Ein Camino ohne Trubel und Menschenmassen

In meinem aktuellen Newsletter berichte ich über unsere 6-tägige Wanderung auf dem Camino de San Salvador. Dieser Nebenweg, der den Camino Francés mit dem Camino Primitivo (aber auch mit dem Camino del Norte) verbindet, ist sehr ruhig und auch für geübte Wanderer herausfordernd genug. Hier ist eine deutsche Zusammenfassung:

Die Geschichte des Camino San Salvador

Der Camino San Salvador ist ein Pilgerweg von León nach Oviedo, der sich im Mittelalter entwickelte. Pilger, die den Camino Francés entlangwanderten sowie diejenigen auf den weiter nördlich verlaufenden Routen, wagten sich an diese Überquerung heran, um die Kathedrale San Salvador in Oviedo und ihre Sammlung christlicher Reliquien zu besuchen, die in deren Heiliger Kammer aufbewahrt wurden. Die Traversierung des Kantabrischen Gebirges macht die Route auch für Bergwanderer interessant.

Ein traditionelles Sprichwort bringt auf den Punkt, warum Pilger diese Reise unternahmen: «Quién va a Santiago y no al Salvador, visita al criado y olvida al Señor» («Wer nach Santiago geht, aber nicht nach San Salvador, besucht den Diener [= den Apostel Jakobus, dessen Überreste in der Kathedrale von Santiago aufbewahrt werden], nicht den Herrn» [= Jesus Christus, den Erlöser, der in der Kathedrale von Oviedo verehrt wird]).

Unsere Wanderroute

Zu Beginn blieben wir erst einmal zwei Tage in León, das uns sehr gut gefallen hat. León ist eine sehr gepflegte Stadt, reich an Kultur und leicht zu Fuss zu erkunden. Wir waren vom Licht der Kathedrale und den Schätzen des Museo San Isidoro besonders beeindruckt.

Manche Pilger legen diesen Camino in vier Tagen zurück. Wir sind das Unterfangen etwas gemächlicher angegangen. Der Camino San Salvador beginnt in der flachen Agrarlandschaft rund um León. In Richtung Norden steigt die Route in das Kantabrische Gebirge an. In der Nähe des Pajares-Passes führt sie über offene Berghänge und üppige Wiesen. In Asturien windet sich dann der Weg durch kleine Dörfer und Täler, bis er schließlich Oviedo, die Hauptstadt des Fürstentums, erreicht. Es ist interessant, die Veränderungen in der Landschaft zu beobachten – von trockenen Feldern bis hin zu grünen Hügeln und Bergen. Rund um Oviedo wird es dann auch industriell.

Erster Tag: Am Freitagmorgen fuhren wir mit dem Bus nach Carbajal de la Legua, um schnell aus der Agglomeration Leóns herauszukommen. Von dort aus war es eine angenehme 18-km-Wanderung nach La Robla, die nur durch Millionen von Fliegen gestört wurde, die uns dazu zwangen, eine Weile die Klappe zu halten, damit sie uns nicht in den Mund fliegen konnten. In höheren Lagen verschwanden die kleinen Biester dann endlich.

Zweiter Tag: Von La Robla aus gingen wir zunächst nach Pola de Gordón, wo wir früh zu Mittag aßen und uns in einem Mini-Mercado mit Lebensmitteln für den Abend und den nächsten Tag versorgten. Wir wussten bereits, dass wir an unserem Tagesziel, Poladura de Tercia, kein Abendessen bekommen würden, da unser Gastgeber nicht bereit war, uns ein vegetarisches Gericht zu servieren. Das hatte er uns bereits per WhatsApp mitgeteilt. Nach 17,5 km kamen wir jedoch früh genug in der Pension an, um uns ein paar erfrischende Drinks an der Bar zu kaufen. Es war auch am Abend noch warm genug, um unsere Bocadillos auf der Terrasse der Herberge zu essen.

Dritter Tag: Die Etappe von Poladura de Tercia nach Pajares ist mit nur 11 km recht kurz, gilt jedoch aufgrund eines steilen Anstiegs, der auf rund 1’560 Meter zum höchsten Punkt der Route führt, und eines langen, steilen Abstiegs nach Pajares als die anspruchsvollste Etappe des gesamten Camino. Die Strecke liegt ein wenig abseits der Zivilisation. Es gibt keine Möglichkeit, in einer Bar eine Pause einzulegen, um etwas zu essen oder Wasser zu holen. Wir hatten Glück, dass wir genau in dem Moment, in dem der örtliche Teleclub öffnete, im Weiler Buiza ankamen. Die Dorfverwaltung betreibt den Teleclub als Barersatz für die Rentner und Rentnerinnen, die dort immer noch vor dem Mittagessen einen Aperitif genießen. Wir unterhielten uns mit den Rentnern über ihre frühere Arbeit in den Bergwerken und ihr ruhiges Leben in dem heute fast verlassenen Dorf. Sie haben uns auch dazu überredet, ein Los für El Gordo, die Weihnachtslotterie, zu kaufen, und wir haben ihnen versprochen, zur Fiesta zurückzukommen, falls das Los des Teleclubs gewinnt.

Insgesamt ist die Gegend sehr beschaulich, und man kann sich nachts sehr gut erholen. Spanien ist bekannt dafür, ein sehr lautes Land zu sein, aber auf unserer Route haben wir nachts nichts gehört.

Am vierten Tag sind wir von der üblichen Route abgewichen. Da ich mir für die Nacht ein hübsches altes Herrenhaus zum Schlafen ausgesucht hatte, mussten wir den Camino in Campomanes verlassen, um nach Sotiello zu gelangen. Zuvor hatten wir aber auch schon den ausgeschilderten Weg verlassen und waren der kleinen Straße hinunter ins Tal gefolgt (ohne jeglichen Verkehr), da uns eine Einheimische aus Chanos vor dem gefährlichen Bergpfad und den Bären gewarnt hatte. Einen Moment lang waren wir versucht, diesen Weg zu nehmen, denn Bären in freier Wildbahn zu sehen, klang für uns wie ein einmaliges Abenteuer; doch dann folgten wir artig der Empfehlung der Frau. Es war wieder ein sehr einsamer Tag, aber zumindest bekamen wir in Campomanes ein warmes Mittagessen und konnten an der Bar leckere Käse-Bocadillos für das Abendessen kaufen. Das einzige Restaurant in Sotiello schloss bereits um 16 Uhr. Was das Essen anging, musste man immer für 2 Tage im Voraus planen.

