Ein Camino ohne Trubel und Menschenmassen

In meinem aktuellen Newsletter berichte ich über unsere 6-tägige Wanderung auf dem Camino de San Salvador. Dieser Nebenweg, der den Camino Francés mit dem Camino Primitivo (aber auch mit dem Camino del Norte) verbindet, ist sehr ruhig und auch für geübte Wanderer herausfordernd genug. Hier ist eine deutsche Zusammenfassung:

Die Geschichte des Camino San Salvador

Der Camino San Salvador ist ein Pilgerweg von León nach Oviedo, der sich im Mittelalter entwickelte. Pilger, die den Camino Francés entlangwanderten sowie diejenigen auf den weiter nördlich verlaufenden Routen, wagten sich an diese Überquerung heran, um die Kathedrale San Salvador in Oviedo und ihre Sammlung christlicher Reliquien zu besuchen, die in deren Heiliger Kammer aufbewahrt wurden. Die Traversierung des Kantabrischen Gebirges macht die Route auch für Bergwanderer interessant.

Ein traditionelles Sprichwort bringt auf den Punkt, warum Pilger diese Reise unternahmen: «Quién va a Santiago y no al Salvador, visita al criado y olvida al Señor» («Wer nach Santiago geht, aber nicht nach San Salvador, besucht den Diener [= den Apostel Jakobus, dessen Überreste in der Kathedrale von Santiago aufbewahrt werden], nicht den Herrn» [= Jesus Christus, den Erlöser, der in der Kathedrale von Oviedo verehrt wird]).

Unsere Wanderroute

Zu Beginn blieben wir erst einmal zwei Tage in León, das uns sehr gut gefallen hat. León ist eine sehr gepflegte Stadt, reich an Kultur und leicht zu Fuss zu erkunden. Wir waren vom Licht der Kathedrale und den Schätzen des Museo San Isidoro besonders beeindruckt.

Manche Pilger legen diesen Camino in vier Tagen zurück. Wir sind das Unterfangen etwas gemächlicher angegangen. Der Camino San Salvador beginnt in der flachen Agrarlandschaft rund um León. In Richtung Norden steigt die Route in das Kantabrische Gebirge an. In der Nähe des Pajares-Passes führt sie über offene Berghänge und üppige Wiesen. In Asturien windet sich dann der Weg durch kleine Dörfer und Täler, bis er schließlich Oviedo, die Hauptstadt des Fürstentums, erreicht. Es ist interessant, die Veränderungen in der Landschaft zu beobachten – von trockenen Feldern bis hin zu grünen Hügeln und Bergen. Rund um Oviedo wird es dann auch industriell.

Erster Tag: Am Freitagmorgen fuhren wir mit dem Bus nach Carbajal de la Legua, um schnell aus der Agglomeration Leóns herauszukommen. Von dort aus war es eine angenehme 18-km-Wanderung nach La Robla, die nur durch Millionen von Fliegen gestört wurde, die uns dazu zwangen, eine Weile die Klappe zu halten, damit sie uns nicht in den Mund fliegen konnten. In höheren Lagen verschwanden die kleinen Biester dann endlich.

Zweiter Tag: Von La Robla aus gingen wir zunächst nach Pola de Gordón, wo wir früh zu Mittag aßen und uns in einem Mini-Mercado mit Lebensmitteln für den Abend und den nächsten Tag versorgten. Wir wussten bereits, dass wir an unserem Tagesziel, Poladura de Tercia, kein Abendessen bekommen würden, da unser Gastgeber nicht bereit war, uns ein vegetarisches Gericht zu servieren. Das hatte er uns bereits per WhatsApp mitgeteilt. Nach 17,5 km kamen wir jedoch früh genug in der Pension an, um uns ein paar erfrischende Drinks an der Bar zu kaufen. Es war auch am Abend noch warm genug, um unsere Bocadillos auf der Terrasse der Herberge zu essen.

Dritter Tag: Die Etappe von Poladura de Tercia nach Pajares ist mit nur 11 km recht kurz, gilt jedoch aufgrund eines steilen Anstiegs, der auf rund 1’560 Meter zum höchsten Punkt der Route führt, und eines langen, steilen Abstiegs nach Pajares als die anspruchsvollste Etappe des gesamten Camino. Die Strecke liegt ein wenig abseits der Zivilisation. Es gibt keine Möglichkeit, in einer Bar eine Pause einzulegen, um etwas zu essen oder Wasser zu holen. Wir hatten Glück, dass wir genau in dem Moment, in dem der örtliche Teleclub öffnete, im Weiler Buiza ankamen. Die Dorfverwaltung betreibt den Teleclub als Barersatz für die Rentner und Rentnerinnen, die dort immer noch vor dem Mittagessen einen Aperitif genießen. Wir unterhielten uns mit den Rentnern über ihre frühere Arbeit in den Bergwerken und ihr ruhiges Leben in dem heute fast verlassenen Dorf. Sie haben uns auch dazu überredet, ein Los für El Gordo, die Weihnachtslotterie, zu kaufen, und wir haben ihnen versprochen, zur Fiesta zurückzukommen, falls das Los des Teleclubs gewinnt.

Insgesamt ist die Gegend sehr beschaulich, und man kann sich nachts sehr gut erholen. Spanien ist bekannt dafür, ein sehr lautes Land zu sein, aber auf unserer Route haben wir nachts nichts gehört.

