Mir geht es „muy very good“ – vom Umgang mit dem Tod in der mexikanischen Kultur

Wenn es nach den toltektischen Vorstellungen vom Himmel geht, kommen wir alle ins Paradies. Das ist tröstlich und nimmt die Angst vor dem Tod. Es kommt aber noch besser. Einmal im Jahr kehren die Seelen der Verstorbenen sogar zurück ins Diesseits, um die Lebenden zu besuchen. Der Tod bedeutet also nicht Trennung für immer.

Diese Überzeugung bildet den Ursprung des Día de los Muertos (Tag der Toten), der wie kein anderer mexikanischer Feiertag der kulturellen Selbstvergewisserung des Landes dient. Anders als in Europa wird nicht voller Trauer der Toten gedacht, sondern ihnen zu Ehren ein grosses, buntes Volksfest veranstaltet. Die Schweizer Autorin Milena Moser und ihr mexikanischer Lebenspartner Victor-Mario Zaballa haben gemeinsam ein Buch über diese Festtage und damit das Verhältnis der mexikanischen Kultur zum Tod geschrieben. Es trägt den Titel: Das schöne Leben der Toten. Vom unbeschwerten Umgang mit dem Ende.

Diego Rivera Núñez, CC BY 2.0, Sueño de una Tarde Dominical en la Alameda Central, Museo Mural Diego Rivera

Ohne Tod kein Leben

Die Mischung aus ethnografischen Beschreibungen kultureller Praktiken, Alltagserlebnissen der Schweizer Autorin in einem hybriden kulturellen Umfeld und ihren damit verbundenen Alteritätserfahrungen wird durch farbenfrohe Illustrationen Zaballas ergänzt. Die Intensität der Farben unterstreicht den Charakter des Día de los Muertos und damit die Intention des Buches:

Die mexikanische Kultur hat den Tod akzeptiert. Sie bekämpft ihn nicht, sie integriert ihn. Der Tod ist untrennbar mit dem Leben verbunden. Er ist immer dabei. Er wird gefeiert, er wird geneckt, er wird herausgefordert, er wird geehrt.

Moser/Zaballa, Das schöne Leben der Toten. Vom unbeschwerten Umgang mit dem Ende, Zürich: Kein & Aber, S. 17

Wem gehört die Tradition?

Moser geht in ihren Ausführungen über die Rituale, die im Zentrum des Día de los Muertos stehen, sehr vorsichtig vor. Wenn sie den Gang über den Markt beschreibt, auf dem sie die Blumen für den Altar kaufen, wenn sie über die Speisen spricht oder den Altar selber schmückt, kommt Zaballas Stimme als Rückversicherung immer wieder durch. Moser präsentiert sich als Chronistin, die das aufschreibt, was ihr Mann ihr aus seiner eigenen kulturellen Erfahrung erzählt. Das gibt ihren Ausführungen die Authentitiziät, die sie als Schweizerin den Beobachtungen so nicht geben könnte. Gleichzeitig befreit sie sich durch die vielen indirekten und direkten Zitate ihres Lebensgefährten von dem möglichen Vorwurf, mit ihren Überlegungen kulturelle Aneignung zu betreiben. Gerade der Día de los Muertos, ein Feiertag indigenen Ursprungs, ist in den USA sehr starken Kommerzialisierungsprozessen ausgesetzt. Moser weiss genau, was politisch opportun ist, und stellt sich kritisch die Frage, ob sie überhaupt befugt sei, über eine fremde Kultur zu schreiben, „ohne sie zu verletzen“ (S. 72). Sie beantwortet ihre Zweifel mit dem Lieblingswitz Zaballas:

„Weisst du, wie sich die traditionelle indigene Familie zusammensetzt? Nein? Aus Mutter, Vater, drei bis fünf Kindern, Großmutter, unverheirateteter Großtante, zwei Hunden und einer deutschen Anthropologin.“

Moser/Zaballa, Das schöne Leben der Toten. Vom unbeschwerten Umgang mit dem Ende, Zürich: Kein & Aber, S. 72

Bewertung

Ich habe keine Ahnung, wie gut Milena Moser sonst schreibt. Als ich das Buch in der Buchhandlung zur Kasse brachte, erwähnte der Buchhändler ausdrücklich, dass es sich bei dem Buch um ein Sachbuch handle. Denn Milena Moser ist nun einmal aus Buchhändlersicht eher fürs Romaneschreiben bekannt. Mich aber hat das Buch angesprochen, weil ich es als Hispanistin spannend fand, wie eine deutschsprachige Autorin den Dia de los Muertos erklärt.

Ja, es ist ein Sachbuch, aber der Verlag bewirbt es nicht umsonst als „erzählendes Sachbuch“. Das trifft die Sache sehr gut. Moser und Zaballa bieten Lesern, die wenig über Mexiko wissen, eine liebevolle Einführung in das Verhältnis der mexikanischen Kultur zum Tod. Beide sind keine Kulturwissenschaftler und erheben auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Mosers Stärke ist das autobiografisch reflektierte Erzählen. Wer eine andere Kultur beschreibt, hält sich unweigerlich immer auch den Spiegel vor. Letztlich geht es in dem Buch aber um mehr als ein kulturvermittelndes Unterfangen. Der Text ist eine sehr persönliche Liebeserklärung an ihren Partner, der schwer krank ist und den Tod trotzdem nicht fürchtet. Vielleicht ist ihr damit schon eine grosse Annäherung an die mexikanische Kultur gelungen, von der es heisst:

Das Formale ist wichtig – und wird doch immer mit einem Augenzwinkern ausgeführt.

