Mord mit beschränktem Zutritt

Claudia Piñeiros Kriminalroman Betibú gibt den Lesern einen überzeugenden Einblick in das Leben einer „gated community“ in der Nähe von Buenos Aires.

Wenn „Country“ Stadt mit Mauern bedeutet

Die räumliche Ausdehnung Argentiniens entspricht in etwa der des indischen Subkontinents. Doch wer in dem südamerikanischen Staat etwas auf sich hält, meidet die Weite des Landes und zieht sich freiwillig hinter die luxuriösen Mauern bewachter Wohnsiedlungen zurück. So auch der Finanzier Pedro Chazarreta, der ein großes Haus in „La Maravillosa“, einem dieser künstlichen Orte südlich der Hauptstadt Buenos Aires, bewohnt. Bewachte Wohnsiedlungen oder „gated communities“ werden in Argentinien „country“ genannt und sind ein Inbegriff der Illusion des friedlichen und sicheren Landlebens.

Doch Sicherheit findet Chazaretta hier nicht. Nachdem bereits vor drei Jahren seine Ehefrau mit aufgeschlitzter Kehle im eigenen Wohnzimmer gefunden wurde, ereilt ihn das gleiche Schicksal. Der abgehalfterte Polizeireporter Jaime Brena und die Kriminalautorin Nurit Iscar spüren dem Fall gemeinsam nach. Die Schriftstellerin bezieht kurzerhand im Auftrag einer fiktiven argentinischen Tageszeitung, für die auch Brena arbeitet, ein Haus in der Siedlung, um besser ermitteln zu können. Die Grenzen zwischen Schriftstellerei und Journalismus verwischen sich. War es Selbstmord, wie die Polizei vermutet? Wer käme als Mörder in Frage? Eine Kette seltsamer Todesfälle aus dem Bekanntenkreis des Unternehmers reißt nicht ab. Ist das wirklich alles nur Zufall?

Krimi als Medienkritik

Claudia Piñeiro entwickelt leichtfüßig und beschwingt einen spannenden und gut zu lesenden Kriminalroman. Gleichzeitig kann man zwischen den Zeilen Kritik an der gegenwärtigen Politik und Gesellschaft Argentiniens lesen. Diese Bemerkungen stören das Lesevergnügen nicht, sondern steigern es. Besonders süffisant sind die Ausführungen über das Verhältnis von Presse und Politik. Diese zeigen sich vor allem in der angeblichen Feindschaft des Chefredakteurs der Zeitung „El Tribuno“, für die Brena und Iscar arbeiten, zum nicht namentlich genannten Präsidenten Argentiniens. Es ist leicht zu durchschauen, dass es sich dabei um ein Abziehbild der beiden Kirchners handelt.

Etwas mehr Tiefgang haben die Reflexionen, wie der Journalismus der Zukunft aussehen könnte. Im Streit der gestandenen Zeitungsleute mit den Nachwuchsjournalisten, in dem es darum geht, ob Google und Twitter oder doch eher die Recherche vor Ort besser funktionieren, wird mehr als einmal der Nestor des investigativen Journalismus in Argentinien, Rodolfo Walsh, zitiert. Immerhin kommen die Zeitungsleute durch ihre unterschiedlichen Methoden gemeinsam der Aufklärung des Falles näher als die Polizei. Auch diese Einladungen, über die zukünftige Medienwelt nachzudenken, sind eher Appetithäppchen denn schwerverdauliche Kost.

Literarische Bewertung

Piñeiro geht es um kluge Unterhaltung auf gutem, vermarktbarem Niveau, nicht ums Moralisieren. Nurit Iscars Klatsch und Tratsch im vertrauten Kreis ihrer Freundinnen – das sind Identifikationsmuster, die mich sonst beim Lesen eher nicht ansprechen. Dank subtiler Selbstironie sorgt Piñeiro jedoch jederzeit dafür, dass die Freundinnen der Protagonistin an keiner Stelle verkrampft und provinziell rüberkommen wie die „Desperate Housewives“. Ihre Dialoge sind lebensecht und erfrischend, auch in der deutschen Übersetzung. Die Erzählstruktur, die über einen Kriminalfall die privaten Schicksale der Beteiligten miteinander verbindet, ist konsistent und gradlinig. Es geht weniger darum, den Täter zu finden, als seine Motivation zu entschlüsseln.