Am vierten Tag sind wir von der üblichen Route abgewichen. Da ich mir für die Nacht ein hübsches altes Herrenhaus zum Schlafen ausgesucht hatte, mussten wir den Camino in Campomanes verlassen, um nach Sotiello zu gelangen. Zuvor hatten wir aber auch schon den ausgeschilderten Weg verlassen und waren der kleinen Straße hinunter ins Tal gefolgt (ohne jeglichen Verkehr), da uns eine Einheimische aus Chanos vor dem gefährlichen Bergpfad und den Bären gewarnt hatte. Einen Moment lang waren wir versucht, diesen Weg zu nehmen, denn Bären in freier Wildbahn zu sehen, klang für uns wie ein einmaliges Abenteuer; doch dann folgten wir artig der Empfehlung der Frau. Es war wieder ein sehr einsamer Tag, aber zumindest bekamen wir in Campomanes ein warmes Mittagessen und konnten an der Bar leckere Käse-Bocadillos für das Abendessen kaufen. Das einzige Restaurant in Sotiello schloss bereits um 16 Uhr. Was das Essen anging, musste man immer für 2 Tage im Voraus planen.

Auch der fünfte Tag begann abseits des markierten Weges. Da wir nicht über die Landstraße zurück nach Campomanes gehen wollten, schlugen wir einen Feldweg ein, der sowohl in der Outdoor Active-App als auch in Komoot deutlich eingezeichnet war. Wir mussten jedoch feststellen, dass ein auf der Karte eingezeichneter Weg nicht immer bedeutet, dass er auch tatsächlich existiert. Er endete einfach auf einer Kuhweide, und wir mussten uns durch dornige Hecken, Brombeersträucher und einen Stacheldrahtzaun kämpfen, um wieder auf einen Weg zu gelangen, der diesen Namen verdient. An diesem Tag habe ich meine geliebte Wanderhose ruiniert. Sie ist im spanischen Textil-Recycling gelandet. Zurück im Tal stießen wir endlich wieder auf die gelben Pfeile, die den Camino kennzeichnen. Wir hatten das Glück, in Pola de Lena ein herrliches und ausgiebiges Mittagessen zu genießen. Dort übernachteten wir auch.

Am sechsten Tag erreichten wir Mieres nach einer leichten 17-km-Etappe. Trotz des gelegentlichen Regens und der nahegelegenen Autobahn war die Wanderung durch die Wälder und am Fluss entlang wunderschön. Wir machten auch Halt in Uxo, um die Kirche Santa Eulalia zu bewundern, deren Ursprünge bis ins späte 12. oder frühe 13. Jahrhundert zurückreichen. Insgesamt hatten wir die ganze Woche über großes Glück mit dem Wetter.

An unserem letzten Tag fuhren wir mit dem Zug nach Oviedo, um mehr Zeit in der Stadt verbringen zu können. Außerdem hatten wir das Gefühl, lang genug entlang der Autobahn gewandert zu sein, die direkt durch das Tal verläuft. Diese Entscheidung gab uns genügend Zeit, Oviedo zu Fuss zu erkunden und einen Eindruck davon zu gewinnen, wie die Einheimischen ihre jährlichen «Fiestas de San Mateo» feiern.

Die Logistik der Einsamkeit

Wie ihr vielleicht bemerkt habt, haben wir den Camino eher als eine Möglichkeit gesehen, die Natur und die Menschen zu genießen. Wir haben nicht die sportliche Herausforderung gesucht. Wir hatten bereits von zu Hause aus Unterkünfte in Pensionen oder Herbergen gebucht, da es mir wichtig ist, im Voraus zu wissen, wo ich schlafen werde. Als wir den Camino Inglés – unseren ersten Camino – gingen, mussten wir jeden Tag nach unserer Ankunft nach einer Unterkunft suchen, wenn ich vom Laufen bereits total erschöpft war. Das war anstrengend. Außerdem gefällt mir die Vorstellung, Handtücher, frische Bettwäsche und Seife in der Pension vorzufinden. Dann muss ich sie nicht tragen.

Wenn ich diesen Camino jedoch noch einmal machen müsste, würde ich sogar in Betracht ziehen, in den öffentlichen Albergues zu übernachten. Nach dem, was wir von anderen Pilgern erfahren haben, sind sie alle angemessen ausgestattet und sauber. Sie sind überhaupt nicht überfüllt – wer geht überhaupt diesen Weg? – sodass es immer freie Betten gibt. Insgesamt trafen wir im Laufe der Woche nur sieben andere Pilger (!!!), die meisten davon beim Frühstückskaffee oder bei einer Trinkpause, manchmal auch in den Unterkünften: zwei Spanier, zwei Deutsche, eine Schweizer Spanierin aus Basel und ein Ehepaar aus Indonesien. In Campomanes trennten sich unsere Wege, da die meisten noch am selben Tag nach Pola de Lena weiterwandern wollten (das empfehlen die meisten Camino-Webseiten), während wir die Nacht in Sotiello verbrachten, was ich nicht bereue. Wir hatten das alte Herrenhaus ganz für uns allein (obwohl wir nur für ein Zimmer bezahlt hatten), was ein grossartiges Erlebnis war. Nur einen der beiden spanischen Pilger trafen wir später beim Mittagessen in Mieres wieder.

Offensichtlich bringt der Camino San Salvador den örtlichen Gemeinden kaum wirtschaftlichen Nutzen. Selbst im Sommer scheinen trotz der wunderschönen Landschaft nur wenige Touristen oder Pilger hierherzukommen. Viele Einheimische sind nach der Schließung der Kohlebergwerke in die Stadt gezogen. Die Rentner bleiben in den Dörfern, und die jüngeren Familienmitglieder kommen am Wochenende zu Besuch. Daher gibt es kaum Supermärkte, Kneipen oder Restaurants. Sogar die meisten Kirchen und Kapellen waren geschlossen – und das auf einem Pilgerweg! Wir mussten darauf achten, wann immer sich die Gelegenheit bot, genügend Essen und Wasser zu kaufen bzw. abzufüllen und es in unsere Rucksäcke zu packen. Die Verpflegung war unsere größte Herausforderung, besonders als Vegetarier; aber wir haben das gut gemeistert. Wir konnten überall das Leitungswasser trinken. Ich muss aber schon sagen, dass ich es lieber habe, ohne grosse Verpflegung zu marschieren und lieber in der Bar an der Ecke einkehre, sofern sich die Möglichkeit bietet. Das Barsterben und Verschwinden der Läden ist nicht nur ein logistisches Problem für uns Pilger, sondern eine soziologische Herausforderung für den Zusammenhalt in den leerer werdenden Dörfern.

