Paul Ingendaays Entscheidung in Spanien. Der große Kampf der Literatur 1936-1939 lässt sich wie ein sorgfältig angelegter Fotoband durchblättern. Seite für Seite begegnet man bekannten und weniger bekannten Gesichtern, manchen immer wieder: Schriftsteller:innen, Künstler:innen, Fotograf:innen, Journalist:innen, die sich im Spanischen Bürgerkrieg politisch positionierten. Die Kapitel sind kurz, beinahe skizzenhaft, und genau darin liegt die große Stärke des Buches: Es ist zugänglich und unangestrengt trotz der brutalen Materie. Man kann es aus der Hand legen und wieder aufnehmen, ohne den Faden zu verlieren. Doch vielleicht ist es gerade dieser fotografisch wirkende Zugriff, der zugleich eine Leerstelle erzeugt.
Eine explizite Analyse des Erzählten bleibt nämlich aus. Aus den Fotos entsteht ein chronologisch geordnetes Album, aber was verbindet die Fotos miteinander? Wer das Buch liest, um die Grundmotivation dieser politisch und militärisch engagierten Intellektuellen zu verstehen, fragt sich unweigerlich: Welchen Beitrag leistet Ingendaay dazu, die vielfältigen Perspektiven der unzähligen Dokumentationen zu und über den Spanischen Bürgerkrieg zu bereichern? Positiv liesse sich Ingendaay zum Beispiel so lesen, dass die erwähnten Intellektuellen zwar von einer gemeinsamen Sehnsucht nach Mitmenschlichkeit getragen werden, letztlich aber doch jeweils in ihrer eigenen subjektiven Sehnsucht gefangen bleiben. Der Epigraph zum letzten Kriegsjahr deutet auf diese mögliche Auslegung hin:
Wir alle, die wir an die Causa der Republik glaubten, werden die Niederlage der Republik und den Tod ihrer Verteidiger für alle Zeiten betrauern und werden nicht aufhören, das Land Spanien zu lieben und seine wunderbaren Menschen, die zu den edelsten und unglücklichsten dieser Welt zählen. (Martha Gellhorn, Der Krieg in Spanien, zitiert nach Ingendaay, S. 289)
Eine solche Deutung sollte der Autor jedoch nicht seiner Leserschaft überlassen, sondern explizit ausführen, weshalb ich ein analytisches Abschlusskapitel schmerzlich vermisse. Auch hätte ich zumindest eine vorsichtige Prognose seinerseits erwartet, was wir aus den damaligen ideologischen Verhärtungen für eine Gegenwart gewinnen, in der die politische Polarisierung erneut die kulturellen Debatten bestimmt.
Dabei zeigt Ingendaay durchaus ein feines Gespür für Ambivalenzen. Seine Sympathie für die republikanische Sache ist unverkennbar, doch er verschweigt nicht die Gewalt und Zerrissenheit innerhalb der linken Kräfte. Diese Offenheit ist journalistisch überzeugend. Weniger notwendig wirkt hingegen die wiederholte Einbindung von Thomas Mann (siehe hierzu auch Manfred Papst in der nzz). Hier entsteht stellenweise der Eindruck, als solle ein zusätzlicher Resonanzraum für ein deutsches Publikum geschaffen werden – ein Kunstgriff, der nicht nötig wäre, da die meisten internationalen Figuren, denen wir im Buch begegnen, auch im deutschsprachigen Raum bestens bekannt sind: Gellhorn, Hemingway, Orwell, die Gebrüder Machado, Unamuno, García Lorca, um nur einige wenige zu nennen. Hinzu kommt, dass Erika und Klaus Mann mit ihren Aufzeichnungen von 1938 aus dem Bürgerkriegsland durchaus eigenes intellektuelles Gewicht haben — ganz ohne den übermächtigen Schatten ihres Vaters.
So bleibt Entscheidung in Spanien ein gut geschriebenes und sorgfältig komponiertes Buch. Ingendaay ist Journalist, kein Historiker. Er versammelt Stimmen, ohne sie in eine übergreifende Argumentation zu überführen. Die Verwirrung jener Zeit bleibt bestehen. Das ist legitim – und für viele Leser und Leserinnen vermutlich sogar besonders reizvoll (vgl. Ralf Höllers begeisterte Rezension). Als Einstieg in die kulturelle und intellektuelle Dimension des Spanischen Bürgerkriegs ist das Buch daher durchaus empfehlenswert.
Wer sich aber bereits mit der Thematik auskennt, wird das Buch eher lesen, um gleich zu den Quellen greifen, mit denen Ingendaay in seinem Buch gearbeitet hat, etwa zu George Orwells Homage to Catalonia oder Arthur Koestlers Das spanische Testament, die das Spannungsverhältnis von Erfahrung, Ideologie und Gewalt sehr authentisch vermitteln. Neben den berühmten Kriegsfotograf:innen Robert Capa und Gerda Taro, denen Ingendaay mehrere Episoden widmet, sei von meiner Seite ausserdem zusätzlich das fotografische Vermächtnis aus dem Spanischen Bürgerkrieg von Kati Horna (1912-2000) empfohlen, das erst seit 1992 der Öffentlichkeit zur Verfügung steht.

Ich danke dem C.H. Beck-Verlag, der mir ein kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.