Moser/Zaballa, Das schöne Leben der Toten. Vom unbeschwerten Umgang mit dem Ende, Zürich: Kein & Aber, S. 50

Das Buch ist informativ und unterhaltsam. Ich kann seine Lektüre empfehlen.

Wer noch mehr über das Buch und die Hintergründe seiner Entstehung hören möchte, kann dieses Gespräch von Frank Meyer mit der Autorin im DLF Kultur hören.

Engagierte Theaterarbeit in Peru in Gefahr — Förderkreis des IAI

Aufruf zur Unterstützung Je länger die Corona-Krise anhält, desto stärker geraten viele engagierte Kulturprojekte in Lateinamerika in Existenznot. Yuyachkani, eine Theatergruppe aus Lima, Peru, hat sich jetzt mit einem Hilferuf an die Öffentlichkeit gewandt. Der Förderkreis des IAI unterstützt die Spendenkampagne der Berliner Initiativen Ríos Profundos und Sociedad Académica Peruana e.V. für die laufenden Unterhaltskosten des […]

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Benjamin von Tudela: der jüdische Marco Polo des Mittelalters

Der Vergleich in der Überschrift mag anmassend klingen, denn Marco Polo ist mit seinen Reisen weltberühmt geworden. Die Reisen Benjamin von Tudelas (hebräischer Name: Biniamin ben rabbí Yonah mi-Tudela) führten denn auch tatsächlich nicht ganz so weit in den Osten, doch sie geben ein gutes Zeugnis über die Eindrücke eines jüdischen Reisenden in die Region, die wir heute als Nahen Osten bezeichnen. Immerhin gilt er als der erste Europäer der Neuzeit, der China mit dem heutigen Namen erwähnt. Anders als Marco Polo ist Benjamin von Tudela bis heute weitgehend unbekannt. Auch ich traf heute erstmals in einem Artikel der La Vanguardia auf die Reiseberichte des Rabbinersohns aus dem navarrischen Städchen Tudela.

Die Reisen

Er notierte genau, was er auf seinen Reisen zwischen 1160 und 1173 beobachtete (eine andere Quelle behauptet auch ab 1158). Seine Notizen, die von einem unbekannten Autoren im Libro de viajes (Masa’ot Binyamin) zusammengestellt worden sind, machen ihn bis heute zu einem bedeutenden Geographen und Darsteller der jüdischen Geschichte des Mittelalters. Seine genaue Route ist nicht bekannt, aber sie kann wie folgt rekonstruiert werden:

Benjamin of Tudela route – ru.svg: Kaidor (talk · contribs) derivative work: rowanwindwhistler / CC BY-SA

Besonders angetan war er vom damaligen Konstantinopel:

„An diesem Ort“, fährt er fort, „zeigen sich vor dem König und der Königin alle Arten von Menschen auf der Welt, wie durch Zauberei; und sie bringen Löwen, Panther, Bären und Zebras dazu, gegeneinander zu kämpfen; sie tun dasselbe mit Vögeln, und so ein Spektakel sieht man in keinem anderen Land.“

übersetzt aus dem Spanischen, https://www.lavanguardia.com/historiayvida/edad-media/20200630/482013608705/benjamin-tudela-marco-polo-judio-libro-viajes-constantinopla-bagdad.html

Auch von Bagdad und der Person des Kalifen ist er sehr begeistert. Mit grossem Detail schildert er das Leben der jüdischen Gemeinschaften und hält seine Eindrücke vom städtischen Leben insgesamt in seinen Notizen fest. So schreibt er genau auf, wie die jüdische Gemeinde lebt, wer sie anführt und wie ihre Lage jeweils ist – ob sie marginalisiert sind und unterdrückt werden oder ob sie sich mit den Machthabern arrangiert haben. Bis heute spekulieren Historiker und Philologen über die Motive seiner Reise. Eine häufig geäusserte Hypothese ist die, dass er als Händler neue Märkte suchte. Da er sich einige Male interessiert über Korallen äussert, vermutet man, dass er möglicherweise mit Schmuck handelte.

Das Buch

Wenn ich die Quellenlage richtig deute, ist die Originalausgabe 1543 in hebräischer Sprache in Konstantinopel erschienen, also 50 Jahre nach der Vertreibung der Juden aus Spanien. Es ist wenig erstaunlich, welch lange Reise die Notizen machen mussten, um endlich veröffentlicht zu werden. Sie zeichnet das Schicksal vieler sefardischer Juden nach, die nach 1492 gen Osten ziehen mussten. Es scheint fast so, dass die erste spanische Übersetzung erst 1918 herausgegeben wurde. Sie ist als pdf erhältlich. 1994 hat die Regierung Navarras auch eine dreisprachige Ausgabe in Spanisch, Baskisch und Hebräisch herausgegeben.

Wer das Buch lieber auf Englisch lesen möchte, findet eine Übersetzung auf dem Projekt Gutenberg: http://www.gutenberg.org/files/14981/14981-h/14981-h.htm

Eine deutsche Übersetzung ist leider nur antiquarisch erhältlich: https://www.zvab.com/buch-suchen/titel/juedische-reisen-im-mittelalter/autor/tudela/