Seit einiger Zeit poste ich Gemälde und Zeichnungen von Gärten in meinem Bluesky-Account. Meist handelt es sich um Werke spanischer oder lateinamerikanischer Künstler und Künstlerinnen. Zwar habe ich selbst keinen grünen Daumen, lieber aber Gärten in der Malerei, weil sie wunderbar Architektur, Landschaft, Menschen und die Darstellung komplexer Gefühlswelten miteinander kombinieren. Meist ergänze ich die Posts mit den Hashtags #gardenlove und #gardenpainting; manchmal vergesse ich es auch. Wer Spass an Gärten und ihrer unterschiedlichen Darstellung in der Kunstgeschichte hat, kann gerne meinem Feed folgen, dann verpasst Ihr keinen Post: https://bsky.app/profile/nachrichtenlos.bsky.social Hier ein Beispiel von dieser Woche:
Jardín de la casa de Fortuny / The garden of the Fortuny residence, by Mariano Fortuny y Marsal and Raimundo de Madrazo y Garreta (the latter completed it after Fortuny's death), 1872 – 1877, oil on canvasMuseo del Prado, Madridwww.museodelprado.es/coleccion/ob…#gardenlove #gardenpainting
Am 28.02.2025 bin ich in Pension gegangen. So kann ich mich nun den Themen widmen, die mir richtig wichtig sind, freiberuflich. Auf Tertulia bleibe ich deshalb aktiv und habe schon viele Ideen!
Dieser Moment ist zugleich ein Einschnitt, der mir die Gelegenheit bietet, auf mein bisheriges Berufsleben zurückzublicken. So wie Prominente dies wöchentlich in der ZEIT-Kolumne «Was ich gerne früher gewusst hätte» machen, habe ich deshalb in Listenform notiert, was ich erst spät begriffen habe.
Die Revolution frisst ihre Kinder. Auch die technologische. Ach, Elon…
Pathos kommt gut. Junge Leute gehen erstaunlich unbefangen mit grossen Gefühlen um. Professionell agieren heisst eben nicht, Gefühle bei der Arbeit einfach auszublenden (so wie es in meiner Generation noch üblich war/ist).
Chrampfe darf nichts mit Freude zu tun haben. Ein Beispiel: «Du bist immer so gut gelaunt und lachst viel. Deine Mitarbeiter könnten glauben, Du nimmst die Arbeit nicht ernst.» (Einer meiner ex-Chefs)
Wer sich an die goldene Regel hält, dass Zuhören wichtiger als Reden ist, macht Fachkarriere.
Frauen machen nicht unbedingt Karriere, wenn sie ihre Projekte zuverlässig und erfolgreich abschliessen. Männer hingegen machen gerade dann Karriere, wenn sie Projekte (kontrolliert) an die Wand fahren, sie anschließend retten – und dafür als Helden gefeiert werden. Da ist es schon wieder, das Performative der Arbeit.
Wenn Du dich wieder einmal über die dummen Witze der Clowns ärgerst, hadere nicht mit den Clowns. Frage Dich, weshalb Du immer noch in den Zirkus gehst (Gefunden auf einem Corporate Blog. Der Spruch könnte aber auch in der Büroküche hängen.)
Ein Programmier-Gen? Ja, das muss es geben – und mir fehlt es. Leider.
Wenn Männer den Kinderarzt-Termin übernehmen, lassen sie gerne ihr Jacket am Bürostuhl hängen. Dann denken alle, sie seien in einem Meeting.
Nicht die Zahl neurodiverser Menschen hat so stark zugenommen – vielmehr ist unser Verständnis von dem, was die Norm darstellt, enger, starrer und ausgrenzender geworden.
«We meet wonderful people but lose them in our busyness.» (Dogs Songs, Mary Oliver)
Das Härteste an der Arbeit war für mich die Inszenierung derselben. Nun ist der Vorhang gefallen.
