezähmten Kapitalismus der heutigen Zeit. Ich stimme nicht mit dieser Einschätzung überein. Ja, der dominante «Pai» und seine Frau bleiben, aber die jüngere Generation wird gehen und dem widersetzt sich der Alte auch nicht. Für mich signalisiert sein trotziges Bleiben daher eher einen nostalgischen Moment, die Welt der «Cañada Real» hat keine Zukunft mehr. Die Jungen müssen, wenn auch widerstrebend, einen neuen Weg finden.

Die Perspektive der Jugendlichen wird durch eine dynamische Kameraführung und Selfie-Aufnahmen mit aufregenden Farbfiltern eingefangen. Besonders beeindruckend sind die beiden jugendlichen Darsteller, die ihre Rollen mit großer Authentizität spielen. Diese Augen! Der Film lässt das Publikum stets selbst entscheiden, ohne moralisierend zu wirken, und zeigt, wie Toni und seine Familie ihren Weg finden müssen.

Wer sich nicht vorstellen kann, dass Menschen mitten in Europa unter derart miserablen Bedingungen leben, kann sich einen Eindruck vom aufreibenden Alltag in diesem Slum machen: https://www.zdf.de/play/dokus/arte-collection-arte-rc-000000-8-100/page-video-arte-re-europas-groesster-slum—die-caada-real-in-madrid-100

Und hier ist der Trailer zum Film:

Fazit

Die Auswahl der Filme, die wir besuchten, hing stark von der Verfügbarkeit der Tickets und den Spielzeiten ab. Wir konnten beispielsweise den Siegerfilm des Festivals, Los domingos, nicht sehen, da die Tickets bereits ausverkauft waren, als wir noch auf dem Camino irgendwo zwischen Logroño und Nájera unterwegs waren (darüber mehr in einem späteren Post). Dennoch war alles in allem der Kauf der Tickets stressfrei, denn jeden Tag kamen nochmals Resttickets in den Verkauf. Die Organisation des Festivals erschien uns perfekt. Nur manches Mal gingen wir eben leer aus, vor allem bei den spanischen Produktionen, die nur eine Aufführung hatten (wie beispielsweise die Doku über Almudena Grandes, die ich sehr gern gesehen hätte). Da ich das erste Mal beim Filmfestival dabei war, kann ich auch keine qualitativen Vergleiche zu den Vorjahren ziehen. So ist also die Auswahl und Bewertung höchst subjektiv.

Insgesamt war das Festival eine bereichernde Erfahrung, die einen guten Einblick in die spanische Filmlandschaft und aktuelle gesellschaftliche Themen geboten hat. Die Spielstätten waren von unserer Wohnung alle über einen Spaziergang entlang der Concha zu erreichen. Überhaupt kann man in San Sebastián fast alles zu Fuss erreichen, ähnlich wie in Locarno. Es gibt zudem, anders als zum Beispiel in Berlin, jederzeit und überall Kneipen und Restaurants, die zwar sehr gut gefüllt sind, in denen man dennoch nach den Veranstaltungen noch ein Plätzchen findet, um das Gesehene zu besprechen. Wir fahren gerne wieder hin.

Die Seen von Palermo, dem Ortsteil von Buenos Aires, in dem die Familie der Protagonistin wohnt. Zu sehen sind die Gänse, die die Seen bevölkern.

Sommerlektüre: Claudia Piñeiro, Tuya

Das Buch lag sicherlich zwei Jahre auf meinem Nachttisch. Als ich endlich anfing, den Krimi zu lesen, konnte ich ihn nicht mehr weglegen. Claudia Piñeiros Roman Tuya aus dem Jahr 2005 ist eine wunderbare Ferienlektüre, ein echter page-turner. Ich kann die Lektüre nur empfehlen.

Worum geht’s?
Inés findet heraus, dass ihr Mann sie betrügt und wird Zeugin, wie dieser eine Frau, seine mutmassliche Geliebte, umbringt. Wie sich Inés‘ Charakter in Reaktion auf diese Tat entwickelt, bildet die Haupthandlung in diesem spannenden Roman über Liebe, Kommunikation und Täuschung in einer argentinischen Familie der Mittelklasse.


Ich fand den Roman sehr kurzweilig und packend erzählt. Piñeiro, über die ich bereits mehrfach geschrieben habe (hier oder hier), hat es sehr gut verstanden, mich als Leserin von der ersten Seite an in den Roman zu ziehen. Ich bin an sich kein ausgewiesener Krimi-Fan. Abwechslungsreich wird der Roman auch durch seine Perspektivenwechsel und eine Nebenhandlung, die in die Zukunft weisen könnte (hach, es gibt auch nette Menschen!). Wie von Piñeiro gewohnt, macht sie das voller Ironie und Seitenhiebe, ohne je zynisch zu wirken. Es gibt auch keine übergeordnete Erzähldistanz, die explizit kommentiert und abwertet. Das gibt dem Buch eine leichte Note, die ich erfrischend fand.

