https://www.wikidata.org/wiki/Q58175745#/media/File:Anton_Fugger_burning_the_debenture_bonds_of_Charles_V_in_1535_by_Carl_Ludwig_Friedrich_Becker.jpg

Die finanzielle Infrastruktur der Macht

Kürzlich habe ich Greg Steinmetz‘ Buch Der reichste Mann der Weltgeschichte. Leben und Werk von Jakob Fugger gelesen, um mich auf eine Reise zu den ehemaligen Fugger-Faktoreien in Spanien vorzubereiten. Die deutsche Übersetzung des englischen Originals von 2015 wurde 2025 neu aufgelegt. 2025 jährte sich Jakob Fuggers Todestag nämlich zum 500. Mal. Hier sind meine Gedanken zum Buch:

Albrecht Dürer, Jakob Fugger der Reiche (1518)

Worum geht’s

Der US-amerikanische Journalist Greg Steinmetz erzählt das Leben von Jakob Fugger (1459–1525), dem einflussreichsten Kaufmann und Bankier der Renaissance. Er zeigt, wie ihn sein unternehmerisches Geschick, sein Machtbewusstsein und seine hohe Risikobereitschaft zu enormem wirtschaftlichem und politischem Einfluss verhalfen. Das Buch schildert Fuggers Aufstieg vom Augsburger Handelshaus zur globalen Finanzmacht, seine Rolle als Kreditgeber europäischer Könige, Kaiser und des Papstes sowie seine strategischen Investitionen in Bergbau und Handel. Zugleich verbindet Steinmetz die Biografie Fuggers mit einer grösseren wirtschafts- und machtgeschichtlichen Perspektive: Jakob Fugger wird als Prototyp eines frühkapitalistischen Patrons dargestellt. Er baut ein Wirtschaftsimperium auf, von dem die Politik in vielfacher Weise abhängig wird. Günter Ogger hat dies bereits 1979 auf die griffige Formel Kauf Dir einen Kaiser gebracht.

Was mir gefiel

Ich mochte den unterhaltsamen Stil. Das Buch liest sich wie ein Drehbuch für eine Fernsehdokumentation. Das wirkt lebendig, mit dramatischen Szenen und einer klaren Erzählstruktur entlang der Lebensstationen Fuggers. Steinmetz versteht es auch, komplexe Finanztransaktionen verständlich und spannend zu vermitteln. Die Mischung aus Biografie und wirtschaftshistorischem Kontext bietet einen guten Überblick, weshalb das Buch als Einstieg für Nicht-Historiker geeignet ist. Damit sind wir aber auch schon bei den Kritikpunkten.

Was mir weniger gefiel

Steinmetz stützt sich stark auf sekundäre Literatur, was eine historisch geschulte Leserschaft nicht überzeugen kann. Die chronologische Darstellung führt zu Wiederholungen, da Fuggers Handeln oft ähnliche Muster aufweist oder zumindest vermuten lässt. Eine thematische Verdichtung (z.B. entlang dieser Muster oder Geschäftsgebaren) wäre gerade für die finanz- oder wirtschaftsgeschichtliche Einordnung aufschlussreich gewesen. Einige Schilderungen wirken auch sehr oberflächlich und zeugen von wenig Ortskenntnis. Zum Beispiel wird die Quecksilbermine von Almadén in die Verwaltungseinheit des Maestrazgo in Aragón verlegt (S. 260). Almadén befindet sich jedoch in der Provinz Ciudad Real (Kastilien-La Mancha). Hier sitzt Steinmetz einer rein sprachlichen Übereinstimmung von Begriffen auf. Die gebirgige Landschaft des Maestrazgo hat ihren Namen von den Meistern der Militärorden («los maestres»), die dort die Gerichtsbarkeit ausübten. In den Geschäftsunterlagen der Fugger bezeichnet «maestrazgo» dagegen das Recht oder Amt des «maestre», der für den Betrieb der Bergwerke zuständig war. Auch hier geht der Begriff darauf zurück, dass diese Rechte bei den Militärorden lagen, bevor sie an die Krone fielen. Wenn wir also im Zusammenhang mit den Fuggern von «maestrazgo» sprechen, geht es nicht um eine territoriale Bezeichnung, sondern allgemein um das Unterhalts- und Nutzungsrecht an einem Bergwerk. Mit solchen «maestrazgos» sicherte Fugger nicht nur seine Kredite ab, sondern liess sich die Kredite auch gut bezahlen, denn diese Einkünfte bildeten eine im Rahmen des kirchlichen Zinsverbots konstruierte Form der Kompensation.