Auch der fünfte Tag begann abseits des markierten Weges. Da wir nicht über die Landstraße zurück nach Campomanes gehen wollten, schlugen wir einen Feldweg ein, der sowohl in der Outdoor Active-App als auch in Komoot deutlich eingezeichnet war. Wir mussten jedoch feststellen, dass ein auf der Karte eingezeichneter Weg nicht immer bedeutet, dass er auch tatsächlich existiert. Er endete einfach auf einer Kuhweide, und wir mussten uns durch dornige Hecken, Brombeersträucher und einen Stacheldrahtzaun kämpfen, um wieder auf einen Weg zu gelangen, der diesen Namen verdient. An diesem Tag habe ich meine geliebte Wanderhose ruiniert. Sie ist im spanischen Textil-Recycling gelandet. Zurück im Tal stießen wir endlich wieder auf die gelben Pfeile, die den Camino kennzeichnen. Wir hatten das Glück, in Pola de Lena ein herrliches und ausgiebiges Mittagessen zu genießen. Dort übernachteten wir auch.

Am sechsten Tag erreichten wir Mieres nach einer leichten 17-km-Etappe. Trotz des gelegentlichen Regens und der nahegelegenen Autobahn war die Wanderung durch die Wälder und am Fluss entlang wunderschön. Wir machten auch Halt in Uxo, um die Kirche Santa Eulalia zu bewundern, deren Ursprünge bis ins späte 12. oder frühe 13. Jahrhundert zurückreichen. Insgesamt hatten wir die ganze Woche über großes Glück mit dem Wetter.

An unserem letzten Tag fuhren wir mit dem Zug nach Oviedo, um mehr Zeit in der Stadt verbringen zu können. Außerdem hatten wir das Gefühl, lang genug entlang der Autobahn gewandert zu sein, die direkt durch das Tal verläuft. Diese Entscheidung gab uns genügend Zeit, Oviedo zu Fuss zu erkunden und einen Eindruck davon zu gewinnen, wie die Einheimischen ihre jährlichen «Fiestas de San Mateo» feiern.

Die Logistik der Einsamkeit

Wie ihr vielleicht bemerkt habt, haben wir den Camino eher als eine Möglichkeit gesehen, die Natur und die Menschen zu genießen. Wir haben nicht die sportliche Herausforderung gesucht. Wir hatten bereits von zu Hause aus Unterkünfte in Pensionen oder Herbergen gebucht, da es mir wichtig ist, im Voraus zu wissen, wo ich schlafen werde. Als wir den Camino Inglés – unseren ersten Camino – gingen, mussten wir jeden Tag nach unserer Ankunft nach einer Unterkunft suchen, wenn ich vom Laufen bereits total erschöpft war. Das war anstrengend. Außerdem gefällt mir die Vorstellung, Handtücher, frische Bettwäsche und Seife in der Pension vorzufinden. Dann muss ich sie nicht tragen.

Wenn ich diesen Camino jedoch noch einmal machen müsste, würde ich sogar in Betracht ziehen, in den öffentlichen Albergues zu übernachten. Nach dem, was wir von anderen Pilgern erfahren haben, sind sie alle angemessen ausgestattet und sauber. Sie sind überhaupt nicht überfüllt – wer geht überhaupt diesen Weg? – sodass es immer freie Betten gibt. Insgesamt trafen wir im Laufe der Woche nur sieben andere Pilger (!!!), die meisten davon beim Frühstückskaffee oder bei einer Trinkpause, manchmal auch in den Unterkünften: zwei Spanier, zwei Deutsche, eine Schweizer Spanierin aus Basel und ein Ehepaar aus Indonesien. In Campomanes trennten sich unsere Wege, da die meisten noch am selben Tag nach Pola de Lena weiterwandern wollten (das empfehlen die meisten Camino-Webseiten), während wir die Nacht in Sotiello verbrachten, was ich nicht bereue. Wir hatten das alte Herrenhaus ganz für uns allein (obwohl wir nur für ein Zimmer bezahlt hatten), was ein grossartiges Erlebnis war. Nur einen der beiden spanischen Pilger trafen wir später beim Mittagessen in Mieres wieder.

Offensichtlich bringt der Camino San Salvador den örtlichen Gemeinden kaum wirtschaftlichen Nutzen. Selbst im Sommer scheinen trotz der wunderschönen Landschaft nur wenige Touristen oder Pilger hierherzukommen. Viele Einheimische sind nach der Schließung der Kohlebergwerke in die Stadt gezogen. Die Rentner bleiben in den Dörfern, und die jüngeren Familienmitglieder kommen am Wochenende zu Besuch. Daher gibt es kaum Supermärkte, Kneipen oder Restaurants. Sogar die meisten Kirchen und Kapellen waren geschlossen – und das auf einem Pilgerweg! Wir mussten darauf achten, wann immer sich die Gelegenheit bot, genügend Essen und Wasser zu kaufen bzw. abzufüllen und es in unsere Rucksäcke zu packen. Die Verpflegung war unsere größte Herausforderung, besonders als Vegetarier; aber wir haben das gut gemeistert. Wir konnten überall das Leitungswasser trinken. Ich muss aber schon sagen, dass ich es lieber habe, ohne grosse Verpflegung zu marschieren und lieber in der Bar an der Ecke einkehre, sofern sich die Möglichkeit bietet. Das Barsterben und Verschwinden der Läden ist nicht nur ein logistisches Problem für uns Pilger, sondern eine soziologische Herausforderung für den Zusammenhalt in den leerer werdenden Dörfern.

Wer also Menschenmassen und Touristennepp auf dem Camino meiden möchte, dem sei dieser Camino wärmstens empfohlen.

Hier ist der Link zum englischsprachigen Original: https://tertulia.substack.com/p/walking-the-camino-san-salvador-the

Rückblick auf das 74. Internationale Filmfestival in San Sebastián, #74SSIFF

Den Hashtag des 74. Internationalen Filmfestivals in San Sebastián (#74SSIFF) finde ich weiterhin so langwierig, dass ich ihn bei ganz vielen meiner Posts auf Bluesky oder Mastodon unwissentlich variiert habe. Abgesehen vom komplizierten Hashtag und dem stressigen Online-Ticketkauf verlief meine Woche in Donostia aber sehr angenehm. Wir haben neben guten Filmen auch sehr viele gastronomische Highlights erleben dürfen. Unsere Wohnung in der Nähe des Plaza Easo war dafür wunderbar geeignet. Doch darüber mehr in einem separaten Post.

