Ein Leser hat mich dankenswerterweise auf eine interessante Hörsendung des Bayerischen Rundfunks aufmerksam gemacht. Darin geht es um Dona Gracia Nasi, die ich im letzten Jahr in meinem Newsletter und auch an dieser Stelle vorstellte.
Im Mittelpunkt der Sendung von Simon Demmelhuber stehen die Erfolge Gracia Nasis als erfolgreiche Kauffrau, aber auch die dauernde Gefahr, als Tochter einer konvertierten jüdischen Familie von der Inquisition verfolgt und entmachtet zu werden. Diese Gefahr führte zu einer lebenslangen Flucht durch zahlreiche europäische Länder. Als Experte steht der Redaktion Matthias Lehmann, Professor für Neuere Jüdische Kultur- und Sozialgeschichte am Martin-Buber-Institut für Judaistik der Universität zu Köln, zur Verfügung. Seine historische Einordnung ist überaus hilfreich.
Am 18. Januar 2024 hat das spanische Abgeordnetenhaus entschieden, das Wort „disminuidos“ aus der Verfassung zu streichen. Behindertenverbände haben dies gefordert. Die Abstimmung kann nicht nur als wichtiger Erfolg der Verbände gedeutet werden, sondern vielleicht auch als ein erster Schritt, in entscheidenden Themen einen politischen Konsens der demokratischen Parteien zu finden.
Die Forderung einer sprachlichen Anpassung der spanischen Verfassung
Seit vielen Jahren forderten die Verbände, die sich für die Rechte von Personen mit Behinderungen einsetzen, dass der Artikel 49 der spanischen Verfassung an die international gängige Terminologie zur Bezeichnung von Menschen mit Behinderung angepasst werden müsse. Der Artikel 49 der spanischen Verfassung lautete bisher:
Los poderes públicos realizaran una política de previsión, tratamiento, rehabilitación e integración de los disminuidos físicos, sensoriales y psíquicos, a los que prestarán la atención especializada que requieran y los ampararán especialmente para el disfrute de los derechos que este Título otorga a todos los ciudadanos.
Der Begriff „disminuidos“ wurde von Betroffenen als diskriminierend empfunden, denn „disminuido“ kann zwar auch mit „behindert“ übersetzt werden, enthält aber auch die Assoziation des „weniger wert sein“. Die katalanische Vertreterin des Comité catalán de representantes de personas con discapacitat (Cocarmi), Mercè Battle erläutert die negative Bedeutung folgendermaßen:
„Subnormal, disminuido, minusválido… son palabras con connotación negativa, ofensiva, pero es que además sitúan a la persona afectada en inferioridad de condiciones. Es el ‚ay pobrecitos‘ de toda la vida“
Aus diesem Grund hatte die Real Academia de la Lengua Española das Wort in der Bedeutung von „behindert“ bereits 2020 aus ihrem Wörterbuch gestrichen und durch „discapacitado“ ersetzt. Dieser Vorschlag entsprach noch nicht vollständig den Forderungen des Comité Español de Representantes de Personas con Discapacidad(CERMI). Dem Komitee war es nämlich wichtig, zu betonen, dass die Bezeichnung ‚discapacitado‘ auch nicht ideal sei, da die Bezeichnung einer Person mit einem Adjektiv so klinge, als ob die Behinderung die massgeblich bestimmende Eigenschaft dieser Person sei. Wer als „discapacitado“ bezeichnet wird, ist eben in erster Linie behindert. Stattdessen schlug das Komitee vor, dass mit der Bezeichnung die Wertschätzung der individuellen Lebenslage einer Person anzuerkennen sei. In der Vergangenheit wurde Menschen mit Behinderungen oft der Status als vollwertige Personen abgesprochen. Daher empfahl das Komitee, besser den Begriff „personas con discapacidad“ zu verwenden, um zu zeigen, dass die Behinderung nur eine Facette der Persönlichkeit sei und nicht die gesamte Persönlichkeit der Behinderung untergeordnet werde.
