Wo bleibt die Schule der Aufgeschlossenheit?

«Ihr wollt Euch nur selbst hören.» (zitiert nach Pörksen, 2025, S. 271)

Mit diesem Ausruf einer Fotografin anlässlich der unversöhnlichen Debatte bei einem Lesemarathon von Hannah Arendts Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft in Hamburg ist das Problem, dem sich Bernhard Pörksen in seinem neuen Buch annimmt, sehr gut auf den Punkt gebracht. Wie schaffen wir es wieder, dass wir uns in gesellschaftlichen Diskursen gegenseitig zuhören können? Wann und unter welchen Bedingungen entsteht eine «kollektive Zuhörbereitschaft» (S. 24)? Ich habe Zuhören. Die Kunst, sich der Welt zu öffnen, für Euch gelesen.

Zuhören auf Reisen

Um Wege zu finden, die aus der Welt der kommunikativen Polarisierung, Ich-Vermarktung und dem Heischen nach Aufmerksamkeit herausführen, geht Bernhard Pörksen auf Reisen. Unterwegs spricht er mit Menschen, von denen er sich Lösungen für die grossen gesellschaftlichen Herausforderungen in Sachen Kommunikation verspricht. So trifft er sich immer wieder mit einem Jungunternehmer aus der Ukraine und diskutiert mit ihm darüber ist, wie man als angegriffenes Land in einer lauten Welt voller Katastrophenmeldungen und verbohrter Meinungen gehört werden kann. Dieses Interview hat nicht nur eine politische Seite, sondern auch eine menschliche. Über die Invasion der Ukraine zerbricht auch das Verhältnis Misha Katsurins mit seinem Vater, der in Russland lebt und die Erzählung des Kremls übernimmt. Er trifft ausserdem Stewart Brand, der im positiven Sinn den Mythos des Silicon Valley mitbegründet hat sowie den ehemaligen Gouverneur Kaliforniens Jerry Brown. Er schreibt über die Künstlerin Jenny Odell, den Internet-Ethiker Tristan Harris, den Klimajournalisten Andrew Revkin und spricht mit Luisa Neubauer in Hamburg. Doch er beginnt mit einer Reflexion, die ihm persönlich am Herzen liegt. Wie konnte es geschehen, dass in seinem eigenen progressiven pädagogischen Umfeld die Missbrauchs-Praxis an der Odenwald-Schule so lange vertuscht werden konnte? Wie konnte es sein, dass die Missbrauchten jahrelang kein Gehör fanden? Und wann wurden sie dann doch gehört? Auf diesen zentralen Fragen gründet Pörksen seine eigene Praxis des Zuhörens. Gemeinsam mit seinen Gesprächspartnern und unter Rückgriff auf deren Umfeld analysiert er das allgegenwärtige kommunikative rabbit hole, in dem sich viele Menschen befinden, und überlegt in einem abschliessenden Kapitel, wie wir aus ebendiesem herauskommen könnten.

Bewertung

Angesichts des Titels könnte der Eindruck entstehen, es handle sich um einen Reader über Gesprächsführung, aber darum geht es ihm nicht. Es handelt sich nicht um ein Ratgeber-Buch, sondern einen Essayband. Als Medienwissenschaftler geht es ihm um konstruktive gesellschaftliche Diskursgestaltung. Alle sagen, was immer ihnen beliebt. Aber wer hört noch zu? Diese Analysen führt er stets konstruktiv und unterhaltsam aus; er wirkt nie belehrend wissend, sondern neugierig suchend und auch selbstkritisch. Das wirkt überzeugend, denn so erfahren wir, was es für ihn persönlich braucht, dass er zuhören kann. So kommt er zum Schluss:

Denn bevor man kritisiert, bevor man für andere Formen des pluralismusfreundlichen Sprechens und Schreibens plädiert und diese einübt, bevor man überhaupt zu einer einigermaßen begründbaren Reaktion gelangen kann, gilt es, sich dem anderen erst einmal zuzuwenden, fasziniert von seiner unvermeidlichen Fremdheit, voller Neugier und Vorfreude auf das, was sich zeigen und im Gespräch offenbaren könnte: Das ist der Weg des Zuhörens, das ist der Weg der Komplexitätssteigerung von Wahrnehmung durch die Konkretion und die Kontextbetrachtung, von dem dieses Buch handelte. (Pörksen, 275-276)

Am Ende verweist Pörksen die Verantwortung für den offenen gesellschaftlichen Diskurs also an das Individuum zurück, was mich als Schlussfolgerung ein wenig enttäuscht hat. Zwar stellt er bereits zu Beginn seiner Ausführungen methodisch fest, dass es nie nur um die individuelle Tiefengeschichte gehe, die den Grundstein für Zuhören lege, sondern um das Zusammenspiel dieser individuellen Erfahrungen mit kollektivpsychologischer Dynamik und medialen Rahmenbedingungen. Doch – so mein Gesamteindruck – lässt er das sowieso schon überforderte Individuum allein zurück in seinem kraftvoll formulierten Schlussappell, denn er lässt strukturelle Faktoren, die helfen könnten, das Individuum in seiner Offenheit zu bestärken oder diese Offenheit überhaupt erst wieder entstehen zu lassen, ungesagt. Es ist sicherlich so, dass jeder Mensch zunächst einmal sich selbst zuhören können muss, bevor er sich anderen gegenüber öffnen kann. Doch muss jeder das so ganz alleine schaffen? Braucht es dafür nicht eine systematische Schule der Offenheit bzw. Aufgeschlossenheit, die allen offen steht? Vielleicht liegt Pörksens Verweis auf die Verantwortung des Einzelnen für das Entstehen von Dialogräumen auch darin begründet, dass er sich von seinen Gesprächspartnern – ebenso wie er sind das ausserordentlich autark wirkende und mehr als selbstbewusste Persönlichkeiten – hat beeinflussen lassen. Ob diese ihm bei seinen Fragen immer zugehört haben?

Danke an den Hanser-Verlag, der mir für die Rezension ein kostenloses Buchexemplar zur Verfügung gestellt hat.
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Diese Insel ist ein Himmelfahrtskommando

„Ach, meine Liebe… das Leben ist Delirium. Ach, meine Liebe… diese Insel ist Selbstmord. Ach, meine Liebe…“1, so besingt Jorgito Kamankola seine Heimat Kuba. Für diesen Refrain hat sich der Musiker von Mario Conde inspirieren lassen, dem Protagonisten der Havanna-Romane Leonardo Paduras. Ich habe den letzten Mario-Condo-Roman, Personas decentes, in der deutschen Übersetzung von Peter Kultzen gelesen. Die Übersetzung trägt den Titel Anständige Leute und ist 2024 im Unionsverlag Zürich erschienen.

Mehrere Handlungsstränge

Padura wiederum lässt sich auch von Kamankola inspirieren und übernimmt den Refrain als Epigraph für seinen Roman. Welchen Herausforderungen muss sich seine Hauptfigur Mario Conde, der zwar schon seit langem nicht mehr Polizist ist, aber immer wieder seine alten Kollegen unterstützt, dieses Mal stellen? Worin genau besteht das Delirium, dass im Epigraph angesprochen wird? Wie immer entwirft Padura seine Handlung nicht linear, sondern verschränkt sie mit historischen Überlegungen und weiteren Geschichten.

Die erste Handlungsebene spielt im Havanna des Jahres 2016. Das ist das letzte Mal, in dem in Kuba wieder einmal die Hoffnung auf politische Erneuerung aufkam: Obama kommt zu Besuch. Die Rolling Stones geben ein Konzert. In diesem Kontext macht sich Mario Conde auf die Suche nach dem Mörder, der Reynaldo Quevedo, ein ehemaliges Mitglied des kubanischen Repressionsapparats, auf brutale Weise umgebracht hat.