Meine cineastischen Highlights des Filmfestivals habe ich in meinem Substack zusammengefasst, den ihr gerne lesen und weiterverbreiten dürft. Auch wenn ich nicht alles sehen konnte, was mir gefallen hätte und dadurch mein Gesamteindruck gemischt ist, bleibt doch als Resümee: Das spanische Kino erlebt eine Phase unglaublicher Kreativität und Produktivität. Für mich ist Spanien trotz einiger schwerwiegender sozialer Probleme (Ceuta, Maricarmen, Overtourism) eines der wenigen progressiven Länder, die uns in der demokratischen Welt verbleiben. Wer weiss, wie lange noch…
Die Neuwahlen am 29. November stehen vor der Tür.

Hier könnt Ihr meine Eindrücke vom Filmfestival nachlesen: https://tertulia.substack.com/p/impressions-from-the-film-festival

Was habe ich beim Filmfestival verpasst? Falls ihr mit anderen Eindrücken zurückgekommen seid, kommentiert bitte. Aufgrund der hohen Ticket-Nachfrage habe ich möglicherweise viele gute Filme verpasst.

Ich freue mich schon auf das Filmfestival im nächsten Jahr. Das Apartment ist reserviert ;),

Screeenshot from the 2016 video game Job Simulator

Wie die Arbeit uns fertig macht

In meinem aktuellen Tertulia-Newsletter stelle ich zwei spanische Romane vor, in denen es darum geht, wie die aktuellen Beschäftigungsverhältnisse einer hyperproduktiven Gesellschaft dazu führen, dass die Protagonisten an ihrer Arbeit verzweifeln.

Hier ist eine deutsche Zusammenfassung meiner Buchkritik:

Beatriz Serrano, El descontento (2023, deutsch: Geht so, übersetzt von Christiane Quandt)

Im Mittelpunkt des Romans steht Marisa, die ihren Arbeitsalltag in einer Marketingagentur nur dank Beruhigungsmitteln und einer bunten Mischung von YouTube-Videos ertragen kann. Als Teamleiterin delegiert sie viele ihrer Aufgaben, beispielsweise an ihre übereifrige Assistentin und an ihre Studierenden. Ihr Bullshit-Job langweilt sie furchtbar, und sie ist klug genug, ihre Rolle so zu spielen, als wäre sie Teil einer Theateraufführung. Das ist auf Dauer jedoch sehr anstrengend für sie. Die Handlung spitzt sich zu, als Marisa gebeten wird, während eines Betriebsausflugs in den Wäldern von Segovia einen Kreativitätsworkshop zu leiten.

Der Roman ist in Form einer Beichte geschrieben. Der Ton ist bitterböse und sarkastisch. Auch wenn man sich mit Marisas Charakter identifizieren mag, ist sie doch auch eine Art Antiheldin, da ihr Verhalten so typisch für das System ist, das sie selbst verurteilt (z.B. ihre Konsumgewohnheiten, Ausnutzen von Abhängigkeitsverhältnissen, Schönheitsideale, Nihilismus). Trotz des schwierigen Themas ist der Roman sehr unterhaltsam, da Marisas Beobachtungen über die Unternehmenswelt und deren grausame Verlogenheit wirklichkeitsnah sind.

Isaac Rosa, Las buenas noches (2025, noch nicht ins Deutsche übersetzt)

Der Roman beginnt in einer Nacht, in der sich zwei Fremde zu später Stunde in einer Hotelbar begegnen. Sie stellen fest, dass sie beide unter anhaltender Schlaflosigkeit leiden, und entdecken, dass sie ihren Schlafmangel überwinden können, indem sie zusammen schlafen. Sie haben keinen Sex, und sie empfinden auch kein sinnliches Verlangen füreinander. Die Intimität, aneinandergekuschelt im Bett zu liegen, lässt sie Ruhe finden, was ihnen hilft, einzuschlafen. Dennoch haben sie das Gefühl, dass sie ihre Partner betrügen. Da sie nun ein Mittel gegen ihre Schlaflosigkeit gefunden haben, müssen sie sich dennoch immer wieder treffen. Es scheint fast so, als würden beide süchtig nach der Gegenwart des anderen werden. Logischerweise nehmen die Phasen der Schlaflosigkeit in den Zeiten ohne den anderen noch zu. Doch wie lange kann man ein solches Doppelleben führen, ohne das eigene Familienleben zu gefährden? Würden ihre Partner Verständnis dafür aufbringen?

Der Roman nutzt das Thema der Schlaflosigkeit, um emotionale Belastungen des modernen Lebens zu beleuchten, und analysiert akribisch, was den Erzähler nachts wach hält. Wie Serrano bedient sich auch Rosa eines bitterbösen Humors, um seine erschöpften Figuren zu porträtieren. Er zeigt damit, wie sich prekäre Arbeitsverhältnisse, Selbstoptimierung und Schlafmangel gegenseitig hochschaukeln. Im Konzept einer superproduktiven Gesellschaft (z. B. dem „5-Uhr-Club“) gilt Schlafmangel als individuelle Schwäche, die durch Training, Medikamente und psychologische Beratung überwunden werden kann – natürlich ist das auch ein riesiger Markt, über den sich Rosa mit zahlreichen Zitaten aus der Ratgeber-Literatur lustig macht.

Ich habe beide Romane mit grossem Gewinn gelesen und kann die Lektüre ohne Einschränkung empfehlen. Die schlussfolgernde Bewertung könnt Ihr hier nachlesen.

Die Zusammenfassung der Romane habe ich mit Hilfe von DeepL.com (kostenlose Version) aus dem Englischen des Newsletters übersetzt.

Entscheidung in Spanien: Paul Ingendaay über die Rolle der Intellektuellen im Spanischen Bürgerkrieg

Paul Ingendaays Entscheidung in Spanien. Der große Kampf der Literatur 1936-1939 lässt sich wie ein sorgfältig angelegter Fotoband durchblättern. Seite für Seite begegnet man bekannten und weniger bekannten Gesichtern, manchen immer wieder: Schriftsteller:innen, Künstler:innen, Fotograf:innen, Journalist:innen, die sich im Spanischen Bürgerkrieg politisch positionierten. Die Kapitel sind kurz, beinahe skizzenhaft, und genau darin liegt die große Stärke des Buches: Es ist zugänglich und unangestrengt trotz der brutalen Materie. Man kann es aus der Hand legen und wieder aufnehmen, ohne den Faden zu verlieren. Doch vielleicht ist es gerade dieser fotografisch wirkende Zugriff, der zugleich eine Leerstelle erzeugt.