Der politische Vollzug der Verfassungsänderung
Dieser Schritt ist nun endlich mit Blick auf die spanische Verfassung gelungen. Im Abgeordnetenhaus stimmten 312 Abgeordnete dafür, dass der Begriff „disminuido“ im Verfassungstext durch „personas con discapacidad“ ersetzt wird. Nur die Abgeordneten der rechtsextremen Partei VOX stimmten mit „Nein.“ Nun muss noch der Senat zustimmen, was als Formsache gilt, damit der Artikel 49 der spanischen Verfassung angepasst werden kann.
Die symbolische Dimension der Abstimmung
Was zunächst nach einem rein sprachlichen Entgegenkommen gegenüber 4 Millionen Spaniern und Spanierinnnen klingt, kann möglicherweise auch als eine Entscheidung mit symbolischer politischer Bedeutung gedeutet werden. Erstmals kam es zu einem grossen Konsens von PSOE und PP, die gemeinsam für das Streichen des Begriffs aus der Verfassung stimmten.
Wie erwähnt, stimmte VOX mit „Nein“, was die Partei damit rechtfertigte, dass sie keinen Vorschlag der derzeitigen Regierung annehmen könne, da sie diese als illegal ansehe (Sánchez hat aus einer Position der Minderheit eine regierungsfähige Koalition formiert, was verfassungskonform ist, aber von VOX anders gesehen wird). Für mich ist dieses Abstimmungsverhalten ein klares Zeichen, dass es VOX nicht um inhaltliche Sachthemen geht, sondern um ein fundamentales Dagegen. Sie profitieren nur von Polarisierung, der Konsens schwächt ihre Position. Derzeit ist die Polarisierung in Spaniens Politik so stark – in meinem letzten Beitrag schrieb ich darüber – dass es für die extremen Parteien aus taktischen Gründen keinen Konsens zwischen den oppositionellen Parteien im Kongress geben darf. Eine konsensorientierte Politik könnte den Extremen also umgekehrt auch den Wind aus den Segeln nehmen. Ein Treffen zwischen Ministerpräsident Sánchez und PP-Führer Feijóo sorgte dafür, dass es bei diesem Thema eine gemeinsame Haltung der beiden grossen Parteien geben würde. Das Treffen der beiden wurde in der spanischen Presse häufig erwähnt, was ich so interpretiere, dass diese erste gemeinsame Abstimmung möglicherweise als ein erster Schritt zur Zusammenarbeit bei weiteren Themen gehandelt werden kann. So lud denn auch Sánchez in seiner Ansprache am Abstimmungstag die Opposition zur weiteren konstruktiven Zusammenarbeit ein. Mögen denn neben vielen anderen sozialen Themen zukünftig auch Programme dazu gehören, die den Menschen mit Behinderung nicht nur sprachlich entgegenkommen, sondern ihre besonderen Bedürfnisse materiell anerkennen.
Die Fundación del Español Urgente (FundéuRAE), die von der Real Academia Española (RAE) und der Nachrichtenagentur EFE getragen wird, hat „polarización“ zum Wort des Jahres 2023 gewählt. Die Wahl regt zum Nachdenken an, nicht nur in sprachlicher Hinsicht, sondern auch in Bezug auf das soziologische Phänomen, das es beschreibt. Wie können wir die Fähigkeit, den Konsens zu suchen oder aber auch die Differenz zu ertragen, wieder erlernen?
Das Wort des Jahres
Die Stiftung begründet ihre Wahl mit der starken Präsenz des Begriffs in den Medien und der Bedeutungsentwicklung, die er durchlaufen hat. Als der Begriff 1884 erstmals in das Wörterbuch der RAE aufgenommen wurde, wurde er im rein physikalischen Sinn definiert, nämlich als Aktion und Wirkung, die die Pole betreffen. Im Jahr 1985 wurde ein Zusatz ergänzt, der inzwischen nicht mehr enthalten ist und darauf hinweist wie sich der Begriff über die Naturwissenschaften hinaus zu verbreiten begann: „In der Sprache der Wirtschaft der Prozess, durch den sich die meisten Industrien in bestimmten Gebieten eines Territoriums konzentrieren“. In der Ausgabe von 2001 hat sich der Begriff „polarisieren “ – und folglich auch die entsprechende Substantivierung – allgemeinsprachlich vor allem in der Bedeutung „sich in zwei entgegengesetzte Richtungen entwickeln“, also im Sinne von spalten oder trennen durchgesetzt.