Diese Erkenntnisse sind nicht allein auf meinem Mist gewachsen, sondern verdanke ich Freunden, Kolleginnen und all jenen, die – ähnlich wie ich – über Kultur und Kommunikation in der Arbeitswelt nachgedacht haben. Die Liste spiegelt die Stationen meines Arbeitslebens wider: Bank, IT-Projektgeschäft, Beraterin, Kommunikationsdozentin an einer Hochschule.
Je länger ich über manches, was ich spät begriffen habe, nachdenke, desto mehr reizt es mich , dem weiter nachzugehen. Welches Thema davon soll ich als Erstes vertiefen? Gebt mir Feedback in den Kommentaren. Ich habe jetzt Zeit 😉.
«Ihr wollt Euch nur selbst hören.» (zitiert nach Pörksen, 2025, S. 271)
Mit diesem Ausruf einer Fotografin anlässlich der unversöhnlichen Debatte bei einem Lesemarathon von Hannah Arendts Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft in Hamburg ist das Problem, dem sich Bernhard Pörksen in seinem neuen Buch annimmt, sehr gut auf den Punkt gebracht. Wie schaffen wir es wieder, dass wir uns in gesellschaftlichen Diskursen gegenseitig zuhören können? Wann und unter welchen Bedingungen entsteht eine «kollektive Zuhörbereitschaft» (S. 24)? Ich habe Zuhören. Die Kunst, sich der Welt zu öffnen, für Euch gelesen.
Zuhören auf Reisen
Um Wege zu finden, die aus der Welt der kommunikativen Polarisierung, Ich-Vermarktung und dem Heischen nach Aufmerksamkeit herausführen, geht Bernhard Pörksen auf Reisen. Unterwegs spricht er mit Menschen, von denen er sich Lösungen für die grossen gesellschaftlichen Herausforderungen in Sachen Kommunikation verspricht. So trifft er sich immer wieder mit einem Jungunternehmer aus der Ukraine und diskutiert mit ihm darüber ist, wie man als angegriffenes Land in einer lauten Welt voller Katastrophenmeldungen und verbohrter Meinungen gehört werden kann. Dieses Interview hat nicht nur eine politische Seite, sondern auch eine menschliche. Über die Invasion der Ukraine zerbricht auch das Verhältnis Misha Katsurins mit seinem Vater, der in Russland lebt und die Erzählung des Kremls übernimmt. Er trifft ausserdem Stewart Brand, der im positiven Sinn den Mythos des Silicon Valley mitbegründet hat sowie den ehemaligen Gouverneur Kaliforniens Jerry Brown. Er schreibt über die Künstlerin Jenny Odell, den Internet-Ethiker Tristan Harris, den Klimajournalisten Andrew Revkin und spricht mit Luisa Neubauer in Hamburg. Doch er beginnt mit einer Reflexion, die ihm persönlich am Herzen liegt. Wie konnte es geschehen, dass in seinem eigenen progressiven pädagogischen Umfeld die Missbrauchs-Praxis an der Odenwald-Schule so lange vertuscht werden konnte? Wie konnte es sein, dass die Missbrauchten jahrelang kein Gehör fanden? Und wann wurden sie dann doch gehört? Auf diesen zentralen Fragen gründet Pörksen seine eigene Praxis des Zuhörens. Gemeinsam mit seinen Gesprächspartnern und unter Rückgriff auf deren Umfeld analysiert er das allgegenwärtige kommunikative rabbit hole, in dem sich viele Menschen befinden, und überlegt in einem abschliessenden Kapitel, wie wir aus ebendiesem herauskommen könnten.