Fazit

Das Buch ist unterhaltsam und flüssig geschrieben. Als populärwissenschaftlicher Einstieg taugt es gut, doch für eine fundierte Auseinandersetzung mit Fuggers Motivation und der historischen Einordnung sind spezialisiertere Quellen erforderlich. Wer eine dramatische Erzählung sucht, wird sich gut bedient fühlen. Wer analytische Tiefe erwartet, muss andere Texte hinzuziehen. Für die Vorbereitung meiner Spanienreise taugte es jedenfalls überhaupt nicht. Was Spanien angeht, ist denn auch Jakobs Neffe Anton von grösserer Bedeutung. Erst Anton erweiterte die Geschäftsaktivitäten mit Spanien massiv; aber sein Onkel Jakob legte mit der massiven finanziellen Unterstützung Karls V. den Grundstein dafür.

Spannend bleibt Fuggers Leben und Wirken bis heute, denn die Fragen, die sich aus der Lektüre ergeben, sind aktuell und relevant: Was treibt Menschen an, die nach immer mehr Macht und Reichtum streben? Wie kann man diese Gier nach Wachstum erklären? Wie entsteht die wirtschaftliche Infrastruktur eines der grössten Reiche, die Europa je hatte, und wer hatte das Sagen? Wie viel Macht sollen Finanzakteure über politische Entscheidungen haben? Wann und wie soll man sie regulieren? Wenig überraschend funktionieren viele von Fuggers Methoden und Verhaltensstrategien noch heute im Geschäftsleben. Tatsächlich zeigt Fuggers Geschichte aber auch, dass der Kapitalismus nicht naturgegeben ist, sondern ein von Menschen gemachtes System, das bei Bedarf umgestaltet werden kann.

Titelblätter spanischer Tageszeitungen zum Tod von Francisco Franco

Franco, der ewige Faschist

Am 20. November jährt sich der Todestag Francisco Francos zum 50. Mal. Anlässlich dieses Datums stelle ich Euch in meinem heutigen Artikel die Biografie Franco. Der ewige Faschist des Bildungsforschers Till Kössler vor. Diese richtet sich explizit an ein deutschsprachiges Publikum.

Im Sommer ließ mich die Unterhaltung mit einer spanischen Bekannten über die derzeitige Polarisierung des politischen Diskurses im Land perplex zurück. Beiläufig bemerkte sie, dass Franco zwar als Diktator regiert habe. Doch er wäre vielleicht in der damaligen Zeit das Beste für Spanien gewesen. Noch verstörter war ich, als ich eben diese Meinung in Till Kösslers aktueller Biografie des spanischen Diktators wiederfand. Dieses Mal stammt diese Einschätzung nicht aus dem Mund einer konservativen Spanierin, sondern einer überzeugten deutschen Liberalen. Kössler zitiert die ehemalige Herausgeberin der ZEIT, Marion Gäfin Dönhoff nach einem Besuch in Madrid im Jahr 1950, die die Politik Francos als „höchstinteressantes Experiment“ und „Kompromiß zwischen Autorität und Freiheit“ bezeichnet, welches „sich vielleicht in keinem anderen Lande halten könnte und das doch für Spanien, die Spanier und ihre heutige Lage offenbar das einzig adäquate ist.“ (zitiert nach Kössler, 2025, S.228).

Zielsetzung und These

Till Kössler, Erziehungswissenschaftler und Historiker an der Universität Köln, geht akribisch diesen widersprüchlichen Auslegungen der franquistischen Diktatur nach. War Franco ein brutaler Gewaltherrscher? Oder ging er den für Spanien einzig machbaren Weg, für den er im Land bis heute Zustimmung findet? Kösslers Ziel ist es, aufzuzeigen, dass Franco während seiner gesamten Regierungszeit eine faschistische Symbolsprache und Großmachtfantasien beibehielt, die zu brutaler Repression Andersdenkender führten. Bis zuletzt blieb sein Weltbild von verschwörungstheoretischen Mythen und einem rückwärts gewandten Anti-Amerikanismus und Anti-Liberalismus geprägt. Typisch für seine autoritär-diktatorische Regierungsführung sind auch die Schilderungen einer allgegenwärtigen Korruption, mit der Franco die eigene Macht verfestigte (s. S. 272f.).

