Renommierter chilenischer Literaturpreis geht an Elicura Chihuailaf

Der Mapuche-Dichter hat den diesjährigen Premio Nacional de Literatura de Chile erhalten.

Elicura Chihuailaf (Quelle: Pontificia Universidad Católica de Chile, CC BY-SA 2.0)

Schon der Name ist Poesie. In der Mapuche-Sprache Mapudungun bedeutet Elicura so viel wie „gläserner Stein“, Chihuailaf ließe sich etwa mit „dichtes Nebelfeld“ übersetzen. Dass ein indigener Schriftsteller einen Nationalpreis verliehen bekommt, sollte mitten im 21. Jahrhundert eigentlich kein Novum darstellen. Doch im offiziellen Kunstkanon wie in der Gesellschaft im Allgemeinen führen die indigenen Völker auch heute noch ein Schattendasein. Während in Santiago der nationale Literaturpreis verliehen wird, kämpfen in der 600 Kilometer weit entfernten Provinz Araucanía indigene Landgemeinden um ihre Territorien, die sich vielfach in den Händen von Privatbesitzer*innen befinden. In der südchilenischen Provinz ist der größte Teil der indigenen Bevölkerung ansässig.

Übersetzung in 20 Sprachen

Der Premio Nacional de Literatura de Chile ist die landesweit wichtigste literarische Auszeichnung, mit dem bereits das Gesamtwerk bekannter Nationaldichter*innen wie Pablo Neruda (1945), Gabriela Mistral (1951) oder Antonio Skármeta (2014) gewürdigt wurde. Nun erhält mit Elicura Chihuailaf zum ersten Mal ein Mapuche die renommierte Auszeichnung. Chihuailaf, Dichter, Essayist und Übersetzer, kann auf einen langen und bedeutenden literarischen Werdegang zurückblicken. Der in der Gemeinde Quechurewe geborene Autor schreibt sowohl auf Spanisch als auch auf Mapudungun. Das Werk des 68-Jährigen findet auch international große Beachtung: Es wurde in zwanzig Sprachen übersetzt, unter anderem auch ins Deutsche.

Auf der Seite des VI. Festivals lateinamerikanischer Poesie in Wien sind einige seiner Gedichte ins Deutsche übersetzt.

2016 war Chihuailaf bereits als erster Mapuche für den chilenischen Nationalpreis für Literatur vorgeschlagen, aber nicht prämiert worden Die Kultusministerin Consuelo Valdés begründete die Auszeichnung nun mit seinem bedeutenden Gesamtwerk und seiner Fähigkeit, die mündliche Überlieferung der Mapuche in eine kraftvolle und reiche Schriftsprache zu übersetzen, die über die der Mapuche hinausgehe. Mit dichterischem Können und einem ganz eigenen sprachlichen Stil habe Chihuailaf entscheidend dazu beigetragen, ihr poetisches Universum in der ganzen Welt zu verbreiten und aus der Gegenwart heraus die Stimmen seiner indigenen Vorfahr*innen zugänglich und hörbar zu machen.

Eine freundliche Geste

Die erstmalige Auszeichnung eines Mapuche mit dem chilenischen Literaturpreis wurde nicht nur als kurioses Ereignis verkündet, sondern auch als freundliche Geste verstanden. Zwischen den Zeilen interpretierte man die Auszeichnung Chihuailafs als ein wichtiges Zugeständnis der chilenischen Regierung an einen Repräsentanten einer Kultur, die durch Staat und Gesellschaft nach wie vor Ausgrenzung und Diskriminierung erleidet. Das ursprüngliche Stammesgebiet der Mapuche befindet sich heute weitgehend in den Händen staatlicher Unternehmen, Investoren und Großgrundbesitzer, ist jedoch nach indigenem Recht und internationalen, auch von Chile ratifizierten Abkommen weiterhin indigener Landbesitz. Auch auf kultureller Ebene ist die Diskriminierung und Ausgrenzung der Mapuche sichtbar. Die indigene Kultur, ihre Sprache, ihre Erfahrungen und Wissensbestände haben weder Wert noch Platz in der chilenischen Gesellschaft.

Indigene Kosmovision als Teil einer Protestkultur

Aufgrund seines Jahrgangs (geboren 1952) wird Chihuailaf oft mit der chilenischen Autor*innengeneration der 1960er Jahre in Verbindung gebracht, zu der u. a. der bekannte Dichter Raúl Zurita gehört. Auch mit den Schriftsteller*innen, die nach dem Militärputsch von 1973 aktiv waren – die sogenannte Versprengte Generation (Generación Dispersa) oder Generation der Diaspora und des inneren Exils – wird Chihuailaf in einem Zuge genannt. Die Literaturkritik sah im Aufkommen der Mapuche-Dichtung den Beginn einer sich verändernden Konzeption der chilenischen Literaturgeschichte. Diese war bis dahin von den schriftstellerischen Größen Chiles Gabriela Mistral, Vicente Huidobro, Pablo de Rokha, Pablo Neruda und Nicanor Parra geprägt. Eine rege Debatte problematisierte die Aufnahme der Mapuche-Werke in die literarische Tradition der großen chilenischen Dichtung. Die Poesie der Mapuche wurde als autonomes kulturelles Schaffen betrachtet, das in der Mündlichkeit wurzelte und damit weit entfernt von den symbolistischen und modernistischen Mustern europäischer Poesie und ihrer Dichterfigur lag. Um die Autonomie ihrer Poesie zu verteidigen und zu unterstreichen, positionierte sich ein Teil der Mapuche-Dichtung dem chilenischen Staat gegenüber kritisch und brachte durch die Fokussierung auf die eigene indigene Kosmovision und kulturellen Eigenheiten ihr Aufbegehren gegen kulturelle Ausgrenzung zum Ausdruck. Gerade die Mündlichkeit ist es, die Chihuailaf in seinen Werken stark macht. Er selbst nennt sich einen Oralitor, um damit die Bedeutung des Mündlichen für das Denken und die lebendige Gedächtniskultur der Indigenen hervorzuheben sowie auf den generellen intellektuellen Wert von Oralität hinzuweisen, den ihr die Akademie und intellektuelle Kreise absprechen.

