Ein Camino ohne Trubel und Menschenmassen

In meinem aktuellen Newsletter berichte ich über unsere 6-tägige Wanderung auf dem Camino de San Salvador. Dieser Nebenweg, der den Camino Francés mit dem Camino Primitivo (aber auch mit dem Camino del Norte) verbindet, ist sehr ruhig und auch für geübte Wanderer herausfordernd genug. Hier ist eine deutsche Zusammenfassung:

Die Geschichte des Camino San Salvador

Der Camino San Salvador ist ein Pilgerweg von León nach Oviedo, der sich im Mittelalter entwickelte. Pilger, die den Camino Francés entlangwanderten sowie diejenigen auf den weiter nördlich verlaufenden Routen, wagten sich an diese Überquerung heran, um die Kathedrale San Salvador in Oviedo und ihre Sammlung christlicher Reliquien zu besuchen, die in deren Heiliger Kammer aufbewahrt wurden. Die Traversierung des Kantabrischen Gebirges macht die Route auch für Bergwanderer interessant.

Ein traditionelles Sprichwort bringt auf den Punkt, warum Pilger diese Reise unternahmen: «Quién va a Santiago y no al Salvador, visita al criado y olvida al Señor» («Wer nach Santiago geht, aber nicht nach San Salvador, besucht den Diener [= den Apostel Jakobus, dessen Überreste in der Kathedrale von Santiago aufbewahrt werden], nicht den Herrn» [= Jesus Christus, den Erlöser, der in der Kathedrale von Oviedo verehrt wird]).

Unsere Wanderroute

Zu Beginn blieben wir erst einmal zwei Tage in León, das uns sehr gut gefallen hat. León ist eine sehr gepflegte Stadt, reich an Kultur und leicht zu Fuss zu erkunden. Wir waren vom Licht der Kathedrale und den Schätzen des Museo San Isidoro besonders beeindruckt.

Manche Pilger legen diesen Camino in vier Tagen zurück. Wir sind das Unterfangen etwas gemächlicher angegangen. Der Camino San Salvador beginnt in der flachen Agrarlandschaft rund um León. In Richtung Norden steigt die Route in das Kantabrische Gebirge an. In der Nähe des Pajares-Passes führt sie über offene Berghänge und üppige Wiesen. In Asturien windet sich dann der Weg durch kleine Dörfer und Täler, bis er schließlich Oviedo, die Hauptstadt des Fürstentums, erreicht. Es ist interessant, die Veränderungen in der Landschaft zu beobachten – von trockenen Feldern bis hin zu grünen Hügeln und Bergen. Rund um Oviedo wird es dann auch industriell.

Erster Tag: Am Freitagmorgen fuhren wir mit dem Bus nach Carbajal de la Legua, um schnell aus der Agglomeration Leóns herauszukommen. Von dort aus war es eine angenehme 18-km-Wanderung nach La Robla, die nur durch Millionen von Fliegen gestört wurde, die uns dazu zwangen, eine Weile die Klappe zu halten, damit sie uns nicht in den Mund fliegen konnten. In höheren Lagen verschwanden die kleinen Biester dann endlich.

Zweiter Tag: Von La Robla aus gingen wir zunächst nach Pola de Gordón, wo wir früh zu Mittag aßen und uns in einem Mini-Mercado mit Lebensmitteln für den Abend und den nächsten Tag versorgten. Wir wussten bereits, dass wir an unserem Tagesziel, Poladura de Tercia, kein Abendessen bekommen würden, da unser Gastgeber nicht bereit war, uns ein vegetarisches Gericht zu servieren. Das hatte er uns bereits per WhatsApp mitgeteilt. Nach 17,5 km kamen wir jedoch früh genug in der Pension an, um uns ein paar erfrischende Drinks an der Bar zu kaufen. Es war auch am Abend noch warm genug, um unsere Bocadillos auf der Terrasse der Herberge zu essen.