Eine explizite Analyse des Erzählten bleibt nämlich aus. Aus den Fotos entsteht ein chronologisch geordnetes Album, aber was verbindet die Fotos miteinander? Wer das Buch liest, um die Grundmotivation dieser politisch und militärisch engagierten Intellektuellen zu verstehen, fragt sich unweigerlich: Welchen Beitrag leistet Ingendaay dazu, die vielfältigen Perspektiven der unzähligen Dokumentationen zu und über den Spanischen Bürgerkrieg zu bereichern? Positiv liesse sich Ingendaay zum Beispiel so lesen, dass die erwähnten Intellektuellen zwar von einer gemeinsamen Sehnsucht nach Mitmenschlichkeit getragen werden, letztlich aber doch jeweils in ihrer eigenen subjektiven Sehnsucht gefangen bleiben. Der Epigraph zum letzten Kriegsjahr deutet auf diese mögliche Auslegung hin:

Wir alle, die wir an die Causa der Republik glaubten, werden die Niederlage der Republik und den Tod ihrer Verteidiger für alle Zeiten betrauern und werden nicht aufhören, das Land Spanien zu lieben und seine wunderbaren Menschen, die zu den edelsten und unglücklichsten dieser Welt zählen. (Martha Gellhorn, Der Krieg in Spanien, zitiert nach Ingendaay, S. 289)

Eine solche Deutung sollte der Autor jedoch nicht seiner Leserschaft überlassen, sondern explizit ausführen, weshalb ich ein analytisches Abschlusskapitel schmerzlich vermisse. Auch hätte ich zumindest eine vorsichtige Prognose seinerseits erwartet, was wir aus den damaligen ideologischen Verhärtungen für eine Gegenwart gewinnen, in der die politische Polarisierung erneut die kulturellen Debatten bestimmt.

Dabei zeigt Ingendaay durchaus ein feines Gespür für Ambivalenzen. Seine Sympathie für die republikanische Sache ist unverkennbar, doch er verschweigt nicht die Gewalt und Zerrissenheit innerhalb der linken Kräfte. Diese Offenheit ist journalistisch überzeugend. Weniger notwendig wirkt hingegen die wiederholte Einbindung von Thomas Mann (siehe hierzu auch Manfred Papst in der nzz). Hier entsteht stellenweise der Eindruck, als solle ein zusätzlicher Resonanzraum für ein deutsches Publikum geschaffen werden – ein Kunstgriff, der nicht nötig wäre, da die meisten internationalen Figuren, denen wir im Buch begegnen, auch im deutschsprachigen Raum bestens bekannt sind: Gellhorn, Hemingway, Orwell, die Gebrüder Machado, Unamuno, García Lorca, um nur einige wenige zu nennen. Hinzu kommt, dass Erika und Klaus Mann mit ihren Aufzeichnungen von 1938 aus dem Bürgerkriegsland durchaus eigenes intellektuelles Gewicht haben — ganz ohne den übermächtigen Schatten ihres Vaters.

So bleibt Entscheidung in Spanien ein gut geschriebenes und sorgfältig komponiertes Buch. Ingendaay ist Journalist, kein Historiker. Er versammelt Stimmen, ohne sie in eine übergreifende Argumentation zu überführen. Die Verwirrung jener Zeit bleibt bestehen. Das ist legitim – und für viele Leser und Leserinnen vermutlich sogar besonders reizvoll (vgl. Ralf Höllers begeisterte Rezension). Als Einstieg in die kulturelle und intellektuelle Dimension des Spanischen Bürgerkriegs ist das Buch daher durchaus empfehlenswert.

Wer sich aber bereits mit der Thematik auskennt, wird das Buch eher lesen, um gleich zu den Quellen greifen, mit denen Ingendaay in seinem Buch gearbeitet hat, etwa zu George Orwells Homage to Catalonia oder Arthur Koestlers Das spanische Testament, die das Spannungsverhältnis von Erfahrung, Ideologie und Gewalt sehr authentisch vermitteln. Neben den berühmten Kriegsfotograf:innen Robert Capa und Gerda Taro, denen Ingendaay mehrere Episoden widmet, sei von meiner Seite ausserdem zusätzlich das fotografische Vermächtnis aus dem Spanischen Bürgerkrieg von Kati Horna (1912-2000) empfohlen, das erst seit 1992 der Öffentlichkeit zur Verfügung steht.

Kati Horna: Evakuierung der Zivilbevölkerung aus Teruel und Einmarsch der Milizionäre (https://pares.mcu.es/ParesBusquedas20/catalogo/show/118082)

Ich danke dem C.H. Beck-Verlag, der mir ein kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Blick auf den Teufelskopf, Schwarzwälder Hochwald

«Jede Sprache ist für jeden Menschen fremd.» (Yoko Tawada)

«Jede Sprache ist für jeden Menschen fremd», schreibt Yoko Tawada. Daniela Dröscher nutzt das Zitat als Epigraph für ihren Essay über das Sprechen. Ich möchte Euch den gelungenen Text aus der Reihe Das Leben lesen vorstellen, indem ich ihn an meinen eigenen Erlebnissen spiegele.

Mut zum Missverständnis

In Sprechen (2026) reflektiert die deutsche Autorin Daniela Dröscher ihre persönliche Entwicklung als Sprecherin. Mit dem Sprechen verbindet die Schriftstellerin, die sich beim Texten wesentlich wohler zu fühlen scheint, eine durchaus schmerzhafte Entwicklung. Im Zentrum des Essays stehen daher Selbstbeobachtungen, Lernmomente, Zweifel und Einsichten zur eigenen Sprechpraxis. Diese reichen von ihrer frühen Kindheit und Schulzeit im Hunsrück über die ersten Beziehungen, die universitäre Ausbildung bis zu ihren Auftritten vor Publikum. Der Literaturbetrieb treibt nämlich auch Menschen, die lieber schreiben als reden, auf die Bühne. Linguistische Theorien und Begriffe setzt sie sehr diskret ein, vor allem, um persönliche Beobachtungen zu ordnen oder kurz zu kontextualisieren, nicht als Schwerpunkt der Arbeit. Dabei thematisiert Dröscher immer wieder die emotionale Seite des Sprechens – Ängste, das Austesten der Selbstwirksamkeit und (fehlende) Rollenvorbilder. Dröscher ist es gelungen, sich von ihren Ängsten zu befreien und souverän ihre mündliche Sprachkompetenz zu nutzen und weiterzuentwickeln. Den Beweggrund, sich mit dem Sprechen autobiografisch auseinandersetzen, kommt im Appell, mit dem sie ihr Buch abschliesst, zur Sprache:

Wenn die menschliche Sprache das sein soll, was den Menschen zum Menschen macht, so wünsche ich mir für das 21. Jahrhundert, dass wir lernen, sie auf eine Weise zu gebrauchen, die unserer Menschlichkeit gebührt. Das aber gelingt nur, wenn wir das Missverständnis nicht nur in Kauf nehmen, sondern geradezu umarmen, als eine der vielen Grundbedingungen des Sprechens. Wer spricht, muss bereit sein, sich zu blamieren, zu riskieren. Das ist der Preis der Arena. (S. 102)

Vom Schreiben zum Sprechen

Daniela Dröscher ist Schriftstellerin und weiss zu schätzen, dass sie durch überlegtes Schreiben Missverständnisse zwar nicht ausschliessen, so doch minimieren kann. Bevor ein Text publiziert wird, kann er verändert, gekürzt, erklärt, verbessert werden. Texte können strategisch durchgeplant werden. Das gibt Sicherheit. Beim Sprechen ist dies anders. Was gesagt ist, lässt sich nicht so einfach löschen. Sprechen erfordert Spontaneität und – das macht die besondere Herausforderung aus – ein direktes Gegenüber. Zudem wird vieles, was mitgemeint ist, gar nicht gesagt, gerade im familiären Kontext. Bereits Koch/Österreicher haben der mündlichen Nähe die schriftliche Distanz gegenübergestellt (Peter Koch/Wulf Oesterreicher, Sprache der Nähe – Sprache der Distanz (1985)). So zeigt Dröschers biografischer Essay, wie sie lernt, den Anspruch ans Schreiben und den an das Sprechen auseinanderzuhalten und ihre ängstliche Stille zu überwinden.

Dröscher steht mit ihrer Erfahrung nicht allein da. Sie schreibt gerne und kompetent – ist als Schriftstellerin anerkannt. Beim Sprechen fühlte sie sich jedoch lange Zeit aufgrund der eigenen Herkunft und Erziehung unsicher. Sie verstummte oft, wenn es wichtig gewesen wäre, ihre Stimme zu erheben. Umgekehrt kommt es ebenso vor, dass jemand mündlich kompetent ist und schriftlich Schwierigkeiten hat, z.B. beim Entwickeln einer logischen Textstruktur oder bei der Auswahl präziser Begriffe. Ich habe über viele Jahre ein Kommunikationsmodul unterrichtet, das in der einen Hälfte die Gesprächsführung im Job trainierte und in der anderen die schriftliche Dokumentation technischer Projekte vermittelte. Nur wenige Studierende haben beide Kompetenzen gleichermassen beherrscht. Es war auch nicht einfach, Dozierende für dieses Modul zu finden: Die einen unterrichteten bevorzugt das Schreiben, die anderen lieber Gesprächsführung und Präsentieren.

Der Dialekt im Hunsrück

Neben diesem beruflichen Bezug zum eigenen Unterricht habe ich in Dröschers Buch viele weitere persönliche Bezugspunkte gefunden, die mich zum Nachdenken über mein eigenes Sprechen anregten. Überhaupt habe ich mich erst für den Essay interessiert, als ich von ihren Erfahrungen mit dem Hunsrücker Platt erfuhr. Das sprach mich an, denn was sie dort beschrieb, ist Teil meiner eigenen Biografie.

Im Unterschied zu ihr, die Hochdeutsch als erste Sprache erlernte und dann den Dialekt zusätzlich sprach, ist das moselfränkische Platt des Hunsrücks meine erste Sprache. Hochdeutsch, oder das, was ich damals dafür hielt, kannte ich nur vom Pastor («d’Häa», also «der Herr») und von der Schreckschraube von Kindergärtnerin, die aus dem benachbarten Saarland kam. Auch im Fernsehen sprachen die Menschen anders als bei uns daheim. Dröscher erwähnt die «Grombiere» (S. 21, Kartoffeln) als eines der besonders seltsamen Wörter ihres Pfälzer Dialekts. Bei uns wird dieses Grundnahrungsmittel meiner Kindheit noch weniger verständlich, denn mein Dialekt macht auch die stimmhaftesten Konsonanten fast stimmlos: «Krompern». Das ist nur ein Beispiel aus dem Buch, das dazu geführt hat, mich gut in Dröschers Entscheidung wiederzufinden:

Ich weiß nur, dass ich mitten im Deutschunterricht entschied, von nun an nur noch reinstes Hochdeutsch zu sprechen. So wie die Figuren in meinen geliebten Büchern. Seit meinem siebzehnten Lebensjahr habe ich nie wieder Dialekt geredet. (S. 35)

Auch ich habe im Gymnasium angefangen, mit dem Dialekt zu hadern – aus sozialer Scham. Am Gymnasium wurde vorwiegend Hochdeutsch gesprochen. Vor allem dem Musiklehrer lag viel daran, uns beim Singen das korrekte „ch“ beizubringen („Kirche“ nicht „Kirsche“). Mit etwa 15-16 Jahren habe ich aufgehört, in meiner ersten Sprache zu sprechen, auch gegenüber den Eltern und meinen Brüdern. Ich brauchte damals diese Distanz, denn im Dialekt fühlte ich mich eingeschränkt auf das Dorf. Aus dem wollte ich unbedingt weg.

Befreiende Distanz

Ebenso wie für Dröscher waren für mich neben dem Hochdeutschen die Fremdsprachen eine hilfreiche virtuelle Flucht aus der Heimat, später dann das Ticket für lange, erfahrungsreiche Auslandsaufenthalte. Obwohl ich friedensbewegt war, habe ich als Schülerin voller Begeisterung den US-amerikanischen Soldatensender AFN aus K-Town gehört. Im Rückblick finde ich das Verhalten gegenüber meiner Familie verletzend, aber mir war es damals wichtig, dass man mir nicht mehr anhörte, woher ich kam. Doch auch die Zuflucht in die Fremdsprachen fand eine gewisse Grenze: Bei der Geburt des ersten Sohnes, der in den USA zur Welt kam, mochte ich gegen Ende der Wehen kein Englisch mehr sprechen.

Obwohl ich seit 40 Jahren nicht mehr im Hunsrück lebe, spreche ich den Dialekt längst wieder mit großer Gelassenheit, wann immer ich mit der Familie telefoniere oder ich zu Besuch bin. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann das intuitive Code Switching zwischen Dialekt und Hochdeutsch für mich wieder selbstverständlich wurde. «Mippelscha» gehören wieder zu meinen Leibspeisen – trotz der vielen «Krompern». Heute muss ich nicht mehr wegwollen. Die räumliche Distanz hat mir im Gegenteil geholfen, den Dialekt so authentisch zu bewahren, wie ihn Kinder im Hunsrück kaum noch erlernen.