Dieser bereicherte sich in den Jahren des sogenannten «Quinquenio gris» zu Beginn der Siebziger Jahre in der Form, dass er die Werke von Künstlern und Künsterinnen, die unter seiner Zensur und seinen Repressalien litten, an sich nahm und diese später für viel Geld weiterverkaufte. Dabei profitierte Quevedo von den Mittlerdiensten seines Schwiegersohns. Das «Quinquenio gris», die grauen Jahre, waren allgemein geprägt von kultureller Zensur. Künstler und Intellektuelle, vor allem solche der LGBT-Gemeinschaft, wurden schikaniert. Conde und die Polizei vermuten deshalb, dass es sich bei dem Mord um einen Racheakt handeln könnte. Diese zweite Ebene stellt im engeren Sinne keine eigene Handlungsebene dar, sondern wird über Erzählungen, Reflexionen und historische Hypothesenbildung eingeblendet.

Bei der dritten Handlungsebene springt Padura zurück in die Gründungsjahre Kubas, indem er seinen Helden Mario Conde eine Erzählung schreiben lässt. Der Ex-Polizist, Buchhändler und Türsteher im «Dulce vida» träumt nämlich davon, Schriftsteller zu werden. In seiner Geschichte geht es um den Aufstieg und die Ermordung des reichen Zuhälters Alberto Yarini, die aus der Perspektive des Polizisten Arturo Saborit erzählt wird. Diese zweite Erzählung aus dem Rotlichtmilieu Havannas der Jahre 1910/11 wechselt sich mit der Haupterzählung von 2016 ab.

Wir erhalten also gleich zwei Kriminalfälle in einem Buch und dazu ganz viel Geschichte geliefert, Napoleon Bonaparte inklusive.

Interpretation

In allen Handlungssträngen geht es um die Konstanten des Lebens auf Kuba. Unabhängig vom politischen System stehen Menschen in jeder historischen Epoche vor der Herausforderung, sich moralisch zu behaupten, also anständig zu bleiben. Ich möchte gerne einige zentrale Aspekte des Romans aufgreifen:

Der Roman nutzt das Genre des Kriminalromans, um eine tiefgreifende Kritik am kubanischen Machtsystem zu üben. Das kennen wir von Padura, ist aber sehr viel direkter und unverblümter als in früheren Büchern. Durch die Ermittlungen Mario Condes werden die Schattenseiten des Lebens auf Kuba beleuchtet – von Korruption über Machtmissbrauch bis hin zum moralischen Verfall. Der neue Mensch des Sozialismus ist wie der alte. Der Titel kann nur ironisch verstanden werden, da auch die vermeintlich „Anständigen“ zu Kriminellen werden können – aber ich möchte nicht zu viel verraten.

Durch die verschiedenen historischen Epochen, die im Roman eine Rolle spielen, gelingt es Padura auch, die sozialen Veränderungen in Kuba aufzuzeigen: von den Gründerjahren über die Repressalien des kubanischen Regimes bis hin zum tristen Alltag der Aktualität, der immer mehr Kubaner und Kubanerinnen den Rücken kehren wollen. Der Kontrast zwischen den Idealen der Revolution und der heutigen sozialen Realität wird auf jeder Seite des Romans deutlich. Die soziale Ungleichheit ist seit der Revolution unverändert gross geblieben – auch im Vergleich zu den mafiösen Gründerjahren, als sich Macht durch Gewalt definierte.

Zentral im Roman sind moralische Ambiguität und persönliche Integrität. Wie kann man in einem korrupten System – einem ungezügelten, mafiösen Kapitalismus auf der einen Seite, dem repressiven Sozialismus auf der anderen Seite – als Mensch anständig bleiben? Die Grenzen zwischen Gut und Böse können verschwimmen, wobei Mario Conde – auch selbst nicht ganz fehlerfrei – doch meist einen klaren Blick auf die Verwerfungen des Systems zu bewahren scheint. Dies gelingt ihm auf den ersten Blick vor allem deshalb, da er als Aussteiger aus dem System eine beobachtende Position einnehmen kann. Gerade die zweite Erzählung, von ihm geschrieben und möglicherweise mit autofiktionalen Einsprengseln, lässt aber lange offen, ob Mario Conde seine Integrität auf Dauer wahren kann. Das sorgt für Spannung bis zum Schluss.

