Blick auf den Teufelskopf, Schwarzwälder Hochwald

«Jede Sprache ist für jeden Menschen fremd.» (Yoko Tawada)

«Jede Sprache ist für jeden Menschen fremd», schreibt Yoko Tawada. Daniela Dröscher nutzt das Zitat als Epigraph für ihren Essay über das Sprechen. Ich möchte Euch den gelungenen Text aus der Reihe Das Leben lesen vorstellen, indem ich ihn an meinen eigenen Erlebnissen spiegele.

Mut zum Missverständnis

In Sprechen (2026) reflektiert die deutsche Autorin Daniela Dröscher ihre persönliche Entwicklung als Sprecherin. Mit dem Sprechen verbindet die Schriftstellerin, die sich beim Texten wesentlich wohler zu fühlen scheint, eine durchaus schmerzhafte Entwicklung. Im Zentrum des Essays stehen daher Selbstbeobachtungen, Lernmomente, Zweifel und Einsichten zur eigenen Sprechpraxis. Diese reichen von ihrer frühen Kindheit und Schulzeit im Hunsrück über die ersten Beziehungen, die universitäre Ausbildung bis zu ihren Auftritten vor Publikum. Der Literaturbetrieb treibt nämlich auch Menschen, die lieber schreiben als reden, auf die Bühne. Linguistische Theorien und Begriffe setzt sie sehr diskret ein, vor allem, um persönliche Beobachtungen zu ordnen oder kurz zu kontextualisieren, nicht als Schwerpunkt der Arbeit. Dabei thematisiert Dröscher immer wieder die emotionale Seite des Sprechens – Ängste, das Austesten der Selbstwirksamkeit und (fehlende) Rollenvorbilder. Dröscher ist es gelungen, sich von ihren Ängsten zu befreien und souverän ihre mündliche Sprachkompetenz zu nutzen und weiterzuentwickeln. Den Beweggrund, sich mit dem Sprechen autobiografisch auseinandersetzen, kommt im Appell, mit dem sie ihr Buch abschliesst, zur Sprache:

Wenn die menschliche Sprache das sein soll, was den Menschen zum Menschen macht, so wünsche ich mir für das 21. Jahrhundert, dass wir lernen, sie auf eine Weise zu gebrauchen, die unserer Menschlichkeit gebührt. Das aber gelingt nur, wenn wir das Missverständnis nicht nur in Kauf nehmen, sondern geradezu umarmen, als eine der vielen Grundbedingungen des Sprechens. Wer spricht, muss bereit sein, sich zu blamieren, zu riskieren. Das ist der Preis der Arena. (S. 102)

Vom Schreiben zum Sprechen

Daniela Dröscher ist Schriftstellerin und weiss zu schätzen, dass sie durch überlegtes Schreiben Missverständnisse zwar nicht ausschliessen, so doch minimieren kann. Bevor ein Text publiziert wird, kann er verändert, gekürzt, erklärt, verbessert werden. Texte können strategisch durchgeplant werden. Das gibt Sicherheit. Beim Sprechen ist dies anders. Was gesagt ist, lässt sich nicht so einfach löschen. Sprechen erfordert Spontaneität und – das macht die besondere Herausforderung aus – ein direktes Gegenüber. Zudem wird vieles, was mitgemeint ist, gar nicht gesagt, gerade im familiären Kontext. Bereits Koch/Österreicher haben der mündlichen Nähe die schriftliche Distanz gegenübergestellt (Peter Koch/Wulf Oesterreicher, Sprache der Nähe – Sprache der Distanz (1985)). So zeigt Dröschers biografischer Essay, wie sie lernt, den Anspruch ans Schreiben und den an das Sprechen auseinanderzuhalten und ihre ängstliche Stille zu überwinden.

Dröscher steht mit ihrer Erfahrung nicht allein da. Sie schreibt gerne und kompetent – ist als Schriftstellerin anerkannt. Beim Sprechen fühlte sie sich jedoch lange Zeit aufgrund der eigenen Herkunft und Erziehung unsicher. Sie verstummte oft, wenn es wichtig gewesen wäre, ihre Stimme zu erheben. Umgekehrt kommt es ebenso vor, dass jemand mündlich kompetent ist und schriftlich Schwierigkeiten hat, z.B. beim Entwickeln einer logischen Textstruktur oder bei der Auswahl präziser Begriffe. Ich habe über viele Jahre ein Kommunikationsmodul unterrichtet, das in der einen Hälfte die Gesprächsführung im Job trainierte und in der anderen die schriftliche Dokumentation technischer Projekte vermittelte. Nur wenige Studierende haben beide Kompetenzen gleichermassen beherrscht. Es war auch nicht einfach, Dozierende für dieses Modul zu finden: Die einen unterrichteten bevorzugt das Schreiben, die anderen lieber Gesprächsführung und Präsentieren.

Der Dialekt im Hunsrück

Neben diesem beruflichen Bezug zum eigenen Unterricht habe ich in Dröschers Buch viele weitere persönliche Bezugspunkte gefunden, die mich zum Nachdenken über mein eigenes Sprechen anregten. Überhaupt habe ich mich erst für den Essay interessiert, als ich von ihren Erfahrungen mit dem Hunsrücker Platt erfuhr. Das sprach mich an, denn was sie dort beschrieb, ist Teil meiner eigenen Biografie.

