Ein Camino ohne Trubel und Menschenmassen

In meinem aktuellen Newsletter berichte ich über unsere 6-tägige Wanderung auf dem Camino de San Salvador. Dieser Nebenweg, der den Camino Francés mit dem Camino Primitivo (aber auch mit dem Camino del Norte) verbindet, ist sehr ruhig und auch für geübte Wanderer herausfordernd genug. Hier ist eine deutsche Zusammenfassung:

Die Geschichte des Camino San Salvador

Der Camino San Salvador ist ein Pilgerweg von León nach Oviedo, der sich im Mittelalter entwickelte. Pilger, die den Camino Francés entlangwanderten sowie diejenigen auf den weiter nördlich verlaufenden Routen, wagten sich an diese Überquerung heran, um die Kathedrale San Salvador in Oviedo und ihre Sammlung christlicher Reliquien zu besuchen, die in deren Heiliger Kammer aufbewahrt wurden. Die Traversierung des Kantabrischen Gebirges macht die Route auch für Bergwanderer interessant.

Ein traditionelles Sprichwort bringt auf den Punkt, warum Pilger diese Reise unternahmen: «Quién va a Santiago y no al Salvador, visita al criado y olvida al Señor» («Wer nach Santiago geht, aber nicht nach San Salvador, besucht den Diener [= den Apostel Jakobus, dessen Überreste in der Kathedrale von Santiago aufbewahrt werden], nicht den Herrn» [= Jesus Christus, den Erlöser, der in der Kathedrale von Oviedo verehrt wird]).

Unsere Wanderroute

Zu Beginn blieben wir erst einmal zwei Tage in León, das uns sehr gut gefallen hat. León ist eine sehr gepflegte Stadt, reich an Kultur und leicht zu Fuss zu erkunden. Wir waren vom Licht der Kathedrale und den Schätzen des Museo San Isidoro besonders beeindruckt.

Manche Pilger legen diesen Camino in vier Tagen zurück. Wir sind das Unterfangen etwas gemächlicher angegangen. Der Camino San Salvador beginnt in der flachen Agrarlandschaft rund um León. In Richtung Norden steigt die Route in das Kantabrische Gebirge an. In der Nähe des Pajares-Passes führt sie über offene Berghänge und üppige Wiesen. In Asturien windet sich dann der Weg durch kleine Dörfer und Täler, bis er schließlich Oviedo, die Hauptstadt des Fürstentums, erreicht. Es ist interessant, die Veränderungen in der Landschaft zu beobachten – von trockenen Feldern bis hin zu grünen Hügeln und Bergen. Rund um Oviedo wird es dann auch industriell.

Erster Tag: Am Freitagmorgen fuhren wir mit dem Bus nach Carbajal de la Legua, um schnell aus der Agglomeration Leóns herauszukommen. Von dort aus war es eine angenehme 18-km-Wanderung nach La Robla, die nur durch Millionen von Fliegen gestört wurde, die uns dazu zwangen, eine Weile die Klappe zu halten, damit sie uns nicht in den Mund fliegen konnten. In höheren Lagen verschwanden die kleinen Biester dann endlich.

Zweiter Tag: Von La Robla aus gingen wir zunächst nach Pola de Gordón, wo wir früh zu Mittag aßen und uns in einem Mini-Mercado mit Lebensmitteln für den Abend und den nächsten Tag versorgten. Wir wussten bereits, dass wir an unserem Tagesziel, Poladura de Tercia, kein Abendessen bekommen würden, da unser Gastgeber nicht bereit war, uns ein vegetarisches Gericht zu servieren. Das hatte er uns bereits per WhatsApp mitgeteilt. Nach 17,5 km kamen wir jedoch früh genug in der Pension an, um uns ein paar erfrischende Drinks an der Bar zu kaufen. Es war auch am Abend noch warm genug, um unsere Bocadillos auf der Terrasse der Herberge zu essen.

