«Jede Sprache ist für jeden Menschen fremd», schreibt Yoko Tawada. Daniela Dröscher nutzt das Zitat als Epigraph für ihren Essay über das Sprechen. Ich möchte Euch den gelungenen Text aus der Reihe Das Leben lesen vorstellen, indem ich ihn an meinen eigenen Erlebnissen spiegele.
Mut zum Missverständnis
In Sprechen (2026) reflektiert die deutsche Autorin Daniela Dröscher ihre persönliche Entwicklung als Sprecherin. Mit dem Sprechen verbindet die Schriftstellerin, die sich beim Texten wesentlich wohler zu fühlen scheint, eine durchaus schmerzhafte Entwicklung. Im Zentrum des Essays stehen daher Selbstbeobachtungen, Lernmomente, Zweifel und Einsichten zur eigenen Sprechpraxis. Diese reichen von ihrer frühen Kindheit und Schulzeit im Hunsrück über die ersten Beziehungen, die universitäre Ausbildung bis zu ihren Auftritten vor Publikum. Der Literaturbetrieb treibt nämlich auch Menschen, die lieber schreiben als reden, auf die Bühne. Linguistische Theorien und Begriffe setzt sie sehr diskret ein, vor allem, um persönliche Beobachtungen zu ordnen oder kurz zu kontextualisieren, nicht als Schwerpunkt der Arbeit. Dabei thematisiert Dröscher immer wieder die emotionale Seite des Sprechens – Ängste, das Austesten der Selbstwirksamkeit und (fehlende) Rollenvorbilder. Dröscher ist es gelungen, sich von ihren Ängsten zu befreien und souverän ihre mündliche Sprachkompetenz zu nutzen und weiterzuentwickeln. Den Beweggrund, sich mit dem Sprechen autobiografisch auseinandersetzen, kommt im Appell, mit dem sie ihr Buch abschliesst, zur Sprache:
Wenn die menschliche Sprache das sein soll, was den Menschen zum Menschen macht, so wünsche ich mir für das 21. Jahrhundert, dass wir lernen, sie auf eine Weise zu gebrauchen, die unserer Menschlichkeit gebührt. Das aber gelingt nur, wenn wir das Missverständnis nicht nur in Kauf nehmen, sondern geradezu umarmen, als eine der vielen Grundbedingungen des Sprechens. Wer spricht, muss bereit sein, sich zu blamieren, zu riskieren. Das ist der Preis der Arena. (S. 102)
Vom Schreiben zum Sprechen
Daniela Dröscher ist Schriftstellerin und weiss zu schätzen, dass sie durch überlegtes Schreiben Missverständnisse zwar nicht ausschliessen, so doch minimieren kann. Bevor ein Text publiziert wird, kann er verändert, gekürzt, erklärt, verbessert werden. Texte können strategisch durchgeplant werden. Das gibt Sicherheit. Beim Sprechen ist dies anders. Was gesagt ist, lässt sich nicht so einfach löschen. Sprechen erfordert Spontaneität und – das macht die besondere Herausforderung aus – ein direktes Gegenüber. Zudem wird vieles, was mitgemeint ist, gar nicht gesagt, gerade im familiären Kontext. Bereits Koch/Österreicher haben der mündlichen Nähe die schriftliche Distanz gegenübergestellt (Peter Koch/Wulf Oesterreicher, Sprache der Nähe – Sprache der Distanz (1985)). So zeigt Dröschers biografischer Essay, wie sie lernt, den Anspruch ans Schreiben und den an das Sprechen auseinanderzuhalten und ihre ängstliche Stille zu überwinden.
Dröscher steht mit ihrer Erfahrung nicht allein da. Sie schreibt gerne und kompetent – ist als Schriftstellerin anerkannt. Beim Sprechen fühlte sie sich jedoch lange Zeit aufgrund der eigenen Herkunft und Erziehung unsicher. Sie verstummte oft, wenn es wichtig gewesen wäre, ihre Stimme zu erheben. Umgekehrt kommt es ebenso vor, dass jemand mündlich kompetent ist und schriftlich Schwierigkeiten hat, z.B. beim Entwickeln einer logischen Textstruktur oder bei der Auswahl präziser Begriffe. Ich habe über viele Jahre ein Kommunikationsmodul unterrichtet, das in der einen Hälfte die Gesprächsführung im Job trainierte und in der anderen die schriftliche Dokumentation technischer Projekte vermittelte. Nur wenige Studierende haben beide Kompetenzen gleichermassen beherrscht. Es war auch nicht einfach, Dozierende für dieses Modul zu finden: Die einen unterrichteten bevorzugt das Schreiben, die anderen lieber Gesprächsführung und Präsentieren.