Im Unterschied zu ihr, die Hochdeutsch als erste Sprache erlernte und dann den Dialekt zusätzlich sprach, ist das moselfränkische Platt des Hunsrücks meine erste Sprache. Hochdeutsch, oder das, was ich damals dafür hielt, kannte ich nur vom Pastor («d’Häa», also «der Herr») und von der Schreckschraube von Kindergärtnerin, die aus dem benachbarten Saarland kam. Auch im Fernsehen sprachen die Menschen anders als bei uns daheim. Dröscher erwähnt die «Grombiere» (S. 21, Kartoffeln) als eines der besonders seltsamen Wörter ihres Pfälzer Dialekts. Bei uns wird dieses Grundnahrungsmittel meiner Kindheit noch weniger verständlich, denn mein Dialekt macht auch die stimmhaftesten Konsonanten fast stimmlos: «Krompern». Das ist nur ein Beispiel aus dem Buch, das dazu geführt hat, mich gut in Dröschers Entscheidung wiederzufinden:

Ich weiß nur, dass ich mitten im Deutschunterricht entschied, von nun an nur noch reinstes Hochdeutsch zu sprechen. So wie die Figuren in meinen geliebten Büchern. Seit meinem siebzehnten Lebensjahr habe ich nie wieder Dialekt geredet. (S. 35)

Auch ich habe im Gymnasium angefangen, mit dem Dialekt zu hadern – aus sozialer Scham. Am Gymnasium wurde vorwiegend Hochdeutsch gesprochen. Vor allem dem Musiklehrer lag viel daran, uns beim Singen das korrekte „ch“ beizubringen („Kirche“ nicht „Kirsche“). Mit etwa 15-16 Jahren habe ich aufgehört, in meiner ersten Sprache zu sprechen, auch gegenüber den Eltern und meinen Brüdern. Ich brauchte damals diese Distanz, denn im Dialekt fühlte ich mich eingeschränkt auf das Dorf. Aus dem wollte ich unbedingt weg.

Befreiende Distanz

Ebenso wie für Dröscher waren für mich neben dem Hochdeutschen die Fremdsprachen eine hilfreiche virtuelle Flucht aus der Heimat, später dann das Ticket für lange, erfahrungsreiche Auslandsaufenthalte. Obwohl ich friedensbewegt war, habe ich als Schülerin voller Begeisterung den US-amerikanischen Soldatensender AFN aus K-Town gehört. Im Rückblick finde ich das Verhalten gegenüber meiner Familie verletzend, aber mir war es damals wichtig, dass man mir nicht mehr anhörte, woher ich kam. Doch auch die Zuflucht in die Fremdsprachen fand eine gewisse Grenze: Bei der Geburt des ersten Sohnes, der in den USA zur Welt kam, mochte ich gegen Ende der Wehen kein Englisch mehr sprechen.

Obwohl ich seit 40 Jahren nicht mehr im Hunsrück lebe, spreche ich den Dialekt längst wieder mit großer Gelassenheit, wann immer ich mit der Familie telefoniere oder ich zu Besuch bin. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann das intuitive Code Switching zwischen Dialekt und Hochdeutsch für mich wieder selbstverständlich wurde. «Mippelscha» gehören wieder zu meinen Leibspeisen – trotz der vielen «Krompern». Heute muss ich nicht mehr wegwollen. Die räumliche Distanz hat mir im Gegenteil geholfen, den Dialekt so authentisch zu bewahren, wie ihn Kinder im Hunsrück kaum noch erlernen.

„Kromperemippelscha“ aus der Spießbratenhalle Schillingen

Vom Sprechen zum Schreiben

Inzwischen habe ich es mit dem Dialekt an einer anderen Stelle zu tun. Seit 20 Jahren lebe ich in der Schweiz und verstehe Schweizerdeutsch sehr gut. Wie viele Deutsche im Land spreche ich die lokale Mundart nicht – obwohl ich die Regeln kenne und linguistisch die Unterschiede gut erklären kann. Natürlich nutze ich die üblichen Floskeln („würkli?“, „chunsch au?“, „e schöni wuche“ etc.) im Alltag; aber eine echte Konversation kommt mir bis heute nicht über die Lippen. Ein Dialekt funktioniert nur als Herzenssprache gut und das Züritüütsche ist es für mich nicht geworden. Mir reicht denn auch ein Dialekt im Leben und den habe ich bei der Einreise schon im Gepäck gehabt. Das Problem mit der Mundart ist demnach nicht kognitiv: Ich könnte es sprachlich leisten. Vielmehr liegt die Barriere auf psychologischer Ebene.

Nur wenige Menschen erwarten, dass ich den Dialekt aktiv beherrsche – welch ein Glück! Obwohl ich die Mundart nicht spreche, nutze ich gewisse phonetische und lexikalische Anpassungsstrategien, um von meiner Seite eine gemeinsame Basis zu schaffen. Damit beinhaltet aber jede Konversation in der Deutschschweiz eine bewusste Entscheidung, wie wir jeweils miteinander sprechen. «Verstehschts Züritüütsch?» Diese Klärung zu Beginn, wer in welcher Sprachvariante sprechen wird, sorgt im besten Fall für Vorsicht und Rücksicht im Umgang miteinander und braucht viel Wohlwollen beim Zuhören sowie den Mut zum Nachfragen. Was könnte der anderen Person fremd oder seltsam erscheinen, wenn ich spreche? Was könnte die andere Person – nicht nur auf der Sachebene! – missverstehen, weil ich z.B. zu schnell spreche oder typisch deutsche Begriffe nutze?

Fühle ich mich deshalb als Fremde? Manchmal ein wenig, was aber okay ist, denn ich bin nun mal eine Spätankommende. In diesem Dazwischen fühle ich mich sprachlich zu Hause. Da kann mich niemand leicht vereinnahmen. Außerdem kann ich mich einstweilen wunderbar im Schreiben ausleben.

Empfehlung

Ich kann Dröschers kurzen Essay nur empfehlen. Er ist frei von theorielastiger Überfrachtung, ist aber wissenschaftlich gut fundiert. Er lädt dazu ein, die eigene Sprachbiografie zu erkunden, was mir großen Spaß bereitet hat:

Mein Text will dazu animieren, das eigene Sprechen und Hören zu hinterfragen (S. 15).