Das Buch ähnelt nicht zuletzt seiner Titelfigur: Nurit Iscar wird wegen ihrer schwarzen Locken „Betibú“ genannt. „Betibú“ ist die spanische Verballhornung der US-Comicfigur „Betty Boop“ aus den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts. „Betibú“ steht für frischen, vorlauten und unkonventionellen Sexappeal, der jedoch nie ganz frei von Selbstzweifeln ist – ein wenig so wie das Land, das die Autorin im Roman zeichnet.

Claudia Piñeiro ist eine der bekanntesten literarischen Stimmen Argentiniens. Sie repräsentierte ihr Land 2010 auf der Buchmesse in Frankfurt, als der südamerikanische Staat Schwerpunktthema war. Betibú ist, wie alle anderen deutschen Übersetzungen ihrer Romane, 2011 im Zürcher Unions-Verlag erschienen und über den ZVAB weiterhin erhältlich.

Diese Buchbesprechung stammt aus dem Archiv und wurde ursprünglich auf dem Informationsportal The Intelligence veröffentlicht.

 

María Gainzas Bildergeschichten

Zugegeben, es hat mich Überwindung gekostet, das Buch anzufangen. Nach meinem Besuch in Buenos Aires im Januar 2019 habe ich es doch gekauft. Dennoch hat es eine dreimonatige Quarantäne gebraucht, bis ich das Buch tatsächlich gelesen habe. Was hat mich so lange von der Lektüre abgehalten? Zwei Gründe waren es. Zum einen bin ich selber kein visueller Mensch. Es gibt nur wenige Bilder, die mich länger als 10 Minuten beschäftigen. Die meisten lassen mich kalt. Ich bevorzuge ausserdem Bilder, die die Natur mir bietet. Weshalb also sollte ich ein Buch lesen, indem es vor allem um die Wahrnehmung von Bildern geht? Zum anderen ist die Erzählerin, so erfahre ich bereits auf dem Klappentext, Kunsthistorikerin. Klischeehaft habe ich mir deshalb einen Roman vorgestellt, der versucht, dank einem Gemisch aus intellektuellem Gesäusel und etwas bildungsbürgerlicher Esoterik ein wenig Emotion zu erzeugen. Doch es kam ganz anders. Marías Gainzas Lidschlag ist ein sehr gutes Buch. Gainza erzählt unangestrengt und mit feiner Ironie von Bildern und den Geschichten, die sie mit ihnen verbindet.

Die Erzählerin

Damit sind wir auch schon bei der Frage, wie viel hat die Autorin mit der Erzählerin gemeinsam? Wie die Erzählerin hat auch die Autorin einmal Kunstgeschichte studiert, wenn auch ohne das Studium abzuschliessen. Sie schreibt seit vielen Jahren für angesehene Magazine über Kunst und kuratiert Ausstellungen. Wie die Erzählerin hadert sie mit ihrer Herkunft aus der grossbürgerlichen Oberschicht von Buenos Aires, die ihre besten Jahre hinter sich hat. Beide dürften so um die vierzig sein.

Die Erzählerin bringt uns mit ihrer ganzen Familie in Kontakt, wenn auch meist sehr zurückhaltend. Die Mutter, der Vater, der Halbbruder in San Francisco, die Oma, zu der sie während ihrer Jugend kurzzeitig zog. Und da sind auch ein Verlobter und ihr Mann, später ein Kind. Durch viele Rückblenden erscheint es manchmal so, als ob es nicht nur eine María wäre, die beobachtet und erzählt. Aber wer bleibt schon sein Leben lang dieselbe? Der Konflikt mit der Mutter zieht sich denn doch wie ein roter Faden durch den Roman. Eines Tages entdeckt die Erzählerin, dass ihre Mutter alle Spiegel im Auto so eingestellt hat, dass sie immer sich selber sieht (deutsche Übersetzung, S. 47). Auch Maria ist nicht frei von Selbstbezogenheit. Anders als ihre Mutter aber sucht sie nicht nur sich selbst in den Gemälden, sondern schafft es gerade durch diese, sich für einen Moment zu vergessen.