Wer also Menschenmassen und Touristennepp auf dem Camino meiden möchte, dem sei dieser Camino wärmstens empfohlen.

Hier ist der Link zum englischsprachigen Original: https://tertulia.substack.com/p/walking-the-camino-san-salvador-the

Rückblick auf das 74. Internationale Filmfestival in San Sebastián, #74SSIFF

Den Hashtag des 74. Internationalen Filmfestivals in San Sebastián (#74SSIFF) finde ich weiterhin so langwierig, dass ich ihn bei ganz vielen meiner Posts auf Bluesky oder Mastodon unwissentlich variiert habe. Abgesehen vom komplizierten Hashtag und dem stressigen Online-Ticketkauf verlief meine Woche in Donostia aber sehr angenehm. Wir haben neben guten Filmen auch sehr viele gastronomische Highlights erleben dürfen. Unsere Wohnung in der Nähe des Plaza Easo war dafür wunderbar geeignet. Doch darüber mehr in einem separaten Post.

Meine cineastischen Highlights des Filmfestivals habe ich in meinem Substack zusammengefasst, den ihr gerne lesen und weiterverbreiten dürft. Auch wenn ich nicht alles sehen konnte, was mir gefallen hätte und dadurch mein Gesamteindruck gemischt ist, bleibt doch als Resümee: Das spanische Kino erlebt eine Phase unglaublicher Kreativität und Produktivität. Für mich ist Spanien trotz einiger schwerwiegender sozialer Probleme (Ceuta, Maricarmen, Overtourism) eines der wenigen progressiven Länder, die uns in der demokratischen Welt verbleiben. Wer weiss, wie lange noch…
Die Neuwahlen am 29. November stehen vor der Tür.

Hier könnt Ihr meine Eindrücke vom Filmfestival nachlesen: https://tertulia.substack.com/p/impressions-from-the-film-festival

Was habe ich beim Filmfestival verpasst? Falls ihr mit anderen Eindrücken zurückgekommen seid, kommentiert bitte. Aufgrund der hohen Ticket-Nachfrage habe ich möglicherweise viele gute Filme verpasst.

Ich freue mich schon auf das Filmfestival im nächsten Jahr. Das Apartment ist reserviert ;),

Entscheidung in Spanien: Paul Ingendaay über die Rolle der Intellektuellen im Spanischen Bürgerkrieg

Paul Ingendaays Entscheidung in Spanien. Der große Kampf der Literatur 1936-1939 lässt sich wie ein sorgfältig angelegter Fotoband durchblättern. Seite für Seite begegnet man bekannten und weniger bekannten Gesichtern, manchen immer wieder: Schriftsteller:innen, Künstler:innen, Fotograf:innen, Journalist:innen, die sich im Spanischen Bürgerkrieg politisch positionierten. Die Kapitel sind kurz, beinahe skizzenhaft, und genau darin liegt die große Stärke des Buches: Es ist zugänglich und unangestrengt trotz der brutalen Materie. Man kann es aus der Hand legen und wieder aufnehmen, ohne den Faden zu verlieren. Doch vielleicht ist es gerade dieser fotografisch wirkende Zugriff, der zugleich eine Leerstelle erzeugt.

Eine explizite Analyse des Erzählten bleibt nämlich aus. Aus den Fotos entsteht ein chronologisch geordnetes Album, aber was verbindet die Fotos miteinander? Wer das Buch liest, um die Grundmotivation dieser politisch und militärisch engagierten Intellektuellen zu verstehen, fragt sich unweigerlich: Welchen Beitrag leistet Ingendaay dazu, die vielfältigen Perspektiven der unzähligen Dokumentationen zu und über den Spanischen Bürgerkrieg zu bereichern? Positiv liesse sich Ingendaay zum Beispiel so lesen, dass die erwähnten Intellektuellen zwar von einer gemeinsamen Sehnsucht nach Mitmenschlichkeit getragen werden, letztlich aber doch jeweils in ihrer eigenen subjektiven Sehnsucht gefangen bleiben. Der Epigraph zum letzten Kriegsjahr deutet auf diese mögliche Auslegung hin:

Wir alle, die wir an die Causa der Republik glaubten, werden die Niederlage der Republik und den Tod ihrer Verteidiger für alle Zeiten betrauern und werden nicht aufhören, das Land Spanien zu lieben und seine wunderbaren Menschen, die zu den edelsten und unglücklichsten dieser Welt zählen. (Martha Gellhorn, Der Krieg in Spanien, zitiert nach Ingendaay, S. 289)

Eine solche Deutung sollte der Autor jedoch nicht seiner Leserschaft überlassen, sondern explizit ausführen, weshalb ich ein analytisches Abschlusskapitel schmerzlich vermisse. Auch hätte ich zumindest eine vorsichtige Prognose seinerseits erwartet, was wir aus den damaligen ideologischen Verhärtungen für eine Gegenwart gewinnen, in der die politische Polarisierung erneut die kulturellen Debatten bestimmt.