Anhand persönlicher, gut nachvollziehbarer Beispiele aus dem Lebenslauf der Autorin öffnet das Buch den Blick dafür, wie Erfahrungen seit frühester Kindheit unser Sprechen formen und wie aus diesen Lernmomenten neue Beziehungen zu Mitmenschen und zum kulturellen Kontext entstehen können, dies auf sehr vielfältige Weise.

Das Rezensionsexemplar wurde mir kostenlos vom Hanser-Verlag zur Verfügung gestellt. Dafür vielen Dank!

Haus der Wannsee-Konferenz, Von A.Savin - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=31154057

Eichmann in Buenos Aires

Vor kurzem habe ich Ariel Magnus‘ Roman El desafortunado (deutsch: Das zweite Leben des Adolf Eichmann) gelesen. Die fiktionalisierte Biographie beschreibt die Jahre, die Adolf Eichmann nach seiner Flucht aus Europa – so wie andere hochrangige Nazis – unbehelligt in Argentinien leben konnte. Im Mai vor 66 Jahren wurde er vom Mossad gefasst und nach Israel gebracht. Dort wurde er vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt.

Im aktuellen Newsletter findet Ihr meine Buchbesprechung in englischer Sprache: https://tertulia.substack.com/p/eichmann-in-buenos-aires

Eichmanns Zuhause in Buenos Aires bis 1958

Die Lektüre ist anspruchsvoll und lohnenswert.

https://www.wikidata.org/wiki/Q58175745#/media/File:Anton_Fugger_burning_the_debenture_bonds_of_Charles_V_in_1535_by_Carl_Ludwig_Friedrich_Becker.jpg

Die finanzielle Infrastruktur der Macht

Kürzlich habe ich Greg Steinmetz‘ Buch Der reichste Mann der Weltgeschichte. Leben und Werk von Jakob Fugger gelesen, um mich auf eine Reise zu den ehemaligen Fugger-Faktoreien in Spanien vorzubereiten. Die deutsche Übersetzung des englischen Originals von 2015 wurde 2025 neu aufgelegt. 2025 jährte sich Jakob Fuggers Todestag nämlich zum 500. Mal. Hier sind meine Gedanken zum Buch:

Albrecht Dürer, Jakob Fugger der Reiche (1518)

Worum geht’s

Der US-amerikanische Journalist Greg Steinmetz erzählt das Leben von Jakob Fugger (1459–1525), dem einflussreichsten Kaufmann und Bankier der Renaissance. Er zeigt, wie ihn sein unternehmerisches Geschick, sein Machtbewusstsein und seine hohe Risikobereitschaft zu enormem wirtschaftlichem und politischem Einfluss verhalfen. Das Buch schildert Fuggers Aufstieg vom Augsburger Handelshaus zur globalen Finanzmacht, seine Rolle als Kreditgeber europäischer Könige, Kaiser und des Papstes sowie seine strategischen Investitionen in Bergbau und Handel. Zugleich verbindet Steinmetz die Biografie Fuggers mit einer grösseren wirtschafts- und machtgeschichtlichen Perspektive: Jakob Fugger wird als Prototyp eines frühkapitalistischen Patrons dargestellt. Er baut ein Wirtschaftsimperium auf, von dem die Politik in vielfacher Weise abhängig wird. Günter Ogger hat dies bereits 1979 auf die griffige Formel Kauf Dir einen Kaiser gebracht.

Was mir gefiel

Ich mochte den unterhaltsamen Stil. Das Buch liest sich wie ein Drehbuch für eine Fernsehdokumentation. Das wirkt lebendig, mit dramatischen Szenen und einer klaren Erzählstruktur entlang der Lebensstationen Fuggers. Steinmetz versteht es auch, komplexe Finanztransaktionen verständlich und spannend zu vermitteln. Die Mischung aus Biografie und wirtschaftshistorischem Kontext bietet einen guten Überblick, weshalb das Buch als Einstieg für Nicht-Historiker geeignet ist. Damit sind wir aber auch schon bei den Kritikpunkten.

Was mir weniger gefiel

Steinmetz stützt sich stark auf sekundäre Literatur, was eine historisch geschulte Leserschaft nicht überzeugen kann. Die chronologische Darstellung führt zu Wiederholungen, da Fuggers Handeln oft ähnliche Muster aufweist oder zumindest vermuten lässt. Eine thematische Verdichtung (z.B. entlang dieser Muster oder Geschäftsgebaren) wäre gerade für die finanz- oder wirtschaftsgeschichtliche Einordnung aufschlussreich gewesen. Einige Schilderungen wirken auch sehr oberflächlich und zeugen von wenig Ortskenntnis. Zum Beispiel wird die Quecksilbermine von Almadén in die Verwaltungseinheit des Maestrazgo in Aragón verlegt (S. 260). Almadén befindet sich jedoch in der Provinz Ciudad Real (Kastilien-La Mancha). Hier sitzt Steinmetz einer rein sprachlichen Übereinstimmung von Begriffen auf. Die gebirgige Landschaft des Maestrazgo hat ihren Namen von den Meistern der Militärorden («los maestres»), die dort die Gerichtsbarkeit ausübten. In den Geschäftsunterlagen der Fugger bezeichnet «maestrazgo» dagegen das Recht oder Amt des «maestre», der für den Betrieb der Bergwerke zuständig war. Auch hier geht der Begriff darauf zurück, dass diese Rechte bei den Militärorden lagen, bevor sie an die Krone fielen. Wenn wir also im Zusammenhang mit den Fuggern von «maestrazgo» sprechen, geht es nicht um eine territoriale Bezeichnung, sondern allgemein um das Unterhalts- und Nutzungsrecht an einem Bergwerk. Mit solchen «maestrazgos» sicherte Fugger nicht nur seine Kredite ab, sondern liess sich die Kredite auch gut bezahlen, denn diese Einkünfte bildeten eine im Rahmen des kirchlichen Zinsverbots konstruierte Form der Kompensation.