Wertung

Obwohl mir der Einstieg nicht leicht fiel – zahlreiche Erläuterungen fand ich weitschweifig, Sätze waren zu lang und wirkten behäbig, das Namedropping zahlreicher Figuren aus dem Mario-Conde-Universum und eine zunächst lose wirkende Nebenhandlung nervten – entwickelt sich das Buch zum Positiven.
Kritisch sehe ich die explizite Darstellung von Gewalt, Sexualpraktiken und sexuellen Abhängigkeitsverhältnissen, die mir teilweise unangebracht erschienen. Vielleicht bin ich einfach zu prüde und es ist so, dass Padura die explizite Darstellung bewusst nutzt, um die Widersprüche und Grauzonen aufzuzeigen, in denen sich Moral und Sexualität oft bewegen. Auch der Eindruck, dass Frauen vor allem über Prostitution aus der Armut finden, wirkte auf mich arg klischeehaft. Als ob Frauen sich in ihre Freier verlieben würden – dieser Mythos hält sich hartnäckig in schreibenden Männerköpfen.

Insgesamt ist Anständige Leute ein politisch ambitionierter Roman, der zwar nicht immer literarisch überzeugt, aber durch seine Vielschichtigkeit und historische Tiefe einen perspektivenreichen Blick auf Kubas Gesellschaft bietet.

Ein Dank geht an den Unions-Verlag, der mir das Rezensionsexemplar kostenlos zur Verfügung stellt. Wenn Ihr meine Arbeit unterstützen möchtet, könnt Ihr dies gerne über eine einmalige oder regelmässige Spende tun. Vielen Dank! Jede Spende sichert meine finanzielle Unabhängigkeit.

1 So übersetzt Peter Kultzen den Refrain des Lieds «La Isla del delirio» (Spanisches Original: «Ay amor… la vida es un delirio. Ay amor… esta isla es un suicidio. Ay amor…») Ich hätte «suicidio» eher metaphorisch-untertreibend mit «Himmelfahrtskommando» übersetzt, aber es gibt wohl einen konkreten Vorfall, auf den sich die Aussage bezieht.

Ist Quevedos populärer Schelmenroman bereits 1625 erschienen?

Dieses Jahr stelle ich in meinem Newsletter auf Substack berühmte Bücher in spanischer Sprache vor, die 2025 einen runden Geburtstag feiern.

Diese Woche ist Quevedo Schelmenroman La vida del Buscón llamado Don Pablos, ejemplo de vagamundos y espejo de tacaños, kurz El Buscón genannt, an der Reihe. Das ist etwas verwegen, denn offiziell datiert die erste bekannte Ausgabe des Romans, der das Leben des jungen Pablos aus Segovia nachzeichnet, bekanntlich aus dem Jahr 1626. Sie erschien in Zaragoza. Wir müssten also noch ein Jahr warten, bis wir den Roman feiern könnten.

Nun ist es aber so, dass die Philologin María José Alonso Veloso anhand eines Briefes aus den Beständen der Real Academia de la Historia (RAH) die These aufstellt, dass der Roman bereits 1625 publiziert wurde. Ihre Argumente findet Ihr in meinem Newsletter.