Das Buch, das leicht im Reisegepäck verstaut werden kann, erscheint in Argentinien und Spanien bei Alfaguara. Für deutschsprachige Spanischlernende (ab Niveau B2) gibt es auch eine schmale Ausgabe von Klett, die die zahlreichen typischen Ausdrücke und Redewendungen aus der Rio-Plata-Region übersetzt. In deutscher Sprache ist der Roman, wie alle Bücher Piñeiros, im Unionsverlag unter dem Titel Ganz die Deine erschienen. 2015 hat Eduardo Gonzalez Amer den Roman verfilmt – leider habe ich ihn noch nicht sehen können. Hier ist der Trailer:

Viel Spaß beim Lesen und/oder Sehen und schönen Sommer! 🌻

Update 10.08.2025: Inzwischen habe ich auch die englische Version des Artikels gepostet. Abonniert auch diesen Newsletter und helft mir, meine Arbeit unter die Leute zu bringen ;).

Joaquin Sorolla Portrait des spanischen Philosophen José Ortega y Gasset

Ortega y Gassets Kunstkritik wird 100 Jahre alt.

José Ortega y Gasset’s schrieb sein Essay «La deshumanización del arte» vor 100 Jahren. Ursprünglich in der Revista de Occidente veröffentlicht, analysiert Ortega y Gasset die Entstehung der avantgardistischen Kunstbewegungen des frühen 20. Jahrhunderts. Er argumentiert, dass diese neue Kunstform sich bewusst von traditionellen Darstellungen und menschlichen Emotionen entfernt und stattdessen Abstraktion, Ironie und Intellektualität betont. Diese Dehumanisierung führt dazu, dass Kunst nicht mehr für das breite Publikum geschaffen wird, sondern zu einer spezialisierten, oft elitistischen Beschäftigung für Künstler wird.

Mein letzter Newsletter auf Substack stellt den Essay etwas genauer vor und zeigt, weshalb er bis heute als wichtiger Bestandteil der spanischen Ideengeschichte analysiert und diskutiert wird. Hier könnt Ihr in nachlesen: https://tertulia.substack.com/p/marking-the-centenary-of-ortega-y

Und hier könnt Ihr den Originaltext lesen:

Zeichen setzen

Die Punkte sind bald verschwunden
Studien zeigen auch die Gefährdung des Strichpunkts
Das Komma als ultimatives Bildungszertifikat
Unschärfen allerorten, Zeichen wie Schatten
Die Ausrufezeichen in Hochkonjunktur
Vermeintliche Klarheit, Appelle allerorten
Wo bleibt das Fragezeichen, die Wirbelsäule oberhalb des Punkts?

Bärbel Bohr, 19.05.2025

Dazu ein Link: https://www.theguardian.com/science/2025/may/18/marked-decline-semicolon-use-english-books-study-suggests

Ein opulenter Garten mit einem weissen Brunnen in der Mitte, der ebenfalls bewachsen erscheinen. Es gibt viel Grün, aber auch Rot- und Weisstöne in diesem Gartenbild.

Kunstwerke, die Gärten zum Leben erwecken

Seit einiger Zeit poste ich Gemälde und Zeichnungen von Gärten in meinem Bluesky-Account. Meist handelt es sich um Werke spanischer oder lateinamerikanischer Künstler und Künstlerinnen. Zwar habe ich selbst keinen grünen Daumen, lieber aber Gärten in der Malerei, weil sie wunderbar Architektur, Landschaft, Menschen und die Darstellung komplexer Gefühlswelten miteinander kombinieren.
Meist ergänze ich die Posts mit den Hashtags #gardenlove und #gardenpainting; manchmal vergesse ich es auch. Wer Spass an Gärten und ihrer unterschiedlichen Darstellung in der Kunstgeschichte hat, kann gerne meinem Feed folgen, dann verpasst Ihr keinen Post: https://bsky.app/profile/nachrichtenlos.bsky.social
Hier ein Beispiel von dieser Woche:

Jardín de la casa de Fortuny / The garden of the Fortuny residence, by Mariano Fortuny y Marsal and Raimundo de Madrazo y Garreta (the latter completed it after Fortuny's death), 1872 – 1877, oil on canvasMuseo del Prado, Madridwww.museodelprado.es/coleccion/ob…#gardenlove #gardenpainting

Barbara Bohr (@nachrichtenlos.bsky.social) 2025-05-12T17:07:33.191Z

Wenn Ihr Vorschläge toller Bilder für diesen Feed habt, meldet Euch bei mir. Ich nehme Eure Ideen gerne auf.