„Kromperemippelscha“ aus der Spießbratenhalle Schillingen

Vom Sprechen zum Schreiben

Inzwischen habe ich es mit dem Dialekt an einer anderen Stelle zu tun. Seit 20 Jahren lebe ich in der Schweiz und verstehe Schweizerdeutsch sehr gut. Wie viele Deutsche im Land spreche ich die lokale Mundart nicht – obwohl ich die Regeln kenne und linguistisch die Unterschiede gut erklären kann. Natürlich nutze ich die üblichen Floskeln („würkli?“, „chunsch au?“, „e schöni wuche“ etc.) im Alltag; aber eine echte Konversation kommt mir bis heute nicht über die Lippen. Ein Dialekt funktioniert nur als Herzenssprache gut und das Züritüütsche ist es für mich nicht geworden. Mir reicht denn auch ein Dialekt im Leben und den habe ich bei der Einreise schon im Gepäck gehabt. Das Problem mit der Mundart ist demnach nicht kognitiv: Ich könnte es sprachlich leisten. Vielmehr liegt die Barriere auf psychologischer Ebene.

Nur wenige Menschen erwarten, dass ich den Dialekt aktiv beherrsche – welch ein Glück! Obwohl ich die Mundart nicht spreche, nutze ich gewisse phonetische und lexikalische Anpassungsstrategien, um von meiner Seite eine gemeinsame Basis zu schaffen. Damit beinhaltet aber jede Konversation in der Deutschschweiz eine bewusste Entscheidung, wie wir jeweils miteinander sprechen. «Verstehschts Züritüütsch?» Diese Klärung zu Beginn, wer in welcher Sprachvariante sprechen wird, sorgt im besten Fall für Vorsicht und Rücksicht im Umgang miteinander und braucht viel Wohlwollen beim Zuhören sowie den Mut zum Nachfragen. Was könnte der anderen Person fremd oder seltsam erscheinen, wenn ich spreche? Was könnte die andere Person – nicht nur auf der Sachebene! – missverstehen, weil ich z.B. zu schnell spreche oder typisch deutsche Begriffe nutze?

Fühle ich mich deshalb als Fremde? Manchmal ein wenig, was aber okay ist, denn ich bin nun mal eine Spätankommende. In diesem Dazwischen fühle ich mich sprachlich zu Hause. Da kann mich niemand leicht vereinnahmen. Außerdem kann ich mich einstweilen wunderbar im Schreiben ausleben.

Empfehlung

Ich kann Dröschers kurzen Essay nur empfehlen. Er ist frei von theorielastiger Überfrachtung, ist aber wissenschaftlich gut fundiert. Er lädt dazu ein, die eigene Sprachbiografie zu erkunden, was mir großen Spaß bereitet hat:

Mein Text will dazu animieren, das eigene Sprechen und Hören zu hinterfragen (S. 15).

Anhand persönlicher, gut nachvollziehbarer Beispiele aus dem Lebenslauf der Autorin öffnet das Buch den Blick dafür, wie Erfahrungen seit frühester Kindheit unser Sprechen formen und wie aus diesen Lernmomenten neue Beziehungen zu Mitmenschen und zum kulturellen Kontext entstehen können, dies auf sehr vielfältige Weise.

Das Rezensionsexemplar wurde mir kostenlos vom Hanser-Verlag zur Verfügung gestellt. Dafür vielen Dank!

Haus der Wannsee-Konferenz, Von A.Savin - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=31154057

Eichmann in Buenos Aires

Vor kurzem habe ich Ariel Magnus‘ Roman El desafortunado (deutsch: Das zweite Leben des Adolf Eichmann) gelesen. Die fiktionalisierte Biographie beschreibt die Jahre, die Adolf Eichmann nach seiner Flucht aus Europa – so wie andere hochrangige Nazis – unbehelligt in Argentinien leben konnte. Im Mai vor 66 Jahren wurde er vom Mossad gefasst und nach Israel gebracht. Dort wurde er vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt.

Im aktuellen Newsletter findet Ihr meine Buchbesprechung in englischer Sprache: https://tertulia.substack.com/p/eichmann-in-buenos-aires

Eichmanns Zuhause in Buenos Aires bis 1958

Die Lektüre ist anspruchsvoll und lohnenswert.

https://www.wikidata.org/wiki/Q58175745#/media/File:Anton_Fugger_burning_the_debenture_bonds_of_Charles_V_in_1535_by_Carl_Ludwig_Friedrich_Becker.jpg

Die finanzielle Infrastruktur der Macht

Kürzlich habe ich Greg Steinmetz‘ Buch Der reichste Mann der Weltgeschichte. Leben und Werk von Jakob Fugger gelesen, um mich auf eine Reise zu den ehemaligen Fugger-Faktoreien in Spanien vorzubereiten. Die deutsche Übersetzung des englischen Originals von 2015 wurde 2025 neu aufgelegt. 2025 jährte sich Jakob Fuggers Todestag nämlich zum 500. Mal. Hier sind meine Gedanken zum Buch:

Albrecht Dürer, Jakob Fugger der Reiche (1518)

Worum geht’s

Der US-amerikanische Journalist Greg Steinmetz erzählt das Leben von Jakob Fugger (1459–1525), dem einflussreichsten Kaufmann und Bankier der Renaissance. Er zeigt, wie ihn sein unternehmerisches Geschick, sein Machtbewusstsein und seine hohe Risikobereitschaft zu enormem wirtschaftlichem und politischem Einfluss verhalfen. Das Buch schildert Fuggers Aufstieg vom Augsburger Handelshaus zur globalen Finanzmacht, seine Rolle als Kreditgeber europäischer Könige, Kaiser und des Papstes sowie seine strategischen Investitionen in Bergbau und Handel. Zugleich verbindet Steinmetz die Biografie Fuggers mit einer grösseren wirtschafts- und machtgeschichtlichen Perspektive: Jakob Fugger wird als Prototyp eines frühkapitalistischen Patrons dargestellt. Er baut ein Wirtschaftsimperium auf, von dem die Politik in vielfacher Weise abhängig wird. Günter Ogger hat dies bereits 1979 auf die griffige Formel Kauf Dir einen Kaiser gebracht.