Prämierung bedeutet keine staatliche Anerkennung der Mapuche-Kultur

Die Auszeichnung mit dem wichtigsten Literaturpreis Chiles betrachtet Chihuailaf dennoch nicht als Zeichen der Anerkennung für sein literarisches Werk oder für die Mapuche und ihre Kultur durch die chilenische Regierung. So erklärte der Schriftsteller in einem Fernsehinterview nach der Preisverleihung auf die Frage, was die Prämierung ihm denn bedeute: „Naja, ich empfinde diese Auszeichnung nicht als Würdigung durch den chilenischen Staat. Eine Fachjury habe entschieden und mein Werk ausgezeichnet. Entschuldigen Sie, dass ich es hier nochmal erwähne, aber meine Werke werden auf der ganzen Welt gelesen. Es geht um 43 Jahre schriftstellerische Arbeit, deren Bedeutung weit über das, was sich heute Chile nennt, hinausgeht. Erst kürzlich hat die Generaldirektorin der UNESCO in einer Rede über die Geschichte der Weltliteratur auf meine Arbeit Bezug genommen und am Ende aus meinem Gedicht Sueño Azul (Blauer Traum) zitiert.  Was mich hingegen wirklich freut, ist, wenn Kinder, Jugendliche und Erwachsene durch meine Dichtung mehr über unsere indigenen Vorfahr*innen erfahren“. Die Berücksichtigung bei einer Preisverleihung sage nichts über den Wert eines literarischen Werks. Der chilenische Literaturpreis könne jedoch, so der prämierte Schriftsteller, „eine Tür oder zumindest ein Fenster sein, durch das auch das oberflächliche und verkaufte Chile – also die Mächtigen, die das Land regieren –  die Tiefe, Schönheit und Zartheit der indigenen Kulturen wahrnehmen – insbesondere die der Mapuche, von denen ich einer bin.“

Ursprünglich ist der Artikel am 17.09.2020 auf dem Nachrichtenpool Lateinamerika erschienen, https://www.npla.de/thema/kultur-medien/renommierter-literaturpreis-geht-zum-ersten-mal-an-einen-mapuche/ (lizenziert unter CC BY-SA 4.0 international). Autorin ist Mónica López Ocón. Lediglich den Link zu den Deutsch-Übersetzungen habe ich hinzugefügt.

Ich lerne Ladino

Ich lerne Ladino. Wenn ich das sage, meine ich nicht das rätoromanische Ladinisch, sondern Ladino, die Sprache der sephardischen Juden. Neben dem Begriff Ladino sind auch Namen wie Judenspanisch, Djudeo-Espanyol oder Sefardisch zur Bezeichnung dieser Sprache gebräuchlich.

Was ist Ladino?

Über 500 Jahre lang war die Sprache unreguliert, so dass es nicht nur mehrere Bezeichnungen für sie gibt, sondern auch mehrere Spielarten, sie zu schreiben und zu sprechen. In der Definition meiner Lehrerin Liliana vom Centro Cultural Sefarad in Buenos Aires wird mit dem Ladino die Sprache der sephardischen Juden in der Diaspora des ehemaligen ottomanischen Reiches bezeichnet. Es ist auch die Bezeichnung, die die israelische Knesset bevorzugt (Gabinskij, Mark A. (2011): Die sefardische Sprache. Tübingen: Stauffenberg, S. 24). Historisch gesehen geht der Begriff darauf zurück, dass im mittelalterlichen Spanisch ein Muslim oder Jude „Ladino“ genannt wurde, der die Sprache der Christen sprach (eine vom Lateinischen abgeleitete Sprache). Mit „ladinar“ war aber auch die Übersetzung eines Bibeltextes ins Kastilische gemeint.

Um die Sprache vor dem Aussterben zu bewahren, wurde 1997 in Israel die Akademia nasionala del Ladino gegründet. Sie ging 2018 als 24. nationale Akademie in der Real Academia Española mit Sitz in Israel auf. 2020 soll sie voll funktionsfähig werden.

Neben zahlreichen Einflüssen des Hebräischen und Aramäischen ist das Ladino auch von den Sprachen der Zielländer beeinflusst worden. So lässt sich auch erklären, dass das Ladino vor allem in den Ländern lange überlebt hat, wo der Kontakt zum Kastilischen selber verloren ging. In den Kolonien Lateinamerikas ist das Ladino dagegen sehr schnell verloren gegangen, denn dort wurde fast überall Kastilisch gesprochen und die dorthin vertriebenen Juden bzw. Konvertiten nahmen die Neuerungen mit auf.