Vorhang zu für die Arbeit!

Am 28.02.2025 bin ich in Pension gegangen. So kann ich mich nun den Themen widmen, die mir richtig wichtig sind, freiberuflich. Auf Tertulia bleibe ich deshalb aktiv und habe schon viele Ideen!

Dieser Moment ist zugleich ein Einschnitt, der mir die Gelegenheit bietet, auf mein bisheriges Berufsleben zurückzublicken. So wie Prominente dies wöchentlich in der ZEIT-Kolumne «Was ich gerne früher gewusst hätte» machen, habe ich deshalb in Listenform notiert, was ich erst spät begriffen habe.

  • Die Revolution frisst ihre Kinder. Auch die technologische. Ach, Elon…
  • Pathos kommt gut. Junge Leute gehen erstaunlich unbefangen mit grossen Gefühlen um. Professionell agieren heisst eben nicht, Gefühle bei der Arbeit einfach auszublenden (so wie es in meiner Generation noch üblich war/ist).
  • Chrampfe darf nichts mit Freude zu tun haben. Ein Beispiel: «Du bist immer so gut gelaunt und lachst viel. Deine Mitarbeiter könnten glauben, Du nimmst die Arbeit nicht ernst.» (Einer meiner ex-Chefs)
  • Wer sich an die goldene Regel hält, dass Zuhören wichtiger als Reden ist, macht Fachkarriere.
  • Frauen machen nicht unbedingt Karriere, wenn sie ihre Projekte zuverlässig und erfolgreich abschliessen. Männer hingegen machen gerade dann Karriere, wenn sie Projekte (kontrolliert) an die Wand fahren, sie anschließend retten – und dafür als Helden gefeiert werden. Da ist es schon wieder, das Performative der Arbeit.
  • Wenn Du dich wieder einmal über die dummen Witze der Clowns ärgerst, hadere nicht mit den Clowns. Frage Dich, weshalb Du immer noch in den Zirkus gehst (Gefunden auf einem Corporate Blog. Der Spruch könnte aber auch in der Büroküche hängen.)
  • Ein Programmier-Gen? Ja, das muss es geben – und mir fehlt es. Leider.
  • Wenn Männer den Kinderarzt-Termin übernehmen, lassen sie gerne ihr Jacket am Bürostuhl hängen. Dann denken alle, sie seien in einem Meeting.
  • Nicht die Zahl neurodiverser Menschen hat so stark zugenommen – vielmehr ist unser Verständnis von dem, was die Norm darstellt, enger, starrer und ausgrenzender geworden. 
  • «We meet wonderful people but lose them in our busyness.» (Dogs Songs, Mary Oliver)
  • Das Härteste an der Arbeit war für mich die Inszenierung derselben. Nun ist der Vorhang gefallen.

Diese Erkenntnisse sind nicht allein auf meinem Mist gewachsen, sondern verdanke ich Freunden, Kolleginnen und all jenen, die – ähnlich wie ich – über Kultur und Kommunikation in der Arbeitswelt nachgedacht haben. Die Liste spiegelt die Stationen meines Arbeitslebens wider: Bank, IT-Projektgeschäft, Beraterin, Kommunikationsdozentin an einer Hochschule.

Je länger ich über manches, was ich spät begriffen habe, nachdenke, desto mehr reizt es mich , dem weiter nachzugehen. Welches Thema davon soll ich als Erstes vertiefen? Gebt mir Feedback in den Kommentaren. Ich habe jetzt Zeit 😉.

Wo bleibt die Schule der Aufgeschlossenheit?

«Ihr wollt Euch nur selbst hören.» (zitiert nach Pörksen, 2025, S. 271)

Mit diesem Ausruf einer Fotografin anlässlich der unversöhnlichen Debatte bei einem Lesemarathon von Hannah Arendts Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft in Hamburg ist das Problem, dem sich Bernhard Pörksen in seinem neuen Buch annimmt, sehr gut auf den Punkt gebracht. Wie schaffen wir es wieder, dass wir uns in gesellschaftlichen Diskursen gegenseitig zuhören können? Wann und unter welchen Bedingungen entsteht eine «kollektive Zuhörbereitschaft» (S. 24)? Ich habe Zuhören. Die Kunst, sich der Welt zu öffnen, für Euch gelesen.