Geschichten und Bilder

In einem Interview mit Nathan Scott McNamara erklärt Gainza, wie sie auf die Idee kam, ihr Buch zu schreiben:

She walks me over to the bookshelf to show me the greatest influence on Optic NerveThe Story of Art by E. H. Gombrich, “That book for me was key,” Gainza says, holding the 670-page text adoringly in her hands. “It didn’t say the history of art. It said the story. Everything is a story. I used to read the way people were writing about art here—they were talking like lawyers. Mira,” she opens the cover page and shows me the handwritten date: London 1996. “This was a turning point for me. When I got back from London, I said, ‘I want to write about art.’ Something about the way he wrote was so easy, so readable. The way he doubled his voice or divided it and created a persona.”

https://lithub.com/an-afternoon-at-maria-gainzas-buenos-aires-home/

Der Roman besteht aus insgesamt 11 Episoden. In ihnen verbinden sich Reflexionen über ein Bild und seinen Maler mit Versatzstücken aus dem Leben der Erzählerin sowie ihrer Familie und Bekannten: Bilder als Ausgangspunkt von Assoziationsketten. So ergibt sich aus dem Buch eine schöne Mischung aus tagebuchähnlichen Einträgen, Kunstkritik und Künstlervignetten. Mir hat besonders gut gefallen, wie gut sie beobachten kann und wie genau und witzig sie diese Beobachtungen sprachlich umsetzt. Wenn ich manches Mal anfing zu überlegen, jetzt wirkt sie aber doch etwas unterkühlt, überrascht sie durch eine originelle Idee oder Beobachtung, die berührt. Gut gefallen hat mir auch, dass sie sich hauptsächlich auf Bilder bezieht, die in Museen in Buenos Aires besichtigt werden können. Dank der Verflechtungen von Bild, Künstlerbiografie und Erzählerleben werden die erwähnten Kunstwerke auch ohne Abbildung sehr gut vorstellbar.

Für diejenigen, die die besprochenen Bilder auch visuell geniessen wollen, hat María Gracia Chiaradia eine Diashow zusammengestellt, die alle vorgestellten Werke des Romans enthält:

Rezeption des Buches

Das Buch ist von der Kritik euphorisch aufgenommen worden (hier, hier, hier und vor allem Cees Noteboom). Der Roman, zunächst 2014 in einem kleinen argentinischen Verlag erschienen, ist inzwischen in 10 Sprachen übersetzt worden. Wie gut die deutsche Übersetzung von Peter Kultzen gelungen ist, vermag ich nicht zu sagen. Ich habe die spanische Ausgabe von 2017 gelesen. Der Roman steckt voller visueller und sprachlicher Anregungen. Die Erzählerfigur María gibt dem Ganzen sehr viel Kohärenz, auch wenn die Episoden wenig berechenbar werden. Der positiven Kritik schliesse ich mich also gerne an.

„Wir verlieren Lateinamerika“

Das gab es lange nicht: endlich einmal wieder ein literaturkritischer Schwerpunkt Lateinamerika! Die neue Ausgabe des Rezensionsforums literaturkritik.de widmet sich der aktuellen Literatur aus Brasilien und den spanischsprachigen Ländern Amerikas. Ich habe selber noch nicht alles gelesen, finde es aber erfrischend und ermutigend, dass sich die deutschsprachige Literaturkritik dieser geografischen Region erneut anzunähern versucht.