Der Dialekt im Hunsrück
Neben diesem beruflichen Bezug zum eigenen Unterricht habe ich in Dröschers Buch viele weitere persönliche Bezugspunkte gefunden, die mich zum Nachdenken über mein eigenes Sprechen anregten. Überhaupt habe ich mich erst für den Essay interessiert, als ich von ihren Erfahrungen mit dem Hunsrücker Platt erfuhr. Das sprach mich an, denn was sie dort beschrieb, ist Teil meiner eigenen Biografie.
Im Unterschied zu ihr, die Hochdeutsch als erste Sprache erlernte und dann den Dialekt zusätzlich sprach, ist das moselfränkische Platt des Hunsrücks meine erste Sprache. Hochdeutsch, oder das, was ich damals dafür hielt, kannte ich nur vom Pastor («d’Häa», also «der Herr») und von der Schreckschraube von Kindergärtnerin, die aus dem benachbarten Saarland kam. Auch im Fernsehen sprachen die Menschen anders als bei uns daheim. Dröscher erwähnt die «Grombiere» (S. 21, Kartoffeln) als eines der besonders seltsamen Wörter ihres Pfälzer Dialekts. Bei uns wird dieses Grundnahrungsmittel meiner Kindheit noch weniger verständlich, denn mein Dialekt macht auch die stimmhaftesten Konsonanten fast stimmlos: «Krompern». Das ist nur ein Beispiel aus dem Buch, das dazu geführt hat, mich gut in Dröschers Entscheidung wiederzufinden:
Ich weiß nur, dass ich mitten im Deutschunterricht entschied, von nun an nur noch reinstes Hochdeutsch zu sprechen. So wie die Figuren in meinen geliebten Büchern. Seit meinem siebzehnten Lebensjahr habe ich nie wieder Dialekt geredet. (S. 35)
Auch ich habe im Gymnasium angefangen, mit dem Dialekt zu hadern – aus sozialer Scham. Am Gymnasium wurde vorwiegend Hochdeutsch gesprochen. Vor allem dem Musiklehrer lag viel daran, uns beim Singen das korrekte „ch“ beizubringen („Kirche“ nicht „Kirsche“). Mit etwa 15-16 Jahren habe ich aufgehört, in meiner ersten Sprache zu sprechen, auch gegenüber den Eltern und meinen Brüdern. Ich brauchte damals diese Distanz, denn im Dialekt fühlte ich mich eingeschränkt auf das Dorf. Aus dem wollte ich unbedingt weg.
Befreiende Distanz
Ebenso wie für Dröscher waren für mich neben dem Hochdeutschen die Fremdsprachen eine hilfreiche virtuelle Flucht aus der Heimat, später dann das Ticket für lange, erfahrungsreiche Auslandsaufenthalte. Obwohl ich friedensbewegt war, habe ich als Schülerin voller Begeisterung den US-amerikanischen Soldatensender AFN aus K-Town gehört. Im Rückblick finde ich das Verhalten gegenüber meiner Familie verletzend, aber mir war es damals wichtig, dass man mir nicht mehr anhörte, woher ich kam. Doch auch die Zuflucht in die Fremdsprachen fand eine gewisse Grenze: Bei der Geburt des ersten Sohnes, der in den USA zur Welt kam, mochte ich gegen Ende der Wehen kein Englisch mehr sprechen.
