Digitale Lehre in der Hispanistik

logo_dhvZiel des Deutschen Hispanistikverbandes (DHV) ist es, zu einer frischen, modernen und hochqualifizierten Hispanistik in Europa beizutragen, parallel zu den entsprechenden hispanistischen Organisationen des Auslands und zur Asociación Internacional de Hispanistas (AIH).

Präsenz in Zeiten ohne Präsenzlehre

Dazu gehört nun auch eine Initiative, die das Fach auch in Zeiten ohne Konferenzen und Präsenzlehre im öffentlichen Raum sichtbar machen soll. Alle Fachkolleginnen und Fachkollegen aus spanischsprachigen Kontexten sind herzlich eingeladen, digitale Vorträge in einem Format ihrer Wahl (z.B. als Audio-/Video-Podcasts) vorzuschlagen. Diese Initiative hat der Deutsche Hispanistenverband gemeinsam mit dem Instituto Cervantes Berlin und der Wissenschafts- und Kulturabteilung der Spanischen Botschaft in Berlin auf den Weg gebracht.

Die Hispanistik auf Youtube bringen

Der Vorstand des Verbands wählt gemeinsam mit der den Vertretern der spanischen Botschaft die Vorträge seiner Mitglieder aus. Sie können aus allen fachwissenschaftlichen Bereichen sein: Sprachwissenschaft, Literatur- und Kulturwissenschaft, Didaktik, Landeskunde, Sprachpraxis –
da gibt es keine Einschränkungen. Die Vorträge können in deutscher oder spanischer Sprache sein, und können natürlich alle Kulturen der spanischsprachigen Welt umfassen.

Wichtig ist, dass sich Interessierte darauf einlassen, dass die Vorträge auf dem eigenen YouTube-Kanal des DHV und über die Webseiten des Instituto Cervantes und der Spanischen Botschaft ein breiteres Publikum erreichen werden. Die Vorträge sollten zwischen 7-15 Minuten lang sein. Ansprechpartnerin beim DHV ist die Vorsitzende Susanne Zepp von der FU Berlin (vorstand@hispanistica.de). Sie hat die Mitglieder des DHv via Email über die Initiative informiert.

Ich bin gespannt. Bisher hat sich die deutschsprachige Hispanistik – zumindest nach meinem Kenntnisstand – nicht gerade stark dafür engagiert, sich einem breiteren Publikum bekannt zu machen. Diesen Job hat man gerne dem Instituto Cervantes überlassen, das allerdings nur in den grossen Städten vertreten ist. Ich hoffe auf viele Themen aus der ganzen Hispania sowie unterschiedliche Vortragsstile und didaktische Ansätze.

Die Arbeit als Protagonist

Dank Twitter habe ich, in Zürich weilend, an einem Event der Cervantes-Institute in Hamburg und Bremen teilnehmen können. Am 25.04. informierte der Fachinformationsdienst Romanistik darüber, dass die geplante Vorführung des spanischen Films „La mano invisible“ (2016) von David Macián wegen der Einschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie nicht im Hamburger Kino3001 stattfinden würde, sondern online. So durfte ich mir aus der Ferne den Film, der auf dem gleichnamigen Roman des spanischen Autors Isaac Rosas beruht, anschauen.

Ein passender Film zum 1. Mai

In einem vermeintlichen Industrielager treffen sich täglich mehrere namenlose Menschen, um ihre Arbeit zu verrichten: Ein Maurer baut eine Mauer, die er dann abreißt; eine junge Frau setzt am Fließband Teile zusammen, ohne zu wissen, wofür sie verwendet werden; ein Metzger zerlegt verrottende Tiere; ein Lagerist bewegt Kisten von rechts nach links, eine Call-Center-Agentin sucht Teilnehmer für Umfragen, ein Informatiker entwickelt Programme, die alle Arbeiter kontrolliert. Sie stellen ihre Arbeiten vor, als wären sie auf einer Theaterbühne angeordnet. Alles wirkt düster und dunkel. Das Bühnenbild ist schwarz. Ein für uns nicht sichtbares Publikum begleitet dieses Spektakel der Arbeit. Es beobachtet die Aktivitäten auf der Bühne mit Klatschen und gelegentlichen Buhrufen.

Obwohl keiner der Arbeiter so richtig weiss, warum er tut, was er hier tut, ist es ihnen wichtig, überhaupt Arbeit zu haben. Wer keine Arbeit hat, hat keine Bühne, so scheint es. Das wird deutlich in den eingeblendeten Einstellungsgesprächen. In ihnen müssen sie eine Rekrutiererin, deren Stimme wir nur aus dem Off hören, überzeugen, weshalb ausgerechnet sie für diesen Job geeignet sind.