Bewertung
Angesichts des Titels könnte der Eindruck entstehen, es handle sich um einen Reader über Gesprächsführung, aber darum geht es ihm nicht. Es handelt sich nicht um ein Ratgeber-Buch, sondern einen Essayband. Als Medienwissenschaftler geht es ihm um konstruktive gesellschaftliche Diskursgestaltung. Alle sagen, was immer ihnen beliebt. Aber wer hört noch zu? Diese Analysen führt er stets konstruktiv und unterhaltsam aus; er wirkt nie belehrend wissend, sondern neugierig suchend und auch selbstkritisch. Das wirkt überzeugend, denn so erfahren wir, was es für ihn persönlich braucht, dass er zuhören kann. So kommt er zum Schluss:
Denn bevor man kritisiert, bevor man für andere Formen des pluralismusfreundlichen Sprechens und Schreibens plädiert und diese einübt, bevor man überhaupt zu einer einigermaßen begründbaren Reaktion gelangen kann, gilt es, sich dem anderen erst einmal zuzuwenden, fasziniert von seiner unvermeidlichen Fremdheit, voller Neugier und Vorfreude auf das, was sich zeigen und im Gespräch offenbaren könnte: Das ist der Weg des Zuhörens, das ist der Weg der Komplexitätssteigerung von Wahrnehmung durch die Konkretion und die Kontextbetrachtung, von dem dieses Buch handelte. (Pörksen, 275-276)
Am Ende verweist Pörksen die Verantwortung für den offenen gesellschaftlichen Diskurs also an das Individuum zurück, was mich als Schlussfolgerung ein wenig enttäuscht hat. Zwar stellt er bereits zu Beginn seiner Ausführungen methodisch fest, dass es nie nur um die individuelle Tiefengeschichte gehe, die den Grundstein für Zuhören lege, sondern um das Zusammenspiel dieser individuellen Erfahrungen mit kollektivpsychologischer Dynamik und medialen Rahmenbedingungen. Doch – so mein Gesamteindruck – lässt er das sowieso schon überforderte Individuum allein zurück in seinem kraftvoll formulierten Schlussappell, denn er lässt strukturelle Faktoren, die helfen könnten, das Individuum in seiner Offenheit zu bestärken oder diese Offenheit überhaupt erst wieder entstehen zu lassen, ungesagt. Es ist sicherlich so, dass jeder Mensch zunächst einmal sich selbst zuhören können muss, bevor er sich anderen gegenüber öffnen kann. Doch muss jeder das so ganz alleine schaffen? Braucht es dafür nicht eine systematische Schule der Offenheit bzw. Aufgeschlossenheit, die allen offen steht? Vielleicht liegt Pörksens Verweis auf die Verantwortung des Einzelnen für das Entstehen von Dialogräumen auch darin begründet, dass er sich von seinen Gesprächspartnern – ebenso wie er sind das ausserordentlich autark wirkende und mehr als selbstbewusste Persönlichkeiten – hat beeinflussen lassen. Ob diese ihm bei seinen Fragen immer zugehört haben?
Danke an den Hanser-Verlag, der mir für die Rezension ein kostenloses Buchexemplar zur Verfügung gestellt hat. Wer meine Arbeit auf diesem Blog finanziell unterstützen möchte, kann dies einmalig oder regelmässig tun: https://tertulia.ch/spenden/. Vielen Dank für die Wertschätzung! Jeder Betrag fliesst in diese Arbeit zurück.
„Ach, meine Liebe… das Leben ist Delirium. Ach, meine Liebe… diese Insel ist Selbstmord. Ach, meine Liebe…“1, so besingt Jorgito Kamankola seine Heimat Kuba. Für diesen Refrain hat sich der Musiker von Mario Conde inspirieren lassen, dem Protagonisten der Havanna-Romane Leonardo Paduras. Ich habe den letzten Mario-Condo-Roman, Personas decentes, in der deutschen Übersetzung von Peter Kultzen gelesen. Die Übersetzung trägt den Titel Anständige Leute und ist 2024 im Unionsverlag Zürich erschienen.