Dritter Tag: Die Etappe von Poladura de Tercia nach Pajares ist mit nur 11 km recht kurz, gilt jedoch aufgrund eines steilen Anstiegs, der auf rund 1’560 Meter zum höchsten Punkt der Route führt, und eines langen, steilen Abstiegs nach Pajares als die anspruchsvollste Etappe des gesamten Camino. Die Strecke liegt ein wenig abseits der Zivilisation. Es gibt keine Möglichkeit, in einer Bar eine Pause einzulegen, um etwas zu essen oder Wasser zu holen. Wir hatten Glück, dass wir genau in dem Moment, in dem der örtliche Teleclub öffnete, im Weiler Buiza ankamen. Die Dorfverwaltung betreibt den Teleclub als Barersatz für die Rentner und Rentnerinnen, die dort immer noch vor dem Mittagessen einen Aperitif genießen. Wir unterhielten uns mit den Rentnern über ihre frühere Arbeit in den Bergwerken und ihr ruhiges Leben in dem heute fast verlassenen Dorf. Sie haben uns auch dazu überredet, ein Los für El Gordo, die Weihnachtslotterie, zu kaufen, und wir haben ihnen versprochen, zur Fiesta zurückzukommen, falls das Los des Teleclubs gewinnt.

Insgesamt ist die Gegend sehr beschaulich, und man kann sich nachts sehr gut erholen. Spanien ist bekannt dafür, ein sehr lautes Land zu sein, aber auf unserer Route haben wir nachts nichts gehört.

Am vierten Tag sind wir von der üblichen Route abgewichen. Da ich mir für die Nacht ein hübsches altes Herrenhaus zum Schlafen ausgesucht hatte, mussten wir den Camino in Campomanes verlassen, um nach Sotiello zu gelangen. Zuvor hatten wir aber auch schon den ausgeschilderten Weg verlassen und waren der kleinen Straße hinunter ins Tal gefolgt (ohne jeglichen Verkehr), da uns eine Einheimische aus Chanos vor dem gefährlichen Bergpfad und den Bären gewarnt hatte. Einen Moment lang waren wir versucht, diesen Weg zu nehmen, denn Bären in freier Wildbahn zu sehen, klang für uns wie ein einmaliges Abenteuer; doch dann folgten wir artig der Empfehlung der Frau. Es war wieder ein sehr einsamer Tag, aber zumindest bekamen wir in Campomanes ein warmes Mittagessen und konnten an der Bar leckere Käse-Bocadillos für das Abendessen kaufen. Das einzige Restaurant in Sotiello schloss bereits um 16 Uhr. Was das Essen anging, musste man immer für 2 Tage im Voraus planen.

Auch der fünfte Tag begann abseits des markierten Weges. Da wir nicht über die Landstraße zurück nach Campomanes gehen wollten, schlugen wir einen Feldweg ein, der sowohl in der Outdoor Active-App als auch in Komoot deutlich eingezeichnet war. Wir mussten jedoch feststellen, dass ein auf der Karte eingezeichneter Weg nicht immer bedeutet, dass er auch tatsächlich existiert. Er endete einfach auf einer Kuhweide, und wir mussten uns durch dornige Hecken, Brombeersträucher und einen Stacheldrahtzaun kämpfen, um wieder auf einen Weg zu gelangen, der diesen Namen verdient. An diesem Tag habe ich meine geliebte Wanderhose ruiniert. Sie ist im spanischen Textil-Recycling gelandet. Zurück im Tal stießen wir endlich wieder auf die gelben Pfeile, die den Camino kennzeichnen. Wir hatten das Glück, in Pola de Lena ein herrliches und ausgiebiges Mittagessen zu genießen. Dort übernachteten wir auch.

Am sechsten Tag erreichten wir Mieres nach einer leichten 17-km-Etappe. Trotz des gelegentlichen Regens und der nahegelegenen Autobahn war die Wanderung durch die Wälder und am Fluss entlang wunderschön. Wir machten auch Halt in Uxo, um die Kirche Santa Eulalia zu bewundern, deren Ursprünge bis ins späte 12. oder frühe 13. Jahrhundert zurückreichen. Insgesamt hatten wir die ganze Woche über großes Glück mit dem Wetter.