Bewertung

Wer ist nun die unsichtbare Hand? Der Kapitalismus, so wie Adam Smith ihn mit der Metapher der unsichtbaren Hand beschrieben hat, wäre die naheliegendste Antwort. Wir erfahren nicht wirklich, wer dieses Spektakel der eintönigen und sinnlosen Handgriffe inszeniert und letztlich auch die Verantwortung hat für das Geschehen. Letztlich können mit der „unsichtbaren Hand“ auch die Arbeiter selber gemeint sein, deren Leistungen wir im Alltag übersehen und erst als Arbeit wahrnehmen, wenn sie auf der Bühne inszeniert werden. Die Arbeit selber würde somit zum wahren Protagonisten des Films.

Der Film ist mit sparsamen Mitteln inszeniert. Dunkle Töne überwiegen. Die Schauspieler haben mich überzeugt. Glücklicherweise empfand ich den Film als weniger thesenartig, als ich zunächst aufgrund des Titels befürchtete. Mich hat der Film ein wenig an Kathrin Rögglas „Wir schlafen nicht“ erinnert, auch wenn die dort interviewten Unternehmensberater angeblich komplexeren Tätigkeiten nachgehen als die hier inszenierten Arbeiterinnen und Handwerker.

Bei dem Film handelt es sich um eine Eigenproduktion. Daher habe ich leider nicht ausfindig machen können, ob und wo man den Film online schauen könnte. Um Hinweise wäre ich dankbar. Dann nehme ich den Link gerne hier auf.

 

Erinnerungsschätze aus Kolumbien

Reisen finden derzeit im Kopf statt. Gerne erinnere ich mich an meine letzte Reise nach Medellín, im November 2019. Es scheint ewig her und doch habe ich erst jetzt die Fotos wieder angeschaut und etwas vorsortiert. Hier ein paar Impressionen, die ich gerne mit Euch teile.

Die meiste Zeit verbrachte ich in Medellín selbst, um dort Interviews zu führen. An den Wochenenden zog es mich ins Grüne, wobei auch die Stadt selber viele schöne Grünflächen anzubieten hat. Über meinen Ausflug nach Jardín habe ich bereits geschrieben.

Viele Erinnerungen, vieles zu erzählen. In den nächsten Wochen werde ich über lohnenswerte Ausflugsziele, interessante Projekte und gute Freunde in Antioquia, das Spötter auch gerne das „Texas Kolumbiens“ nennen, auf diesem Blog berichten.

„Etwas, das im Himmel wohnt“*

Collage zum Tode Ernesto Cardenals (1926-2020)

Er war einer der grossen Künstler des 20. Jahrhunderts, für die Politik, Poesie, Glaube und soziales Engagement eine Einheit bildeten. Er war einer der ersten Dichter, deren Gedichte ich auf Spanisch gelesen habe. RIP Ernesto Cardenal

Bild

Die schönste und persönlichste Kondolenzseite für ihn hat die Hilfsorganisation Pan y Arte (Brot und Kunst) veröffentlicht. Die Organisation wurde von Dietmar Schönherr gegründet, der Cardenal freundschaftlich eng verbunden war. Den beiden ist auch die Gründung des Kulturzentrums Casa de los tres mundos in der Stadt Granada (der Geburtsstadt Rubén Daríos) zu verdanken, in der Kinder und Jugendliche Musikunterricht erhalten und so eine neue Perspektive auf das Leben gewinnen.

Auszüge seiner Gedichte, teils auch in deutscher Übersetzung sind auf dem Nicaragua-Portal zu finden.

*deutscher Titel eines Gedichtbandes Ernesto Cardenals

Umweltkonflikte aus lateinamerikanischer Perspektive

Vom 24.-26. Januar 2020 fanden an der Evangelischen Akademie in Hofgeismar zum zweiten Mal Lateinamerika-Gespräche statt. Im Zentrum stand die lateinamerikanische Perspektive auf globale Umweltkonflikte und ihre sozialen Verwerfungen. Immer wieder ging es in den theoretischen Erörterungen und praktischen Fallbeispielen um die Frage, wie eine Alternative zum gegenwärtigen rohstoff- und energieintensiven Wirtschaftsmodell aussehen könnte. Mit grosser Sorge wird der derzeitige Rechtsrutsch in vielen lateinamerikanischen Ländern beobachtet, der extraktivistischen Wirtschaftsaktivitäten weiter Vorschub leistet. Eine ausführliche Zusammenfassung der Tagung kann auf den Seiten der Akademie nachgelesen werden.