Was mir gefiel

Ich mochte den unterhaltsamen Stil. Das Buch liest sich wie ein Drehbuch für eine Fernsehdokumentation. Das wirkt lebendig, mit dramatischen Szenen und einer klaren Erzählstruktur entlang der Lebensstationen Fuggers. Steinmetz versteht es auch, komplexe Finanztransaktionen verständlich und spannend zu vermitteln. Die Mischung aus Biografie und wirtschaftshistorischem Kontext bietet einen guten Überblick, weshalb das Buch als Einstieg für Nicht-Historiker geeignet ist. Damit sind wir aber auch schon bei den Kritikpunkten.

Was mir weniger gefiel

Steinmetz stützt sich stark auf sekundäre Literatur, was eine historisch geschulte Leserschaft nicht überzeugen kann. Die chronologische Darstellung führt zu Wiederholungen, da Fuggers Handeln oft ähnliche Muster aufweist oder zumindest vermuten lässt. Eine thematische Verdichtung (z.B. entlang dieser Muster oder Geschäftsgebaren) wäre gerade für die finanz- oder wirtschaftsgeschichtliche Einordnung aufschlussreich gewesen. Einige Schilderungen wirken auch sehr oberflächlich und zeugen von wenig Ortskenntnis. Zum Beispiel wird die Quecksilbermine von Almadén in die Verwaltungseinheit des Maestrazgo in Aragón verlegt (S. 260). Almadén befindet sich jedoch in der Provinz Ciudad Real (Kastilien-La Mancha). Hier sitzt Steinmetz einer rein sprachlichen Übereinstimmung von Begriffen auf. Die gebirgige Landschaft des Maestrazgo hat ihren Namen von den Meistern der Militärorden («los maestres»), die dort die Gerichtsbarkeit ausübten. In den Geschäftsunterlagen der Fugger bezeichnet «maestrazgo» dagegen das Recht oder Amt des «maestre», der für den Betrieb der Bergwerke zuständig war. Auch hier geht der Begriff darauf zurück, dass diese Rechte bei den Militärorden lagen, bevor sie an die Krone fielen. Wenn wir also im Zusammenhang mit den Fuggern von «maestrazgo» sprechen, geht es nicht um eine territoriale Bezeichnung, sondern allgemein um das Unterhalts- und Nutzungsrecht an einem Bergwerk. Mit solchen «maestrazgos» sicherte Fugger nicht nur seine Kredite ab, sondern liess sich die Kredite auch gut bezahlen, denn diese Einkünfte bildeten eine im Rahmen des kirchlichen Zinsverbots konstruierte Form der Kompensation.

Fazit

Das Buch ist unterhaltsam und flüssig geschrieben. Als populärwissenschaftlicher Einstieg taugt es gut, doch für eine fundierte Auseinandersetzung mit Fuggers Motivation und der historischen Einordnung sind spezialisiertere Quellen erforderlich. Wer eine dramatische Erzählung sucht, wird sich gut bedient fühlen. Wer analytische Tiefe erwartet, muss andere Texte hinzuziehen. Für die Vorbereitung meiner Spanienreise taugte es jedenfalls überhaupt nicht. Was Spanien angeht, ist denn auch Jakobs Neffe Anton von grösserer Bedeutung. Erst Anton erweiterte die Geschäftsaktivitäten mit Spanien massiv; aber sein Onkel Jakob legte mit der massiven finanziellen Unterstützung Karls V. den Grundstein dafür.

Spannend bleibt Fuggers Leben und Wirken bis heute, denn die Fragen, die sich aus der Lektüre ergeben, sind aktuell und relevant: Was treibt Menschen an, die nach immer mehr Macht und Reichtum streben? Wie kann man diese Gier nach Wachstum erklären? Wie entsteht die wirtschaftliche Infrastruktur eines der grössten Reiche, die Europa je hatte, und wer hatte das Sagen? Wie viel Macht sollen Finanzakteure über politische Entscheidungen haben? Wann und wie soll man sie regulieren? Wenig überraschend funktionieren viele von Fuggers Methoden und Verhaltensstrategien noch heute im Geschäftsleben. Tatsächlich zeigt Fuggers Geschichte aber auch, dass der Kapitalismus nicht naturgegeben ist, sondern ein von Menschen gemachtes System, das bei Bedarf umgestaltet werden kann.

Mohnblumen in Andalusien

Legalisieren statt abschieben? Wie Deutschland und die Schweiz auf Spaniens Migrationsdekret reagieren

Das spanische Migrationsdekret vom 27. Januar 2026

Die spanische Regierung hat angekündigt, den Status von rund 500.000 Zuwanderern zu legalisieren. Der Beschluss vom 27.01.2026 sieht vor, dass alle Einwanderer ohne Aufenthaltstitel auf Antrag eine vorläufige Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis erhalten. Der Prozess ist auf das enge Zeitfenster von April bis Juni 2026 begrenzt und sieht folgende Voraussetzungen vor:

  • Interessierte Personen müssen zum Zeitpunkt der Antragstellung einen ununterbrochenen Aufenthalt von mindestens fünf Monaten nachweisen und vor dem 31.12.2025 in Spanien gewohnt haben.
  • Sie sind nicht vorbestraft und stellen keine Gefahr für die öffentliche Sicherheit dar.

Rechtfertigung der Massnahme

Die spanische Regierung rechtfertigt das Dekret vor allem mit humanitären, ökonomischen und demografischen Argumenten. Es dient gleichzeitig auch als politisches Signal eines progressiven Spanien gegen die zunehmend restriktive Migrationspolitik in Europa und den USA. Damit diese Form der Migrationspolitik nicht am konservativen Kongress scheitert, wurde sie in Form eines königlichen Dekrets verabschiedet. Es ist nämlich durchaus so, dass diese Politik auch in Spanien auf Widerstand stösst. Dabei wird gern übersehen, dass es eine ähnliche Massnahme bereits in den Regierungszeiten von José María Aznar gegeben hat. Auf die Wiedergabe der Fake News, mit denen rechtsextreme Politiker in Spanien nun gegen diese Legalisierung ankämpfen, möchte ich an dieser Stelle verzichten. Stattdessen verweise ich auf dieses Aufklärungsvideo von der Deutschen Welle:

Vorbild Spanien?

Nun hat mich eine spanische Freundin aus dem Aargau, die für längere Zeit auf den Kanaren ist, gefragt, wie denn die Schweiz und auch Deutschland auf diesen Legalisierungsschub reagiert hätten. Kann Spanien gar ein Vorbild für ganz Europa sein? Immerhin hat sich Spanien in den letzten Jahren zum wirtschaftlichen Shooting-Star Europas gemausert. Ausserdem ist Spanien inzwischen eines der wichtigsten Einwanderungsländer der EU, mit starkem Zuzug aus Lateinamerika, Afrika und der EU. Es gibt also gute Gründe, weshalb Spanien pragmatisch mit dem Thema umgehen muss.