Obwohl ich seit 40 Jahren nicht mehr im Hunsrück lebe, spreche ich den Dialekt längst wieder mit großer Gelassenheit, wann immer ich mit der Familie telefoniere oder ich zu Besuch bin. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann das intuitive Code Switching zwischen Dialekt und Hochdeutsch für mich wieder selbstverständlich wurde. «Mippelscha» gehören wieder zu meinen Leibspeisen – trotz der vielen «Krompern». Heute muss ich nicht mehr wegwollen. Die räumliche Distanz hat mir im Gegenteil geholfen, den Dialekt so authentisch zu bewahren, wie ihn Kinder im Hunsrück kaum noch erlernen.
„Kromperemippelscha“ aus der Spießbratenhalle Schillingen
Vom Sprechen zum Schreiben
Inzwischen habe ich es mit dem Dialekt an einer anderen Stelle zu tun. Seit 20 Jahren lebe ich in der Schweiz und verstehe Schweizerdeutsch sehr gut. Wie viele Deutsche im Land spreche ich die lokale Mundart nicht – obwohl ich die Regeln kenne und linguistisch die Unterschiede gut erklären kann. Natürlich nutze ich die üblichen Floskeln („würkli?“, „chunsch au?“, „e schöni wuche“ etc.) im Alltag; aber eine echte Konversation kommt mir bis heute nicht über die Lippen. Ein Dialekt funktioniert nur als Herzenssprache gut und das Züritüütsche ist es für mich nicht geworden. Mir reicht denn auch ein Dialekt im Leben und den habe ich bei der Einreise schon im Gepäck gehabt. Das Problem mit der Mundart ist demnach nicht kognitiv: Ich könnte es sprachlich leisten. Vielmehr liegt die Barriere auf psychologischer Ebene.
Nur wenige Menschen erwarten, dass ich den Dialekt aktiv beherrsche – welch ein Glück! Obwohl ich die Mundart nicht spreche, nutze ich gewisse phonetische und lexikalische Anpassungsstrategien, um von meiner Seite eine gemeinsame Basis zu schaffen. Damit beinhaltet aber jede Konversation in der Deutschschweiz eine bewusste Entscheidung, wie wir jeweils miteinander sprechen. «Verstehschts Züritüütsch?» Diese Klärung zu Beginn, wer in welcher Sprachvariante sprechen wird, sorgt im besten Fall für Vorsicht und Rücksicht im Umgang miteinander und braucht viel Wohlwollen beim Zuhören sowie den Mut zum Nachfragen. Was könnte der anderen Person fremd oder seltsam erscheinen, wenn ich spreche? Was könnte die andere Person – nicht nur auf der Sachebene! – missverstehen, weil ich z.B. zu schnell spreche oder typisch deutsche Begriffe nutze?
Fühle ich mich deshalb als Fremde? Manchmal ein wenig, was aber okay ist, denn ich bin nun mal eine Spätankommende. In diesem Dazwischen fühle ich mich sprachlich zu Hause. Da kann mich niemand leicht vereinnahmen. Außerdem kann ich mich einstweilen wunderbar im Schreiben ausleben.
Empfehlung
Ich kann Dröschers kurzen Essay nur empfehlen. Er ist frei von theorielastiger Überfrachtung, ist aber wissenschaftlich gut fundiert. Er lädt dazu ein, die eigene Sprachbiografie zu erkunden, was mir großen Spaß bereitet hat:
Mein Text will dazu animieren, das eigene Sprechen und Hören zu hinterfragen (S. 15).
Anhand persönlicher, gut nachvollziehbarer Beispiele aus dem Lebenslauf der Autorin öffnet das Buch den Blick dafür, wie Erfahrungen seit frühester Kindheit unser Sprechen formen und wie aus diesen Lernmomenten neue Beziehungen zu Mitmenschen und zum kulturellen Kontext entstehen können, dies auf sehr vielfältige Weise.
Das Rezensionsexemplar wurde mir kostenlos vom Hanser-Verlag zur Verfügung gestellt. Dafür vielen Dank!
In meinem aktuellen englischsprachigen Newsletter schreibe ich über drei Events aus der Welt des Ladino, der Sprache der sephardischen Juden. Dabei geht es um folgende drei Aktivitäten:
Bereits im Januar stattgefunden hat der 7. New Yorker Ladino Day, dieses Mal mit überraschendem Besuch.