Fokus auf sozialen und kulturellen Kontexten

Entlang der Zäsuren der spanischen Geschichte des 20. Jahrhunderts will Kössler seine These aus dem Titel belegen. Der Verlust der letzten Kolonien Spaniens war ein markanter Einschnitt. Auch der militärische Einsatz im Protektorat Marokko, der Sturz der Monarchie und der brutale Bürgerkrieg prägten ihn. Diese Ereignisse formten seine Identifikation als Militär und antidemokratischer Monarchist. Kössler zeigt auch, dass die vermeintliche Öffnung nach dem Zweiten Weltkrieg aus pragmatischen Gründen erfolgte. Franco konnte sich ideologisch nie mit dieser wirtschaftlichen Öffnung anfreunden. Franco regierte mit harter Hand in einem Land, das sich in Sieger und Besiegte spaltete, auch als er längst die Uniform gegen einen zivilen Anzug ausgetauscht und der europäische Massentourismus die spanischen Strände entdeckt hatte (S. 261).

Dabei wählt Kössler bewusst keinen persönlichkeitszentrierten Zugang (das haben andere bereits getan). Ihm geht es um etwas anderes, in seinen eigenen Worten:

Das vorliegende Buch wählt einen anderen Zugang. Es lenkt die Aufmerksamkeit auf die sozialen und kulturellen Kräfte und Kontexte, die Francos Handeln prägten, seinen Aufstieg ermöglichten und sein Wirken als Diktator bestimmten. Anstatt über Charaktereigenschaften des spanischen Diktators zu streiten, erscheint es ergiebiger,ihn in gesellschaftlichen und kulturellen Milieus und Institutionen zu verorten, vor allem dem Militär, und die politischen Netzwerke zu betrachten, denen er zu unterschiedlichen Zeiten seines Lebens angehörte. (S. 15)

Bewertung und Relevanz

Kössler wendet sich mit seiner Monografie an ein breites deutschsprachiges Publikum. Er schreibt stets verständlich und macht die Bezüge zur deutschen Politik transparent. Sehr gut gefallen mir die detaillierten Übersichten: eine Zeittafel, eine Karte mit den Hauptstationen im Leben Francos, die umfassende Auswahlbibliografie und ein ausführlicher Index. Der Autor richtet sich ausdrücklich nicht an ein akademisches Publikum, arbeitet dennoch stets wissenschaftlich solide. Teilweise wird trotz des populärwissenschaftlichen Ansatzes viel von der Leserschaft erwartet, z.B. wenn es um das Kontextwissen bestimmter Ereignisse und Prozesse geht (etwa Spaniens Rolle in Marokko oder die Definition und Erkennungsmerkmale faschistischer Ideologie). Manchmal hätte ich mir gewünscht, dass Kössler bestimmte Vertreter der Franco-Forschung häufiger namentlich einbringt, um den historischen Diskurs um die Auslegung der Rolle Francos transparenter zu machen. Häufig unterscheidet er lediglich wohlwollende und kritische Forschende. Das erleichtert zwar den Lesefluss, erschwert aber die weitergehende Einordnung von Kösslers Argumentationslogik.

Kössler stützt sich insgesamt auf zahlreiche Originalquellen, wobei die Aufzeichnungen von Francos Cousin Francisco Franco Salgado-Araujo eine zentrale Rolle spielen. Salgado war über viele Jahrzehnte Francos Privatsekretär, in Francos monarchisch-autoritärem Sprachgebrauch sein Kammerdiener („ayuda de cámara“). Ich hätte mir darüber hinaus noch mehr direkte O-Töne Francos gewünscht. Dadurch hätte ich einen unmittelbareren Einblick in seine Rhetorik erhalten. So könnten faschistische Elemente besser erkannt und benannt werden. Die Bedeutung von Salgados Aufzeichnungen soll dies nicht schmälern.