Diese Kulturvermittlung vollzieht sich überraschenderweise immer noch vor allem über eine Person: Das ist Michi Strausfeld, die seit den 80er Jahren als Lektorin beim Suhrkamp Verlag dafür gesorgt hatte, die lateinamerikanische Literatur im deutschsprachigen Raum bekannt zu machen. Im Studium war sie für mich ein grosses Vorbild. Ein Interview mit ihr steht im Zentrum der Ausgabe des Rezensionsforums. Strausfeld äussert sich besorgt darüber, dass die kulturellen Kontakte zu dieser so vielfältigen aber auch schwierig zu fassenden Region verloren gehen. Von ihr stammt auch das Zitat, das diesem Beitrag den Titel gibt.

Wann haben Sie zuletzt einen lateinamerikanischen Roman gelesen? Vielleicht finden Sie in der aktuellen Ausgabe der literaturkritik.de ein paar Anregungen oder schauen immer wieder bei mir vorbei.

Ich habe gerade Maria Gainzas El nervio óptico gelesen (auf Deutsch unter dem Titel Lidschlag bei Wagenbach erschienen) und werde das Buch demnächst auf diesem Blog vorstellen.

Der Fluch der Rohstoffe

Maristella Svampa, Soziologin von der Universidad Nacional de La Plata in Buenos Aires, hielt die diesjährige Tschudi Lecture der SSLAS. Ihr Thema: Die Auswirkungen des Anthropozäns in Lateinamerika. Diese manifestieren sich, so ihre These, vor allem in unzähligen Konflikten um Landnutzungsrechte und den Raubbau von Rohstoffen – ein Thema, das die lateinamerikanischen Gesellschaften seit mehr als fünf Jahrhunderten beschäftigt.

Rohstoffexporte sorgen für wachsenden Wohlstand

Svampa erläuterte eingangs die Entwicklung vom Extraktivismus zum Neo-Extraktivismus in Lateinamerika. Unter Neo-Extraktivismus wird ein wirtschaftspolitisches Modell verstanden, das auf Wohlstandsentwicklung dank hoher Rohstoff-Exporte zielt. Steigende Rohstoffpreise und eine steigende Nachfrage haben dieses lateinamerikanische Wirtschaftsmodell seit den 90er Jahren beflügelt, ungeachtet der politischen Ausrichtung der einzelnen Regierungen. Es schien, als ob die Bevölkerung dank des eigenen natürlichen Reichtums endlich zu mehr Wohlstand kommen könne. Svampa sprach in diesem Zusammenhang vom „consenso de los commodities“ der lateinamerikanischen Staaten. Mit diesem Begriff spielt sie auf die Abwendung vom Washington Consensus an, mit dem die vom IWF und der Weltbank finanzwirtschaftliche Bewertung der lateinamerikanischen Krisenwirtschaften gemeint war. Das Auseinanderdriften der ehemals geopolitischen Blöcke hin zu einer multipolaren Welt habe den wachsenden Rohstoffhunger weiter beflügelt, insbesondere auch das Wachstum Chinas. Mehrere Faktoren haben in den letzten Jahren jedoch dazu beigetragen, dass dieser Konsens so nicht mehr hingenommen wurde.

Megaprojekte als Kipppunkt

Die Tendenz zu immer grösseren Projekten (Talsperren, Ölförderung, Goldminen in Naturschutzgebieten) hat zu wachsendem Widerstand bei der Bevölkerung gesorgt. Immer stärker beteiligen sich indigene Völker an den Protesten gegen diese extreme Form der Naturausbeutung. Denn oft werden diese Projekte in ihren Wohngebieten lanciert. Sehr oft werden aufgrund ungleicher Machtverhältnisse traditionelle Landnutzungen und -rechte ignoriert. Ebenso treten auch Frauen immer mehr als Protagonistinnen des Widerstands in den Vordergrund. Einen Atlas über die grössten Megaprojekte Lateinamerikas in Regionen mit mehrheitlich indigener oder afrikanischstämmiger Bevölkerung gibt es übrigens bei der UNAM.

Folie aus der Präsentation Maristella Svampas (Screenshot)

Ein New Green Deal für Lateinamerika?