Für die Publikation des beliebten Kinderbuches Romances de la rata sabia in Ladino werden noch Spenden gesucht, denn das Fundraising-Ziel ist noch nicht erreicht. Die Übersetzung ist bereits fertiggestellt.
Im Sommer findet an der Hebrew University in Jerusalem ein Intensivkurs für Ladino und die sephardische Kultur statt.
Details zu diesen Events und kulturellen Aktivitäten könnt Ihr in meinem Newsletter nachlesen.
In meinem aktuellen Newsletter auf Substack empfehle ich drei Podcast-Episoden aus der spanischsprachigen Kulturwelt. Hier sind die Empfehlungen auf Deutsch:
Asunción Gómez-Pérez, neues Mitglied der RAE
Das Thema Künstliche Intelligenz nimmt zum ersten Mal Platz im Plenum der Königlichen Spanischen Akademie (Real Academia Española, RAE). Asunción Gómez-Pérez, promovierte Informatikerin, wurde als neues Mitglied der RAE gewählt. Sie übernimmt den vakanten Sitz q (silla q).
Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Semantic Web und Ontologie-Engineering. Sie ist damit die zwölfte Frau, die Einsitz im Plenum nimmt. Sie bringt ein völlig neues Profil mit, das der Institution viele neue Anstösse geben könnte. So zum Beispiel, wenn es um die Weiterentwicklung von Wörterbüchern oder automatische Übersetzungen geht. Auch die RAE durchläuft zur Zeit einen Prozess der digitalen Transformation. Das ist für eine altehrwürdige und geisteswissenschaftlich geprägte Institution sicherlich nicht immer ganz leicht.
RNE unterhielt sich mit Gómez-Pérez an der Polytechnischen Universität Madrid, wo sie als ordentliche Professorin arbeitet. Mit ihrer pragmatischen Sichtweise in Bezug auf Anglizismen und ihrem technischen Hintergrund könnte Gómez-Pérez eine erfrischende Ergänzung für das Plenum sein. Ich bin gespannt, wie sich ihr Einfluss entwickeln wird. Hier ist das Interview mit ihr
El Ponte – Kulturbrücken bauen
El Ponte ist ein ganz neuer Podcast, der Geschichten, Verbindungen und Kulturen des Ladino, der Sprache der sephardischen Juden in der Diaspora, beschäftigt. Obwohl die Sprache derzeit eine Randerscheinung ist, lebt Ladino von den Überschneidungen seiner vielen Einzelelemente, wie Spanisch, Portugiesisch, Hebräisch, Türkisch, Griechisch, Italienisch, Französisch, Arabisch und mehr fort. Als Gastgeber diskutieren Max Daniel und Ivy Jane aus Los Angeles über Themen wie Ort, Heimat, Diaspora, sprachliche und kulturelle Weitergabe und Gemeinschaft. In jeder Folge interviewen sie Gäste aus der ganzen Welt über ihre Beziehungen zum Ladino. Wenn Sie sich für Sprachen allgemein, die spanischsprachige Welt, die jüdische Kultur oder eben die vielen Überschneidungen zwischen diesen Themen interessieren, überqueren Sie diese „Brücke“, indem Sie in die Einstiegsfolge des Podcasts reinhören. Ich finde es sehr interessant, dass zwei junge Menschen den Podcast starten. Ladino ist inzwischen viel mehr als ein nostalgisches Gefühl für ältere Menschen oder eine Nische für Hispanisten oder Hispanistinnen. Soweit ich weiß, ist es auch der erste englischsprachige Podcast über Ladino, und ich hoffe, dass er das Interesse derjenigen wecken wird, die mehr über diesen Teil der spanischen Sprachgeschichte erfahren wollen. Hier ist der Link zu ihrer ersten Folge.
Ich wünsche den beiden alles Gute und eine aufmerksame Zuhörerschaft.
Luisa Etxenike, Cruzar el agua
Susana Santaolalla, die Moderatorin der klassischen Radiosendung Libros de arena, ist immer sehr enthusiastisch, wenn sie über Literatur spricht; aber es war faszinierend, ihrem lebhaften Gespräch mit der spanischen Schriftstellerin Luisa Etxenike über ihr neues Buch Cruzar el agua (Das Wasser überqueren) zu folgen.