Fazit

Das Buch ist unterhaltsam und flüssig geschrieben. Als populärwissenschaftlicher Einstieg taugt es gut, doch für eine fundierte Auseinandersetzung mit Fuggers Motivation und der historischen Einordnung sind spezialisiertere Quellen erforderlich. Wer eine dramatische Erzählung sucht, wird sich gut bedient fühlen. Wer analytische Tiefe erwartet, muss andere Texte hinzuziehen. Für die Vorbereitung meiner Spanienreise taugte es jedenfalls überhaupt nicht. Was Spanien angeht, ist denn auch Jakobs Neffe Anton von grösserer Bedeutung. Erst Anton erweiterte die Geschäftsaktivitäten mit Spanien massiv; aber sein Onkel Jakob legte mit der massiven finanziellen Unterstützung Karls V. den Grundstein dafür.

Spannend bleibt Fuggers Leben und Wirken bis heute, denn die Fragen, die sich aus der Lektüre ergeben, sind aktuell und relevant: Was treibt Menschen an, die nach immer mehr Macht und Reichtum streben? Wie kann man diese Gier nach Wachstum erklären? Wie entsteht die wirtschaftliche Infrastruktur eines der grössten Reiche, die Europa je hatte, und wer hatte das Sagen? Wie viel Macht sollen Finanzakteure über politische Entscheidungen haben? Wann und wie soll man sie regulieren? Wenig überraschend funktionieren viele von Fuggers Methoden und Verhaltensstrategien noch heute im Geschäftsleben. Tatsächlich zeigt Fuggers Geschichte aber auch, dass der Kapitalismus nicht naturgegeben ist, sondern ein von Menschen gemachtes System, das bei Bedarf umgestaltet werden kann.

Mohnblumen in Andalusien

Legalisieren statt abschieben? Wie Deutschland und die Schweiz auf Spaniens Migrationsdekret reagieren

Das spanische Migrationsdekret vom 27. Januar 2026

Die spanische Regierung hat angekündigt, den Status von rund 500.000 Zuwanderern zu legalisieren. Der Beschluss vom 27.01.2026 sieht vor, dass alle Einwanderer ohne Aufenthaltstitel auf Antrag eine vorläufige Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis erhalten. Der Prozess ist auf das enge Zeitfenster von April bis Juni 2026 begrenzt und sieht folgende Voraussetzungen vor:

  • Interessierte Personen müssen zum Zeitpunkt der Antragstellung einen ununterbrochenen Aufenthalt von mindestens fünf Monaten nachweisen und vor dem 31.12.2025 in Spanien gewohnt haben.
  • Sie sind nicht vorbestraft und stellen keine Gefahr für die öffentliche Sicherheit dar.

Rechtfertigung der Massnahme

Die spanische Regierung rechtfertigt das Dekret vor allem mit humanitären, ökonomischen und demografischen Argumenten. Es dient gleichzeitig auch als politisches Signal eines progressiven Spanien gegen die zunehmend restriktive Migrationspolitik in Europa und den USA. Damit diese Form der Migrationspolitik nicht am konservativen Kongress scheitert, wurde sie in Form eines königlichen Dekrets verabschiedet. Es ist nämlich durchaus so, dass diese Politik auch in Spanien auf Widerstand stösst. Dabei wird gern übersehen, dass es eine ähnliche Massnahme bereits in den Regierungszeiten von José María Aznar gegeben hat. Auf die Wiedergabe der Fake News, mit denen rechtsextreme Politiker in Spanien nun gegen diese Legalisierung ankämpfen, möchte ich an dieser Stelle verzichten. Stattdessen verweise ich auf dieses Aufklärungsvideo von der Deutschen Welle:

Vorbild Spanien?

Nun hat mich eine spanische Freundin aus dem Aargau, die für längere Zeit auf den Kanaren ist, gefragt, wie denn die Schweiz und auch Deutschland auf diesen Legalisierungsschub reagiert hätten. Kann Spanien gar ein Vorbild für ganz Europa sein? Immerhin hat sich Spanien in den letzten Jahren zum wirtschaftlichen Shooting-Star Europas gemausert. Ausserdem ist Spanien inzwischen eines der wichtigsten Einwanderungsländer der EU, mit starkem Zuzug aus Lateinamerika, Afrika und der EU. Es gibt also gute Gründe, weshalb Spanien pragmatisch mit dem Thema umgehen muss.

In all dem News-Taumel der letzten Wochen hatte ich zwar die ein oder andere persönliche Reaktion auf das Dekret gelesen und auf Bluesky versucht, diesen innovativen Schwenk der spanischen Migrationspolitik bekannt zu machen.

Doch ist das Umfeld auf Bluesky eher liberal-progressiv und wenig repräsentativ. So musste ich erst ein wenig recherchieren, um das Stimmungsbild in Deutschland und der Schweiz einzufangen.

Die Reaktionen in Deutschland

Die deutsche Bundesregierung betrachtet das spanische Modell nicht als Vorbild, sondern als politisch und rechtlich eigenständigen Weg, der in Deutschland so nicht übernommen werden soll. So wird eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums zitiert. Ausserdem verweist sie darauf, dass eine ähnliche Regulierung eine Gesetzesänderung erfordern würde, die politisch nicht gewollt sei. In den Medien habe ich ebenfalls die Darstellung gefunden, die den Gegensatz zwischen der spanischen Politik und den deutschen politischen Prinzipien betont (hier, hier und hier).