An unserem letzten Tag fuhren wir mit dem Zug nach Oviedo, um mehr Zeit in der Stadt verbringen zu können. Außerdem hatten wir das Gefühl, lang genug entlang der Autobahn gewandert zu sein, die direkt durch das Tal verläuft. Diese Entscheidung gab uns genügend Zeit, Oviedo zu Fuss zu erkunden und einen Eindruck davon zu gewinnen, wie die Einheimischen ihre jährlichen «Fiestas de San Mateo» feiern.

Die Logistik der Einsamkeit

Wie ihr vielleicht bemerkt habt, haben wir den Camino eher als eine Möglichkeit gesehen, die Natur und die Menschen zu genießen. Wir haben nicht die sportliche Herausforderung gesucht. Wir hatten bereits von zu Hause aus Unterkünfte in Pensionen oder Herbergen gebucht, da es mir wichtig ist, im Voraus zu wissen, wo ich schlafen werde. Als wir den Camino Inglés – unseren ersten Camino – gingen, mussten wir jeden Tag nach unserer Ankunft nach einer Unterkunft suchen, wenn ich vom Laufen bereits total erschöpft war. Das war anstrengend. Außerdem gefällt mir die Vorstellung, Handtücher, frische Bettwäsche und Seife in der Pension vorzufinden. Dann muss ich sie nicht tragen.

Wenn ich diesen Camino jedoch noch einmal machen müsste, würde ich sogar in Betracht ziehen, in den öffentlichen Albergues zu übernachten. Nach dem, was wir von anderen Pilgern erfahren haben, sind sie alle angemessen ausgestattet und sauber. Sie sind überhaupt nicht überfüllt – wer geht überhaupt diesen Weg? – sodass es immer freie Betten gibt. Insgesamt trafen wir im Laufe der Woche nur sieben andere Pilger (!!!), die meisten davon beim Frühstückskaffee oder bei einer Trinkpause, manchmal auch in den Unterkünften: zwei Spanier, zwei Deutsche, eine Schweizer Spanierin aus Basel und ein Ehepaar aus Indonesien. In Campomanes trennten sich unsere Wege, da die meisten noch am selben Tag nach Pola de Lena weiterwandern wollten (das empfehlen die meisten Camino-Webseiten), während wir die Nacht in Sotiello verbrachten, was ich nicht bereue. Wir hatten das alte Herrenhaus ganz für uns allein (obwohl wir nur für ein Zimmer bezahlt hatten), was ein grossartiges Erlebnis war. Nur einen der beiden spanischen Pilger trafen wir später beim Mittagessen in Mieres wieder.

Offensichtlich bringt der Camino San Salvador den örtlichen Gemeinden kaum wirtschaftlichen Nutzen. Selbst im Sommer scheinen trotz der wunderschönen Landschaft nur wenige Touristen oder Pilger hierherzukommen. Viele Einheimische sind nach der Schließung der Kohlebergwerke in die Stadt gezogen. Die Rentner bleiben in den Dörfern, und die jüngeren Familienmitglieder kommen am Wochenende zu Besuch. Daher gibt es kaum Supermärkte, Kneipen oder Restaurants. Sogar die meisten Kirchen und Kapellen waren geschlossen – und das auf einem Pilgerweg! Wir mussten darauf achten, wann immer sich die Gelegenheit bot, genügend Essen und Wasser zu kaufen bzw. abzufüllen und es in unsere Rucksäcke zu packen. Die Verpflegung war unsere größte Herausforderung, besonders als Vegetarier; aber wir haben das gut gemeistert. Wir konnten überall das Leitungswasser trinken. Ich muss aber schon sagen, dass ich es lieber habe, ohne grosse Verpflegung zu marschieren und lieber in der Bar an der Ecke einkehre, sofern sich die Möglichkeit bietet. Das Barsterben und Verschwinden der Läden ist nicht nur ein logistisches Problem für uns Pilger, sondern eine soziologische Herausforderung für den Zusammenhalt in den leerer werdenden Dörfern.

Wer also Menschenmassen und Touristennepp auf dem Camino meiden möchte, dem sei dieser Camino wärmstens empfohlen.

Hier ist der Link zum englischsprachigen Original: https://tertulia.substack.com/p/walking-the-camino-san-salvador-the

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