Dabei zeigt Ingendaay durchaus ein feines Gespür für Ambivalenzen. Seine Sympathie für die republikanische Sache ist unverkennbar, doch er verschweigt nicht die Gewalt und Zerrissenheit innerhalb der linken Kräfte. Diese Offenheit ist journalistisch überzeugend. Weniger notwendig wirkt hingegen die wiederholte Einbindung von Thomas Mann (siehe hierzu auch Manfred Papst in der nzz). Hier entsteht stellenweise der Eindruck, als solle ein zusätzlicher Resonanzraum für ein deutsches Publikum geschaffen werden – ein Kunstgriff, der nicht nötig wäre, da die meisten internationalen Figuren, denen wir im Buch begegnen, auch im deutschsprachigen Raum bestens bekannt sind: Gellhorn, Hemingway, Orwell, die Gebrüder Machado, Unamuno, García Lorca, um nur einige wenige zu nennen. Hinzu kommt, dass Erika und Klaus Mann mit ihren Aufzeichnungen von 1938 aus dem Bürgerkriegsland durchaus eigenes intellektuelles Gewicht haben — ganz ohne den übermächtigen Schatten ihres Vaters.

So bleibt Entscheidung in Spanien ein gut geschriebenes und sorgfältig komponiertes Buch. Ingendaay ist Journalist, kein Historiker. Er versammelt Stimmen, ohne sie in eine übergreifende Argumentation zu überführen. Die Verwirrung jener Zeit bleibt bestehen. Das ist legitim – und für viele Leser und Leserinnen vermutlich sogar besonders reizvoll (vgl. Ralf Höllers begeisterte Rezension). Als Einstieg in die kulturelle und intellektuelle Dimension des Spanischen Bürgerkriegs ist das Buch daher durchaus empfehlenswert.

Wer sich aber bereits mit der Thematik auskennt, wird das Buch eher lesen, um gleich zu den Quellen greifen, mit denen Ingendaay in seinem Buch gearbeitet hat, etwa zu George Orwells Homage to Catalonia oder Arthur Koestlers Das spanische Testament, die das Spannungsverhältnis von Erfahrung, Ideologie und Gewalt sehr authentisch vermitteln. Neben den berühmten Kriegsfotograf:innen Robert Capa und Gerda Taro, denen Ingendaay mehrere Episoden widmet, sei von meiner Seite ausserdem zusätzlich das fotografische Vermächtnis aus dem Spanischen Bürgerkrieg von Kati Horna (1912-2000) empfohlen, das erst seit 1992 der Öffentlichkeit zur Verfügung steht.

Kati Horna: Evakuierung der Zivilbevölkerung aus Teruel und Einmarsch der Milizionäre (https://pares.mcu.es/ParesBusquedas20/catalogo/show/118082)

Ich danke dem C.H. Beck-Verlag, der mir ein kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Mohnblumen in Andalusien

Legalisieren statt abschieben? Wie Deutschland und die Schweiz auf Spaniens Migrationsdekret reagieren

Das spanische Migrationsdekret vom 27. Januar 2026

Die spanische Regierung hat angekündigt, den Status von rund 500.000 Zuwanderern zu legalisieren. Der Beschluss vom 27.01.2026 sieht vor, dass alle Einwanderer ohne Aufenthaltstitel auf Antrag eine vorläufige Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis erhalten. Der Prozess ist auf das enge Zeitfenster von April bis Juni 2026 begrenzt und sieht folgende Voraussetzungen vor:

  • Interessierte Personen müssen zum Zeitpunkt der Antragstellung einen ununterbrochenen Aufenthalt von mindestens fünf Monaten nachweisen und vor dem 31.12.2025 in Spanien gewohnt haben.
  • Sie sind nicht vorbestraft und stellen keine Gefahr für die öffentliche Sicherheit dar.

Rechtfertigung der Massnahme

Die spanische Regierung rechtfertigt das Dekret vor allem mit humanitären, ökonomischen und demografischen Argumenten. Es dient gleichzeitig auch als politisches Signal eines progressiven Spanien gegen die zunehmend restriktive Migrationspolitik in Europa und den USA. Damit diese Form der Migrationspolitik nicht am konservativen Kongress scheitert, wurde sie in Form eines königlichen Dekrets verabschiedet. Es ist nämlich durchaus so, dass diese Politik auch in Spanien auf Widerstand stösst. Dabei wird gern übersehen, dass es eine ähnliche Massnahme bereits in den Regierungszeiten von José María Aznar gegeben hat. Auf die Wiedergabe der Fake News, mit denen rechtsextreme Politiker in Spanien nun gegen diese Legalisierung ankämpfen, möchte ich an dieser Stelle verzichten. Stattdessen verweise ich auf dieses Aufklärungsvideo von der Deutschen Welle:

Vorbild Spanien?

Nun hat mich eine spanische Freundin aus dem Aargau, die für längere Zeit auf den Kanaren ist, gefragt, wie denn die Schweiz und auch Deutschland auf diesen Legalisierungsschub reagiert hätten. Kann Spanien gar ein Vorbild für ganz Europa sein? Immerhin hat sich Spanien in den letzten Jahren zum wirtschaftlichen Shooting-Star Europas gemausert. Ausserdem ist Spanien inzwischen eines der wichtigsten Einwanderungsländer der EU, mit starkem Zuzug aus Lateinamerika, Afrika und der EU. Es gibt also gute Gründe, weshalb Spanien pragmatisch mit dem Thema umgehen muss.

In all dem News-Taumel der letzten Wochen hatte ich zwar die ein oder andere persönliche Reaktion auf das Dekret gelesen und auf Bluesky versucht, diesen innovativen Schwenk der spanischen Migrationspolitik bekannt zu machen.

Doch ist das Umfeld auf Bluesky eher liberal-progressiv und wenig repräsentativ. So musste ich erst ein wenig recherchieren, um das Stimmungsbild in Deutschland und der Schweiz einzufangen.

Die Reaktionen in Deutschland

Die deutsche Bundesregierung betrachtet das spanische Modell nicht als Vorbild, sondern als politisch und rechtlich eigenständigen Weg, der in Deutschland so nicht übernommen werden soll. So wird eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums zitiert. Ausserdem verweist sie darauf, dass eine ähnliche Regulierung eine Gesetzesänderung erfordern würde, die politisch nicht gewollt sei. In den Medien habe ich ebenfalls die Darstellung gefunden, die den Gegensatz zwischen der spanischen Politik und den deutschen politischen Prinzipien betont (hier, hier und hier).