Die Stiftung nennt Beispiele für die Verwendung des Wortes auf globaler Ebene: die Polarisierung der Gesellschaft, die Polarisierung in der Politik, die Polarisierung der öffentlichen Meinung, die Polarisierung der in den sozialen Medien geäußerten Meinungen usw. In diesem Sinne wird Polarisierung verwendet, um die Bedeutung einer Teilung in zwei große Blöcke oder Positionen zu vermitteln, sozusagen ein binäres Schema. Das Wort wurde aus zwölf Kandidaten ausgewählt: amnistía, ecosilencio, euríbor, FANI, fediverso, fentanilo, guerra, humanitario, macroincendio, seísmo y ultrafalso.
Polarisierung in der spanischen Gesellschaft
Die Präsenz des Wortes Polarisierung in den Medien ist weltweit zu beobachten, aber gibt es Indikatoren, die darauf hindeuten, dass die Polarisierung auch in Spanien ein zunehmendes gesellschaftliches Thema ist?
Wenn ich einen Blick auf die öffentliche Meinung in Spanien werfe, kann ich nicht sofort schlussfolgern , dass Spanien unter politischer oder gesellschaftlicher Polarisierung leidet.
Wie die obige Umfrage zeigt, hat Spanien anhaltende wirtschaftliche Sorgen, die hauptsächlich auf die hohe Arbeitslosenquote zurückzuführen sind, während die Löhne durch die Inflation aufgefressen werden. Diese werden als grosses Problem erlebt. Allerdings hat sich Spanien in den letzten Jahren vergleichsweise als ein Leuchtturm der sozialen Stabilität erwiesen. Während der Pandemie gab es einen vergleichsweise großen gesellschaftlichen Konsens über die von der Regierung ergriffenen Massnahmen. Als der Krieg in der Ukraine begann und die Inflation anstieg, war Spanien an vorderster Front dabei, den Geldbeutel seiner Bürger durch wirtschaftliche Maßnahmen zu schützen, wie die kostenlose Nutzung des ÖV, die Senkung der Mehrwertsteuer für wichtige Lebensmittel usw.
Wenn ich jedoch die sozialen Medien und die Kommentare in spanischen Zeitungen lese, wird die Polarisierung innerhalb der Gesellschaft deutlich. Der allgemeine Ton ist aggressiv und lässt wenig Raum für Nuancen oder die Bereitschaft, zu akzeptieren, dass beide Seiten ihren Standpunkt vertreten könnten. Dies ist nicht nur ein subjektiver Eindruck von meiner Seite. Der Demokratiebericht 2022 stellt fest, dass soziale Unruhen und die Verkettung von Krisen Spanien zu einem der 30 Länder gemacht haben, in denen die politische Polarisierung in den letzten zehn Jahren am stärksten zugenommen hat. Das Zentrum für Wirtschaftspolitik und politische Ökonomie (ESADE) kommt zu demselben Schluss. Die Polarisierung in Spanien hat zugenommen, wobei die Menschen sich vor allem über ideologische und identitäre Themen streiten als über die operative Politik. Hier ist eine Übersetzung des Executive Summaries des Berichts (oben verlinkt).
Spanien erlebt seit Jahren eine wachsende affektive und ideologische Polarisierung: Die politischen Parteien Spaniens liegen in ihrer ideologischen und territorialen Positionierung immer weiter auseinander und die Emotionen der Wählenden der eigenen Partei gegenüber den anderen gehören zu den negativsten der Welt.
Spanien ist in Bezug auf (ideologische oder territoriale) Identitätsfragen viel stärker polarisiert als in Bezug auf bestimmte öffentliche Politiken. In den analysierten Daten ist die ideologische und territoriale Polarisierung zwei- bis dreimal höher als die Polarisierung in Bezug auf Steuern und Einwanderung, etwa sechsmal höher als die Polarisierung in Bezug auf die öffentliche Gesundheitsversorgung und etwa fünfzehnmal höher als die nicht vorhandene Polarisierung in Bezug auf öffentliche Dienstleistungen.
Was die Maßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung des Coronavirus betrifft, so deuten die verfügbaren Daten aus der ersten Welle der Pandemie darauf hin, dass sich die Präferenzen für die wirksamsten Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie nicht zwischen den ideologischen Gruppen unterscheiden.