Dritter Tag: Die Etappe von Poladura de Tercia nach Pajares ist mit nur 11 km recht kurz, gilt jedoch aufgrund eines steilen Anstiegs, der auf rund 1’560 Meter zum höchsten Punkt der Route führt, und eines langen, steilen Abstiegs nach Pajares als die anspruchsvollste Etappe des gesamten Camino. Die Strecke liegt ein wenig abseits der Zivilisation. Es gibt keine Möglichkeit, in einer Bar eine Pause einzulegen, um etwas zu essen oder Wasser zu holen. Wir hatten Glück, dass wir genau in dem Moment, in dem der örtliche Teleclub öffnete, im Weiler Buiza ankamen. Die Dorfverwaltung betreibt den Teleclub als Barersatz für die Rentner und Rentnerinnen, die dort immer noch vor dem Mittagessen einen Aperitif genießen. Wir unterhielten uns mit den Rentnern über ihre frühere Arbeit in den Bergwerken und ihr ruhiges Leben in dem heute fast verlassenen Dorf. Sie haben uns auch dazu überredet, ein Los für El Gordo, die Weihnachtslotterie, zu kaufen, und wir haben ihnen versprochen, zur Fiesta zurückzukommen, falls das Los des Teleclubs gewinnt.

Insgesamt ist die Gegend sehr beschaulich, und man kann sich nachts sehr gut erholen. Spanien ist bekannt dafür, ein sehr lautes Land zu sein, aber auf unserer Route haben wir nachts nichts gehört.

Am vierten Tag sind wir von der üblichen Route abgewichen. Da ich mir für die Nacht ein hübsches altes Herrenhaus zum Schlafen ausgesucht hatte, mussten wir den Camino in Campomanes verlassen, um nach Sotiello zu gelangen. Zuvor hatten wir aber auch schon den ausgeschilderten Weg verlassen und waren der kleinen Straße hinunter ins Tal gefolgt (ohne jeglichen Verkehr), da uns eine Einheimische aus Chanos vor dem gefährlichen Bergpfad und den Bären gewarnt hatte. Einen Moment lang waren wir versucht, diesen Weg zu nehmen, denn Bären in freier Wildbahn zu sehen, klang für uns wie ein einmaliges Abenteuer; doch dann folgten wir artig der Empfehlung der Frau. Es war wieder ein sehr einsamer Tag, aber zumindest bekamen wir in Campomanes ein warmes Mittagessen und konnten an der Bar leckere Käse-Bocadillos für das Abendessen kaufen. Das einzige Restaurant in Sotiello schloss bereits um 16 Uhr. Was das Essen anging, musste man immer für 2 Tage im Voraus planen.

Auch der fünfte Tag begann abseits des markierten Weges. Da wir nicht über die Landstraße zurück nach Campomanes gehen wollten, schlugen wir einen Feldweg ein, der sowohl in der Outdoor Active-App als auch in Komoot deutlich eingezeichnet war. Wir mussten jedoch feststellen, dass ein auf der Karte eingezeichneter Weg nicht immer bedeutet, dass er auch tatsächlich existiert. Er endete einfach auf einer Kuhweide, und wir mussten uns durch dornige Hecken, Brombeersträucher und einen Stacheldrahtzaun kämpfen, um wieder auf einen Weg zu gelangen, der diesen Namen verdient. An diesem Tag habe ich meine geliebte Wanderhose ruiniert. Sie ist im spanischen Textil-Recycling gelandet. Zurück im Tal stießen wir endlich wieder auf die gelben Pfeile, die den Camino kennzeichnen. Wir hatten das Glück, in Pola de Lena ein herrliches und ausgiebiges Mittagessen zu genießen. Dort übernachteten wir auch.

Am sechsten Tag erreichten wir Mieres nach einer leichten 17-km-Etappe. Trotz des gelegentlichen Regens und der nahegelegenen Autobahn war die Wanderung durch die Wälder und am Fluss entlang wunderschön. Wir machten auch Halt in Uxo, um die Kirche Santa Eulalia zu bewundern, deren Ursprünge bis ins späte 12. oder frühe 13. Jahrhundert zurückreichen. Insgesamt hatten wir die ganze Woche über großes Glück mit dem Wetter.

An unserem letzten Tag fuhren wir mit dem Zug nach Oviedo, um mehr Zeit in der Stadt verbringen zu können. Außerdem hatten wir das Gefühl, lang genug entlang der Autobahn gewandert zu sein, die direkt durch das Tal verläuft. Diese Entscheidung gab uns genügend Zeit, Oviedo zu Fuss zu erkunden und einen Eindruck davon zu gewinnen, wie die Einheimischen ihre jährlichen «Fiestas de San Mateo» feiern.