Wer sich auf Social Media und den Kommentarspalten der Tageszeitungen umschaut, hört vor allem heraus, dass der spanische Fall so nicht übertragbar sei, da Spanien keine Integrationsprobleme habe. Denn, so der Tenor dieser Kommentare, komme die Mehrheit der irregulären Migration aus Lateinamerika, namentlich Kolumbien, Venezuela und Ecuador, und müsse folglich weder sprachlich noch kulturell integriert werden. Menschen aus Lateinamerika stellen tatsächlich die Mehrheit derjenigen, die von dem Dekret profitieren könnten. Doch frei von Diskriminierung und Exklusion sind sie nicht. Besonders Menschen dunkler Hautfarbe sind davon betroffen. Wenn auch die kulturelle Nähe zunächst die Integration (vor allem im Arbeitsleben) erleichtert, ist es doch so, dass neben ökonomischen und sozialen Bedenken viele Ressentiments gegenüber lateinamerikanischen Migranten und Migrantinnen beobachtet werden können. Diese reichen von banalen Dingen (laute Nachbarn, laute Musik) über Frivoles (offenherzige Kleidung, anzügliche Tänze) bis hin zu harten Vorurteilen (höhere Kriminalität, Gewaltbereitschaft).
Als Deutsche in der Schweiz weiss ich zudem, dass es oft gar nicht an der kulturellen Nähe liegt, die eine schnelle Integration ermöglicht, sondern im Gegenteil sogar zu einer Angst vor kultureller Übernahme führen kann. Dies passiert besonders dann, wenn die Anzahl der Ankommenden so hoch ist, dass Überfremdung der eigenen Sprachvarietäten und lokaler Kultur befürchtet und abgelehnt wird.

In rechten Kreisen wurden auch Falschinformationen aus Spanien, Stichwort „Blitzeinbürgerung“, verbreitet, die den üblichen Empörungsmustern folgen (siehe Video der Deutschen Welle). Ein weiteres Gegenargument ist die Furcht vor einer Sogwirkung dieser einmaligen Angelegenheit. Man befürchtet, dass eine solche Massnahme zu noch mehr Einwanderung führen könnte.

Insgesamt kann man sagen, dass in Deutschland eine Übernahme des Modells aus prinzipiellen Gründen abgelehnt wird. Die Bundesregierung ist nicht gewillt, ihre restriktive Politik zu überdenken. Stattdessen werden straffere Kontrollen, eine enge Auslegung sicherer Herkunftsstaaten, eine weiterhin klare Differenzierung von Migrationsgründen und strenge Bleiberechtsreglungen für nachweislich gut integrierte Menschen fortgeführt. Aber wie kann man sich integrieren, wenn man nicht dazugehören soll?

Reaktionen in der Schweiz

Auch in der Schweiz gab es Reaktionen auf das spanische Dekret, wobei es bislang keine öffentliche, Stellungnahme des Bundesrates oder des zuständigen EJPD gab. Das passt zur Neutralitätsverpflichtung. Alle bekannten Medien (Tagesanzeiger, nzz, srf, rts, woz) vermeldeten das Dekret. Ähnlich wie in Deutschland, legten auch sie den Fokus auf den Kontrast zur eigenen restriktiven Migrationspolitik. Gerade die liberal-konservative Neue Zürcher Zeitung fällt in diesem Überblick angenehm durch ihre offene Haltung auf.

Spaniens Weg als Anstoss für eigene Lösungen

Spaniens Legalisierungsdekret zeigt, dass eine humanitäre Einwanderungspolitik, die sich an der wirtschaftlichen und demografischen Entwicklung des Landes orientiert, möglich ist. Deutschland und die Schweiz reagieren darauf mit Zurückhaltung. Vielleicht wäre es an der Zeit, über das spanische Vorgehen im Sinne eines „out-of-the-box“-Ansatzes nachzudenken. Wer schon gekommen ist, wird in der Regel nicht wieder freiwillig gehen. Das sind die Fakten, denen sich Spanien stellt. Wie liessen sich in Deutschland und der Schweiz Wege finden, die die Realität der hier lebenden Menschen ohne Aufenthaltsrecht ernst nehmen, ohne das Recht zu unterlaufen, die Bürokratie weiter auszubauen und den Sozialstaat zu überfordern? Die demografischen und wirtschaftlichen Herausforderungen stellen sich langfristig in beiden Ländern ähnlich wie in Spanien dar (auch wenn die politische Situation der Schweiz als Nicht-EU-Staat eine andere ist). Die Menschen, die nun schon einmal da sind und arbeiten wollen, könnten unter klaren Bedingungen viel besser und schneller integriert werden, wenn Regulierung, Arbeit und Integration stärker zusammen gedacht würden.

Mehr Demokratie wagen – auch bei der Arbeit!

In meinem aktuellen Newsletter stelle ich den Bericht einer von Yolanda Díaz eingesetzten Kommission vor, der die demokratischen Defizite der spanischen Arbeitswelt untersucht und konkrete Vorschläge zu verbesserter Partizipation und Teilhabe macht. Damit soll der verfassungsmässige Anspruch der Arbeitnehmenden auf aktive Mitbestimmung und Eigentum an spanischen Unternehmen gewährleistet werden. Hier geht es zu meiner Kurzpräsentation des Berichts: https://tertulia.substack.com/p/two-promises-to-those-who-work-voice

Das englische Original des Berichts findet sich hier: https://reportondemocracyatwork.org/en/the-report/

Titelblätter spanischer Tageszeitungen zum Tod von Francisco Franco

Franco, der ewige Faschist

Am 20. November jährt sich der Todestag Francisco Francos zum 50. Mal. Anlässlich dieses Datums stelle ich Euch in meinem heutigen Artikel die Biografie Franco. Der ewige Faschist des Bildungsforschers Till Kössler vor. Diese richtet sich explizit an ein deutschsprachiges Publikum.