In dem Buch geht es um das Thema Einwanderung, das aus einem anderen Blickwinkel betrachtet wird. Manuela hat Kolumbien mit ihrem Sohn verlassen, der seit einem Jahr nicht mehr spricht. Sie arbeitet nun im Haus von Irene, die durch einen Unfall erblindet ist. Irene versucht, jeden Tag allein im Meer zu schwimmen, obwohl das Risiko besteht, dass sie die Wellen nicht früh genug sieht und sie ihr Leben gefährdet. Als die beiden Frauen beginnen, miteinander zu sprechen, kommen nach und nach die Ereignisse ans Licht, die das Leben der drei verändert haben – mit unerwarteten Folgen.
Ich habe dieses Gespräch mit seiner positiven Ausstrahlung sehr genossen und freue mich darauf, das Buch zu lesen. Extenike ist eine humanistische Autorin und mir gefällt der zentrale Gedanke des Romans, dass die Entwurzelung durch Vertreibung oder Emigration auch eine Befreiung sein kann.
In meiner neuesten Tertulia bin ich dank Büchern und Artikeln wieder einmal in der spanischsprachigen Welt herumgekommen.
Im Newsletter greife ich die folgenden Themen auf:
ein Podcast von RNE über das mexikanische Spanisch
ein Gespräch mit der Schriftstellerin Anika Fajardo aus Minnesota über die Suche nach ihren kolumbianischen Wurzeln
und ein faszinierender Essay Alain de Toledos über das Judenspanische und dessen Bedeutung für ihn persönlich, aber auch für die sefardische Community.
Auch wenn wir derzeit gewisse Reisebeschränkungen hinnehmen müssen, werden Bücher und Kultur immer imaginäre Reisen ermöglichen.
Zu den Themen, die ich im Newsletter aufgreife, gehören:
die Zusammenfassung der Video-Aufzeichnung eines Panels, in dem die Anstrengungen zur Reaktivierung des Ladino vorgestellt und diskutiert werden. Das Panel wurde vom Jewish Language Project am Hebrew Union College organisiert
das Webforum Ladinokomunitá, in der sich Mitglieder auf Ladino zu Themen ihrer kulturellen und sprachlichen Gemeinschaft austauschen
Filme, in denen die Kultur des sefardischen Judentums thematisiert wird.
Es gibt also viele Ansatzpunkte, um sich lesend und schauend mit dieser Variante der romanischen Sprachen auseinanderzusetzen. Die digitalen Tolls helfen dabei erheblich, um die Sprache lebendig zu halten.
Letztes Jahr habe ich angefangen, Ladino zu lernen, was ich auf diesem Blog mehrfach dokumentiert habe. Für alle neuen Leserinnen und Leser möchte ich zunächst ein paar Begriffsklärungen vornehmen:Ladino ist die romanische Sprache der Juden, die sie nach der Vertreibung aus Spanien und Portgual in der Diaspora weiter gesprochen und über Jahrhunderte erhalten haben. Ladino wird oft auch Judenspanisch genannt. Die Nachkommen dieser jüdischen Menschen werden als Sephardim bezeichnet. Das Wort „Sephardim“ stammt von dem hebräischen Wort für die iberische Halbinsel, Sepharad, das in der Bibel vorkommt.
Mit guten Spanischkenntnissen fällt es leicht, Ladino zu verstehen. Sprechen ist herausfordernder, gerade weil die Nähe zum aktuellen Spanisch doch sehr gross ist und phonetische Abweichungen sehr systematisch erfolgen. Leider gab es für einen Konversationskurs, den ich über den Sommer besuchen wollte, nicht genügend Anmeldungen, so dass ich mich anderweitig auf die Suche nach interessanten Themen zu Sprache und Kultur des Judenspanischen gemacht habe. In meinem aktuellen englischsprachigen Newsletter habe ich drei Themen vorgestellt, die einen guten Überblick über verschiedene kulturelle Aspekte des Ladino geben:
das Video Saved by language erzählt die Geschichte eines bosnischen Sefarden, der bis zur Vernichtung seiner Gemeinde durch die Nazis Ladino sprach.
der Roman The beauty queen of Jerusalem bzw. Die Schönheitskönigin von Jerusalem erzählt die Geschichte einer sefardischen Familie in Jerusalem von den Zwanziger bis in die Siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts.
drei Online-Kurse in spanischer Sprache, die einen guten Einblick in die Geschichte und Kultur des jüdischen Spanien bieten.
