Screeenshot from the 2016 video game Job Simulator

Wie die Arbeit uns fertig macht

In meinem aktuellen Tertulia-Newsletter stelle ich zwei spanische Romane vor, in denen es darum geht, wie die aktuellen Beschäftigungsverhältnisse einer hyperproduktiven Gesellschaft dazu führen, dass die Protagonisten an ihrer Arbeit verzweifeln.

Hier ist eine deutsche Zusammenfassung meiner Buchkritik:

Beatriz Serrano, El descontento (2023, deutsch: Geht so, übersetzt von Christiane Quandt)

Im Mittelpunkt des Romans steht Marisa, die ihren Arbeitsalltag in einer Marketingagentur nur dank Beruhigungsmitteln und einer bunten Mischung von YouTube-Videos ertragen kann. Als Teamleiterin delegiert sie viele ihrer Aufgaben, beispielsweise an ihre übereifrige Assistentin und an ihre Studierenden. Ihr Bullshit-Job langweilt sie furchtbar, und sie ist klug genug, ihre Rolle so zu spielen, als wäre sie Teil einer Theateraufführung. Das ist auf Dauer jedoch sehr anstrengend für sie. Die Handlung spitzt sich zu, als Marisa gebeten wird, während eines Betriebsausflugs in den Wäldern von Segovia einen Kreativitätsworkshop zu leiten.

Der Roman ist in Form einer Beichte geschrieben. Der Ton ist bitterböse und sarkastisch. Auch wenn man sich mit Marisas Charakter identifizieren mag, ist sie doch auch eine Art Antiheldin, da ihr Verhalten so typisch für das System ist, das sie selbst verurteilt (z.B. ihre Konsumgewohnheiten, Ausnutzen von Abhängigkeitsverhältnissen, Schönheitsideale, Nihilismus). Trotz des schwierigen Themas ist der Roman sehr unterhaltsam, da Marisas Beobachtungen über die Unternehmenswelt und deren grausame Verlogenheit wirklichkeitsnah sind.

Isaac Rosa, Las buenas noches (2025, noch nicht ins Deutsche übersetzt)

Der Roman beginnt in einer Nacht, in der sich zwei Fremde zu später Stunde in einer Hotelbar begegnen. Sie stellen fest, dass sie beide unter anhaltender Schlaflosigkeit leiden, und entdecken, dass sie ihren Schlafmangel überwinden können, indem sie zusammen schlafen. Sie haben keinen Sex, und sie empfinden auch kein sinnliches Verlangen füreinander. Die Intimität, aneinandergekuschelt im Bett zu liegen, lässt sie Ruhe finden, was ihnen hilft, einzuschlafen. Dennoch haben sie das Gefühl, dass sie ihre Partner betrügen. Da sie nun ein Mittel gegen ihre Schlaflosigkeit gefunden haben, müssen sie sich dennoch immer wieder treffen. Es scheint fast so, als würden beide süchtig nach der Gegenwart des anderen werden. Logischerweise nehmen die Phasen der Schlaflosigkeit in den Zeiten ohne den anderen noch zu. Doch wie lange kann man ein solches Doppelleben führen, ohne das eigene Familienleben zu gefährden? Würden ihre Partner Verständnis dafür aufbringen?

Der Roman nutzt das Thema der Schlaflosigkeit, um emotionale Belastungen des modernen Lebens zu beleuchten, und analysiert akribisch, was den Erzähler nachts wach hält. Wie Serrano bedient sich auch Rosa eines bitterbösen Humors, um seine erschöpften Figuren zu porträtieren. Er zeigt damit, wie sich prekäre Arbeitsverhältnisse, Selbstoptimierung und Schlafmangel gegenseitig hochschaukeln. Im Konzept einer superproduktiven Gesellschaft (z. B. dem „5-Uhr-Club“) gilt Schlafmangel als individuelle Schwäche, die durch Training, Medikamente und psychologische Beratung überwunden werden kann – natürlich ist das auch ein riesiger Markt, über den sich Rosa mit zahlreichen Zitaten aus der Ratgeber-Literatur lustig macht.

Ich habe beide Romane mit grossem Gewinn gelesen und kann die Lektüre ohne Einschränkung empfehlen. Die schlussfolgernde Bewertung könnt Ihr hier nachlesen.

Die Zusammenfassung der Romane habe ich mit Hilfe von DeepL.com (kostenlose Version) aus dem Englischen des Newsletters übersetzt.