Die Logistik der Einsamkeit

Wie ihr vielleicht bemerkt habt, haben wir den Camino eher als eine Möglichkeit gesehen, die Natur und die Menschen zu genießen. Wir haben nicht die sportliche Herausforderung gesucht. Wir hatten bereits von zu Hause aus Unterkünfte in Pensionen oder Herbergen gebucht, da es mir wichtig ist, im Voraus zu wissen, wo ich schlafen werde. Als wir den Camino Inglés – unseren ersten Camino – gingen, mussten wir jeden Tag nach unserer Ankunft nach einer Unterkunft suchen, wenn ich vom Laufen bereits total erschöpft war. Das war anstrengend. Außerdem gefällt mir die Vorstellung, Handtücher, frische Bettwäsche und Seife in der Pension vorzufinden. Dann muss ich sie nicht tragen.

Wenn ich diesen Camino jedoch noch einmal machen müsste, würde ich sogar in Betracht ziehen, in den öffentlichen Albergues zu übernachten. Nach dem, was wir von anderen Pilgern erfahren haben, sind sie alle angemessen ausgestattet und sauber. Sie sind überhaupt nicht überfüllt – wer geht überhaupt diesen Weg? – sodass es immer freie Betten gibt. Insgesamt trafen wir im Laufe der Woche nur sieben andere Pilger (!!!), die meisten davon beim Frühstückskaffee oder bei einer Trinkpause, manchmal auch in den Unterkünften: zwei Spanier, zwei Deutsche, eine Schweizer Spanierin aus Basel und ein Ehepaar aus Indonesien. In Campomanes trennten sich unsere Wege, da die meisten noch am selben Tag nach Pola de Lena weiterwandern wollten (das empfehlen die meisten Camino-Webseiten), während wir die Nacht in Sotiello verbrachten, was ich nicht bereue. Wir hatten das alte Herrenhaus ganz für uns allein (obwohl wir nur für ein Zimmer bezahlt hatten), was ein grossartiges Erlebnis war. Nur einen der beiden spanischen Pilger trafen wir später beim Mittagessen in Mieres wieder.

Offensichtlich bringt der Camino San Salvador den örtlichen Gemeinden kaum wirtschaftlichen Nutzen. Selbst im Sommer scheinen trotz der wunderschönen Landschaft nur wenige Touristen oder Pilger hierherzukommen. Viele Einheimische sind nach der Schließung der Kohlebergwerke in die Stadt gezogen. Die Rentner bleiben in den Dörfern, und die jüngeren Familienmitglieder kommen am Wochenende zu Besuch. Daher gibt es kaum Supermärkte, Kneipen oder Restaurants. Sogar die meisten Kirchen und Kapellen waren geschlossen – und das auf einem Pilgerweg! Wir mussten darauf achten, wann immer sich die Gelegenheit bot, genügend Essen und Wasser zu kaufen bzw. abzufüllen und es in unsere Rucksäcke zu packen. Die Verpflegung war unsere größte Herausforderung, besonders als Vegetarier; aber wir haben das gut gemeistert. Wir konnten überall das Leitungswasser trinken. Ich muss aber schon sagen, dass ich es lieber habe, ohne grosse Verpflegung zu marschieren und lieber in der Bar an der Ecke einkehre, sofern sich die Möglichkeit bietet. Das Barsterben und Verschwinden der Läden ist nicht nur ein logistisches Problem für uns Pilger, sondern eine soziologische Herausforderung für den Zusammenhalt in den leerer werdenden Dörfern.

Wer also Menschenmassen und Touristennepp auf dem Camino meiden möchte, dem sei dieser Camino wärmstens empfohlen.

Hier ist der Link zum englischsprachigen Original: https://tertulia.substack.com/p/walking-the-camino-san-salvador-the

Rückblick auf das 74. Internationale Filmfestival in San Sebastián, #74SSIFF

Den Hashtag des 74. Internationalen Filmfestivals in San Sebastián (#74SSIFF) finde ich weiterhin so langwierig, dass ich ihn bei ganz vielen meiner Posts auf Bluesky oder Mastodon unwissentlich variiert habe. Abgesehen vom komplizierten Hashtag und dem stressigen Online-Ticketkauf verlief meine Woche in Donostia aber sehr angenehm. Wir haben neben guten Filmen auch sehr viele gastronomische Highlights erleben dürfen. Unsere Wohnung in der Nähe des Plaza Easo war dafür wunderbar geeignet. Doch darüber mehr in einem separaten Post.