Sephardische Migrationen (Von Universal Life – http://michel.azaria.free.fr/History.htm, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4618667)

Die erste Schulstunde

Vinidos con bueno. In der ersten Stunde haben wir hauptsächlich über die Geschichte der Sprache geredet, so wie ich sie gerade geschildert habe, und haben die Regeln für Aussprache und Schreibung gelernt. Früher wurde Ladino hauptsächlich in hebräischen Buchstaben geschrieben. Im A1-Kurs, den ich gerade besuche, wird mir das Schreiben einfach gemacht. Das moderne Ladino bedient sich lateinischer Buchstaben und ist sehr nah an der Phonetik dran. Wer Spanisch spricht, versteht einen Alltagstext sehr gut. Nach meinem ersten Eindruck vermute ich, dass das moderne Ladino vom modernen Kastilisch Spaniens weniger weit entfernt ist als das Schweizerdeutsche vom Hochdeutschen. Die Lehrerin machte auch klar, dass es den sephardischen Kulturzentren vor allem darum geht, die Hemmschwelle, sich mit dem Ladino zu beschäftigen, niedrig zu halten. Ob das dann letztlich das Ladino ist, das heute noch gesprochen wird, kann ich noch nicht sagen.

Ich bin gespannt, wie’s weitergeht. Wir sind ein kleiner Zoom-Kurs mit derzeit 4 Teilnehmerinnen, zwei sind aus Buenos Aires, eine aus Brasilien und ich aus der Schweiz. Ich halte Euch auf dem Laufenden, wie es im Kurs weitergeht. Bis dahin wünsche ich Euch „kaminos de leche i miel“.

Mir geht es „muy very good“ – vom Umgang mit dem Tod in der mexikanischen Kultur

Wenn es nach den toltektischen Vorstellungen vom Himmel geht, kommen wir alle ins Paradies. Das ist tröstlich und nimmt die Angst vor dem Tod. Es kommt aber noch besser. Einmal im Jahr kehren die Seelen der Verstorbenen sogar zurück ins Diesseits, um die Lebenden zu besuchen. Der Tod bedeutet also nicht Trennung für immer.

Diese Überzeugung bildet den Ursprung des Día de los Muertos (Tag der Toten), der wie kein anderer mexikanischer Feiertag der kulturellen Selbstvergewisserung des Landes dient. Anders als in Europa wird nicht voller Trauer der Toten gedacht, sondern ihnen zu Ehren ein grosses, buntes Volksfest veranstaltet. Die Schweizer Autorin Milena Moser und ihr mexikanischer Lebenspartner Victor-Mario Zaballa haben gemeinsam ein Buch über diese Festtage und damit das Verhältnis der mexikanischen Kultur zum Tod geschrieben. Es trägt den Titel: Das schöne Leben der Toten. Vom unbeschwerten Umgang mit dem Ende.

Diego Rivera Núñez, CC BY 2.0, Sueño de una Tarde Dominical en la Alameda Central, Museo Mural Diego Rivera

Ohne Tod kein Leben

Die Mischung aus ethnografischen Beschreibungen kultureller Praktiken, Alltagserlebnissen der Schweizer Autorin in einem hybriden kulturellen Umfeld und ihren damit verbundenen Alteritätserfahrungen wird durch farbenfrohe Illustrationen Zaballas ergänzt. Die Intensität der Farben unterstreicht den Charakter des Día de los Muertos und damit die Intention des Buches:

Die mexikanische Kultur hat den Tod akzeptiert. Sie bekämpft ihn nicht, sie integriert ihn. Der Tod ist untrennbar mit dem Leben verbunden. Er ist immer dabei. Er wird gefeiert, er wird geneckt, er wird herausgefordert, er wird geehrt.

Moser/Zaballa, Das schöne Leben der Toten. Vom unbeschwerten Umgang mit dem Ende, Zürich: Kein & Aber, S. 17

Wem gehört die Tradition?

Moser geht in ihren Ausführungen über die Rituale, die im Zentrum des Día de los Muertos stehen, sehr vorsichtig vor. Wenn sie den Gang über den Markt beschreibt, auf dem sie die Blumen für den Altar kaufen, wenn sie über die Speisen spricht oder den Altar selber schmückt, kommt Zaballas Stimme als Rückversicherung immer wieder durch. Moser präsentiert sich als Chronistin, die das aufschreibt, was ihr Mann ihr aus seiner eigenen kulturellen Erfahrung erzählt. Das gibt ihren Ausführungen die Authentitiziät, die sie als Schweizerin den Beobachtungen so nicht geben könnte. Gleichzeitig befreit sie sich durch die vielen indirekten und direkten Zitate ihres Lebensgefährten von dem möglichen Vorwurf, mit ihren Überlegungen kulturelle Aneignung zu betreiben. Gerade der Día de los Muertos, ein Feiertag indigenen Ursprungs, ist in den USA sehr starken Kommerzialisierungsprozessen ausgesetzt. Moser weiss genau, was politisch opportun ist, und stellt sich kritisch die Frage, ob sie überhaupt befugt sei, über eine fremde Kultur zu schreiben, „ohne sie zu verletzen“ (S. 72). Sie beantwortet ihre Zweifel mit dem Lieblingswitz Zaballas:

„Weisst du, wie sich die traditionelle indigene Familie zusammensetzt? Nein? Aus Mutter, Vater, drei bis fünf Kindern, Großmutter, unverheirateteter Großtante, zwei Hunden und einer deutschen Anthropologin.“

Moser/Zaballa, Das schöne Leben der Toten. Vom unbeschwerten Umgang mit dem Ende, Zürich: Kein & Aber, S. 72

Bewertung

Ich habe keine Ahnung, wie gut Milena Moser sonst schreibt. Als ich das Buch in der Buchhandlung zur Kasse brachte, erwähnte der Buchhändler ausdrücklich, dass es sich bei dem Buch um ein Sachbuch handle. Denn Milena Moser ist nun einmal aus Buchhändlersicht eher fürs Romaneschreiben bekannt. Mich aber hat das Buch angesprochen, weil ich es als Hispanistin spannend fand, wie eine deutschsprachige Autorin den Dia de los Muertos erklärt.

Ja, es ist ein Sachbuch, aber der Verlag bewirbt es nicht umsonst als „erzählendes Sachbuch“. Das trifft die Sache sehr gut. Moser und Zaballa bieten Lesern, die wenig über Mexiko wissen, eine liebevolle Einführung in das Verhältnis der mexikanischen Kultur zum Tod. Beide sind keine Kulturwissenschaftler und erheben auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Mosers Stärke ist das autobiografisch reflektierte Erzählen. Wer eine andere Kultur beschreibt, hält sich unweigerlich immer auch den Spiegel vor. Letztlich geht es in dem Buch aber um mehr als ein kulturvermittelndes Unterfangen. Der Text ist eine sehr persönliche Liebeserklärung an ihren Partner, der schwer krank ist und den Tod trotzdem nicht fürchtet. Vielleicht ist ihr damit schon eine grosse Annäherung an die mexikanische Kultur gelungen, von der es heisst:

Das Formale ist wichtig – und wird doch immer mit einem Augenzwinkern ausgeführt.

Moser/Zaballa, Das schöne Leben der Toten. Vom unbeschwerten Umgang mit dem Ende, Zürich: Kein & Aber, S. 50

Das Buch ist informativ und unterhaltsam. Ich kann seine Lektüre empfehlen.

Wer noch mehr über das Buch und die Hintergründe seiner Entstehung hören möchte, kann dieses Gespräch von Frank Meyer mit der Autorin im DLF Kultur hören.

Engagierte Theaterarbeit in Peru in Gefahr — Förderkreis des IAI

Aufruf zur Unterstützung Je länger die Corona-Krise anhält, desto stärker geraten viele engagierte Kulturprojekte in Lateinamerika in Existenznot. Yuyachkani, eine Theatergruppe aus Lima, Peru, hat sich jetzt mit einem Hilferuf an die Öffentlichkeit gewandt. Der Förderkreis des IAI unterstützt die Spendenkampagne der Berliner Initiativen Ríos Profundos und Sociedad Académica Peruana e.V. für die laufenden Unterhaltskosten des […]

Engagierte Theaterarbeit in Peru in Gefahr — Förderkreis des IAI

Benjamin von Tudela: der jüdische Marco Polo des Mittelalters

Der Vergleich in der Überschrift mag anmassend klingen, denn Marco Polo ist mit seinen Reisen weltberühmt geworden. Die Reisen Benjamin von Tudelas (hebräischer Name: Biniamin ben rabbí Yonah mi-Tudela) führten denn auch tatsächlich nicht ganz so weit in den Osten, doch sie geben ein gutes Zeugnis über die Eindrücke eines jüdischen Reisenden in die Region, die wir heute als Nahen Osten bezeichnen. Immerhin gilt er als der erste Europäer der Neuzeit, der China mit dem heutigen Namen erwähnt. Anders als Marco Polo ist Benjamin von Tudela bis heute weitgehend unbekannt. Auch ich traf heute erstmals in einem Artikel der La Vanguardia auf die Reiseberichte des Rabbinersohns aus dem navarrischen Städchen Tudela.

Die Reisen

Er notierte genau, was er auf seinen Reisen zwischen 1160 und 1173 beobachtete (eine andere Quelle behauptet auch ab 1158). Seine Notizen, die von einem unbekannten Autoren im Libro de viajes (Masa’ot Binyamin) zusammengestellt worden sind, machen ihn bis heute zu einem bedeutenden Geographen und Darsteller der jüdischen Geschichte des Mittelalters. Seine genaue Route ist nicht bekannt, aber sie kann wie folgt rekonstruiert werden:

Benjamin of Tudela route – ru.svg: Kaidor (talk · contribs) derivative work: rowanwindwhistler / CC BY-SA

Besonders angetan war er vom damaligen Konstantinopel:

„An diesem Ort“, fährt er fort, „zeigen sich vor dem König und der Königin alle Arten von Menschen auf der Welt, wie durch Zauberei; und sie bringen Löwen, Panther, Bären und Zebras dazu, gegeneinander zu kämpfen; sie tun dasselbe mit Vögeln, und so ein Spektakel sieht man in keinem anderen Land.“