Unabhängig vom Jahrestag lädt der Roman inhaltlich wie auch stilistisch jederzeit zur Lektüre ein. Das Buch gilt als einer der Höhepunkte des Schelmenromans, als ein herausragendes literarisches Zeugnis des Siglo de Oro und überzeugt durch seine ausgeprägte Sozialsatire und schwarzen Humor. Das passt auch heute noch gut…

Unsere Welt in Flammen

In meinem aktuellen Newsletter stelle ich den Roman El mundo que vimos arder (2023) des Schriftstellers und Journalisten Renato Cisneros vor. Der Roman erzählt abwechselnd die Schicksale zweier Protagonisten. Da ist zum einen der peruanische Journalist, der nach der Trennung von seiner Frau nach Spanien zurückkehrt, um sein Leben neu zu ordnen. Einige Jahrzehnte zuvor verlässt Matías Giurato Roeder, ebenfalls ein Peruaner, sein Heimatland und geht in die USA, wo er die Strapazen als Soldat die Schrecken des Zweiten Weltkriegs durchlebt.

Ich kann die Lektüre nur empfehlen, denn das Buch hat mich sehr bewegt. Besonders beeindruckend war für mich die Darstellung von Matías‘ traumatischen Kriegserfahrungen und deren Auswirkungen auf ihn. Manches US-College würde den Roman wohl mit Trigger-Warnungen ausstatten: Krieg, seelische, körperliche und sexualisierte Gewalt, Tod, Flucht und Migration.

Meine Reiseerlebnisse haben die Lektüre zusätzlich intensiviert. Ich las den Roman während meines Sommerurlaubs an der nordspanischen Atlantikküste, als ich auch Gernika besuchte. Gernika wurde 1937, mitten im Spanischen Bürgerkrieg, von der Legion Condor stark bombardiert. Die Zahl der zivilen Opfer ging in die Hunderte, wobei bis heute die genaue Zahl nicht ermittelt werden kann, da sich damals zahlreiche Flüchtlinge in der baskischen Stadt aufhielten. Eine Freiluftausstellung im Stadtzentrum dokumentiert die Bombardements. Die in El mundo que vimos arder geschilderten Kriegserfahrungen wirkten wie ein bedrückendes Echo, das meinen Besuch in Gernika noch eindringlicher und erschütternder machte.

Hier geht es zur Rezension: https://tertulia.substack.com/p/the-world-we-see-burning

Neuer Spanien-Podcast: Sangría – und sonst?

Heute möchte ich Euch einen brandneuen Podcast vorstellen, in dem monatlich Themen präsentiert werden sollen, die Spanien beschäftigen. Er heisst Sangría – und sonst?

Moderiert und gestaltet wird der Podcast von zwei Journalistinnen: Julia Macher berichtet aus Barcelona, Antonia Schäfer aus Madrid. Bereits die erste Episode zeigt, dass diese Verortung nicht bedeutet, dass sich die beiden Podcasterinnen auf die beiden Metropolen beschränken, sondern auch aus anderen spanischen Regionen berichten, die thematisch jeweils relevant sind. Julia Macher ist seit vielen Jahren als freie Journalistin tätig und arbeitet u.a. für die Wochenzeitung die ZEIT oder auch für den Deutschlandfunk und die Blätter für deutsche und internationale Politik. Antonia Schäfer ist ebenfalls als freie Journalistin tätig und arbeitet ebenfalls für die ZEIT, Die Deutsche Welle und den Spiegel. Während ich Julia Macher vor allem dafür schätze, dass sie immer wieder spannende Themen aus der vermeintlichen spanischen Provinz für ein deutsches Publikum aufbereitet, kannte ich Antonia Schäfer bisher vor allem durch ihre Videobeiträge aus Kolumbien, von wo sie 2 Jahre berichtet hat.

Cover des Spanienpodcasts mit Porträts der beiden Journalistinnen Julia Macher und Antonia Schäfer, das Copyright liegt bei den beiden Autorinnen.