Wer sich auf Social Media und den Kommentarspalten der Tageszeitungen umschaut, hört vor allem heraus, dass der spanische Fall so nicht übertragbar sei, da Spanien keine Integrationsprobleme habe. Denn, so der Tenor dieser Kommentare, komme die Mehrheit der irregulären Migration aus Lateinamerika, namentlich Kolumbien, Venezuela und Ecuador, und müsse folglich weder sprachlich noch kulturell integriert werden. Menschen aus Lateinamerika stellen tatsächlich die Mehrheit derjenigen, die von dem Dekret profitieren könnten. Doch frei von Diskriminierung und Exklusion sind sie nicht. Besonders Menschen dunkler Hautfarbe sind davon betroffen. Wenn auch die kulturelle Nähe zunächst die Integration (vor allem im Arbeitsleben) erleichtert, ist es doch so, dass neben ökonomischen und sozialen Bedenken viele Ressentiments gegenüber lateinamerikanischen Migranten und Migrantinnen beobachtet werden können. Diese reichen von banalen Dingen (laute Nachbarn, laute Musik) über Frivoles (offenherzige Kleidung, anzügliche Tänze) bis hin zu harten Vorurteilen (höhere Kriminalität, Gewaltbereitschaft).
Als Deutsche in der Schweiz weiss ich zudem, dass es oft gar nicht an der kulturellen Nähe liegt, die eine schnelle Integration ermöglicht, sondern im Gegenteil sogar zu einer Angst vor kultureller Übernahme führen kann. Dies passiert besonders dann, wenn die Anzahl der Ankommenden so hoch ist, dass Überfremdung der eigenen Sprachvarietäten und lokaler Kultur befürchtet und abgelehnt wird.

In rechten Kreisen wurden auch Falschinformationen aus Spanien, Stichwort „Blitzeinbürgerung“, verbreitet, die den üblichen Empörungsmustern folgen (siehe Video der Deutschen Welle). Ein weiteres Gegenargument ist die Furcht vor einer Sogwirkung dieser einmaligen Angelegenheit. Man befürchtet, dass eine solche Massnahme zu noch mehr Einwanderung führen könnte.

Insgesamt kann man sagen, dass in Deutschland eine Übernahme des Modells aus prinzipiellen Gründen abgelehnt wird. Die Bundesregierung ist nicht gewillt, ihre restriktive Politik zu überdenken. Stattdessen werden straffere Kontrollen, eine enge Auslegung sicherer Herkunftsstaaten, eine weiterhin klare Differenzierung von Migrationsgründen und strenge Bleiberechtsreglungen für nachweislich gut integrierte Menschen fortgeführt. Aber wie kann man sich integrieren, wenn man nicht dazugehören soll?

Reaktionen in der Schweiz

Auch in der Schweiz gab es Reaktionen auf das spanische Dekret, wobei es bislang keine öffentliche, Stellungnahme des Bundesrates oder des zuständigen EJPD gab. Das passt zur Neutralitätsverpflichtung. Alle bekannten Medien (Tagesanzeiger, nzz, srf, rts, woz) vermeldeten das Dekret. Ähnlich wie in Deutschland, legten auch sie den Fokus auf den Kontrast zur eigenen restriktiven Migrationspolitik. Gerade die liberal-konservative Neue Zürcher Zeitung fällt in diesem Überblick angenehm durch ihre offene Haltung auf.

Spaniens Weg als Anstoss für eigene Lösungen

Spaniens Legalisierungsdekret zeigt, dass eine humanitäre Einwanderungspolitik, die sich an der wirtschaftlichen und demografischen Entwicklung des Landes orientiert, möglich ist. Deutschland und die Schweiz reagieren darauf mit Zurückhaltung. Vielleicht wäre es an der Zeit, über das spanische Vorgehen im Sinne eines „out-of-the-box“-Ansatzes nachzudenken. Wer schon gekommen ist, wird in der Regel nicht wieder freiwillig gehen. Das sind die Fakten, denen sich Spanien stellt. Wie liessen sich in Deutschland und der Schweiz Wege finden, die die Realität der hier lebenden Menschen ohne Aufenthaltsrecht ernst nehmen, ohne das Recht zu unterlaufen, die Bürokratie weiter auszubauen und den Sozialstaat zu überfordern? Die demografischen und wirtschaftlichen Herausforderungen stellen sich langfristig in beiden Ländern ähnlich wie in Spanien dar (auch wenn die politische Situation der Schweiz als Nicht-EU-Staat eine andere ist). Die Menschen, die nun schon einmal da sind und arbeiten wollen, könnten unter klaren Bedingungen viel besser und schneller integriert werden, wenn Regulierung, Arbeit und Integration stärker zusammen gedacht würden.

Mehr Demokratie wagen – auch bei der Arbeit!

In meinem aktuellen Newsletter stelle ich den Bericht einer von Yolanda Díaz eingesetzten Kommission vor, der die demokratischen Defizite der spanischen Arbeitswelt untersucht und konkrete Vorschläge zu verbesserter Partizipation und Teilhabe macht. Damit soll der verfassungsmässige Anspruch der Arbeitnehmenden auf aktive Mitbestimmung und Eigentum an spanischen Unternehmen gewährleistet werden. Hier geht es zu meiner Kurzpräsentation des Berichts: https://tertulia.substack.com/p/two-promises-to-those-who-work-voice

Das englische Original des Berichts findet sich hier: https://reportondemocracyatwork.org/en/the-report/

Titelblätter spanischer Tageszeitungen zum Tod von Francisco Franco

Franco, der ewige Faschist

Am 20. November jährt sich der Todestag Francisco Francos zum 50. Mal. Anlässlich dieses Datums stelle ich Euch in meinem heutigen Artikel die Biografie Franco. Der ewige Faschist des Bildungsforschers Till Kössler vor. Diese richtet sich explizit an ein deutschsprachiges Publikum.