Die in dem Bericht aufgezeigten Daten haben eine wichtige Auswirkung auf die Verbesserung der öffentlichen Debatten: Die Diskussion über spezifische Maßnahmen kann dazu beitragen, die Spannungen zu entschärfen, die auf ideologischer und territorialer Ebene gewachsen sind.
Mir fallen spontan zwei Beispiele ein, die deutlich machen, wie emotional und ideologisch die derzeitige Polarisierung ist und wie sehr sie der Gesellschaft insgesamt schaden kann. Die beiden großen politischen Parteien des Landes, PP und PSOE, ziehen es vor, mit extremeren Parteien zu reden, als miteinander über wichtige Verfassungsfragen zu sprechen. Das finde ich schwer nachzuvollziehen, auch wenn sich beide in der Vergangenheit als Hauptgegner betrachtet haben. Heute gibt es größere und gefährlichere Gegner im Parteienspektrum. Die gewalttätigen Reaktionen auf den Plan der neuen Regierung, den katalanischen Separatisten Amnestie zu gewähren, sind ein weiteres gutes Beispiel für die identitäre Polarisierung (ich dachte deshalb auch, dass „amnistía“ das Rennen um das Wort des Jahres gewinnen würde). Ich könnte mit Beispielen weitermachen: Die Menschen streiten weniger über Interessen als über grundsätzliche Positionen.
Was können wir tun?
Wie schade! Immerhin ist Spanien laut InterNations immer noch das zweitbeste Land zum Leben für Expats. Wie der obige Bericht vorschlägt, könnte der Fokus auf konkrete Politikmaßnahmen bei der Argumentationsfindung ein wenig dazu beitragen, die Polarisierung zu verringern. Dies setzt jedoch die Bereitschaft voraus, sich die Argumente der anderen anzuhören. Wie kann dies erreicht werden, wenn sich niemand zur Mäßigung der eigenen Meinung verpflichten will oder nicht zuhört? Die Einbeziehung der Bürger und Bürgerinnen auf verschiedenen Ebenen in die politische Entscheidungsfindung könnte ein weiterer Weg sein, um Debatten zu fördern, in denen es darum geht, die wirklichen Probleme der spanischen Gesellschaft zu überwinden: Jugendarbeitslosigkeit, negative Klimaauswirkungen (z. B. die Dürre in Katalonien oder im Süden) und die Schwäche des Bildungssystems.
Die Initiative España Mejor scheint in diese Richtung zu gehen. Sie klingt ein wenig wie die Schweizer Operation Libero, eine überparteiliche Bewegung in der Schweiz, die Ideen für eine offene und liberale Gesellschaft fördert.
Nuestro objetivo es canalizar la frustración de los ciudadanos y convertirla en acción. Aprovechar el talento y trabajar juntos para una España Mejor.
Ich denke auch, dass zahlreiche Medien- und Technologieunternehmen ihre Verantwortung für die zunehmende Polarisierung erkennen müssen. Ohne ihre aggressive Jagd nach Klicks wäre die Polarisierung nicht da, wo sie jetzt ist. Je radikaler die Meldung, desto mehr Aufmerksamkeit, desto radikaler die Reaktionen,… – ein Teufelskreis. Ohne neue Geschäftsmodelle und ein klares Bekenntnis zu ethischen Grundsätzen in den Medien, wird die Polarisierung weiter zunehmen. Ich selbst habe mir vorgenommen, in Zukunft Superlative zu vermeiden. Vielleicht ist auch dies bereits ein kleiner sprachlicher Schritt, mich gemäßigter zu äußern.
Habt Ihr weitere Ideen, wie wir die medial angeheizte Polarisierung abschwächen können? Oder haltet Ihr die Polarisierung für eine positive Entwicklung, weil schwierige Entscheidungen klare Positionen erfordern? Denn nicht nur in Spanien ist Polarisierung ein großes Thema. Im Superwahljahr 2024 ist mit einer weiteren Radikalisierung ideologischer Positionen zu rechnen.
Das Original dieses Beitrags ist in englischer Sprache als Newsletter auf Substack erschienen (Bild einfach anklicken):
Das diesjährige Filmfestival von Locarno hat dem klassischen mexikanischen Kino eine unterhaltsame und künstlerisch wertvolle Retrospektive gewidmet.