Meine cineastischen Highlights des Filmfestivals habe ich in meinem Substack zusammengefasst, den ihr gerne lesen und weiterverbreiten dürft. Auch wenn ich nicht alles sehen konnte, was mir gefallen hätte und dadurch mein Gesamteindruck gemischt ist, bleibt doch als Resümee: Das spanische Kino erlebt eine Phase unglaublicher Kreativität und Produktivität. Für mich ist Spanien trotz einiger schwerwiegender sozialer Probleme (Ceuta, Maricarmen, Overtourism) eines der wenigen progressiven Länder, die uns in der demokratischen Welt verbleiben. Wer weiss, wie lange noch…
Die Neuwahlen am 29. November stehen vor der Tür.

Hier könnt Ihr meine Eindrücke vom Filmfestival nachlesen: https://tertulia.substack.com/p/impressions-from-the-film-festival

Was habe ich beim Filmfestival verpasst? Falls ihr mit anderen Eindrücken zurückgekommen seid, kommentiert bitte. Aufgrund der hohen Ticket-Nachfrage habe ich möglicherweise viele gute Filme verpasst.

Ich freue mich schon auf das Filmfestival im nächsten Jahr. Das Apartment ist reserviert ;),

Container von RTVE am Filmfestival in San Sebastián

Rückblick auf das 73. Internationale Filmfestival in San Sebastián

Das 73. San Sebastián International Film Festival (SSIFF) bot dieses Jahr eine gute Auswahl an Filmen. Ich hatte den Eindruck, hier wird Kino für das Publikum gemacht, nicht nur für andere Filmleute. Die US-amerikanischen Celebrities, die mich sowieso weniger interessierten, hinterliessen wohl einen eher flüchtigen Eindruck.

Von den insgesamt elf Filmen, für die wir Tickets bekamen, waren zehn Neuerscheinungen aus dem aktuellen Jahr. Bis auf Franz haben wir ausschliesslich spanische und lateinamerikanische Filme angeschaut (wobei einige davon internationale Koproduktionen waren). Außerdem haben wir uns zum Abschluss am Samstagabend noch den mexikanischen Klassiker El callejón de los milagros (1995) in der Tabakalera gegönnt. Absolut empfehlenswert, mit Salma Hayek in ihrer ersten großen Rolle.

Hier sind nun meine drei Favoriten:

Un poeta, von Simón Mesa Soto

Un Poeta von Simón Mesa Soto ist ein kolumbianischer Film, der tief in die Seele von Medellín eintaucht. Der Film erzählt die Geschichte des Dichters Óscar Restrepo, dessen Leben von Liebe, Verlust und dem Kampf um künstlerische Anerkennung geprägt ist. Nach ersten Anfangserfolgen bleiben Inspiration und dichterische Produktivität auf der Strecke. Seine Schwester bringt’s auf den Punkt: «Du bist arbeitslos.»

Im Privaten bemüht sich Óscar um die Beziehung zu seiner Tochter, die bei der Mutter lebt. Beide Eltern sind schon lange getrennt. Der Dichter lebt bei seiner alten Mutter, die ihn herumkommandiert und ihm aber auch immer wieder das notwendige Geld zusteckt. Neue Hoffnung erfährt er durch seine talentierte Schülerin Yurlady, nachdem er sich auf Druck seiner Schwester als Lehrer einstellen lässt. Yurlady hat jedoch andere Pläne und will ein bescheidenes, aber sicheres Leben führen, anstatt Dichterin zu werden.

Der Film besticht durch seine authentische Darstellung des soziokulturellen Lebens in Medellín und seine humanistische Haltung. Mesa Sotos Blick ist oft satirisch und humorvoll, aber nie zynisch. Mir hat vor allem auch der kritische Blick auf mögliche Geldgeber für künstlerische Projekte gefallen: Welche Themen werden von Stiftungen und internationalen Fördervereinigungen nachgefragt? Wie sehr muss sich eine Künstlerin, in diesem Fall Yurlady, verbiegen, damit sie ihr Werk präsentieren darf? Wo bleibt dabei die Autonomie der Kunst? Jeder, der schon einmal einen Antrag bei einer Stiftung eingereicht hat, kennt dieses Thema.