Im Sommer ließ mich die Unterhaltung mit einer spanischen Bekannten über die derzeitige Polarisierung des politischen Diskurses im Land perplex zurück. Beiläufig bemerkte sie, dass Franco zwar als Diktator regiert habe. Doch er wäre vielleicht in der damaligen Zeit das Beste für Spanien gewesen. Noch verstörter war ich, als ich eben diese Meinung in Till Kösslers aktueller Biografie des spanischen Diktators wiederfand. Dieses Mal stammt diese Einschätzung nicht aus dem Mund einer konservativen Spanierin, sondern einer überzeugten deutschen Liberalen. Kössler zitiert die ehemalige Herausgeberin der ZEIT, Marion Gäfin Dönhoff nach einem Besuch in Madrid im Jahr 1950, die die Politik Francos als „höchstinteressantes Experiment“ und „Kompromiß zwischen Autorität und Freiheit“ bezeichnet, welches „sich vielleicht in keinem anderen Lande halten könnte und das doch für Spanien, die Spanier und ihre heutige Lage offenbar das einzig adäquate ist.“ (zitiert nach Kössler, 2025, S.228).

Zielsetzung und These

Till Kössler, Erziehungswissenschaftler und Historiker an der Universität Köln, geht akribisch diesen widersprüchlichen Auslegungen der franquistischen Diktatur nach. War Franco ein brutaler Gewaltherrscher? Oder ging er den für Spanien einzig machbaren Weg, für den er im Land bis heute Zustimmung findet? Kösslers Ziel ist es, aufzuzeigen, dass Franco während seiner gesamten Regierungszeit eine faschistische Symbolsprache und Großmachtfantasien beibehielt, die zu brutaler Repression Andersdenkender führten. Bis zuletzt blieb sein Weltbild von verschwörungstheoretischen Mythen und einem rückwärts gewandten Anti-Amerikanismus und Anti-Liberalismus geprägt. Typisch für seine autoritär-diktatorische Regierungsführung sind auch die Schilderungen einer allgegenwärtigen Korruption, mit der Franco die eigene Macht verfestigte (s. S. 272f.).

Fokus auf sozialen und kulturellen Kontexten

Entlang der Zäsuren der spanischen Geschichte des 20. Jahrhunderts will Kössler seine These aus dem Titel belegen. Der Verlust der letzten Kolonien Spaniens war ein markanter Einschnitt. Auch der militärische Einsatz im Protektorat Marokko, der Sturz der Monarchie und der brutale Bürgerkrieg prägten ihn. Diese Ereignisse formten seine Identifikation als Militär und antidemokratischer Monarchist. Kössler zeigt auch, dass die vermeintliche Öffnung nach dem Zweiten Weltkrieg aus pragmatischen Gründen erfolgte. Franco konnte sich ideologisch nie mit dieser wirtschaftlichen Öffnung anfreunden. Franco regierte mit harter Hand in einem Land, das sich in Sieger und Besiegte spaltete, auch als er längst die Uniform gegen einen zivilen Anzug ausgetauscht und der europäische Massentourismus die spanischen Strände entdeckt hatte (S. 261).

Dabei wählt Kössler bewusst keinen persönlichkeitszentrierten Zugang (das haben andere bereits getan). Ihm geht es um etwas anderes, in seinen eigenen Worten:

Das vorliegende Buch wählt einen anderen Zugang. Es lenkt die Aufmerksamkeit auf die sozialen und kulturellen Kräfte und Kontexte, die Francos Handeln prägten, seinen Aufstieg ermöglichten und sein Wirken als Diktator bestimmten. Anstatt über Charaktereigenschaften des spanischen Diktators zu streiten, erscheint es ergiebiger,ihn in gesellschaftlichen und kulturellen Milieus und Institutionen zu verorten, vor allem dem Militär, und die politischen Netzwerke zu betrachten, denen er zu unterschiedlichen Zeiten seines Lebens angehörte. (S. 15)

Bewertung und Relevanz

Kössler wendet sich mit seiner Monografie an ein breites deutschsprachiges Publikum. Er schreibt stets verständlich und macht die Bezüge zur deutschen Politik transparent. Sehr gut gefallen mir die detaillierten Übersichten: eine Zeittafel, eine Karte mit den Hauptstationen im Leben Francos, die umfassende Auswahlbibliografie und ein ausführlicher Index. Der Autor richtet sich ausdrücklich nicht an ein akademisches Publikum, arbeitet dennoch stets wissenschaftlich solide. Teilweise wird trotz des populärwissenschaftlichen Ansatzes viel von der Leserschaft erwartet, z.B. wenn es um das Kontextwissen bestimmter Ereignisse und Prozesse geht (etwa Spaniens Rolle in Marokko oder die Definition und Erkennungsmerkmale faschistischer Ideologie). Manchmal hätte ich mir gewünscht, dass Kössler bestimmte Vertreter der Franco-Forschung häufiger namentlich einbringt, um den historischen Diskurs um die Auslegung der Rolle Francos transparenter zu machen. Häufig unterscheidet er lediglich wohlwollende und kritische Forschende. Das erleichtert zwar den Lesefluss, erschwert aber die weitergehende Einordnung von Kösslers Argumentationslogik.

Kössler stützt sich insgesamt auf zahlreiche Originalquellen, wobei die Aufzeichnungen von Francos Cousin Francisco Franco Salgado-Araujo eine zentrale Rolle spielen. Salgado war über viele Jahrzehnte Francos Privatsekretär, in Francos monarchisch-autoritärem Sprachgebrauch sein Kammerdiener („ayuda de cámara“). Ich hätte mir darüber hinaus noch mehr direkte O-Töne Francos gewünscht. Dadurch hätte ich einen unmittelbareren Einblick in seine Rhetorik erhalten. So könnten faschistische Elemente besser erkannt und benannt werden. Die Bedeutung von Salgados Aufzeichnungen soll dies nicht schmälern.