Mehrere Handlungsstränge
Padura wiederum lässt sich auch von Kamankola inspirieren und übernimmt den Refrain als Epigraph für seinen Roman. Welchen Herausforderungen muss sich seine Hauptfigur Mario Conde, der zwar schon seit langem nicht mehr Polizist ist, aber immer wieder seine alten Kollegen unterstützt, dieses Mal stellen? Worin genau besteht das Delirium, dass im Epigraph angesprochen wird? Wie immer entwirft Padura seine Handlung nicht linear, sondern verschränkt sie mit historischen Überlegungen und weiteren Geschichten.
Die erste Handlungsebene spielt im Havanna des Jahres 2016. Das ist das letzte Mal, in dem in Kuba wieder einmal die Hoffnung auf politische Erneuerung aufkam: Obama kommt zu Besuch. Die Rolling Stones geben ein Konzert. In diesem Kontext macht sich Mario Conde auf die Suche nach dem Mörder, der Reynaldo Quevedo, ein ehemaliges Mitglied des kubanischen Repressionsapparats, auf brutale Weise umgebracht hat.
Dieser bereicherte sich in den Jahren des sogenannten «Quinquenio gris» zu Beginn der Siebziger Jahre in der Form, dass er die Werke von Künstlern und Künsterinnen, die unter seiner Zensur und seinen Repressalien litten, an sich nahm und diese später für viel Geld weiterverkaufte. Dabei profitierte Quevedo von den Mittlerdiensten seines Schwiegersohns. Das «Quinquenio gris», die grauen Jahre, waren allgemein geprägt von kultureller Zensur. Künstler und Intellektuelle, vor allem solche der LGBT-Gemeinschaft, wurden schikaniert. Conde und die Polizei vermuten deshalb, dass es sich bei dem Mord um einen Racheakt handeln könnte. Diese zweite Ebene stellt im engeren Sinne keine eigene Handlungsebene dar, sondern wird über Erzählungen, Reflexionen und historische Hypothesenbildung eingeblendet.
Bei der dritten Handlungsebene springt Padura zurück in die Gründungsjahre Kubas, indem er seinen Helden Mario Conde eine Erzählung schreiben lässt. Der Ex-Polizist, Buchhändler und Türsteher im «Dulce vida» träumt nämlich davon, Schriftsteller zu werden. In seiner Geschichte geht es um den Aufstieg und die Ermordung des reichen Zuhälters Alberto Yarini, die aus der Perspektive des Polizisten Arturo Saborit erzählt wird. Diese zweite Erzählung aus dem Rotlichtmilieu Havannas der Jahre 1910/11 wechselt sich mit der Haupterzählung von 2016 ab.
Wir erhalten also gleich zwei Kriminalfälle in einem Buch und dazu ganz viel Geschichte geliefert, Napoleon Bonaparte inklusive.
Interpretation
In allen Handlungssträngen geht es um die Konstanten des Lebens auf Kuba. Unabhängig vom politischen System stehen Menschen in jeder historischen Epoche vor der Herausforderung, sich moralisch zu behaupten, also anständig zu bleiben. Ich möchte gerne einige zentrale Aspekte des Romans aufgreifen:
Der Roman nutzt das Genre des Kriminalromans, um eine tiefgreifende Kritik am kubanischen Machtsystem zu üben. Das kennen wir von Padura, ist aber sehr viel direkter und unverblümter als in früheren Büchern. Durch die Ermittlungen Mario Condes werden die Schattenseiten des Lebens auf Kuba beleuchtet – von Korruption über Machtmissbrauch bis hin zum moralischen Verfall. Der neue Mensch des Sozialismus ist wie der alte. Der Titel kann nur ironisch verstanden werden, da auch die vermeintlich „Anständigen“ zu Kriminellen werden können – aber ich möchte nicht zu viel verraten.