Eloy de la Iglesia – adicto al cine, von
Gaizka Urresti 

Eloy de la Iglesia – adicto al cine ist eine Hommage auf den Filmregisseur Eloy Germán de la Iglesia Diéguez (1944-2006). Er gilt als eine der relevantesten Stimmen des spanischen Kinos der Transición. Der Dokumentarfilm bietet einen temporeichen Einblick in das Schaffen eines Regisseurs, der in Spanien sehr populär war, im Ausland jedoch wenig bekannt wurde. Die Doku zeigt seine Schaffenskraft, seine offen ausgelebte Homosexualität, die Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei Spaniens sowie die Existenzkrise, die seine Heroinabhängigkeit mit sich brachte. Der Film ist eine ausgezeichnete Einführung in das Werk von Eloy de la Iglesia und regt an, mehr von seinen Filmen zu entdecken. Ich muss aber zugeben, dass mich die Darstellung seines Person und seiner überbordenden künstlerischen Energie mehr als die in der Doku präsentierten Filme ansprachen. Viele davon schienen mir zu gewalttätig und pornographisch. Das ist nicht mein Ding. Am ehesten würde ich mir noch die Filme El diputado und El sacerdote anschauen.

In dem nachfolgenden Interview spricht Gaizka Urresti über seine Motivation für die Dokumentation:

Ciudad sin sueño, von Guillermo Galoe

Ciudad sin sueño von Guillermo Galoe ist ein Film, der die Lebensrealität der Gitanos und weiterer marginalisierter Gruppen in der Agglomeration von Madrid zeigt. Der Film folgt zwei Teenagern, Toni und Bilal, deren Familien in Wellblechhütten und unter extrem schwierigen Bedingungen in der «Cañada Real» leben. Da Madrid aufgrund seines dynamischen Wachstums mehr Bauland braucht, ist die informelle Siedlung im Südosten der Hauptstadt sehr interessant für die Immobilienbranche geworden. Die Menschen, die dort leben, sollen umgesiedelt werden. Bilals Familie zieht deshalb zu Verwandten nach Marseille, was Toni sehr zu schaffen macht. Er fühlt sich alleine gelassen. Obwohl die Zustände furchtbar sind – es gibt weder Strom noch Wasser, die Kriminalität ist hoch – widersetzt sich Tonis Großvater einem Umzug, weil er nur in dieser Umgebung seine Freiheit bewahren kann. Manu Yáñez deutet diese Haltung des Großvaters als heroischen Akt des Widerstands gegen den ungezähmten Kapitalismus der heutigen Zeit. Ich stimme nicht mit dieser Einschätzung überein. Ja, der dominante «Pai» und seine Frau bleiben, aber die jüngere Generation wird gehen und dem widersetzt sich der Alte auch nicht. Für mich signalisiert sein trotziges Bleiben daher eher einen nostalgischen Moment, die Welt der «Cañada Real» hat keine Zukunft mehr. Die Jungen müssen, wenn auch widerstrebend, einen neuen Weg finden.

Die Perspektive der Jugendlichen wird durch eine dynamische Kameraführung und Selfie-Aufnahmen mit aufregenden Farbfiltern eingefangen. Besonders beeindruckend sind die beiden jugendlichen Darsteller, die ihre Rollen mit großer Authentizität spielen. Diese Augen! Der Film lässt das Publikum stets selbst entscheiden, ohne moralisierend zu wirken, und zeigt, wie Toni und seine Familie ihren Weg finden müssen.

Wer sich nicht vorstellen kann, dass Menschen mitten in Europa unter derart miserablen Bedingungen leben, kann sich einen Eindruck vom aufreibenden Alltag in diesem Slum machen: https://www.zdf.de/play/dokus/arte-collection-arte-rc-000000-8-100/page-video-arte-re-europas-groesster-slum—die-caada-real-in-madrid-100

Und hier ist der Trailer zum Film:

Fazit

Die Auswahl der Filme, die wir besuchten, hing stark von der Verfügbarkeit der Tickets und den Spielzeiten ab. Wir konnten beispielsweise den Siegerfilm des Festivals, Los domingos, nicht sehen, da die Tickets bereits ausverkauft waren, als wir noch auf dem Camino irgendwo zwischen Logroño und Nájera unterwegs waren (darüber mehr in einem späteren Post). Dennoch war alles in allem der Kauf der Tickets stressfrei, denn jeden Tag kamen nochmals Resttickets in den Verkauf. Die Organisation des Festivals erschien uns perfekt. Nur manches Mal gingen wir eben leer aus, vor allem bei den spanischen Produktionen, die nur eine Aufführung hatten (wie beispielsweise die Doku über Almudena Grandes, die ich sehr gern gesehen hätte). Da ich das erste Mal beim Filmfestival dabei war, kann ich auch keine qualitativen Vergleiche zu den Vorjahren ziehen. So ist also die Auswahl und Bewertung höchst subjektiv.