Diese neuen ökologischen und sozialen Konflikte markieren für Svampa den Beginn einer neuen Phase, in der die bisherigen wirtschaftlichen Entwicklungsmodelle auf den Prüfstand gehören. Bisher wurde sozialer Aufstieg automatisch mit mehr Konsum gleichgesetzt. Wie sonst kann man sozialen Aufstieg in einer Gesellschaft messbar machen? Keine so leichte Frage angesichts der aussergewöhnlichen Situation, in der sich auch die lateinamerikanischen Gesellschaften aufgrund der Corona-Krise befinden.

In der Diskussion wurde denn auch die Frage aufgeworfen, ob die Corona-Pandemie eine Chance für eine nachhaltigere Wirtschaftsentwicklung sein könne. Svampa wünscht sich auch für Lateinamerika einen „New Green Deal“. Ein solcher benötige den Staat als verantwortungsvollen Akteur. Viele Aktivisten und Aktivistinnen würden aber dem Staat grundsätzlich sehr kritisch gegenüberstehen. Insgesamt blieb sie skeptisch, auch weil sich der Raubbau an Land und Menschen angesichts wirtschaftlicher Notwendigkeiten auch intensivieren könne.

Einschätzung

Aufgrund der Corona-Krise fand die Vorlesung in diesem Jahr online statt. Sehr systematisch und didaktisch klug fasste Svampa in ihrer Vorlesung, an der etwa 50 Personen via Zoom teilnahmen, ihr aktuelles Buch „Las fronteras del neoextractivismo en América Latina“ kompakt zusammen. Ihr Buch gibt es übrigens auch in englischer Übersetzung.

Anthropogene Spuren im virtuellen Raum

Der Workshop der Swiss School of Latin American Studies (SSLAS) vom 15-16. Mai 2020 findet, verbunden mit der alljährlichen Tschudi Lecture des Lateinamerika-Zentrums der Universität Zürich, virtuell statt. Der Umzug auf das Videoconferencing-Tool Zoom gibt der Veranstaltung die Chance, auch ausserhalb des kleinen akademischen Zirkels der schweizerischen Lateinamerikanistik wahrgenommen zu werden.

Ähnlich wie die Lateinamerika-Tagung, die ich im Januar an der Evangelischen Akademie in Hofgeismar besucht habe, stehen dieses Jahr Themen der Umweltkonflikte und ihrer Bewältigung im Zentrum der interdisziplinären Tagung. Das Anthropozän bedeutet in Lateinamerika vor allem Landkonflikte und Extraktivismus – Themen, die den Subkontinent seit der Conquista begleiten. Ich freue mich besonders auf die Tschudi-Lecture mit der argentinischen Soziologin Maristella Svampa. Auch das Panel am Samstag finde ich sehr interessant, weil gleich zwei teilnehmende Doktorierende sich kolumbianischen Themen widmen.

Hier ist der Link zum Detailprogramm mit den Zugangsdaten.

Quelle Beitragsbild: Eigenes Foto, Wiese in Machu Picchu

Digitale Lehre in der Hispanistik

logo_dhvZiel des Deutschen Hispanistikverbandes (DHV) ist es, zu einer frischen, modernen und hochqualifizierten Hispanistik in Europa beizutragen, parallel zu den entsprechenden hispanistischen Organisationen des Auslands und zur Asociación Internacional de Hispanistas (AIH).

Präsenz in Zeiten ohne Präsenzlehre

Dazu gehört nun auch eine Initiative, die das Fach auch in Zeiten ohne Konferenzen und Präsenzlehre im öffentlichen Raum sichtbar machen soll. Alle Fachkolleginnen und Fachkollegen aus spanischsprachigen Kontexten sind herzlich eingeladen, digitale Vorträge in einem Format ihrer Wahl (z.B. als Audio-/Video-Podcasts) vorzuschlagen. Diese Initiative hat der Deutsche Hispanistenverband gemeinsam mit dem Instituto Cervantes Berlin und der Wissenschafts- und Kulturabteilung der Spanischen Botschaft in Berlin auf den Weg gebracht.