Zuhören auf Reisen

Um Wege zu finden, die aus der Welt der kommunikativen Polarisierung, Ich-Vermarktung und dem Heischen nach Aufmerksamkeit herausführen, geht Bernhard Pörksen auf Reisen. Unterwegs spricht er mit Menschen, von denen er sich Lösungen für die grossen gesellschaftlichen Herausforderungen in Sachen Kommunikation verspricht. So trifft er sich immer wieder mit einem Jungunternehmer aus der Ukraine und diskutiert mit ihm darüber ist, wie man als angegriffenes Land in einer lauten Welt voller Katastrophenmeldungen und verbohrter Meinungen gehört werden kann. Dieses Interview hat nicht nur eine politische Seite, sondern auch eine menschliche. Über die Invasion der Ukraine zerbricht auch das Verhältnis Misha Katsurins mit seinem Vater, der in Russland lebt und die Erzählung des Kremls übernimmt. Er trifft ausserdem Stewart Brand, der im positiven Sinn den Mythos des Silicon Valley mitbegründet hat sowie den ehemaligen Gouverneur Kaliforniens Jerry Brown. Er schreibt über die Künstlerin Jenny Odell, den Internet-Ethiker Tristan Harris, den Klimajournalisten Andrew Revkin und spricht mit Luisa Neubauer in Hamburg. Doch er beginnt mit einer Reflexion, die ihm persönlich am Herzen liegt. Wie konnte es geschehen, dass in seinem eigenen progressiven pädagogischen Umfeld die Missbrauchs-Praxis an der Odenwald-Schule so lange vertuscht werden konnte? Wie konnte es sein, dass die Missbrauchten jahrelang kein Gehör fanden? Und wann wurden sie dann doch gehört? Auf diesen zentralen Fragen gründet Pörksen seine eigene Praxis des Zuhörens. Gemeinsam mit seinen Gesprächspartnern und unter Rückgriff auf deren Umfeld analysiert er das allgegenwärtige kommunikative rabbit hole, in dem sich viele Menschen befinden, und überlegt in einem abschliessenden Kapitel, wie wir aus ebendiesem herauskommen könnten.

Bewertung

Angesichts des Titels könnte der Eindruck entstehen, es handle sich um einen Reader über Gesprächsführung, aber darum geht es ihm nicht. Es handelt sich nicht um ein Ratgeber-Buch, sondern einen Essayband. Als Medienwissenschaftler geht es ihm um konstruktive gesellschaftliche Diskursgestaltung. Alle sagen, was immer ihnen beliebt. Aber wer hört noch zu? Diese Analysen führt er stets konstruktiv und unterhaltsam aus; er wirkt nie belehrend wissend, sondern neugierig suchend und auch selbstkritisch. Das wirkt überzeugend, denn so erfahren wir, was es für ihn persönlich braucht, dass er zuhören kann. So kommt er zum Schluss:

Denn bevor man kritisiert, bevor man für andere Formen des pluralismusfreundlichen Sprechens und Schreibens plädiert und diese einübt, bevor man überhaupt zu einer einigermaßen begründbaren Reaktion gelangen kann, gilt es, sich dem anderen erst einmal zuzuwenden, fasziniert von seiner unvermeidlichen Fremdheit, voller Neugier und Vorfreude auf das, was sich zeigen und im Gespräch offenbaren könnte: Das ist der Weg des Zuhörens, das ist der Weg der Komplexitätssteigerung von Wahrnehmung durch die Konkretion und die Kontextbetrachtung, von dem dieses Buch handelte. (Pörksen, 275-276)

Am Ende verweist Pörksen die Verantwortung für den offenen gesellschaftlichen Diskurs also an das Individuum zurück, was mich als Schlussfolgerung ein wenig enttäuscht hat. Zwar stellt er bereits zu Beginn seiner Ausführungen methodisch fest, dass es nie nur um die individuelle Tiefengeschichte gehe, die den Grundstein für Zuhören lege, sondern um das Zusammenspiel dieser individuellen Erfahrungen mit kollektivpsychologischer Dynamik und medialen Rahmenbedingungen. Doch – so mein Gesamteindruck – lässt er das sowieso schon überforderte Individuum allein zurück in seinem kraftvoll formulierten Schlussappell, denn er lässt strukturelle Faktoren, die helfen könnten, das Individuum in seiner Offenheit zu bestärken oder diese Offenheit überhaupt erst wieder entstehen zu lassen, ungesagt. Es ist sicherlich so, dass jeder Mensch zunächst einmal sich selbst zuhören können muss, bevor er sich anderen gegenüber öffnen kann. Doch muss jeder das so ganz alleine schaffen? Braucht es dafür nicht eine systematische Schule der Offenheit bzw. Aufgeschlossenheit, die allen offen steht? Vielleicht liegt Pörksens Verweis auf die Verantwortung des Einzelnen für das Entstehen von Dialogräumen auch darin begründet, dass er sich von seinen Gesprächspartnern – ebenso wie er sind das ausserordentlich autark wirkende und mehr als selbstbewusste Persönlichkeiten – hat beeinflussen lassen. Ob diese ihm bei seinen Fragen immer zugehört haben?

Danke an den Hanser-Verlag, der mir für die Rezension ein kostenloses Buchexemplar zur Verfügung gestellt hat.
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