Im Sommer ließ mich die Unterhaltung mit einer spanischen Bekannten über die derzeitige Polarisierung des politischen Diskurses im Land perplex zurück. Beiläufig bemerkte sie, dass Franco zwar als Diktator regiert habe. Doch er wäre vielleicht in der damaligen Zeit das Beste für Spanien gewesen. Noch verstörter war ich, als ich eben diese Meinung in Till Kösslers aktueller Biografie des spanischen Diktators wiederfand. Dieses Mal stammt diese Einschätzung nicht aus dem Mund einer konservativen Spanierin, sondern einer überzeugten deutschen Liberalen. Kössler zitiert die ehemalige Herausgeberin der ZEIT, Marion Gäfin Dönhoff nach einem Besuch in Madrid im Jahr 1950, die die Politik Francos als „höchstinteressantes Experiment“ und „Kompromiß zwischen Autorität und Freiheit“ bezeichnet, welches „sich vielleicht in keinem anderen Lande halten könnte und das doch für Spanien, die Spanier und ihre heutige Lage offenbar das einzig adäquate ist.“ (zitiert nach Kössler, 2025, S.228).

Zielsetzung und These

Till Kössler, Erziehungswissenschaftler und Historiker an der Universität Köln, geht akribisch diesen widersprüchlichen Auslegungen der franquistischen Diktatur nach. War Franco ein brutaler Gewaltherrscher? Oder ging er den für Spanien einzig machbaren Weg, für den er im Land bis heute Zustimmung findet? Kösslers Ziel ist es, aufzuzeigen, dass Franco während seiner gesamten Regierungszeit eine faschistische Symbolsprache und Großmachtfantasien beibehielt, die zu brutaler Repression Andersdenkender führten. Bis zuletzt blieb sein Weltbild von verschwörungstheoretischen Mythen und einem rückwärts gewandten Anti-Amerikanismus und Anti-Liberalismus geprägt. Typisch für seine autoritär-diktatorische Regierungsführung sind auch die Schilderungen einer allgegenwärtigen Korruption, mit der Franco die eigene Macht verfestigte (s. S. 272f.).

Fokus auf sozialen und kulturellen Kontexten

Entlang der Zäsuren der spanischen Geschichte des 20. Jahrhunderts will Kössler seine These aus dem Titel belegen. Der Verlust der letzten Kolonien Spaniens war ein markanter Einschnitt. Auch der militärische Einsatz im Protektorat Marokko, der Sturz der Monarchie und der brutale Bürgerkrieg prägten ihn. Diese Ereignisse formten seine Identifikation als Militär und antidemokratischer Monarchist. Kössler zeigt auch, dass die vermeintliche Öffnung nach dem Zweiten Weltkrieg aus pragmatischen Gründen erfolgte. Franco konnte sich ideologisch nie mit dieser wirtschaftlichen Öffnung anfreunden. Franco regierte mit harter Hand in einem Land, das sich in Sieger und Besiegte spaltete, auch als er längst die Uniform gegen einen zivilen Anzug ausgetauscht und der europäische Massentourismus die spanischen Strände entdeckt hatte (S. 261).

Dabei wählt Kössler bewusst keinen persönlichkeitszentrierten Zugang (das haben andere bereits getan). Ihm geht es um etwas anderes, in seinen eigenen Worten:

Das vorliegende Buch wählt einen anderen Zugang. Es lenkt die Aufmerksamkeit auf die sozialen und kulturellen Kräfte und Kontexte, die Francos Handeln prägten, seinen Aufstieg ermöglichten und sein Wirken als Diktator bestimmten. Anstatt über Charaktereigenschaften des spanischen Diktators zu streiten, erscheint es ergiebiger,ihn in gesellschaftlichen und kulturellen Milieus und Institutionen zu verorten, vor allem dem Militär, und die politischen Netzwerke zu betrachten, denen er zu unterschiedlichen Zeiten seines Lebens angehörte. (S. 15)

Bewertung und Relevanz

Kössler wendet sich mit seiner Monografie an ein breites deutschsprachiges Publikum. Er schreibt stets verständlich und macht die Bezüge zur deutschen Politik transparent. Sehr gut gefallen mir die detaillierten Übersichten: eine Zeittafel, eine Karte mit den Hauptstationen im Leben Francos, die umfassende Auswahlbibliografie und ein ausführlicher Index. Der Autor richtet sich ausdrücklich nicht an ein akademisches Publikum, arbeitet dennoch stets wissenschaftlich solide. Teilweise wird trotz des populärwissenschaftlichen Ansatzes viel von der Leserschaft erwartet, z.B. wenn es um das Kontextwissen bestimmter Ereignisse und Prozesse geht (etwa Spaniens Rolle in Marokko oder die Definition und Erkennungsmerkmale faschistischer Ideologie). Manchmal hätte ich mir gewünscht, dass Kössler bestimmte Vertreter der Franco-Forschung häufiger namentlich einbringt, um den historischen Diskurs um die Auslegung der Rolle Francos transparenter zu machen. Häufig unterscheidet er lediglich wohlwollende und kritische Forschende. Das erleichtert zwar den Lesefluss, erschwert aber die weitergehende Einordnung von Kösslers Argumentationslogik.

Kössler stützt sich insgesamt auf zahlreiche Originalquellen, wobei die Aufzeichnungen von Francos Cousin Francisco Franco Salgado-Araujo eine zentrale Rolle spielen. Salgado war über viele Jahrzehnte Francos Privatsekretär, in Francos monarchisch-autoritärem Sprachgebrauch sein Kammerdiener („ayuda de cámara“). Ich hätte mir darüber hinaus noch mehr direkte O-Töne Francos gewünscht. Dadurch hätte ich einen unmittelbareren Einblick in seine Rhetorik erhalten. So könnten faschistische Elemente besser erkannt und benannt werden. Die Bedeutung von Salgados Aufzeichnungen soll dies nicht schmälern.