Durch die verschiedenen historischen Epochen, die im Roman eine Rolle spielen, gelingt es Padura auch, die sozialen Veränderungen in Kuba aufzuzeigen: von den Gründerjahren über die Repressalien des kubanischen Regimes bis hin zum tristen Alltag der Aktualität, der immer mehr Kubaner und Kubanerinnen den Rücken kehren wollen. Der Kontrast zwischen den Idealen der Revolution und der heutigen sozialen Realität wird auf jeder Seite des Romans deutlich. Die soziale Ungleichheit ist seit der Revolution unverändert gross geblieben – auch im Vergleich zu den mafiösen Gründerjahren, als sich Macht durch Gewalt definierte.
Zentral im Roman sind moralische Ambiguität und persönliche Integrität. Wie kann man in einem korrupten System – einem ungezügelten, mafiösen Kapitalismus auf der einen Seite, dem repressiven Sozialismus auf der anderen Seite – als Mensch anständig bleiben? Die Grenzen zwischen Gut und Böse können verschwimmen, wobei Mario Conde – auch selbst nicht ganz fehlerfrei – doch meist einen klaren Blick auf die Verwerfungen des Systems zu bewahren scheint. Dies gelingt ihm auf den ersten Blick vor allem deshalb, da er als Aussteiger aus dem System eine beobachtende Position einnehmen kann. Gerade die zweite Erzählung, von ihm geschrieben und möglicherweise mit autofiktionalen Einsprengseln, lässt aber lange offen, ob Mario Conde seine Integrität auf Dauer wahren kann. Das sorgt für Spannung bis zum Schluss.
Wertung
Obwohl mir der Einstieg nicht leicht fiel – zahlreiche Erläuterungen fand ich weitschweifig, Sätze waren zu lang und wirkten behäbig, das Namedropping zahlreicher Figuren aus dem Mario-Conde-Universum und eine zunächst lose wirkende Nebenhandlung nervten – entwickelt sich das Buch zum Positiven. Kritisch sehe ich die explizite Darstellung von Gewalt, Sexualpraktiken und sexuellen Abhängigkeitsverhältnissen, die mir teilweise unangebracht erschienen. Vielleicht bin ich einfach zu prüde und es ist so, dass Padura die explizite Darstellung bewusst nutzt, um die Widersprüche und Grauzonen aufzuzeigen, in denen sich Moral und Sexualität oft bewegen. Auch der Eindruck, dass Frauen vor allem über Prostitution aus der Armut finden, wirkte auf mich arg klischeehaft. Als ob Frauen sich in ihre Freier verlieben würden – dieser Mythos hält sich hartnäckig in schreibenden Männerköpfen.
Insgesamt ist Anständige Leute ein politisch ambitionierter Roman, der zwar nicht immer literarisch überzeugt, aber durch seine Vielschichtigkeit und historische Tiefe einen perspektivenreichen Blick auf Kubas Gesellschaft bietet.
Ein Dank geht an den Unions-Verlag, der mir das Rezensionsexemplar kostenlos zur Verfügung stellt. Wenn Ihr meine Arbeit unterstützen möchtet, könnt Ihr dies gerne über eine einmalige oder regelmässige Spende tun. Vielen Dank! Jede Spende sichert meine finanzielle Unabhängigkeit.
1 So übersetzt Peter Kultzen den Refrain des Lieds «La Isla del delirio» (Spanisches Original: «Ay amor… la vida es un delirio. Ay amor… esta isla es un suicidio. Ay amor…») Ich hätte «suicidio» eher metaphorisch-untertreibend mit «Himmelfahrtskommando» übersetzt, aber es gibt wohl einen konkreten Vorfall, auf den sich die Aussage bezieht.
Dieses Jahr stelle ich in meinem Newsletter auf Substack berühmte Bücher in spanischer Sprache vor, die 2025 einen runden Geburtstag feiern.
Diese Woche ist Quevedo Schelmenroman La vida del Buscón llamado Don Pablos, ejemplo de vagamundos y espejo de tacaños, kurz El Buscón genannt, an der Reihe. Das ist etwas verwegen, denn offiziell datiert die erste bekannte Ausgabe des Romans, der das Leben des jungen Pablos aus Segovia nachzeichnet, bekanntlich aus dem Jahr 1626. Sie erschien in Zaragoza. Wir müssten also noch ein Jahr warten, bis wir den Roman feiern könnten.