Im Jahr 2025 ist wieder von autoritären und faschistoiden Tendenzen in der Politik die Rede. Diese Tendenzen drängen sich laut und lärmend in die politische Praxis. Gerade in Spanien selbst haben zahlreiche revisionistische Kräfte die positive Geschichte vom väterlichen Diktator wiederbelebt, wie Julia Macher erst kürzlich zeigte. Kösslers Buch bietet daher nicht nur einen historischen Einblick, wie ein autoritärer Staat entstanden ist. In diesem Sinne ist es auch eine Einladung an Demokraten und Demokratinnen, das dazu aufruft, das Entstehen eines solchen Staates zu erkennen und zu verhindern. Eine empfehlenswerte, lehrreiche Lektüre.

Monteagudos Vision einer Föderation spanischamerikanischer Staaten von 1825

Die Vision einer spanischamerikanischen Föderation, die Bernardo de Monteagudo 1825 in seinem Ensayo Sobre La Necesidad De Una Federacion Jeneral: Entre Los Estados Hispano-Americanas, Y Plan De Su Organizacion beschrieb, gilt als das erste politische Essay aus den jungen spanischamerikanischen Staaten.

Dieses Jahr greife ich in meinem Substack-Newsletter bestimmte philologische Jahrestage auf, die im Rausch der allgemeinen Presse und Trends gerne vergessen werden. So habe ich den Vertrag von Wien (1725) vorgestellt, das Buch Los besos en el pan von Almudena Grandes aus dem Jahr 2015 und auch das erste Kochbuch in spanischer Sprache aus dem Jahr 1525.

Für den aktuellen Beitrag in dieser Reihe habe ich einen Essay aus dem Jahr 1825 ausgewählt. Vor genau 200 Jahren schrieb der aus Argentinien stammende Politiker, Diplomat und Journalist Bernardo de Monteagudo über eine Thema, das heute nur noch in der Aussenbetrachtung Relevanz zu haben scheint. Kurz nach der Unabhängigkeit von der spanischen Krone entwarf er eine kühne Vision, wie eine Föderation spanischamerikanischer Staaten aussehen könne. Denn diese brauche es, so seine These, denn er fürchtete, dass Spanien unter Beistand der Heiligen Allianz die jungen Staaten zurückerobern wolle.

In meinem aktuellen Newsletter stelle ich Autor, Essay und seine heutige Relevanz genauer vor: https://tertulia.substack.com/p/the-vision-of-a-federation-of-spanish

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Das bleibende Erbe der sefardischen Kultur

Auf diesem Blog habe ich bereits häufiger über die sefardische Kultur und Ladino als Sprache der sefardischen Diaspora berichtet, z.B. hier, hier oder hier. In meinem aktuellen Newsletter auf Substack gibt es nun ein Update mit Neuigkeiten aus dem kulturellen Umfeld des sefardischen Judentums. Es geht dieses Mal um drei Themen:

  • Die jüdische Gemeinde von Thessaloniki, eines der historischen Zentren der sefardischen Diaspora, hat kulturelle Artefakte in der «Caja de Letras» des Instituto Cervantes in Madrid hinterlegt. Damit bringen beide Seiten ihre Verbundenheit zum Ausdruck.
  • Der US-amerikanische Fotograf Laurence Salzmann hat seine Begegnungen mit dem Judentum in Kolumbien in einem Film dokumentiert.
  • Rezepte sind wichtige kulturelle Legate und werden oft noch überliefert, wenn die gemeinsame Sprache längst verschwunden ist. Ich habe für diesen Newsletter, wie kann es anders sein, das leckere griechisch-jüdische Rezept für eine Auberginen-Kasserolle ausgesucht.

Hier geht es zum aktuellen Newsletter: https://tertulia.substack.com/p/the-enduring-legacy-of-sephardic

Der Zerfall linker Träume in Venezuela

Tobias Lamberts Buch Gescheiterte Utopie. Venezuela ein Jahrzehnt nach Hugo Chávez analysiert den Niedergang der venezolanischen Spielart des demokratischen Sozialismus und dessen Transformation in ein autoritäres Regime. Wer am 10. Januar 2025 gut informiert sein möchte – das ist der Tag, an dem sich der jetzige Präsident Nicolás Maduro gegen grosse Widerstände erneut vereidigen lassen will – sollte dieses Buch gelesen haben.