Die Hispanistik auf Youtube bringen

Der Vorstand des Verbands wählt gemeinsam mit der den Vertretern der spanischen Botschaft die Vorträge seiner Mitglieder aus. Sie können aus allen fachwissenschaftlichen Bereichen sein: Sprachwissenschaft, Literatur- und Kulturwissenschaft, Didaktik, Landeskunde, Sprachpraxis –
da gibt es keine Einschränkungen. Die Vorträge können in deutscher oder spanischer Sprache sein, und können natürlich alle Kulturen der spanischsprachigen Welt umfassen.

Wichtig ist, dass sich Interessierte darauf einlassen, dass die Vorträge auf dem eigenen YouTube-Kanal des DHV und über die Webseiten des Instituto Cervantes und der Spanischen Botschaft ein breiteres Publikum erreichen werden. Die Vorträge sollten zwischen 7-15 Minuten lang sein. Ansprechpartnerin beim DHV ist die Vorsitzende Susanne Zepp von der FU Berlin (vorstand@hispanistica.de). Sie hat die Mitglieder des DHv via Email über die Initiative informiert.

Ich bin gespannt. Bisher hat sich die deutschsprachige Hispanistik – zumindest nach meinem Kenntnisstand – nicht gerade stark dafür engagiert, sich einem breiteren Publikum bekannt zu machen. Diesen Job hat man gerne dem Instituto Cervantes überlassen, das allerdings nur in den grossen Städten vertreten ist. Ich hoffe auf viele Themen aus der ganzen Hispania sowie unterschiedliche Vortragsstile und didaktische Ansätze.

Die Arbeit als Protagonist

Dank Twitter habe ich, in Zürich weilend, an einem Event der Cervantes-Institute in Hamburg und Bremen teilnehmen können. Am 25.04. informierte der Fachinformationsdienst Romanistik darüber, dass die geplante Vorführung des spanischen Films „La mano invisible“ (2016) von David Macián wegen der Einschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie nicht im Hamburger Kino3001 stattfinden würde, sondern online. So durfte ich mir aus der Ferne den Film, der auf dem gleichnamigen Roman des spanischen Autors Isaac Rosas beruht, anschauen.

Ein passender Film zum 1. Mai

In einem vermeintlichen Industrielager treffen sich täglich mehrere namenlose Menschen, um ihre Arbeit zu verrichten: Ein Maurer baut eine Mauer, die er dann abreißt; eine junge Frau setzt am Fließband Teile zusammen, ohne zu wissen, wofür sie verwendet werden; ein Metzger zerlegt verrottende Tiere; ein Lagerist bewegt Kisten von rechts nach links, eine Call-Center-Agentin sucht Teilnehmer für Umfragen, ein Informatiker entwickelt Programme, die alle Arbeiter kontrolliert. Sie stellen ihre Arbeiten vor, als wären sie auf einer Theaterbühne angeordnet. Alles wirkt düster und dunkel. Das Bühnenbild ist schwarz. Ein für uns nicht sichtbares Publikum begleitet dieses Spektakel der Arbeit. Es beobachtet die Aktivitäten auf der Bühne mit Klatschen und gelegentlichen Buhrufen.

Obwohl keiner der Arbeiter so richtig weiss, warum er tut, was er hier tut, ist es ihnen wichtig, überhaupt Arbeit zu haben. Wer keine Arbeit hat, hat keine Bühne, so scheint es. Das wird deutlich in den eingeblendeten Einstellungsgesprächen. In ihnen müssen sie eine Rekrutiererin, deren Stimme wir nur aus dem Off hören, überzeugen, weshalb ausgerechnet sie für diesen Job geeignet sind.