Der 5. Dezember ist der »Día internacional del ladino«. Seit 2013 wird in Spanien, Israel, der Türkei und in den USA an diesem Tag der Sprache der sephardischen Juden im ehemaligen ottomanischen Reich gedacht. Anlässlich dieses Gedenktages hat der Romanist Christoph Hornung einen historischen und linguistischen Überblick über die Geschichte des Judenspanischen aufgeschrieben, ausführlicher als ich dies an dieser Stelle vor kurzem getan habe.
Der Esstisch ist ein unverzichtbarer Schauplatz jüdischen Lebens. Der kolumbianische Schriftsteller Memo Ánjel beispielsweise hat den Esstisch seiner Familie zum Mittelpunkt und Titel seines Romans Mesa de judíos (2005) gemacht (leider geht im deutschen Titel Das meschuggene Jahr die Anspielung verloren). Anlässlich der Feria del Libro in Medellín hat er erst kürzlich wieder über seinen ersten Roman gesprochen.
Uriel Macías und Ricardo Izquierdo Benito haben 2010 einen schönen Sammelband über die Bedeutung des Essens in der sefardischen Kultur herausgegeben. Speisen und Tischkultur gelten als Ausdrucksweisen kultureller Identität: „Du bist, was du isst“, aber auch „wie du isst“. Gerade in der Diaspora, wie im Fall der sefardischen Kultur, wirkt die Esskultur besonders gemeinschaftsstiftend.
El zarzabadjí und andere Entlehnungen aus dem Türkischen
Da nicht nur das Essen selber, sondern auch das Sprechen darüber gemeinschaftsstiftend sind, haben wir in unserem Ladino-Kurs (hier habe ich über die Anfänge berichtet) diese Woche viele Wörter für Früchte und Gemüse kennengelernt. Mit dem zarzabadjí, dem Gemüseverkäufer, haben wir auch erstmals eine Berufsbezeichnung kennengelernt, deren Wortendung aus dem Türkischen stammt, nicht aus dem Spanischen oder Hebräischen. Viele der aus Spanien und Portugal vertriebenen Juden wanderten nämlich in das Osmanische Reich aus, weil Sultan Bayezid II. sie mittels Dekret dort willkommen hiess. Die Sefarden brachten nach der Vertreibung ihre spanisch-jüdische Küche mit und bewahren sie bis heute, wie die vielen Rezeptbücher zeigen. Dennoch passten sie ihre Speisen und Wörter an das neue Umfeld an. Das Türkische ist eine der wichtigsten Lehnsprachen des Ladino bzw. Djudeo-Espanyol geworden. Sibel Cuniman Pinto, in Istanbul als Tochter sefardischer Juden geboren und heute in Paris erfolgreiche Köchin, hat ein Buch über die sefardische Esskultur in der Türkei geschrieben: The Evolution of the Sephardic Cuisine in Turkey. Five Hundred Years of Survial. Documentation on turkish sephardic cuisine heritage (2010).
Unsere Hausaufgabe: zarzavá
Unsere Hausaufgabe bestand nun darin, den Text des Liedes Zarzavá (auch zarzavát oder zerzevát, aus dem Rumänischen, = Gemüse) zu transkribieren.
Ich kam vor lauter Schunkeln nicht dazu, jede Zeile zu verstehen ;). Aber für den Refrain hat es gereicht:
La berendjena la tengo buena vendo sevoya i patata a las bashas i a las altas yo si las se vender.*
Eskucha i kome kon gana!