Im Jahr 2025 ist wieder von autoritären und faschistoiden Tendenzen in der Politik die Rede. Diese Tendenzen drängen sich laut und lärmend in die politische Praxis. Gerade in Spanien selbst haben zahlreiche revisionistische Kräfte die positive Geschichte vom väterlichen Diktator wiederbelebt, wie Julia Macher erst kürzlich zeigte. Kösslers Buch bietet daher nicht nur einen historischen Einblick, wie ein autoritärer Staat entstanden ist. In diesem Sinne ist es auch eine Einladung an Demokraten und Demokratinnen, das dazu aufruft, das Entstehen eines solchen Staates zu erkennen und zu verhindern. Eine empfehlenswerte, lehrreiche Lektüre.

Container von RTVE am Filmfestival in San Sebastián

Rückblick auf das 73. Internationale Filmfestival in San Sebastián

Das 73. San Sebastián International Film Festival (SSIFF) bot dieses Jahr eine gute Auswahl an Filmen. Ich hatte den Eindruck, hier wird Kino für das Publikum gemacht, nicht nur für andere Filmleute. Die US-amerikanischen Celebrities, die mich sowieso weniger interessierten, hinterliessen wohl einen eher flüchtigen Eindruck.

Von den insgesamt elf Filmen, für die wir Tickets bekamen, waren zehn Neuerscheinungen aus dem aktuellen Jahr. Bis auf Franz haben wir ausschliesslich spanische und lateinamerikanische Filme angeschaut (wobei einige davon internationale Koproduktionen waren). Außerdem haben wir uns zum Abschluss am Samstagabend noch den mexikanischen Klassiker El callejón de los milagros (1995) in der Tabakalera gegönnt. Absolut empfehlenswert, mit Salma Hayek in ihrer ersten großen Rolle.

Hier sind nun meine drei Favoriten:

Un poeta, von Simón Mesa Soto

Un Poeta von Simón Mesa Soto ist ein kolumbianischer Film, der tief in die Seele von Medellín eintaucht. Der Film erzählt die Geschichte des Dichters Óscar Restrepo, dessen Leben von Liebe, Verlust und dem Kampf um künstlerische Anerkennung geprägt ist. Nach ersten Anfangserfolgen bleiben Inspiration und dichterische Produktivität auf der Strecke. Seine Schwester bringt’s auf den Punkt: «Du bist arbeitslos.»

Im Privaten bemüht sich Óscar um die Beziehung zu seiner Tochter, die bei der Mutter lebt. Beide Eltern sind schon lange getrennt. Der Dichter lebt bei seiner alten Mutter, die ihn herumkommandiert und ihm aber auch immer wieder das notwendige Geld zusteckt. Neue Hoffnung erfährt er durch seine talentierte Schülerin Yurlady, nachdem er sich auf Druck seiner Schwester als Lehrer einstellen lässt. Yurlady hat jedoch andere Pläne und will ein bescheidenes, aber sicheres Leben führen, anstatt Dichterin zu werden.

Der Film besticht durch seine authentische Darstellung des soziokulturellen Lebens in Medellín und seine humanistische Haltung. Mesa Sotos Blick ist oft satirisch und humorvoll, aber nie zynisch. Mir hat vor allem auch der kritische Blick auf mögliche Geldgeber für künstlerische Projekte gefallen: Welche Themen werden von Stiftungen und internationalen Fördervereinigungen nachgefragt? Wie sehr muss sich eine Künstlerin, in diesem Fall Yurlady, verbiegen, damit sie ihr Werk präsentieren darf? Wo bleibt dabei die Autonomie der Kunst? Jeder, der schon einmal einen Antrag bei einer Stiftung eingereicht hat, kennt dieses Thema.

Eloy de la Iglesia – adicto al cine, von
Gaizka Urresti 

Eloy de la Iglesia – adicto al cine ist eine Hommage auf den Filmregisseur Eloy Germán de la Iglesia Diéguez (1944-2006). Er gilt als eine der relevantesten Stimmen des spanischen Kinos der Transición. Der Dokumentarfilm bietet einen temporeichen Einblick in das Schaffen eines Regisseurs, der in Spanien sehr populär war, im Ausland jedoch wenig bekannt wurde. Die Doku zeigt seine Schaffenskraft, seine offen ausgelebte Homosexualität, die Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei Spaniens sowie die Existenzkrise, die seine Heroinabhängigkeit mit sich brachte. Der Film ist eine ausgezeichnete Einführung in das Werk von Eloy de la Iglesia und regt an, mehr von seinen Filmen zu entdecken. Ich muss aber zugeben, dass mich die Darstellung seines Person und seiner überbordenden künstlerischen Energie mehr als die in der Doku präsentierten Filme ansprachen. Viele davon schienen mir zu gewalttätig und pornographisch. Das ist nicht mein Ding. Am ehesten würde ich mir noch die Filme El diputado und El sacerdote anschauen.

In dem nachfolgenden Interview spricht Gaizka Urresti über seine Motivation für die Dokumentation:

Ciudad sin sueño, von Guillermo Galoe

Ciudad sin sueño von Guillermo Galoe ist ein Film, der die Lebensrealität der Gitanos und weiterer marginalisierter Gruppen in der Agglomeration von Madrid zeigt. Der Film folgt zwei Teenagern, Toni und Bilal, deren Familien in Wellblechhütten und unter extrem schwierigen Bedingungen in der «Cañada Real» leben. Da Madrid aufgrund seines dynamischen Wachstums mehr Bauland braucht, ist die informelle Siedlung im Südosten der Hauptstadt sehr interessant für die Immobilienbranche geworden. Die Menschen, die dort leben, sollen umgesiedelt werden. Bilals Familie zieht deshalb zu Verwandten nach Marseille, was Toni sehr zu schaffen macht. Er fühlt sich alleine gelassen. Obwohl die Zustände furchtbar sind – es gibt weder Strom noch Wasser, die Kriminalität ist hoch – widersetzt sich Tonis Großvater einem Umzug, weil er nur in dieser Umgebung seine Freiheit bewahren kann. Manu Yáñez deutet diese Haltung des Großvaters als heroischen Akt des Widerstands gegen den ungezähmten Kapitalismus der heutigen Zeit. Ich stimme nicht mit dieser Einschätzung überein. Ja, der dominante «Pai» und seine Frau bleiben, aber die jüngere Generation wird gehen und dem widersetzt sich der Alte auch nicht. Für mich signalisiert sein trotziges Bleiben daher eher einen nostalgischen Moment, die Welt der «Cañada Real» hat keine Zukunft mehr. Die Jungen müssen, wenn auch widerstrebend, einen neuen Weg finden.