Filmland Mexiko
Mexiko gilt heute als eines der bedeutensten und produktivsten Kinoländer der Welt. Guillermo del Toro, Alejandro González Iñárritu, Alfonso Cuarón und Natalia Beristain gehören zu den bekannteren Namen der internationalen Kinowelt. Doch die Relevanz des mexikanischen Kinos beschränkt sich nicht nur auf die Gegenwart. Das Filmfestival von Locarno hat dem klassischen mexikanischen Kino der 1940er bis 1960er Jahre seine diesjährige Retrospektive gewidmet. Kuratiert wurde die Retrospektive von Programmgestalter und Filmkritiker Olaf Möller, dem Kritiker Roberto Turigliatto und dem Direktor der Filmbibliothek der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko (UNAM), Hugo Villa. Ihren Titel «Espectáculo a diario» (Alltägliches Spektakel) trägt der Tatsache Rechnung, dass das Kino in jenen Jahrzehnten zur alltäglichen Unterhaltung weiter (städtischer) Bevölkerungskreise zählte. Eine Übersicht über alle Filme findet sich im Programm des Filmfestivals. Die Retrospektive bestand aus insgesamt 30 Filmen aus den Jahren 1940 bis 1969. Die Retrospektive zeigt deutlich, dass das mexikanische Kino jener Epoche nicht auf die heute noch bekannten Namen Cantinflas und María Félix reduziert werden sollte.
Meine Filmauswahl
Leider habe ich nur einen Bruchteil der angebotenen Filme sehen können, denn ich war nur vom 09. bis zum 12.08. vor Ort in Locarno. Neben der mexikanischen Retrospektive wollte ich schliesslich auch noch einige neue Filme sehen. Hier sind meine ausgewählten Filme:
La música de siempre(1956) war einer der ersten Farbfilme, die in Mexiko gedreht wurden. Die Handlung ist recht belanglos. Es geht darum, eine Rahmenhandlung zu finden, die es einer Filmcrew erlaubt, musikalische Szenen, die zunächst nichts miteinander zu tun haben, sinnstiftend aneinanderzureihen. Das ist sehr lustig und kurzweilig gestaltet, hatte aber einen ernsthaften sozialen Hintergrund. Bei dem Film handelt es sich sozusagen um eine Arbeitsbeschaffungsmassnahme für Künstler und Künstlerinnen, da der damalige Gouverneur von Mexiko-Stadt sehr hart gegen die Unterhaltungsbranche vorging. Regie führte der Chilene Tito Davison. Ich habe mich köstlich amüsiert.
Edith Piaf im Film La música de siempre
El caso de la mujer asesinadita (1955) ist ebenfalls ein höchst unterhaltsamer und vergnüglicher Film, bei dem erneut Tito Davison Regie führte. Eine reiche Frau lebt ein langweiliges Leben in ihrem prächtigen Haus. Da sie sich langweilt, liest sie viel. Diese Lektüren führen zu wilden Träumen und Vorahnungen über ihre eigene Ermordung. Der Film basiert auf dem Theaterstück von Miguel Mihura und Alvaro Laiglesia, wodurch er wie eine Art Kammerspiel wirkt.
Eine der imaginierten Szenen aus dem Film La mujer asesinadita
El corazon y la espada (1953) ähnelt vielen anderen Mantel-und-Degen-Filmen, die im Mittelalter angesiedelt sind. Das Besondere daran ist jedoch, dass es der erste mexikanische Film war, der in 3D gedreht wurde. Die Degen reichen förmlich in den Publikumsraum hinein. Die einfache Filmkulisse, die die Innenräume der Alhambra darstellen soll, erreicht so einen eindrucksvollen räumlichen Effekt. Der Plot ist ebenfalls schnell erzählt. Ein spanischer Edelmann möchte sich am Kalifen von Granada für den Tod seiner Eltern rächen. Ihn begleiten Ponce de León auf der Suche nach der Rose von Granada, die ewige Jugend verspricht, und Lolita, die das alchimistische Rezept für Gold in Granada sucht. Der Film nimmt es mit den historischen Fakten nicht allzu genau. Auch die Darstellungen der unterschiedlichen Kulturen dienen eher der dekonstruktivistischen Auseinandersetzung mit historisch geläufigen Stereotypen als der historischen Wahrheitsfindung. Regie führten Edward Dein und Carlos Véjar Jr. Die Rolle der Lolita wird übrigens von Katy Jurado gespielt, der ersten lateinamerikanischen Schauspielerin, die einen Golden Globe Award für ihre Nebenrolle im Filmklassiker High Noon erhielt.