Nun ist es aber so, dass die Philologin María José Alonso Veloso anhand eines Briefes aus den Beständen der Real Academia de la Historia (RAH) die These aufstellt, dass der Roman bereits 1625 publiziert wurde. Ihre Argumente findet Ihr in meinem Newsletter.
Unabhängig vom Jahrestag lädt der Roman inhaltlich wie auch stilistisch jederzeit zur Lektüre ein. Das Buch gilt als einer der Höhepunkte des Schelmenromans, als ein herausragendes literarisches Zeugnis des Siglo de Oro und überzeugt durch seine ausgeprägte Sozialsatire und schwarzen Humor. Das passt auch heute noch gut…
Es gibt Tage, da wäre auch ich gerne Berlinerin! Die Ausstellung zum „Surrealismus in Lateinamerika“ wird am 12. Dezember 2024 um 19 Uhr im Lesesaal des IAI eröffnet.
In meinem aktuellen Newsletter stelle ich den Roman El mundo que vimos arder (2023) des Schriftstellers und Journalisten Renato Cisneros vor. Der Roman erzählt abwechselnd die Schicksale zweier Protagonisten. Da ist zum einen der peruanische Journalist, der nach der Trennung von seiner Frau nach Spanien zurückkehrt, um sein Leben neu zu ordnen. Einige Jahrzehnte zuvor verlässt Matías Giurato Roeder, ebenfalls ein Peruaner, sein Heimatland und geht in die USA, wo er die Strapazen als Soldat die Schrecken des Zweiten Weltkriegs durchlebt.
Ich kann die Lektüre nur empfehlen, denn das Buch hat mich sehr bewegt. Besonders beeindruckend war für mich die Darstellung von Matías‘ traumatischen Kriegserfahrungen und deren Auswirkungen auf ihn. Manches US-College würde den Roman wohl mit Trigger-Warnungen ausstatten: Krieg, seelische, körperliche und sexualisierte Gewalt, Tod, Flucht und Migration.
Meine Reiseerlebnisse haben die Lektüre zusätzlich intensiviert. Ich las den Roman während meines Sommerurlaubs an der nordspanischen Atlantikküste, als ich auch Gernika besuchte. Gernika wurde 1937, mitten im Spanischen Bürgerkrieg, von der Legion Condor stark bombardiert. Die Zahl der zivilen Opfer ging in die Hunderte, wobei bis heute die genaue Zahl nicht ermittelt werden kann, da sich damals zahlreiche Flüchtlinge in der baskischen Stadt aufhielten. Eine Freiluftausstellung im Stadtzentrum dokumentiert die Bombardements. Die in El mundo que vimos arder geschilderten Kriegserfahrungen wirkten wie ein bedrückendes Echo, das meinen Besuch in Gernika noch eindringlicher und erschütternder machte.
Heute möchte ich Euch einen brandneuen Podcast vorstellen, in dem monatlich Themen präsentiert werden sollen, die Spanien beschäftigen. Er heisst Sangría – und sonst?
Moderiert und gestaltet wird der Podcast von zwei Journalistinnen: Julia Macher berichtet aus Barcelona, Antonia Schäfer aus Madrid. Bereits die erste Episode zeigt, dass diese Verortung nicht bedeutet, dass sich die beiden Podcasterinnen auf die beiden Metropolen beschränken, sondern auch aus anderen spanischen Regionen berichten, die thematisch jeweils relevant sind. Julia Macher ist seit vielen Jahren als freie Journalistin tätig und arbeitet u.a. für die Wochenzeitung die ZEIToder auch für den Deutschlandfunk und die Blätter für deutsche und internationale Politik. Antonia Schäfer ist ebenfalls als freie Journalistin tätig und arbeitet ebenfalls für dieZEIT, Die Deutsche Welle und den Spiegel. Während ich Julia Macher vor allem dafür schätze, dass sie immer wieder spannende Themen aus der vermeintlichen spanischen Provinz für ein deutsches Publikum aufbereitet, kannte ich Antonia Schäfer bisher vor allem durch ihre Videobeiträge aus Kolumbien, von wo sie 2 Jahre berichtet hat.