übersetzt aus dem Spanischen, https://www.lavanguardia.com/historiayvida/edad-media/20200630/482013608705/benjamin-tudela-marco-polo-judio-libro-viajes-constantinopla-bagdad.html

Auch von Bagdad und der Person des Kalifen ist er sehr begeistert. Mit grossem Detail schildert er das Leben der jüdischen Gemeinschaften und hält seine Eindrücke vom städtischen Leben insgesamt in seinen Notizen fest. So schreibt er genau auf, wie die jüdische Gemeinde lebt, wer sie anführt und wie ihre Lage jeweils ist – ob sie marginalisiert sind und unterdrückt werden oder ob sie sich mit den Machthabern arrangiert haben. Bis heute spekulieren Historiker und Philologen über die Motive seiner Reise. Eine häufig geäusserte Hypothese ist die, dass er als Händler neue Märkte suchte. Da er sich einige Male interessiert über Korallen äussert, vermutet man, dass er möglicherweise mit Schmuck handelte.

Das Buch

Wenn ich die Quellenlage richtig deute, ist die Originalausgabe 1543 in hebräischer Sprache in Konstantinopel erschienen, also 50 Jahre nach der Vertreibung der Juden aus Spanien. Es ist wenig erstaunlich, welch lange Reise die Notizen machen mussten, um endlich veröffentlicht zu werden. Sie zeichnet das Schicksal vieler sefardischer Juden nach, die nach 1492 gen Osten ziehen mussten. Es scheint fast so, dass die erste spanische Übersetzung erst 1918 herausgegeben wurde. Sie ist als pdf erhältlich. 1994 hat die Regierung Navarras auch eine dreisprachige Ausgabe in Spanisch, Baskisch und Hebräisch herausgegeben.

Wer das Buch lieber auf Englisch lesen möchte, findet eine Übersetzung auf dem Projekt Gutenberg: http://www.gutenberg.org/files/14981/14981-h/14981-h.htm

Eine deutsche Übersetzung ist leider nur antiquarisch erhältlich: https://www.zvab.com/buch-suchen/titel/juedische-reisen-im-mittelalter/autor/tudela/

Mord mit beschränktem Zutritt

Claudia Piñeiros Kriminalroman Betibú gibt den Lesern einen überzeugenden Einblick in das Leben einer „gated community“ in der Nähe von Buenos Aires.

Wenn „Country“ Stadt mit Mauern bedeutet

Die räumliche Ausdehnung Argentiniens entspricht in etwa der des indischen Subkontinents. Doch wer in dem südamerikanischen Staat etwas auf sich hält, meidet die Weite des Landes und zieht sich freiwillig hinter die luxuriösen Mauern bewachter Wohnsiedlungen zurück. So auch der Finanzier Pedro Chazarreta, der ein großes Haus in „La Maravillosa“, einem dieser künstlichen Orte südlich der Hauptstadt Buenos Aires, bewohnt. Bewachte Wohnsiedlungen oder „gated communities“ werden in Argentinien „country“ genannt und sind ein Inbegriff der Illusion des friedlichen und sicheren Landlebens.

Doch Sicherheit findet Chazaretta hier nicht. Nachdem bereits vor drei Jahren seine Ehefrau mit aufgeschlitzter Kehle im eigenen Wohnzimmer gefunden wurde, ereilt ihn das gleiche Schicksal. Der abgehalfterte Polizeireporter Jaime Brena und die Kriminalautorin Nurit Iscar spüren dem Fall gemeinsam nach. Die Schriftstellerin bezieht kurzerhand im Auftrag einer fiktiven argentinischen Tageszeitung, für die auch Brena arbeitet, ein Haus in der Siedlung, um besser ermitteln zu können. Die Grenzen zwischen Schriftstellerei und Journalismus verwischen sich. War es Selbstmord, wie die Polizei vermutet? Wer käme als Mörder in Frage? Eine Kette seltsamer Todesfälle aus dem Bekanntenkreis des Unternehmers reißt nicht ab. Ist das wirklich alles nur Zufall?

Krimi als Medienkritik

Claudia Piñeiro entwickelt leichtfüßig und beschwingt einen spannenden und gut zu lesenden Kriminalroman. Gleichzeitig kann man zwischen den Zeilen Kritik an der gegenwärtigen Politik und Gesellschaft Argentiniens lesen. Diese Bemerkungen stören das Lesevergnügen nicht, sondern steigern es. Besonders süffisant sind die Ausführungen über das Verhältnis von Presse und Politik. Diese zeigen sich vor allem in der angeblichen Feindschaft des Chefredakteurs der Zeitung „El Tribuno“, für die Brena und Iscar arbeiten, zum nicht namentlich genannten Präsidenten Argentiniens. Es ist leicht zu durchschauen, dass es sich dabei um ein Abziehbild der beiden Kirchners handelt.

Etwas mehr Tiefgang haben die Reflexionen, wie der Journalismus der Zukunft aussehen könnte. Im Streit der gestandenen Zeitungsleute mit den Nachwuchsjournalisten, in dem es darum geht, ob Google und Twitter oder doch eher die Recherche vor Ort besser funktionieren, wird mehr als einmal der Nestor des investigativen Journalismus in Argentinien, Rodolfo Walsh, zitiert. Immerhin kommen die Zeitungsleute durch ihre unterschiedlichen Methoden gemeinsam der Aufklärung des Falles näher als die Polizei. Auch diese Einladungen, über die zukünftige Medienwelt nachzudenken, sind eher Appetithäppchen denn schwerverdauliche Kost.