Worum geht es in dem Buch?

  1. Das von Hugo Chávez initiierte Projekt einer demokratischen und antikapitalistischen Transformation Venezuelas („bolivarische Revolution“) ist gescheitert.
  2. Die Regierung unter Nicolás Maduro hat sich zunehmend autoritär entwickelt, was sich in Wahlmanipulationen und Repression der bürgerlichen Opposition zeigt. Es gibt zudem keine nennenswerte Opposition aus linker Perspektive.
  3. Die anhaltende wirtschaftliche Krise des Landes wird auf mehrere Faktoren zurückgeführt:
    • Extraktivismus
    • Misswirtschaft und Korruption in staatlichen Betrieben
    • Vernachlässigung von Investitionen und technologischer Modernisierung
  4. Die enge Verflechtung von Militär und Regierung ist ein Garant für den Machterhalt auch gegen den Willen der Bevölkerungsmehrheit.
  5. Zunächst kann Chávez weite Teile der ärmeren Bevölkerung für sich gewinnen.
  6. Lambert kritisiert die zunehmende Zentralisierung der Politik unter Chávez und später dann unter Maduro deutlich, die im Gegensatz zu den basisdemokratischen und partizipativen Initiativen der Anfangszeit des chavismo stehen.
  7. Gleichzeitig zeigt der Autor transparent auf, dass die Strukturen für Bürgerbeteiligung oft lediglich zur politischen Mobilisierung genutzt wurden, anstatt echte partizipative Wirtschaft zu fördern.

Lambert analysiert ausserdem in einem einführenden Kapitel ausführlich die Vorbedingungen der venezolanischen Politik, die den Erfolg von Hugo Chávez erst möglich gemacht haben. Dieser Erfolg resultierte aus der Unzufriedenheit mit einer de-facto Zweiparteienherrschaft, die nicht in der Lage war, die hohe Exposure des Landes vom Erdölexport zukunftsfähig abzumildern. So schreibt Lambert über die Wirtschaftspolitik Venezuelas seit 1936:

1936 formulierte der venezolanische Schriftsteller Arturo Uslar Peitri in einem Zeitschriftenartikel den Anspruch „das Erdöl zu säen“ („sembrar el petróleo“). Damit bezog er sich ursprünglich darauf, mithilfe der Petrodollar den Agrarsektor zu entwickeln. Als Slogan sollte fortan praktisch jede venezolanische Regierung das Ziel verfolgen, die Wirtschaft mithilfe der Eröleinnahmen zu diversifizieren. (S. 13)

Bewertung

Das Buch ist faktenreich geschrieben und gut dokumentiert. Es ist auch sehr aktuell, da es sogar die umstrittenen Wahlen von 2024 mit beinhaltet, deren Ergebnis weiterhin ungewiss ist, so dass derzeit zwei Kandidaten die Präsidentschaft Venezuelas beanspruchen: Nicolás Maduro sowie der Oppositionsführer Edmundo González, dem die Verhaftung droht, sollte er am 10. Januar venezolanischen Boden betreten wollen. Lambert verhehlt nicht die ursprünglichen Sympathien für die politischen und sozialen Reformen, die zunächst geplant waren, zeigt aber auch schonungslos auf, was unter Chávez und Maduro politisch und wirtschaftlich schief gelaufen ist.

Ich habe drei kleinere Kritikpunkte am Buch: 1. Der Text ist sehr informationsreich und erfordert eine hohe Konzentration bei der Lektüre. Ich hätte mir neben dem hilfreichen Glossar daher zusätzliche Visualisierungen gewünscht, vor allem für die zahlreichen statistischen Angaben sowie für Namen, Ereignisse, Parteien und Bewegungen, damit ich mich als Leserin besser orientieren kann. 2. Ich hätte mir eine kurze Analyse der venezolanischen Opposition im Ausland gewünscht, denn bis Ende 2023 haben 7.7 Millionen Menschen ihre Heimat Venezuela verlassen. Gibt es einen stärkeren Beleg für das Scheitern der Utopie? 3. Ich hätte mir zudem eine kritische Auseinandersetzung mit der Begeisterung von Teilen der europäischen Linken mit dem chavismo gewünscht (insbesondere auch die finanziellen Verstrickungen), aber das wäre vielleicht ein anderes Buch. Lambert geht es hier aber eindeutig um die venezolanische Binnenperspektive. Die schätzt der Autor derzeit als wenig optimistisch ein (S. 224).