Gute persönliche, kulturelle und fachliche Voraussetzungen also für einen inhaltlich wertvollen Podcast, der nicht nur Klischees bedienen will. Die erste Episode hat mich überzeugt. Es geht um Overtourism in Spanien und wie Spanien in verschiedenen Regionen – im Mittelpunkt des Podcasts stehen Barcelona, Mallorca und Teneriffa – mit diesem umgeht. Die beiden stützen ihre differenzierten Aussagen auf Interviews, die sie im Rahmen ihrer Aufträge führen/geführt haben. Es geht also weniger um die eigene Einschätzung, sondern um die Vermittlung der spanischen Wahrnehmung des Themas. Die beiden wechseln sich gut ab und führen das Gespräch fragegeleitet. Der Podcast ist technisch sehr solide produziert und kommt glücklicherweise auch ohne den inzwischen vielfach üblichen Podcast-Schnickschnack (z.B. unterlegte Musik, Werbeunterbrechungen, Jingles und andere hektische Audio-Einsprengsel) aus, der mich so nervt. Zumindest bei der ersten Episode bleiben sie unter einer Stunde Laufzeit, was ich auch sehr angenehm finde.
Einen Punkt würde ich anders machen: Es könnte mehr O-Töne geben, die dann in deutscher Sprache kurz zusammengefasst werden. Ich bin überzeugt, dass viele Spanien-begeisterte Hörerinnen und Hörer dieses Podcasts des Spanischen so weit mächtig sind, dass sie grob folgen können bzw. durch die Zusammenfassung erfahren, wie viel sie verstanden haben 😎. Rieke Havertz und Klaus Brinkbäumer machen das in ihrem Podcast Okay, America? beispielsweise sehr gut, indem sie immer wieder an zentralen Stellen englische O-Töne bringen, die sie dann in deutscher Sprache zusammenfassend wiedergeben.
Ich jedenfalls wünsche dem Podcast viel Erfolg und ein langes Leben und freue mich auf die nächste Episode. Ich finde es toll, dass regelmässig aus Spanien über Spanien berichtet wird.
Auf meinem Newsletter auf Substack berichte ich diese Woche über die kleine Gemeinde Hornillos de Cerrato in der nordspanischen autonomen Region Castilla y León. Dort hat sich in den beiden letzten Jahrzehnten enorm viel getan. Erstmals konnte der negative Trend der Bevölkerungsentwicklung umgekehrt werden. Dank den Einkünften der Gemeinde aus den Windkraftprojekten auf ihrem Gebiet entwickelt sich allmählich wieder ein Gemeindeleben, das dem Wohlergehen der gesamten Bürgerschaft dient.
Im April war ich für eine gute Woche in Nerja, einem Küstenort etwa 60 km östlich von Málaga. Ich habe mich am Mittelmeer sehr gut erholt und vieles unternommen. Die Temperaturen waren angenehm und der Jahreszeit angemessen. An zwei Tagen trübte der Sandwind Calima etwas die Sicht, vor allem am Morgen. Anders als die nördlicheren Provinzen Spaniens blieben wir allerdings von Schlammregen verschont.
Gewohnt haben wir im Parador, der auf einer Klippe direkt über der Playa Burriana (s. Foto) thront. Die Gartenanlage ist wunderschön und ein Paradies für Vögel.
Die Highlights des Aufenthalts könnt Ihr in meinem Newsletter nachlesen: die Wanderung nach Frigiliana, ein Sonntagskonzert in der Kapelle an der Plaza de la Ermita und unser Ausflug zum Museo Carmen Thyssen in Málaga.