Literarische Bewertung

Piñeiro geht es um kluge Unterhaltung auf gutem, vermarktbarem Niveau, nicht ums Moralisieren. Nurit Iscars Klatsch und Tratsch im vertrauten Kreis ihrer Freundinnen – das sind Identifikationsmuster, die mich sonst beim Lesen eher nicht ansprechen. Dank subtiler Selbstironie sorgt Piñeiro jedoch jederzeit dafür, dass die Freundinnen der Protagonistin an keiner Stelle verkrampft und provinziell rüberkommen wie die „Desperate Housewives“. Ihre Dialoge sind lebensecht und erfrischend, auch in der deutschen Übersetzung. Die Erzählstruktur, die über einen Kriminalfall die privaten Schicksale der Beteiligten miteinander verbindet, ist konsistent und gradlinig. Es geht weniger darum, den Täter zu finden, als seine Motivation zu entschlüsseln.

Das Buch ähnelt nicht zuletzt seiner Titelfigur: Nurit Iscar wird wegen ihrer schwarzen Locken „Betibú“ genannt. „Betibú“ ist die spanische Verballhornung der US-Comicfigur „Betty Boop“ aus den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts. „Betibú“ steht für frischen, vorlauten und unkonventionellen Sexappeal, der jedoch nie ganz frei von Selbstzweifeln ist – ein wenig so wie das Land, das die Autorin im Roman zeichnet.

Claudia Piñeiro ist eine der bekanntesten literarischen Stimmen Argentiniens. Sie repräsentierte ihr Land 2010 auf der Buchmesse in Frankfurt, als der südamerikanische Staat Schwerpunktthema war. Betibú ist, wie alle anderen deutschen Übersetzungen ihrer Romane, 2011 im Zürcher Unions-Verlag erschienen und über den ZVAB weiterhin erhältlich.

Diese Buchbesprechung stammt aus dem Archiv und wurde ursprünglich auf dem Informationsportal The Intelligence veröffentlicht.

 

María Gainzas Bildergeschichten

Zugegeben, es hat mich Überwindung gekostet, das Buch anzufangen. Nach meinem Besuch in Buenos Aires im Januar 2019 habe ich es doch gekauft. Dennoch hat es eine dreimonatige Quarantäne gebraucht, bis ich das Buch tatsächlich gelesen habe. Was hat mich so lange von der Lektüre abgehalten? Zwei Gründe waren es. Zum einen bin ich selber kein visueller Mensch. Es gibt nur wenige Bilder, die mich länger als 10 Minuten beschäftigen. Die meisten lassen mich kalt. Ich bevorzuge ausserdem Bilder, die die Natur mir bietet. Weshalb also sollte ich ein Buch lesen, indem es vor allem um die Wahrnehmung von Bildern geht? Zum anderen ist die Erzählerin, so erfahre ich bereits auf dem Klappentext, Kunsthistorikerin. Klischeehaft habe ich mir deshalb einen Roman vorgestellt, der versucht, dank einem Gemisch aus intellektuellem Gesäusel und etwas bildungsbürgerlicher Esoterik ein wenig Emotion zu erzeugen. Doch es kam ganz anders. Marías Gainzas Lidschlag ist ein sehr gutes Buch. Gainza erzählt unangestrengt und mit feiner Ironie von Bildern und den Geschichten, die sie mit ihnen verbindet.

Die Erzählerin

Damit sind wir auch schon bei der Frage, wie viel hat die Autorin mit der Erzählerin gemeinsam? Wie die Erzählerin hat auch die Autorin einmal Kunstgeschichte studiert, wenn auch ohne das Studium abzuschliessen. Sie schreibt seit vielen Jahren für angesehene Magazine über Kunst und kuratiert Ausstellungen. Wie die Erzählerin hadert sie mit ihrer Herkunft aus der grossbürgerlichen Oberschicht von Buenos Aires, die ihre besten Jahre hinter sich hat. Beide dürften so um die vierzig sein.

Die Erzählerin bringt uns mit ihrer ganzen Familie in Kontakt, wenn auch meist sehr zurückhaltend. Die Mutter, der Vater, der Halbbruder in San Francisco, die Oma, zu der sie während ihrer Jugend kurzzeitig zog. Und da sind auch ein Verlobter und ihr Mann, später ein Kind. Durch viele Rückblenden erscheint es manchmal so, als ob es nicht nur eine María wäre, die beobachtet und erzählt. Aber wer bleibt schon sein Leben lang dieselbe? Der Konflikt mit der Mutter zieht sich denn doch wie ein roter Faden durch den Roman. Eines Tages entdeckt die Erzählerin, dass ihre Mutter alle Spiegel im Auto so eingestellt hat, dass sie immer sich selber sieht (deutsche Übersetzung, S. 47). Auch Maria ist nicht frei von Selbstbezogenheit. Anders als ihre Mutter aber sucht sie nicht nur sich selbst in den Gemälden, sondern schafft es gerade durch diese, sich für einen Moment zu vergessen.