Im Jahr 2025 ist wieder von autoritären und faschistoiden Tendenzen in der Politik die Rede. Diese Tendenzen drängen sich laut und lärmend in die politische Praxis. Gerade in Spanien selbst haben zahlreiche revisionistische Kräfte die positive Geschichte vom väterlichen Diktator wiederbelebt, wie Julia Macher erst kürzlich zeigte. Kösslers Buch bietet daher nicht nur einen historischen Einblick, wie ein autoritärer Staat entstanden ist. In diesem Sinne ist es auch eine Einladung an Demokraten und Demokratinnen, das dazu aufruft, das Entstehen eines solchen Staates zu erkennen und zu verhindern. Eine empfehlenswerte, lehrreiche Lektüre.

Container von RTVE am Filmfestival in San Sebastián

Rückblick auf das 73. Internationale Filmfestival in San Sebastián

Das 73. San Sebastián International Film Festival (SSIFF) bot dieses Jahr eine gute Auswahl an Filmen. Ich hatte den Eindruck, hier wird Kino für das Publikum gemacht, nicht nur für andere Filmleute. Die US-amerikanischen Celebrities, die mich sowieso weniger interessierten, hinterliessen wohl einen eher flüchtigen Eindruck.

Von den insgesamt elf Filmen, für die wir Tickets bekamen, waren zehn Neuerscheinungen aus dem aktuellen Jahr. Bis auf Franz haben wir ausschliesslich spanische und lateinamerikanische Filme angeschaut (wobei einige davon internationale Koproduktionen waren). Außerdem haben wir uns zum Abschluss am Samstagabend noch den mexikanischen Klassiker El callejón de los milagros (1995) in der Tabakalera gegönnt. Absolut empfehlenswert, mit Salma Hayek in ihrer ersten großen Rolle.

Hier sind nun meine drei Favoriten:

Un poeta, von Simón Mesa Soto

Un Poeta von Simón Mesa Soto ist ein kolumbianischer Film, der tief in die Seele von Medellín eintaucht. Der Film erzählt die Geschichte des Dichters Óscar Restrepo, dessen Leben von Liebe, Verlust und dem Kampf um künstlerische Anerkennung geprägt ist. Nach ersten Anfangserfolgen bleiben Inspiration und dichterische Produktivität auf der Strecke. Seine Schwester bringt’s auf den Punkt: «Du bist arbeitslos.»

Im Privaten bemüht sich Óscar um die Beziehung zu seiner Tochter, die bei der Mutter lebt. Beide Eltern sind schon lange getrennt. Der Dichter lebt bei seiner alten Mutter, die ihn herumkommandiert und ihm aber auch immer wieder das notwendige Geld zusteckt. Neue Hoffnung erfährt er durch seine talentierte Schülerin Yurlady, nachdem er sich auf Druck seiner Schwester als Lehrer einstellen lässt. Yurlady hat jedoch andere Pläne und will ein bescheidenes, aber sicheres Leben führen, anstatt Dichterin zu werden.

Der Film besticht durch seine authentische Darstellung des soziokulturellen Lebens in Medellín und seine humanistische Haltung. Mesa Sotos Blick ist oft satirisch und humorvoll, aber nie zynisch. Mir hat vor allem auch der kritische Blick auf mögliche Geldgeber für künstlerische Projekte gefallen: Welche Themen werden von Stiftungen und internationalen Fördervereinigungen nachgefragt? Wie sehr muss sich eine Künstlerin, in diesem Fall Yurlady, verbiegen, damit sie ihr Werk präsentieren darf? Wo bleibt dabei die Autonomie der Kunst? Jeder, der schon einmal einen Antrag bei einer Stiftung eingereicht hat, kennt dieses Thema.

Eloy de la Iglesia – adicto al cine, von
Gaizka Urresti 

Eloy de la Iglesia – adicto al cine ist eine Hommage auf den Filmregisseur Eloy Germán de la Iglesia Diéguez (1944-2006). Er gilt als eine der relevantesten Stimmen des spanischen Kinos der Transición. Der Dokumentarfilm bietet einen temporeichen Einblick in das Schaffen eines Regisseurs, der in Spanien sehr populär war, im Ausland jedoch wenig bekannt wurde. Die Doku zeigt seine Schaffenskraft, seine offen ausgelebte Homosexualität, die Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei Spaniens sowie die Existenzkrise, die seine Heroinabhängigkeit mit sich brachte. Der Film ist eine ausgezeichnete Einführung in das Werk von Eloy de la Iglesia und regt an, mehr von seinen Filmen zu entdecken. Ich muss aber zugeben, dass mich die Darstellung seines Person und seiner überbordenden künstlerischen Energie mehr als die in der Doku präsentierten Filme ansprachen. Viele davon schienen mir zu gewalttätig und pornographisch. Das ist nicht mein Ding. Am ehesten würde ich mir noch die Filme El diputado und El sacerdote anschauen.