In all dem News-Taumel der letzten Wochen hatte ich zwar die ein oder andere persönliche Reaktion auf das Dekret gelesen und auf Bluesky versucht, diesen innovativen Schwenk der spanischen Migrationspolitik bekannt zu machen.

Doch ist das Umfeld auf Bluesky eher liberal-progressiv und wenig repräsentativ. So musste ich erst ein wenig recherchieren, um das Stimmungsbild in Deutschland und der Schweiz einzufangen.

Die Reaktionen in Deutschland

Die deutsche Bundesregierung betrachtet das spanische Modell nicht als Vorbild, sondern als politisch und rechtlich eigenständigen Weg, der in Deutschland so nicht übernommen werden soll. So wird eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums zitiert. Ausserdem verweist sie darauf, dass eine ähnliche Regulierung eine Gesetzesänderung erfordern würde, die politisch nicht gewollt sei. In den Medien habe ich ebenfalls die Darstellung gefunden, die den Gegensatz zwischen der spanischen Politik und den deutschen politischen Prinzipien betont (hier, hier und hier).

Wer sich auf Social Media und den Kommentarspalten der Tageszeitungen umschaut, hört vor allem heraus, dass der spanische Fall so nicht übertragbar sei, da Spanien keine Integrationsprobleme habe. Denn, so der Tenor dieser Kommentare, komme die Mehrheit der irregulären Migration aus Lateinamerika, namentlich Kolumbien, Venezuela und Ecuador, und müsse folglich weder sprachlich noch kulturell integriert werden. Menschen aus Lateinamerika stellen tatsächlich die Mehrheit derjenigen, die von dem Dekret profitieren könnten. Doch frei von Diskriminierung und Exklusion sind sie nicht. Besonders Menschen dunkler Hautfarbe sind davon betroffen. Wenn auch die kulturelle Nähe zunächst die Integration (vor allem im Arbeitsleben) erleichtert, ist es doch so, dass neben ökonomischen und sozialen Bedenken viele Ressentiments gegenüber lateinamerikanischen Migranten und Migrantinnen beobachtet werden können. Diese reichen von banalen Dingen (laute Nachbarn, laute Musik) über Frivoles (offenherzige Kleidung, anzügliche Tänze) bis hin zu harten Vorurteilen (höhere Kriminalität, Gewaltbereitschaft).
Als Deutsche in der Schweiz weiss ich zudem, dass es oft gar nicht an der kulturellen Nähe liegt, die eine schnelle Integration ermöglicht, sondern im Gegenteil sogar zu einer Angst vor kultureller Übernahme führen kann. Dies passiert besonders dann, wenn die Anzahl der Ankommenden so hoch ist, dass Überfremdung der eigenen Sprachvarietäten und lokaler Kultur befürchtet und abgelehnt wird.

In rechten Kreisen wurden auch Falschinformationen aus Spanien, Stichwort „Blitzeinbürgerung“, verbreitet, die den üblichen Empörungsmustern folgen (siehe Video der Deutschen Welle). Ein weiteres Gegenargument ist die Furcht vor einer Sogwirkung dieser einmaligen Angelegenheit. Man befürchtet, dass eine solche Massnahme zu noch mehr Einwanderung führen könnte.

Insgesamt kann man sagen, dass in Deutschland eine Übernahme des Modells aus prinzipiellen Gründen abgelehnt wird. Die Bundesregierung ist nicht gewillt, ihre restriktive Politik zu überdenken. Stattdessen werden straffere Kontrollen, eine enge Auslegung sicherer Herkunftsstaaten, eine weiterhin klare Differenzierung von Migrationsgründen und strenge Bleiberechtsreglungen für nachweislich gut integrierte Menschen fortgeführt. Aber wie kann man sich integrieren, wenn man nicht dazugehören soll?

Reaktionen in der Schweiz

Auch in der Schweiz gab es Reaktionen auf das spanische Dekret, wobei es bislang keine öffentliche, Stellungnahme des Bundesrates oder des zuständigen EJPD gab. Das passt zur Neutralitätsverpflichtung. Alle bekannten Medien (Tagesanzeiger, nzz, srf, rts, woz) vermeldeten das Dekret. Ähnlich wie in Deutschland, legten auch sie den Fokus auf den Kontrast zur eigenen restriktiven Migrationspolitik. Gerade die liberal-konservative Neue Zürcher Zeitung fällt in diesem Überblick angenehm durch ihre offene Haltung auf.

Spaniens Weg als Anstoss für eigene Lösungen

Spaniens Legalisierungsdekret zeigt, dass eine humanitäre Einwanderungspolitik, die sich an der wirtschaftlichen und demografischen Entwicklung des Landes orientiert, möglich ist. Deutschland und die Schweiz reagieren darauf mit Zurückhaltung. Vielleicht wäre es an der Zeit, über das spanische Vorgehen im Sinne eines „out-of-the-box“-Ansatzes nachzudenken. Wer schon gekommen ist, wird in der Regel nicht wieder freiwillig gehen. Das sind die Fakten, denen sich Spanien stellt. Wie liessen sich in Deutschland und der Schweiz Wege finden, die die Realität der hier lebenden Menschen ohne Aufenthaltsrecht ernst nehmen, ohne das Recht zu unterlaufen, die Bürokratie weiter auszubauen und den Sozialstaat zu überfordern? Die demografischen und wirtschaftlichen Herausforderungen stellen sich langfristig in beiden Ländern ähnlich wie in Spanien dar (auch wenn die politische Situation der Schweiz als Nicht-EU-Staat eine andere ist). Die Menschen, die nun schon einmal da sind und arbeiten wollen, könnten unter klaren Bedingungen viel besser und schneller integriert werden, wenn Regulierung, Arbeit und Integration stärker zusammen gedacht würden.

Mehr Demokratie wagen – auch bei der Arbeit!

In meinem aktuellen Newsletter stelle ich den Bericht einer von Yolanda Díaz eingesetzten Kommission vor, der die demokratischen Defizite der spanischen Arbeitswelt untersucht und konkrete Vorschläge zu verbesserter Partizipation und Teilhabe macht. Damit soll der verfassungsmässige Anspruch der Arbeitnehmenden auf aktive Mitbestimmung und Eigentum an spanischen Unternehmen gewährleistet werden. Hier geht es zu meiner Kurzpräsentation des Berichts: https://tertulia.substack.com/p/two-promises-to-those-who-work-voice

Das englische Original des Berichts findet sich hier: https://reportondemocracyatwork.org/en/the-report/