Geschichten und Bilder

In einem Interview mit Nathan Scott McNamara erklärt Gainza, wie sie auf die Idee kam, ihr Buch zu schreiben:

She walks me over to the bookshelf to show me the greatest influence on Optic NerveThe Story of Art by E. H. Gombrich, “That book for me was key,” Gainza says, holding the 670-page text adoringly in her hands. “It didn’t say the history of art. It said the story. Everything is a story. I used to read the way people were writing about art here—they were talking like lawyers. Mira,” she opens the cover page and shows me the handwritten date: London 1996. “This was a turning point for me. When I got back from London, I said, ‘I want to write about art.’ Something about the way he wrote was so easy, so readable. The way he doubled his voice or divided it and created a persona.”

https://lithub.com/an-afternoon-at-maria-gainzas-buenos-aires-home/

Der Roman besteht aus insgesamt 11 Episoden. In ihnen verbinden sich Reflexionen über ein Bild und seinen Maler mit Versatzstücken aus dem Leben der Erzählerin sowie ihrer Familie und Bekannten: Bilder als Ausgangspunkt von Assoziationsketten. So ergibt sich aus dem Buch eine schöne Mischung aus tagebuchähnlichen Einträgen, Kunstkritik und Künstlervignetten. Mir hat besonders gut gefallen, wie gut sie beobachten kann und wie genau und witzig sie diese Beobachtungen sprachlich umsetzt. Wenn ich manches Mal anfing zu überlegen, jetzt wirkt sie aber doch etwas unterkühlt, überrascht sie durch eine originelle Idee oder Beobachtung, die berührt. Gut gefallen hat mir auch, dass sie sich hauptsächlich auf Bilder bezieht, die in Museen in Buenos Aires besichtigt werden können. Dank der Verflechtungen von Bild, Künstlerbiografie und Erzählerleben werden die erwähnten Kunstwerke auch ohne Abbildung sehr gut vorstellbar.

Für diejenigen, die die besprochenen Bilder auch visuell geniessen wollen, hat María Gracia Chiaradia eine Diashow zusammengestellt, die alle vorgestellten Werke des Romans enthält:

Rezeption des Buches

Das Buch ist von der Kritik euphorisch aufgenommen worden (hier, hier, hier und vor allem Cees Noteboom). Der Roman, zunächst 2014 in einem kleinen argentinischen Verlag erschienen, ist inzwischen in 10 Sprachen übersetzt worden. Wie gut die deutsche Übersetzung von Peter Kultzen gelungen ist, vermag ich nicht zu sagen. Ich habe die spanische Ausgabe von 2017 gelesen. Der Roman steckt voller visueller und sprachlicher Anregungen. Die Erzählerfigur María gibt dem Ganzen sehr viel Kohärenz, auch wenn die Episoden wenig berechenbar werden. Der positiven Kritik schliesse ich mich also gerne an.

„Wir verlieren Lateinamerika“

Das gab es lange nicht: endlich einmal wieder ein literaturkritischer Schwerpunkt Lateinamerika! Die neue Ausgabe des Rezensionsforums literaturkritik.de widmet sich der aktuellen Literatur aus Brasilien und den spanischsprachigen Ländern Amerikas. Ich habe selber noch nicht alles gelesen, finde es aber erfrischend und ermutigend, dass sich die deutschsprachige Literaturkritik dieser geografischen Region erneut anzunähern versucht.

Diese Kulturvermittlung vollzieht sich überraschenderweise immer noch vor allem über eine Person: Das ist Michi Strausfeld, die seit den 80er Jahren als Lektorin beim Suhrkamp Verlag dafür gesorgt hatte, die lateinamerikanische Literatur im deutschsprachigen Raum bekannt zu machen. Im Studium war sie für mich ein grosses Vorbild. Ein Interview mit ihr steht im Zentrum der Ausgabe des Rezensionsforums. Strausfeld äussert sich besorgt darüber, dass die kulturellen Kontakte zu dieser so vielfältigen aber auch schwierig zu fassenden Region verloren gehen. Von ihr stammt auch das Zitat, das diesem Beitrag den Titel gibt.

Wann haben Sie zuletzt einen lateinamerikanischen Roman gelesen? Vielleicht finden Sie in der aktuellen Ausgabe der literaturkritik.de ein paar Anregungen oder schauen immer wieder bei mir vorbei.

Ich habe gerade Maria Gainzas El nervio óptico gelesen (auf Deutsch unter dem Titel Lidschlag bei Wagenbach erschienen) und werde das Buch demnächst auf diesem Blog vorstellen.

Der Fluch der Rohstoffe

Maristella Svampa, Soziologin von der Universidad Nacional de La Plata in Buenos Aires, hielt die diesjährige Tschudi Lecture der SSLAS. Ihr Thema: Die Auswirkungen des Anthropozäns in Lateinamerika. Diese manifestieren sich, so ihre These, vor allem in unzähligen Konflikten um Landnutzungsrechte und den Raubbau von Rohstoffen – ein Thema, das die lateinamerikanischen Gesellschaften seit mehr als fünf Jahrhunderten beschäftigt.