Insgesamt war das Festival eine bereichernde Erfahrung, die einen guten Einblick in die spanische Filmlandschaft und aktuelle gesellschaftliche Themen geboten hat. Die Spielstätten waren von unserer Wohnung alle über einen Spaziergang entlang der Concha zu erreichen. Überhaupt kann man in San Sebastián fast alles zu Fuss erreichen, ähnlich wie in Locarno. Es gibt zudem, anders als zum Beispiel in Berlin, jederzeit und überall Kneipen und Restaurants, die zwar sehr gut gefüllt sind, in denen man dennoch nach den Veranstaltungen noch ein Plätzchen findet, um das Gesehene zu besprechen. Wir fahren gerne wieder hin.

Spanisches Frühstück mit Tomaten, Gazpacho, Brötli, Rüebli und Käse

Mein Sommer im grünen Norden Spaniens

In Zürich liegt der erste Schnee. Zeit, endlich meine Fotos vom Sommer nochmals anzuschauen und das laufende Reisetagebuch zu aktualisieren. Auf meinem aktuellen Newsletter findet Ihr meinen Rückblick in englischer Sprache – mit vielen Fotos. Kommt mit nach Donostia, Olite und Bilbao. Hier geht’s zum Reisetagebuch: https://tertulia.substack.com/p/exploring-the-basque-country

PS: Wir waren auch noch in Hendaye, Hondarribia, Pamplona und Gernika, um auch ohne Wandern möglichst nah am Camino del Norte zu bleiben; aber dazu vielleicht später einmal mehr…

Neuer Spanien-Podcast: Sangría – und sonst?

Heute möchte ich Euch einen brandneuen Podcast vorstellen, in dem monatlich Themen präsentiert werden sollen, die Spanien beschäftigen. Er heisst Sangría – und sonst?

Moderiert und gestaltet wird der Podcast von zwei Journalistinnen: Julia Macher berichtet aus Barcelona, Antonia Schäfer aus Madrid. Bereits die erste Episode zeigt, dass diese Verortung nicht bedeutet, dass sich die beiden Podcasterinnen auf die beiden Metropolen beschränken, sondern auch aus anderen spanischen Regionen berichten, die thematisch jeweils relevant sind. Julia Macher ist seit vielen Jahren als freie Journalistin tätig und arbeitet u.a. für die Wochenzeitung die ZEIT oder auch für den Deutschlandfunk und die Blätter für deutsche und internationale Politik. Antonia Schäfer ist ebenfalls als freie Journalistin tätig und arbeitet ebenfalls für die ZEIT, Die Deutsche Welle und den Spiegel. Während ich Julia Macher vor allem dafür schätze, dass sie immer wieder spannende Themen aus der vermeintlichen spanischen Provinz für ein deutsches Publikum aufbereitet, kannte ich Antonia Schäfer bisher vor allem durch ihre Videobeiträge aus Kolumbien, von wo sie 2 Jahre berichtet hat.

Cover des Spanienpodcasts mit Porträts der beiden Journalistinnen Julia Macher und Antonia Schäfer, das Copyright liegt bei den beiden Autorinnen.

Gute persönliche, kulturelle und fachliche Voraussetzungen also für einen inhaltlich wertvollen Podcast, der nicht nur Klischees bedienen will. Die erste Episode hat mich überzeugt. Es geht um Overtourism in Spanien und wie Spanien in verschiedenen Regionen – im Mittelpunkt des Podcasts stehen Barcelona, Mallorca und Teneriffa – mit diesem umgeht. Die beiden stützen ihre differenzierten Aussagen auf Interviews, die sie im Rahmen ihrer Aufträge führen/geführt haben. Es geht also weniger um die eigene Einschätzung, sondern um die Vermittlung der spanischen Wahrnehmung des Themas. Die beiden wechseln sich gut ab und führen das Gespräch fragegeleitet.
Der Podcast ist technisch sehr solide produziert und kommt glücklicherweise auch ohne den inzwischen vielfach üblichen Podcast-Schnickschnack (z.B. unterlegte Musik, Werbeunterbrechungen, Jingles und andere hektische Audio-Einsprengsel) aus, der mich so nervt. Zumindest bei der ersten Episode bleiben sie unter einer Stunde Laufzeit, was ich auch sehr angenehm finde.