In dem nachfolgenden Interview spricht Gaizka Urresti über seine Motivation für die Dokumentation:

Ciudad sin sueño, von Guillermo Galoe

Ciudad sin sueño von Guillermo Galoe ist ein Film, der die Lebensrealität der Gitanos und weiterer marginalisierter Gruppen in der Agglomeration von Madrid zeigt. Der Film folgt zwei Teenagern, Toni und Bilal, deren Familien in Wellblechhütten und unter extrem schwierigen Bedingungen in der «Cañada Real» leben. Da Madrid aufgrund seines dynamischen Wachstums mehr Bauland braucht, ist die informelle Siedlung im Südosten der Hauptstadt sehr interessant für die Immobilienbranche geworden. Die Menschen, die dort leben, sollen umgesiedelt werden. Bilals Familie zieht deshalb zu Verwandten nach Marseille, was Toni sehr zu schaffen macht. Er fühlt sich alleine gelassen. Obwohl die Zustände furchtbar sind – es gibt weder Strom noch Wasser, die Kriminalität ist hoch – widersetzt sich Tonis Großvater einem Umzug, weil er nur in dieser Umgebung seine Freiheit bewahren kann. Manu Yáñez deutet diese Haltung des Großvaters als heroischen Akt des Widerstands gegen den ungezähmten Kapitalismus der heutigen Zeit. Ich stimme nicht mit dieser Einschätzung überein. Ja, der dominante «Pai» und seine Frau bleiben, aber die jüngere Generation wird gehen und dem widersetzt sich der Alte auch nicht. Für mich signalisiert sein trotziges Bleiben daher eher einen nostalgischen Moment, die Welt der «Cañada Real» hat keine Zukunft mehr. Die Jungen müssen, wenn auch widerstrebend, einen neuen Weg finden.

Die Perspektive der Jugendlichen wird durch eine dynamische Kameraführung und Selfie-Aufnahmen mit aufregenden Farbfiltern eingefangen. Besonders beeindruckend sind die beiden jugendlichen Darsteller, die ihre Rollen mit großer Authentizität spielen. Diese Augen! Der Film lässt das Publikum stets selbst entscheiden, ohne moralisierend zu wirken, und zeigt, wie Toni und seine Familie ihren Weg finden müssen.

Wer sich nicht vorstellen kann, dass Menschen mitten in Europa unter derart miserablen Bedingungen leben, kann sich einen Eindruck vom aufreibenden Alltag in diesem Slum machen: https://www.zdf.de/play/dokus/arte-collection-arte-rc-000000-8-100/page-video-arte-re-europas-groesster-slum—die-caada-real-in-madrid-100

Und hier ist der Trailer zum Film:

Fazit

Die Auswahl der Filme, die wir besuchten, hing stark von der Verfügbarkeit der Tickets und den Spielzeiten ab. Wir konnten beispielsweise den Siegerfilm des Festivals, Los domingos, nicht sehen, da die Tickets bereits ausverkauft waren, als wir noch auf dem Camino irgendwo zwischen Logroño und Nájera unterwegs waren (darüber mehr in einem späteren Post). Dennoch war alles in allem der Kauf der Tickets stressfrei, denn jeden Tag kamen nochmals Resttickets in den Verkauf. Die Organisation des Festivals erschien uns perfekt. Nur manches Mal gingen wir eben leer aus, vor allem bei den spanischen Produktionen, die nur eine Aufführung hatten (wie beispielsweise die Doku über Almudena Grandes, die ich sehr gern gesehen hätte). Da ich das erste Mal beim Filmfestival dabei war, kann ich auch keine qualitativen Vergleiche zu den Vorjahren ziehen. So ist also die Auswahl und Bewertung höchst subjektiv.

Insgesamt war das Festival eine bereichernde Erfahrung, die einen guten Einblick in die spanische Filmlandschaft und aktuelle gesellschaftliche Themen geboten hat. Die Spielstätten waren von unserer Wohnung alle über einen Spaziergang entlang der Concha zu erreichen. Überhaupt kann man in San Sebastián fast alles zu Fuss erreichen, ähnlich wie in Locarno. Es gibt zudem, anders als zum Beispiel in Berlin, jederzeit und überall Kneipen und Restaurants, die zwar sehr gut gefüllt sind, in denen man dennoch nach den Veranstaltungen noch ein Plätzchen findet, um das Gesehene zu besprechen. Wir fahren gerne wieder hin.

Joaquin Sorolla Portrait des spanischen Philosophen José Ortega y Gasset

Ortega y Gassets Kunstkritik wird 100 Jahre alt.

José Ortega y Gasset’s schrieb sein Essay «La deshumanización del arte» vor 100 Jahren. Ursprünglich in der Revista de Occidente veröffentlicht, analysiert Ortega y Gasset die Entstehung der avantgardistischen Kunstbewegungen des frühen 20. Jahrhunderts. Er argumentiert, dass diese neue Kunstform sich bewusst von traditionellen Darstellungen und menschlichen Emotionen entfernt und stattdessen Abstraktion, Ironie und Intellektualität betont. Diese Dehumanisierung führt dazu, dass Kunst nicht mehr für das breite Publikum geschaffen wird, sondern zu einer spezialisierten, oft elitistischen Beschäftigung für Künstler wird.

Mein letzter Newsletter auf Substack stellt den Essay etwas genauer vor und zeigt, weshalb er bis heute als wichtiger Bestandteil der spanischen Ideengeschichte analysiert und diskutiert wird. Hier könnt Ihr in nachlesen: https://tertulia.substack.com/p/marking-the-centenary-of-ortega-y

Und hier könnt Ihr den Originaltext lesen:

Spanisches Frühstück mit Tomaten, Gazpacho, Brötli, Rüebli und Käse

Mein Sommer im grünen Norden Spaniens

In Zürich liegt der erste Schnee. Zeit, endlich meine Fotos vom Sommer nochmals anzuschauen und das laufende Reisetagebuch zu aktualisieren. Auf meinem aktuellen Newsletter findet Ihr meinen Rückblick in englischer Sprache – mit vielen Fotos. Kommt mit nach Donostia, Olite und Bilbao. Hier geht’s zum Reisetagebuch: https://tertulia.substack.com/p/exploring-the-basque-country

PS: Wir waren auch noch in Hendaye, Hondarribia, Pamplona und Gernika, um auch ohne Wandern möglichst nah am Camino del Norte zu bleiben; aber dazu vielleicht später einmal mehr…