Der desencanto der deutschen Linken mit Venezuela ist allein schon daran abzulesen, dass es seit dem Tod Chávez‘ – gemäss Lamberts Recherche – keine nennenswerten deutschsprachigen Publikationen mehr gab. Von daher ist ein Buch, wie das Lamberts, überfällig. Wer also zum Thema Venezuela mitreden möchte, ob aus journalistischer oder wissenschaftlicher Perspektive, kommt an Tobias Lambert nicht vorbei.

Neuer Spanien-Podcast: Sangría – und sonst?

Heute möchte ich Euch einen brandneuen Podcast vorstellen, in dem monatlich Themen präsentiert werden sollen, die Spanien beschäftigen. Er heisst Sangría – und sonst?

Moderiert und gestaltet wird der Podcast von zwei Journalistinnen: Julia Macher berichtet aus Barcelona, Antonia Schäfer aus Madrid. Bereits die erste Episode zeigt, dass diese Verortung nicht bedeutet, dass sich die beiden Podcasterinnen auf die beiden Metropolen beschränken, sondern auch aus anderen spanischen Regionen berichten, die thematisch jeweils relevant sind. Julia Macher ist seit vielen Jahren als freie Journalistin tätig und arbeitet u.a. für die Wochenzeitung die ZEIT oder auch für den Deutschlandfunk und die Blätter für deutsche und internationale Politik. Antonia Schäfer ist ebenfalls als freie Journalistin tätig und arbeitet ebenfalls für die ZEIT, Die Deutsche Welle und den Spiegel. Während ich Julia Macher vor allem dafür schätze, dass sie immer wieder spannende Themen aus der vermeintlichen spanischen Provinz für ein deutsches Publikum aufbereitet, kannte ich Antonia Schäfer bisher vor allem durch ihre Videobeiträge aus Kolumbien, von wo sie 2 Jahre berichtet hat.

Cover des Spanienpodcasts mit Porträts der beiden Journalistinnen Julia Macher und Antonia Schäfer, das Copyright liegt bei den beiden Autorinnen.

Gute persönliche, kulturelle und fachliche Voraussetzungen also für einen inhaltlich wertvollen Podcast, der nicht nur Klischees bedienen will. Die erste Episode hat mich überzeugt. Es geht um Overtourism in Spanien und wie Spanien in verschiedenen Regionen – im Mittelpunkt des Podcasts stehen Barcelona, Mallorca und Teneriffa – mit diesem umgeht. Die beiden stützen ihre differenzierten Aussagen auf Interviews, die sie im Rahmen ihrer Aufträge führen/geführt haben. Es geht also weniger um die eigene Einschätzung, sondern um die Vermittlung der spanischen Wahrnehmung des Themas. Die beiden wechseln sich gut ab und führen das Gespräch fragegeleitet.
Der Podcast ist technisch sehr solide produziert und kommt glücklicherweise auch ohne den inzwischen vielfach üblichen Podcast-Schnickschnack (z.B. unterlegte Musik, Werbeunterbrechungen, Jingles und andere hektische Audio-Einsprengsel) aus, der mich so nervt. Zumindest bei der ersten Episode bleiben sie unter einer Stunde Laufzeit, was ich auch sehr angenehm finde.

Einen Punkt würde ich anders machen: Es könnte mehr O-Töne geben, die dann in deutscher Sprache kurz zusammengefasst werden. Ich bin überzeugt, dass viele Spanien-begeisterte Hörerinnen und Hörer dieses Podcasts des Spanischen so weit mächtig sind, dass sie grob folgen können bzw. durch die Zusammenfassung erfahren, wie viel sie verstanden haben 😎. Rieke Havertz und Klaus Brinkbäumer machen das in ihrem Podcast Okay, America? beispielsweise sehr gut, indem sie immer wieder an zentralen Stellen englische O-Töne bringen, die sie dann in deutscher Sprache zusammenfassend wiedergeben.