Gute persönliche, kulturelle und fachliche Voraussetzungen also für einen inhaltlich wertvollen Podcast, der nicht nur Klischees bedienen will. Die erste Episode hat mich überzeugt. Es geht um Overtourism in Spanien und wie Spanien in verschiedenen Regionen – im Mittelpunkt des Podcasts stehen Barcelona, Mallorca und Teneriffa – mit diesem umgeht. Die beiden stützen ihre differenzierten Aussagen auf Interviews, die sie im Rahmen ihrer Aufträge führen/geführt haben. Es geht also weniger um die eigene Einschätzung, sondern um die Vermittlung der spanischen Wahrnehmung des Themas. Die beiden wechseln sich gut ab und führen das Gespräch fragegeleitet.
Der Podcast ist technisch sehr solide produziert und kommt glücklicherweise auch ohne den inzwischen vielfach üblichen Podcast-Schnickschnack (z.B. unterlegte Musik, Werbeunterbrechungen, Jingles und andere hektische Audio-Einsprengsel) aus, der mich so nervt. Zumindest bei der ersten Episode bleiben sie unter einer Stunde Laufzeit, was ich auch sehr angenehm finde.

Einen Punkt würde ich anders machen: Es könnte mehr O-Töne geben, die dann in deutscher Sprache kurz zusammengefasst werden. Ich bin überzeugt, dass viele Spanien-begeisterte Hörerinnen und Hörer dieses Podcasts des Spanischen so weit mächtig sind, dass sie grob folgen können bzw. durch die Zusammenfassung erfahren, wie viel sie verstanden haben 😎. Rieke Havertz und Klaus Brinkbäumer machen das in ihrem Podcast Okay, America? beispielsweise sehr gut, indem sie immer wieder an zentralen Stellen englische O-Töne bringen, die sie dann in deutscher Sprache zusammenfassend wiedergeben.

Ich jedenfalls wünsche dem Podcast viel Erfolg und ein langes Leben und freue mich auf die nächste Episode. Ich finde es toll, dass regelmässig aus Spanien über Spanien berichtet wird.

Hier geht es zur Homepage des Podcasts: https://sangria-und-sonst-der-spanien-podcast.simplecast.com

Windkraftprojekte und Bevölkerungswachstum: Hornillos de Cerrato als Vorzeigeprojekt

Auf meinem Newsletter auf Substack berichte ich diese Woche über die kleine Gemeinde Hornillos de Cerrato in der nordspanischen autonomen Region Castilla y León. Dort hat sich in den beiden letzten Jahrzehnten enorm viel getan. Erstmals konnte der negative Trend der Bevölkerungsentwicklung umgekehrt werden. Dank den Einkünften der Gemeinde aus den Windkraftprojekten auf ihrem Gebiet entwickelt sich allmählich wieder ein Gemeindeleben, das dem Wohlergehen der gesamten Bürgerschaft dient.

Wie sich Hornillos de Cerrato zum Vorzeigeprojekt entwickelt hat und was andere windreiche Gemeinden davon lernen, könnt Ihr in meinem aktuellen Newsletter nachlesen: https://tertulia.substack.com/p/hornillos-de-cerrato-harnessing-wind

Verano azul im April

Im April war ich für eine gute Woche in Nerja, einem Küstenort etwa 60 km östlich von Málaga. Ich habe mich am Mittelmeer sehr gut erholt und vieles unternommen. Die Temperaturen waren angenehm und der Jahreszeit angemessen. An zwei Tagen trübte der Sandwind Calima etwas die Sicht, vor allem am Morgen. Anders als die nördlicheren Provinzen Spaniens blieben wir allerdings von Schlammregen verschont.

Gewohnt haben wir im Parador, der auf einer Klippe direkt über der Playa Burriana (s. Foto) thront. Die Gartenanlage ist wunderschön und ein Paradies für Vögel.

Die Highlights des Aufenthalts könnt Ihr in meinem Newsletter nachlesen: die Wanderung nach Frigiliana, ein Sonntagskonzert in der Kapelle an der Plaza de la Ermita und unser Ausflug zum Museo Carmen Thyssen in Málaga.