Bewertung

Wer ist nun die unsichtbare Hand? Der Kapitalismus, so wie Adam Smith ihn mit der Metapher der unsichtbaren Hand beschrieben hat, wäre die naheliegendste Antwort. Wir erfahren nicht wirklich, wer dieses Spektakel der eintönigen und sinnlosen Handgriffe inszeniert und letztlich auch die Verantwortung hat für das Geschehen. Letztlich können mit der „unsichtbaren Hand“ auch die Arbeiter selber gemeint sein, deren Leistungen wir im Alltag übersehen und erst als Arbeit wahrnehmen, wenn sie auf der Bühne inszeniert werden. Die Arbeit selber würde somit zum wahren Protagonisten des Films.

Der Film ist mit sparsamen Mitteln inszeniert. Dunkle Töne überwiegen. Die Schauspieler haben mich überzeugt. Glücklicherweise empfand ich den Film als weniger thesenartig, als ich zunächst aufgrund des Titels befürchtete. Mich hat der Film ein wenig an Kathrin Rögglas „Wir schlafen nicht“ erinnert, auch wenn die dort interviewten Unternehmensberater angeblich komplexeren Tätigkeiten nachgehen als die hier inszenierten Arbeiterinnen und Handwerker.

Bei dem Film handelt es sich um eine Eigenproduktion. Daher habe ich leider nicht ausfindig machen können, ob und wo man den Film online schauen könnte. Um Hinweise wäre ich dankbar. Dann nehme ich den Link gerne hier auf.

 

Erinnerungsschätze aus Kolumbien

Reisen finden derzeit im Kopf statt. Gerne erinnere ich mich an meine letzte Reise nach Medellín, im November 2019. Es scheint ewig her und doch habe ich erst jetzt die Fotos wieder angeschaut und etwas vorsortiert. Hier ein paar Impressionen, die ich gerne mit Euch teile.

Die meiste Zeit verbrachte ich in Medellín selbst, um dort Interviews zu führen. An den Wochenenden zog es mich ins Grüne, wobei auch die Stadt selber viele schöne Grünflächen anzubieten hat. Über meinen Ausflug nach Jardín habe ich bereits geschrieben.

Viele Erinnerungen, vieles zu erzählen. In den nächsten Wochen werde ich über lohnenswerte Ausflugsziele, interessante Projekte und gute Freunde in Antioquia, das Spötter auch gerne das „Texas Kolumbiens“ nennen, auf diesem Blog berichten.

„Etwas, das im Himmel wohnt“*

Collage zum Tode Ernesto Cardenals (1926-2020)

Er war einer der grossen Künstler des 20. Jahrhunderts, für die Politik, Poesie, Glaube und soziales Engagement eine Einheit bildeten. Er war einer der ersten Dichter, deren Gedichte ich auf Spanisch gelesen habe. RIP Ernesto Cardenal

Bild

Die schönste und persönlichste Kondolenzseite für ihn hat die Hilfsorganisation Pan y Arte (Brot und Kunst) veröffentlicht. Die Organisation wurde von Dietmar Schönherr gegründet, der Cardenal freundschaftlich eng verbunden war. Den beiden ist auch die Gründung des Kulturzentrums Casa de los tres mundos in der Stadt Granada (der Geburtsstadt Rubén Daríos) zu verdanken, in der Kinder und Jugendliche Musikunterricht erhalten und so eine neue Perspektive auf das Leben gewinnen.

Auszüge seiner Gedichte, teils auch in deutscher Übersetzung sind auf dem Nicaragua-Portal zu finden.

*deutscher Titel eines Gedichtbandes Ernesto Cardenals

Umweltkonflikte aus lateinamerikanischer Perspektive

Vom 24.-26. Januar 2020 fanden an der Evangelischen Akademie in Hofgeismar zum zweiten Mal Lateinamerika-Gespräche statt. Im Zentrum stand die lateinamerikanische Perspektive auf globale Umweltkonflikte und ihre sozialen Verwerfungen. Immer wieder ging es in den theoretischen Erörterungen und praktischen Fallbeispielen um die Frage, wie eine Alternative zum gegenwärtigen rohstoff- und energieintensiven Wirtschaftsmodell aussehen könnte. Mit grosser Sorge wird der derzeitige Rechtsrutsch in vielen lateinamerikanischen Ländern beobachtet, der extraktivistischen Wirtschaftsaktivitäten weiter Vorschub leistet. Eine ausführliche Zusammenfassung der Tagung kann auf den Seiten der Akademie nachgelesen werden.