Einen Punkt würde ich anders machen: Es könnte mehr O-Töne geben, die dann in deutscher Sprache kurz zusammengefasst werden. Ich bin überzeugt, dass viele Spanien-begeisterte Hörerinnen und Hörer dieses Podcasts des Spanischen so weit mächtig sind, dass sie grob folgen können bzw. durch die Zusammenfassung erfahren, wie viel sie verstanden haben 😎. Rieke Havertz und Klaus Brinkbäumer machen das in ihrem Podcast Okay, America? beispielsweise sehr gut, indem sie immer wieder an zentralen Stellen englische O-Töne bringen, die sie dann in deutscher Sprache zusammenfassend wiedergeben.

Ich jedenfalls wünsche dem Podcast viel Erfolg und ein langes Leben und freue mich auf die nächste Episode. Ich finde es toll, dass regelmässig aus Spanien über Spanien berichtet wird.

Hier geht es zur Homepage des Podcasts: https://sangria-und-sonst-der-spanien-podcast.simplecast.com

Verano azul im April

Im April war ich für eine gute Woche in Nerja, einem Küstenort etwa 60 km östlich von Málaga. Ich habe mich am Mittelmeer sehr gut erholt und vieles unternommen. Die Temperaturen waren angenehm und der Jahreszeit angemessen. An zwei Tagen trübte der Sandwind Calima etwas die Sicht, vor allem am Morgen. Anders als die nördlicheren Provinzen Spaniens blieben wir allerdings von Schlammregen verschont.

Gewohnt haben wir im Parador, der auf einer Klippe direkt über der Playa Burriana (s. Foto) thront. Die Gartenanlage ist wunderschön und ein Paradies für Vögel.

Die Highlights des Aufenthalts könnt Ihr in meinem Newsletter nachlesen: die Wanderung nach Frigiliana, ein Sonntagskonzert in der Kapelle an der Plaza de la Ermita und unser Ausflug zum Museo Carmen Thyssen in Málaga.

Blue summer in April by Barbara Bohr 🦙

Tertulia, vol. 58

Read on Substack
https://substack.com/embedjs/embed.js

Neues aus der Welt des Juden-Spanischen

In meinem aktuellen englischsprachigen Newsletter schreibe ich über drei Events aus der Welt des Ladino, der Sprache der sephardischen Juden. Dabei geht es um folgende drei Aktivitäten:

  • Bereits im Januar stattgefunden hat der 7. New Yorker Ladino Day, dieses Mal mit überraschendem Besuch.
  • Für die Publikation des beliebten Kinderbuches Romances de la rata sabia in Ladino werden noch Spenden gesucht, denn das Fundraising-Ziel ist noch nicht erreicht. Die Übersetzung ist bereits fertiggestellt.
  • Im Sommer findet an der Hebrew University in Jerusalem ein Intensivkurs für Ladino und die sephardische Kultur statt.

Details zu diesen Events und kulturellen Aktivitäten könnt Ihr in meinem Newsletter nachlesen.

Mit dem Kreuzfahrtschiff nach Buenaventura

Letzte Woche schrieben rund 300 deutsche Touristen an Bord des Kreuzfahrtschiffs MS Hamburg Geschichte, als sie in der kolumbianischen Hafenstadt Buenaventura anlegten. Während ihres Besuchs machten die Touristen das, was Touristen auf Tagesausflug so tun: Sie schlenderten den Malecón entlang, genossen ein traditionelles Mittagessen, erkundeten ein nahe gelegenes Naturschutzgebiet und schlossen ihren Ausflug auf einem Markt für Kunsthandwerk ab, um Souvenirs einzukaufen.

Das Ereignis erregte in Kolumbien landesweites Medieninteresse. Denn welcher Kolumbianer, welche Kolumbianerin, so fragten einige spitz, will schon in Buenaventura Ferien machen? Buenaventura ist eine der Städte Kolumbiens mit der höchsten Kriminalitätsrate. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Abwanderungsrate daher ebenfalls. In meinem aktuellen Newsletter zeichne ich die Debatte nach. Dort könnt Ihr die Debatte um die touristische Zukunft der Stadt am Pazifik nachlesen.