*Update 15.10.2020: Hier ist der vollständige Text (und es wird deutlich, dass die Aubergine nicht erst seit Emoji-Zeiten sexuell konnotiert ist):
Yo so un buen vendedor Ah! Vendedor de frutas Ke arodeyo con ardor Las cayes i las grutas La berendjena la tengo buena Vendo sevoyas i patatas A las bashas i a las altasyo se las se vender Yo tengo bueno zarzava Mijor de las butikas El dia entero me se va Avlando kon ijlkas La berendjena la tengo buena Vendo sevoyas i patatas A las bashas i a las altas Yo se las se vender Todos de mi keren merkar Porke vendo barato Ah! Ma yo las se pikar Kon eyas kuando trato. La berendjena la tengo buena Vendo sevoyas i patatas A las bashas i a las altas Yo se las se vender
Ich lerne Ladino. Wenn ich das sage, meine ich nicht das rätoromanische Ladinisch, sondern Ladino, die Sprache der sephardischen Juden. Neben dem Begriff Ladino sind auch Namen wie Judenspanisch, Djudeo-Espanyol oder Sefardisch zur Bezeichnung dieser Sprache gebräuchlich.
Was ist Ladino?
Über 500 Jahre lang war die Sprache unreguliert, so dass es nicht nur mehrere Bezeichnungen für sie gibt, sondern auch mehrere Spielarten, sie zu schreiben und zu sprechen. In der Definition meiner Lehrerin Liliana vom Centro Cultural Sefarad in Buenos Aires wird mit dem Ladino die Sprache der sephardischen Juden in der Diaspora des ehemaligen ottomanischen Reiches bezeichnet. Es ist auch die Bezeichnung, die die israelische Knesset bevorzugt (Gabinskij, Mark A. (2011): Die sefardische Sprache. Tübingen: Stauffenberg, S. 24). Historisch gesehen geht der Begriff darauf zurück, dass im mittelalterlichen Spanisch ein Muslim oder Jude „Ladino“ genannt wurde, der die Sprache der Christen sprach (eine vom Lateinischen abgeleitete Sprache). Mit „ladinar“ war aber auch die Übersetzung eines Bibeltextes ins Kastilische gemeint.
Um die Sprache vor dem Aussterben zu bewahren, wurde 1997 in Israel die Akademia nasionala del Ladino gegründet. Sie ging 2018 als 24. nationale Akademie in der Real Academia Española mit Sitz in Israel auf. 2020 soll sie voll funktionsfähig werden.
Neben zahlreichen Einflüssen des Hebräischen und Aramäischen ist das Ladino auch von den Sprachen der Zielländer beeinflusst worden. So lässt sich auch erklären, dass das Ladino vor allem in den Ländern lange überlebt hat, wo der Kontakt zum Kastilischen selber verloren ging. In den Kolonien Lateinamerikas ist das Ladino dagegen sehr schnell verloren gegangen, denn dort wurde fast überall Kastilisch gesprochen und die dorthin vertriebenen Juden bzw. Konvertiten nahmen die Neuerungen mit auf.
Vinidos con bueno. In der ersten Stunde haben wir hauptsächlich über die Geschichte der Sprache geredet, so wie ich sie gerade geschildert habe, und haben die Regeln für Aussprache und Schreibung gelernt. Früher wurde Ladino hauptsächlich in hebräischen Buchstaben geschrieben. Im A1-Kurs, den ich gerade besuche, wird mir das Schreiben einfach gemacht. Das moderne Ladino bedient sich lateinischer Buchstaben und ist sehr nah an der Phonetik dran. Wer Spanisch spricht, versteht einen Alltagstext sehr gut. Nach meinem ersten Eindruck vermute ich, dass das moderne Ladino vom modernen Kastilisch Spaniens weniger weit entfernt ist als das Schweizerdeutsche vom Hochdeutschen. Die Lehrerin machte auch klar, dass es den sephardischen Kulturzentren vor allem darum geht, die Hemmschwelle, sich mit dem Ladino zu beschäftigen, niedrig zu halten. Ob das dann letztlich das Ladino ist, das heute noch gesprochen wird, kann ich noch nicht sagen.
Ich bin gespannt, wie’s weitergeht. Wir sind ein kleiner Zoom-Kurs mit derzeit 4 Teilnehmerinnen, zwei sind aus Buenos Aires, eine aus Brasilien und ich aus der Schweiz. Ich halte Euch auf dem Laufenden, wie es im Kurs weitergeht. Bis dahin wünsche ich Euch „kaminos de leche i miel“.