Blue summer in April by Barbara Bohr 🦙

Tertulia, vol. 58

Read on Substack
https://substack.com/embedjs/embed.js

Dona Gracia Nasi – eine vergessene Heldin der Renaissance

Ein Leser hat mich dankenswerterweise auf eine interessante Hörsendung des Bayerischen Rundfunks aufmerksam gemacht. Darin geht es um Dona Gracia Nasi, die ich im letzten Jahr in meinem Newsletter und auch an dieser Stelle vorstellte.

Im Mittelpunkt der Sendung von Simon Demmelhuber stehen die Erfolge Gracia Nasis als erfolgreiche Kauffrau, aber auch die dauernde Gefahr, als Tochter einer konvertierten jüdischen Familie von der Inquisition verfolgt und entmachtet zu werden. Diese Gefahr führte zu einer lebenslangen Flucht durch zahlreiche europäische Länder. Als Experte steht der Redaktion Matthias Lehmann, Professor für Neuere Jüdische Kultur- und Sozialgeschichte am Martin-Buber-Institut für Judaistik der Universität zu Köln, zur Verfügung. Seine historische Einordnung ist überaus hilfreich.

Der Beitrag, den ich sehr empfehle, kann in der Mediathek des Bayerischen Rundfunks nachgehört werden.

El Palacio de las Cortes es un edificio en Madrid donde se reúne el Congreso de los Diputados.

Eine wegweisende Abstimmung?

Am 18. Januar 2024 hat das spanische Abgeordnetenhaus entschieden, das Wort „disminuidos“ aus der Verfassung zu streichen. Behindertenverbände haben dies gefordert. Die Abstimmung kann nicht nur als wichtiger Erfolg der Verbände gedeutet werden, sondern vielleicht auch als ein erster Schritt, in entscheidenden Themen einen politischen Konsens der demokratischen Parteien zu finden.

Die Forderung einer sprachlichen Anpassung der spanischen Verfassung

Seit vielen Jahren forderten die Verbände, die sich für die Rechte von Personen mit Behinderungen einsetzen, dass der Artikel 49 der spanischen Verfassung an die international gängige Terminologie zur Bezeichnung von Menschen mit Behinderung angepasst werden müsse. Der Artikel 49 der spanischen Verfassung lautete bisher:

Los poderes públicos realizaran una política de previsión, tratamiento, rehabilitación e integración de los disminuidos físicos, sensoriales y psíquicos, a los que prestarán la atención especializada que requieran y los ampararán especialmente para el disfrute de los derechos que este Título otorga a todos los ciudadanos.

Agencia Estatal Boletín Oficial del Estado, BOE, Constitución Española (versión en castellano), 1078
https://www.boe.es/legislacion/documentos/ConstitucionCASTELLANO.pdf (Stand 19.01.24)

Der Begriff „disminuidos“ wurde von Betroffenen als diskriminierend empfunden, denn „disminuido“ kann zwar auch mit „behindert“ übersetzt werden, enthält aber auch die Assoziation des „weniger wert sein“. Die katalanische Vertreterin des Comité catalán de representantes de personas con discapacitat (Cocarmi), Mercè Battle erläutert die negative Bedeutung folgendermaßen:

„Subnormal, disminuido, minusválido… son palabras con connotación negativa, ofensiva, pero es que además sitúan a la persona afectada en inferioridad de condiciones. Es el ‚ay pobrecitos‘ de toda la vida“

Elisenda Colell, ¿Por qué hay que desterrar la palabra ‚disminuido‘ para hablar de discapacidad?, El Periódico, 06.12.22 (aktualisiert am 17.1.24) https://www.elperiodico.com/es/sociedad/20221206/usar-disminuido-constitucion-discapacidad-79627789 (Stand 19.01.24)