Filmposter El corazón y la espada (der Film wurde in Locarno in S/W gezeigt)
Einordnung der Retrospektive
Leider hat die Zeit nicht für mehr Filme gereicht. Die beiden folgenden Links beinhalten eine umfassendere Bewertung der Retrospektive: einmal aus mexikanischer Perspektive, einmal aus Schweizer Sicht. Auf der Filmplattform MUBI sind einige der in Locarno vorgestellten Filme kostenlos zu sehen. Sicherlich wird man auch auf YouTube teilweise fündig. Unbedingt nachschauen möchte ich den Film La mujer murciélago und einen der zahlreichen Horrorfilme. Obwohl Horror sonst nicht zu meinen Genres gehört, erwarte ich mir vom mexikanischen Kino einen künstlerisch lustvollen Umgang mit dem Tod und seinen vermeintlichen Schrecken.
Ich war jedenfalls begeistert über die originelle und selbstbewusste Art und Weise, wie in Mexiko Filmtraditionen etwa aus den USA übernommen, emuliert bzw. auch ganz neu geschaffen wurden. Bemerkenswert ist auch – darauf wies auch Kurator Olaf Möller in einer seiner kurzen Einführungen zu den Filmen hin – wie international das mexikanische Kino in jenen Jahren bereits aufgestellt war.
Die heutigen Filmschaffenden Mexikos haben mit dem klassischen mexikanischen Kino grossartgie Vorbilder erhalten, die sie auch heute noch wertschätzen. Dies zeigt sich z.B. darin, dass der Film El suavecito dank der Zusammenarbeit mit Guillermo Del Toro restauriert werden konnte. Dank der Retrospektive «Espectáculo a diario» hat endlich auch eine grösseres Kinopublikum wieder Gelegenheit erhalten, diese Filme neu zu entdecken.
Zur Vorbereitung unserer jährlichen Wanderung auf dem Camino de Santiago habe ich endlich Sergio del Molinos Essay La España vacía. Viaje a un país que nunc tue (2016) gelesen.
Meine Besprechung findet sich – wie immer – in meinem gleichnamigen Newsletter in englischer Sprache. Hier könnt Ihr die Kritik nachlesen: https://tertulia.substack.com/p/empty-spain
Auch wenn der Titel einen Reisebericht suggeriert, ist es doch eine Art komplementäre und selektive Literaturgeschichte Spaniens, die gutes Vorwissen voraussetzt.
Die deutsche Übersetzung ist übrigens im letzten Jahr unter dem Titel Leeres Spanien. Reise in ein Land, das es nie gab im Wagenbach-Verlag erschienen. Übersetzt wurde das Buch von Peter Kultzen.
Heute gibt es einmal etwas ganz anderes, ein Impro-Gedicht. Ich habe es geschrieben, als mir im App Store einmal mehr ein Sammelsurium von Meditations- und Produktivitäts-Apps angeboten wurde.
In meinem aktuellen Newsletter geht es um dunkle und traurige Themen.
Zunächst stelle ich meine Eindrücke aus Mariana Enríquez‘ Thriller Nuestra parte de noche (2019, Unser Teil der Nacht) vor. Ich nehme es vorweg: Das Buch ist sehr düster und ein echter Schocker. Danach habe ich einmal wieder eine Podcast-Empfehlung für Euch: El hilo berichtet in einer Episode über die Gentrifizierung wichtiger Stadtviertel in Puerto Rico und was das für die Anwohnerschaft bedeutet. Wie überall, nichts Gutes. Zum Schluss habe ich noch einen Nachruf auf Moris Albahari, einen der letzten Ladino-Sprecher Bosniens.
Als Zugabe gibt es einen sozialen Protestsong aus Kolumbien. Während wir überlegen, wo wir das Übermass an Konsum diesen Winter etwas einschränken könnten, haben die Menschen an der kolumbianischen Pazifikküste noch nicht einmal die Grundversorgung an Wasser und Strom gesichert.