Ich jedenfalls wünsche dem Podcast viel Erfolg und ein langes Leben und freue mich auf die nächste Episode. Ich finde es toll, dass regelmässig aus Spanien über Spanien berichtet wird.

Hier geht es zur Homepage des Podcasts: https://sangria-und-sonst-der-spanien-podcast.simplecast.com

Dona Gracia Nasi – eine vergessene Heldin der Renaissance

Ein Leser hat mich dankenswerterweise auf eine interessante Hörsendung des Bayerischen Rundfunks aufmerksam gemacht. Darin geht es um Dona Gracia Nasi, die ich im letzten Jahr in meinem Newsletter und auch an dieser Stelle vorstellte.

Im Mittelpunkt der Sendung von Simon Demmelhuber stehen die Erfolge Gracia Nasis als erfolgreiche Kauffrau, aber auch die dauernde Gefahr, als Tochter einer konvertierten jüdischen Familie von der Inquisition verfolgt und entmachtet zu werden. Diese Gefahr führte zu einer lebenslangen Flucht durch zahlreiche europäische Länder. Als Experte steht der Redaktion Matthias Lehmann, Professor für Neuere Jüdische Kultur- und Sozialgeschichte am Martin-Buber-Institut für Judaistik der Universität zu Köln, zur Verfügung. Seine historische Einordnung ist überaus hilfreich.

Der Beitrag, den ich sehr empfehle, kann in der Mediathek des Bayerischen Rundfunks nachgehört werden.

Carlos V nunca llegó a residir en Yuste

Das wäre eine historische Sensation, wenn die Nachricht bestätigt würde. Ein Briefwechsel zwischen seinem Hausverwalter und seinem Sekretär suggeriert, dass Karl V. nicht im eigens für ihn errichteten Kloster von Yuste starb, sondern in Jarandilla de la Vera.
Es ist aber nun so, dass es sich um einen Scherz zum Día de los Inocentes handelt. Ich bin zunächst voll drauf reingefallen. Der 28. Dezember ist in Spanien und einigen Ländern Lateinamerikas das Pendant zu unserem 1. April 😉. Am Stockfoto des Blogbeitrags hätte ich es gleich merken können. Denn welcher mexikanische Geschichtsprofessor kann so professionell für die Kamera posieren?

Un legajo hasta ahora desconocido encontrado en el Archivo de Simancas así lo demuestra Carlos V nunca llegó a residir en el Monasterio de Yuste. Es …

Carlos V nunca llegó a residir en Yuste

Wanderausstellung über die Rotspanier

Die Ausstellung „Rotspanier“ ist auch in Spanien sehr erfolgreich. Ich habe 2021 bereits darüber berichtet. Inzwischen ist sie in Asturien angekommen. Seit gestern bis zum 12. Januar 2024 zeigt der Palacio de Camposagrado in Avilés die Ausstellung. Diese Ausstellung, die von der Stadträtin für demokratische Erinnerung (concejala de la Memoria Democrática), Ana Solís, eröffnet wurde, würdigt die spanischen Exil-Republikaner, die unter den unmenschlichen Bedingungen in den Zwangsarbeitslagern der Nazis leiden mussten. Sie hatten nach der Machtübernahme Francos ihre Heimat verlassen müssen und wurden später in französischen Lagern interniert. Der Name „Rotspanier“ entstammt der NS-Propaganda.

Was können wir von dem chilenischen Innovationsprojekt Cybersyn lernen?

Bei der Vorbereitung einer Buchbesprechung für den Podcast Mikroökonomen stieß ich auf ein technologisches Projekt, das in Fachkreisen der Management-Kybernetik und des Operations Research bekannt ist, aber eine weitaus breitere Öffentlichkeit verdient. Es handelt sich um das chilenische Projekt Cybersyn (abgeleitet von Kybernetik + Synergie, auch „Proyecto Synco“) aus den Jahren 1971-1973, das unter der Regierung des Präsidenten Salvador Allende entworfen wurde, leider aber nie über den Status eines Prototyps hinauskam Werfen wir einen kurzen Blick auf dieses Projekt, das seiner Zeit konzeptionell weit voraus war.

Das Projekt habe ich in meinem aktuellen englischsprachigen Newsletter vorgestellt. Wenn Ihr auf das Bild klickt, kommt Ihr zum Text.