Rohstoffexporte sorgen für wachsenden Wohlstand

Svampa erläuterte eingangs die Entwicklung vom Extraktivismus zum Neo-Extraktivismus in Lateinamerika. Unter Neo-Extraktivismus wird ein wirtschaftspolitisches Modell verstanden, das auf Wohlstandsentwicklung dank hoher Rohstoff-Exporte zielt. Steigende Rohstoffpreise und eine steigende Nachfrage haben dieses lateinamerikanische Wirtschaftsmodell seit den 90er Jahren beflügelt, ungeachtet der politischen Ausrichtung der einzelnen Regierungen. Es schien, als ob die Bevölkerung dank des eigenen natürlichen Reichtums endlich zu mehr Wohlstand kommen könne. Svampa sprach in diesem Zusammenhang vom „consenso de los commodities“ der lateinamerikanischen Staaten. Mit diesem Begriff spielt sie auf die Abwendung vom Washington Consensus an, mit dem die vom IWF und der Weltbank finanzwirtschaftliche Bewertung der lateinamerikanischen Krisenwirtschaften gemeint war. Das Auseinanderdriften der ehemals geopolitischen Blöcke hin zu einer multipolaren Welt habe den wachsenden Rohstoffhunger weiter beflügelt, insbesondere auch das Wachstum Chinas. Mehrere Faktoren haben in den letzten Jahren jedoch dazu beigetragen, dass dieser Konsens so nicht mehr hingenommen wurde.

Megaprojekte als Kipppunkt

Die Tendenz zu immer grösseren Projekten (Talsperren, Ölförderung, Goldminen in Naturschutzgebieten) hat zu wachsendem Widerstand bei der Bevölkerung gesorgt. Immer stärker beteiligen sich indigene Völker an den Protesten gegen diese extreme Form der Naturausbeutung. Denn oft werden diese Projekte in ihren Wohngebieten lanciert. Sehr oft werden aufgrund ungleicher Machtverhältnisse traditionelle Landnutzungen und -rechte ignoriert. Ebenso treten auch Frauen immer mehr als Protagonistinnen des Widerstands in den Vordergrund. Einen Atlas über die grössten Megaprojekte Lateinamerikas in Regionen mit mehrheitlich indigener oder afrikanischstämmiger Bevölkerung gibt es übrigens bei der UNAM.

Folie aus der Präsentation Maristella Svampas (Screenshot)

Ein New Green Deal für Lateinamerika?

Diese neuen ökologischen und sozialen Konflikte markieren für Svampa den Beginn einer neuen Phase, in der die bisherigen wirtschaftlichen Entwicklungsmodelle auf den Prüfstand gehören. Bisher wurde sozialer Aufstieg automatisch mit mehr Konsum gleichgesetzt. Wie sonst kann man sozialen Aufstieg in einer Gesellschaft messbar machen? Keine so leichte Frage angesichts der aussergewöhnlichen Situation, in der sich auch die lateinamerikanischen Gesellschaften aufgrund der Corona-Krise befinden.

In der Diskussion wurde denn auch die Frage aufgeworfen, ob die Corona-Pandemie eine Chance für eine nachhaltigere Wirtschaftsentwicklung sein könne. Svampa wünscht sich auch für Lateinamerika einen „New Green Deal“. Ein solcher benötige den Staat als verantwortungsvollen Akteur. Viele Aktivisten und Aktivistinnen würden aber dem Staat grundsätzlich sehr kritisch gegenüberstehen. Insgesamt blieb sie skeptisch, auch weil sich der Raubbau an Land und Menschen angesichts wirtschaftlicher Notwendigkeiten auch intensivieren könne.

Einschätzung

Aufgrund der Corona-Krise fand die Vorlesung in diesem Jahr online statt. Sehr systematisch und didaktisch klug fasste Svampa in ihrer Vorlesung, an der etwa 50 Personen via Zoom teilnahmen, ihr aktuelles Buch „Las fronteras del neoextractivismo en América Latina“ kompakt zusammen. Ihr Buch gibt es übrigens auch in englischer Übersetzung.

Anthropogene Spuren im virtuellen Raum

Der Workshop der Swiss School of Latin American Studies (SSLAS) vom 15-16. Mai 2020 findet, verbunden mit der alljährlichen Tschudi Lecture des Lateinamerika-Zentrums der Universität Zürich, virtuell statt. Der Umzug auf das Videoconferencing-Tool Zoom gibt der Veranstaltung die Chance, auch ausserhalb des kleinen akademischen Zirkels der schweizerischen Lateinamerikanistik wahrgenommen zu werden.

Ähnlich wie die Lateinamerika-Tagung, die ich im Januar an der Evangelischen Akademie in Hofgeismar besucht habe, stehen dieses Jahr Themen der Umweltkonflikte und ihrer Bewältigung im Zentrum der interdisziplinären Tagung. Das Anthropozän bedeutet in Lateinamerika vor allem Landkonflikte und Extraktivismus – Themen, die den Subkontinent seit der Conquista begleiten. Ich freue mich besonders auf die Tschudi-Lecture mit der argentinischen Soziologin Maristella Svampa. Auch das Panel am Samstag finde ich sehr interessant, weil gleich zwei teilnehmende Doktorierende sich kolumbianischen Themen widmen.

Hier ist der Link zum Detailprogramm mit den Zugangsdaten.

Quelle Beitragsbild: Eigenes Foto, Wiese in Machu Picchu