Aus diesem Grund hatte die Real Academia de la Lengua Española das Wort in der Bedeutung von „behindert“ bereits 2020 aus ihrem Wörterbuch gestrichen und durch „discapacitado“ ersetzt. Dieser Vorschlag entsprach noch nicht vollständig den Forderungen des Comité Español de Representantes de Personas con Discapacidad (CERMI). Dem Komitee war es nämlich wichtig, zu betonen, dass die Bezeichnung ‚discapacitado‘ auch nicht ideal sei, da die Bezeichnung einer Person mit einem Adjektiv so klinge, als ob die Behinderung die massgeblich bestimmende Eigenschaft dieser Person sei. Wer als „discapacitado“ bezeichnet wird, ist eben in erster Linie behindert. Stattdessen schlug das Komitee vor, dass mit der Bezeichnung die Wertschätzung der individuellen Lebenslage einer Person anzuerkennen sei. In der Vergangenheit wurde Menschen mit Behinderungen oft der Status als vollwertige Personen abgesprochen. Daher empfahl das Komitee, besser den Begriff „personas con discapacidad“ zu verwenden, um zu zeigen, dass die Behinderung nur eine Facette der Persönlichkeit sei und nicht die gesamte Persönlichkeit der Behinderung untergeordnet werde.

Der politische Vollzug der Verfassungsänderung

Dieser Schritt ist nun endlich mit Blick auf die spanische Verfassung gelungen. Im Abgeordnetenhaus stimmten 312 Abgeordnete dafür, dass der Begriff „disminuido“ im Verfassungstext durch „personas con discapacidad“ ersetzt wird. Nur die Abgeordneten der rechtsextremen Partei VOX stimmten mit „Nein.“ Nun muss noch der Senat zustimmen, was als Formsache gilt, damit der Artikel 49 der spanischen Verfassung angepasst werden kann.

Die symbolische Dimension der Abstimmung

Was zunächst nach einem rein sprachlichen Entgegenkommen gegenüber 4 Millionen Spaniern und Spanierinnnen klingt, kann möglicherweise auch als eine Entscheidung mit symbolischer politischer Bedeutung gedeutet werden. Erstmals kam es zu einem grossen Konsens von PSOE und PP, die gemeinsam für das Streichen des Begriffs aus der Verfassung stimmten.

Wie erwähnt, stimmte VOX mit „Nein“, was die Partei damit rechtfertigte, dass sie keinen Vorschlag der derzeitigen Regierung annehmen könne, da sie diese als illegal ansehe (Sánchez hat aus einer Position der Minderheit eine regierungsfähige Koalition formiert, was verfassungskonform ist, aber von VOX anders gesehen wird). Für mich ist dieses Abstimmungsverhalten ein klares Zeichen, dass es VOX nicht um inhaltliche Sachthemen geht, sondern um ein fundamentales Dagegen. Sie profitieren nur von Polarisierung, der Konsens schwächt ihre Position. Derzeit ist die Polarisierung in Spaniens Politik so stark – in meinem letzten Beitrag schrieb ich darüber – dass es für die extremen Parteien aus taktischen Gründen keinen Konsens zwischen den oppositionellen Parteien im Kongress geben darf. Eine konsensorientierte Politik könnte den Extremen also umgekehrt auch den Wind aus den Segeln nehmen. Ein Treffen zwischen Ministerpräsident Sánchez und PP-Führer Feijóo sorgte dafür, dass es bei diesem Thema eine gemeinsame Haltung der beiden grossen Parteien geben würde. Das Treffen der beiden wurde in der spanischen Presse häufig erwähnt, was ich so interpretiere, dass diese erste gemeinsame Abstimmung möglicherweise als ein erster Schritt zur Zusammenarbeit bei weiteren Themen gehandelt werden kann. So lud denn auch Sánchez in seiner Ansprache am Abstimmungstag die Opposition zur weiteren konstruktiven Zusammenarbeit ein. Mögen denn neben vielen anderen sozialen Themen zukünftig auch Programme dazu gehören, die den Menschen mit Behinderung nicht nur sprachlich entgegenkommen, sondern ihre besonderen Bedürfnisse materiell anerkennen.