Positive Erfahrungen

Ich habe im Rahmen meines Sabbaticals an der Tagung teilgenommen und fand die Veranstaltung sehr anregend. Sehr bereichernd fand ich, dass die teilnehmenden Professoren und Professorinnen aus Bielefeld und Kassel – als eine Art Exkursion – ihre Studierenden mitgebracht hatten, die sich intensiv in die Diskussionen einmischten und kluge Fragen stellten. Inhaltlich beeindruckt hat mich die Videodokumentation von Sherin Abu-Chouka und Heiko Thiele (Verein Zwischenzeit e.V.), die zeigten, was unser FSC-Papier mit Landaneignung und Umweltschädigungen im Süden Chiles zu tun hat.

Sehr bereichernd für mich war auch der persönliche Austausch mit Rosa Lehmann von der Universität Jena, die sich in ihrer Dissertation mit den ökologischen und sozialen Konflikten im Zuge des Ausbaus der Windenergie im mexikanischen Oaxaca auseinandergesetzt hat. Eines der von ihr untersuchten Projekte nutze ich gerne als Fallstudie im Unterricht, um mit den Studierenden den Multi-Stakeholder-Ansatz und interkulturelle Probleme internationaler Projekte im Anlagenbau zu besprechen.

Auch den Vortrag des Historikers Antoine Acker von der Universität Zürich zur Umweltzerstörung am Amazonas fand ich sehr interessant.

Vortrag Antoine Acker (Universität Zürich)

Mir war neu, dass der Volkswagen-Konzern in den 70er Jahren grosse Gebiete im Amazonasgebiet aufgekauft hatte, die nur aufgrund massiver Abholzung urbar gemacht werden konnten. Theoretisch und konzeptionell hilfreich fand ich den Begriff der imperialen Lebensweise, den der Wiener Politologe Ulrich Brand in einer Key Note vorstellte. Unter imperialer Lebensweise versteht er unseren westlichen Lebensstil, den wir uns nur leisten können, weil wir dessen ökologische und soziale Folgen „externalisieren“, d.h. unser Wohlstand ist nur möglich, weil andere in Armut und zerstörter Umwelt leben. Sein Vortrag selber war mir zu professoral abgehoben, aber inhaltlich dennoch spannend. Ich überlege, ob ich das Buch zum Thema, das Brand mit seinem Kollegen Markus Wissen geschrieben hat, zur Besprechung im Podcast der Mikroökonomen vorstellen soll.

Vortrag Ulrich Brand (Universität Wien)

Kritikpunkte und Ausblick

Allerdings gab es im Rahmen der Panels oft zu wenig Zeit für die gemeinsame Lösungsdiskussion. Die Inputs waren zu lang (drei Referate hintereinander), so dass uns Zuhörern teilweise die Puste ausging. In der Feedback-Runde am Schluss äusserte denn auch eine Studentin, dass sie sich mehr interaktive Slots gewünscht hätte, um das Publikum stärker in die Lösungsfindung mit einzubeziehen. Zwar war die Tagung in dem Sinn interdisziplinär, dass mehrere Fachrichtungen vertreten waren. Sie beschränkten sich allerdings auf geistes- und sozialwissenschaftliche Sichtweisen. Aus meiner Sicht fehlten Vertreter aus wirtschafts- und ingenieurswissenschaftlichen Fächern. Diese hätten sicherlich für weitaus mehr Kontroverse gesorgt, aber auch für einen guten und komplementären Austausch. Der ist nötig, denn keiner von uns hat einen vollständigen Blick auf die Umweltprobleme Lateinamerikas. Andererseits zeigt es, dass die Hofgeismarer Lateinamerika-Gespräche noch viel Potenzial haben. Im Jahr 2021 finden sie vom 22. bis zum 24. Januar statt.