Die Perspektive der Jugendlichen wird durch eine dynamische Kameraführung und Selfie-Aufnahmen mit aufregenden Farbfiltern eingefangen. Besonders beeindruckend sind die beiden jugendlichen Darsteller, die ihre Rollen mit großer Authentizität spielen. Diese Augen! Der Film lässt das Publikum stets selbst entscheiden, ohne moralisierend zu wirken, und zeigt, wie Toni und seine Familie ihren Weg finden müssen.

Wer sich nicht vorstellen kann, dass Menschen mitten in Europa unter derart miserablen Bedingungen leben, kann sich einen Eindruck vom aufreibenden Alltag in diesem Slum machen: https://www.zdf.de/play/dokus/arte-collection-arte-rc-000000-8-100/page-video-arte-re-europas-groesster-slum—die-caada-real-in-madrid-100

Und hier ist der Trailer zum Film:

Fazit

Die Auswahl der Filme, die wir besuchten, hing stark von der Verfügbarkeit der Tickets und den Spielzeiten ab. Wir konnten beispielsweise den Siegerfilm des Festivals, Los domingos, nicht sehen, da die Tickets bereits ausverkauft waren, als wir noch auf dem Camino irgendwo zwischen Logroño und Nájera unterwegs waren (darüber mehr in einem späteren Post). Dennoch war alles in allem der Kauf der Tickets stressfrei, denn jeden Tag kamen nochmals Resttickets in den Verkauf. Die Organisation des Festivals erschien uns perfekt. Nur manches Mal gingen wir eben leer aus, vor allem bei den spanischen Produktionen, die nur eine Aufführung hatten (wie beispielsweise die Doku über Almudena Grandes, die ich sehr gern gesehen hätte). Da ich das erste Mal beim Filmfestival dabei war, kann ich auch keine qualitativen Vergleiche zu den Vorjahren ziehen. So ist also die Auswahl und Bewertung höchst subjektiv.

Insgesamt war das Festival eine bereichernde Erfahrung, die einen guten Einblick in die spanische Filmlandschaft und aktuelle gesellschaftliche Themen geboten hat. Die Spielstätten waren von unserer Wohnung alle über einen Spaziergang entlang der Concha zu erreichen. Überhaupt kann man in San Sebastián fast alles zu Fuss erreichen, ähnlich wie in Locarno. Es gibt zudem, anders als zum Beispiel in Berlin, jederzeit und überall Kneipen und Restaurants, die zwar sehr gut gefüllt sind, in denen man dennoch nach den Veranstaltungen noch ein Plätzchen findet, um das Gesehene zu besprechen. Wir fahren gerne wieder hin.

Die Seen von Palermo, dem Ortsteil von Buenos Aires, in dem die Familie der Protagonistin wohnt. Zu sehen sind die Gänse, die die Seen bevölkern.

Sommerlektüre: Claudia Piñeiro, Tuya

Das Buch lag sicherlich zwei Jahre auf meinem Nachttisch. Als ich endlich anfing, den Krimi zu lesen, konnte ich ihn nicht mehr weglegen. Claudia Piñeiros Roman Tuya aus dem Jahr 2005 ist eine wunderbare Ferienlektüre, ein echter page-turner. Ich kann die Lektüre nur empfehlen.

Worum geht’s?
Inés findet heraus, dass ihr Mann sie betrügt und wird Zeugin, wie dieser eine Frau, seine mutmassliche Geliebte, umbringt. Wie sich Inés‘ Charakter in Reaktion auf diese Tat entwickelt, bildet die Haupthandlung in diesem spannenden Roman über Liebe, Kommunikation und Täuschung in einer argentinischen Familie der Mittelklasse.


Ich fand den Roman sehr kurzweilig und packend erzählt. Piñeiro, über die ich bereits mehrfach geschrieben habe (hier oder hier), hat es sehr gut verstanden, mich als Leserin von der ersten Seite an in den Roman zu ziehen. Ich bin an sich kein ausgewiesener Krimi-Fan. Abwechslungsreich wird der Roman auch durch seine Perspektivenwechsel und eine Nebenhandlung, die in die Zukunft weisen könnte (hach, es gibt auch nette Menschen!). Wie von Piñeiro gewohnt, macht sie das voller Ironie und Seitenhiebe, ohne je zynisch zu wirken. Es gibt auch keine übergeordnete Erzähldistanz, die explizit kommentiert und abwertet. Das gibt dem Buch eine leichte Note, die ich erfrischend fand.

Das Buch, das leicht im Reisegepäck verstaut werden kann, erscheint in Argentinien und Spanien bei Alfaguara. Für deutschsprachige Spanischlernende (ab Niveau B2) gibt es auch eine schmale Ausgabe von Klett, die die zahlreichen typischen Ausdrücke und Redewendungen aus der Rio-Plata-Region übersetzt. In deutscher Sprache ist der Roman, wie alle Bücher Piñeiros, im Unionsverlag unter dem Titel Ganz die Deine erschienen. 2015 hat Eduardo Gonzalez Amer den Roman verfilmt – leider habe ich ihn noch nicht sehen können. Hier ist der Trailer:

Viel Spaß beim Lesen und/oder Sehen und schönen Sommer! 🌻

Update 10.08.2025: Inzwischen habe ich auch die englische Version des Artikels gepostet. Abonniert auch diesen Newsletter und helft mir, meine Arbeit unter die Leute zu bringen ;).