Positive Erfahrungen

Ich habe im Rahmen meines Sabbaticals an der Tagung teilgenommen und fand die Veranstaltung sehr anregend. Sehr bereichernd fand ich, dass die teilnehmenden Professoren und Professorinnen aus Bielefeld und Kassel – als eine Art Exkursion – ihre Studierenden mitgebracht hatten, die sich intensiv in die Diskussionen einmischten und kluge Fragen stellten. Inhaltlich beeindruckt hat mich die Videodokumentation von Sherin Abu-Chouka und Heiko Thiele (Verein Zwischenzeit e.V.), die zeigten, was unser FSC-Papier mit Landaneignung und Umweltschädigungen im Süden Chiles zu tun hat.

Sehr bereichernd für mich war auch der persönliche Austausch mit Rosa Lehmann von der Universität Jena, die sich in ihrer Dissertation mit den ökologischen und sozialen Konflikten im Zuge des Ausbaus der Windenergie im mexikanischen Oaxaca auseinandergesetzt hat. Eines der von ihr untersuchten Projekte nutze ich gerne als Fallstudie im Unterricht, um mit den Studierenden den Multi-Stakeholder-Ansatz und interkulturelle Probleme internationaler Projekte im Anlagenbau zu besprechen.

Auch den Vortrag des Historikers Antoine Acker von der Universität Zürich zur Umweltzerstörung am Amazonas fand ich sehr interessant.

Vortrag Antoine Acker (Universität Zürich)

Mir war neu, dass der Volkswagen-Konzern in den 70er Jahren grosse Gebiete im Amazonasgebiet aufgekauft hatte, die nur aufgrund massiver Abholzung urbar gemacht werden konnten. Theoretisch und konzeptionell hilfreich fand ich den Begriff der imperialen Lebensweise, den der Wiener Politologe Ulrich Brand in einer Key Note vorstellte. Unter imperialer Lebensweise versteht er unseren westlichen Lebensstil, den wir uns nur leisten können, weil wir dessen ökologische und soziale Folgen „externalisieren“, d.h. unser Wohlstand ist nur möglich, weil andere in Armut und zerstörter Umwelt leben. Sein Vortrag selber war mir zu professoral abgehoben, aber inhaltlich dennoch spannend. Ich überlege, ob ich das Buch zum Thema, das Brand mit seinem Kollegen Markus Wissen geschrieben hat, zur Besprechung im Podcast der Mikroökonomen vorstellen soll.

Vortrag Ulrich Brand (Universität Wien)

Kritikpunkte und Ausblick

Allerdings gab es im Rahmen der Panels oft zu wenig Zeit für die gemeinsame Lösungsdiskussion. Die Inputs waren zu lang (drei Referate hintereinander), so dass uns Zuhörern teilweise die Puste ausging. In der Feedback-Runde am Schluss äusserte denn auch eine Studentin, dass sie sich mehr interaktive Slots gewünscht hätte, um das Publikum stärker in die Lösungsfindung mit einzubeziehen. Zwar war die Tagung in dem Sinn interdisziplinär, dass mehrere Fachrichtungen vertreten waren. Sie beschränkten sich allerdings auf geistes- und sozialwissenschaftliche Sichtweisen. Aus meiner Sicht fehlten Vertreter aus wirtschafts- und ingenieurswissenschaftlichen Fächern. Diese hätten sicherlich für weitaus mehr Kontroverse gesorgt, aber auch für einen guten und komplementären Austausch. Der ist nötig, denn keiner von uns hat einen vollständigen Blick auf die Umweltprobleme Lateinamerikas. Andererseits zeigt es, dass die Hofgeismarer Lateinamerika-Gespräche noch viel Potenzial haben. Im Jahr 2021 finden sie vom 22. bis zum 24. Januar statt.

Gartenstadt Jardín

Passender könnte ein Ortsname nicht sein: Das Andendorf El Jardín (= der Garten) liegt etwa 130 km südwestlich von Medellín. Während meines letzten Kolumbien-Aufenthalts habe ich den Ort, der zu den 10 schönsten Dörfern Kolumbiens gehören soll, an einem Wochenende besucht.

Die Anfahrt war beschwerlich, denn wir mussten wegen Bauarbeiten und Sperrungen aufgrund starker Regenfälle einige Umwege in Kauf nehmen: Der Bus brauchte fast 5 Stunden für die 130 km bis Jardín! Für einen Tagesausflug ist Jardín also definitiv zu weit weg von Medellín, auch wenn die neue Strasse irgendwann fertig sein sollte. Es lohnt sich aber sowieso, mindestens eine Übernachtung einzuplanen, damit man die Landschaft nicht nur vom Busfenster geniessen kann. Ausserdem hatte ich die ganze Zeit wunderbare Unterhaltung. Immer wieder werde ich in Kolumbien neugierig darauf angesprochen, weshalb ich als Frau alleine unterwegs bin.

Besonders interessant war das Gespräch mit einer Bewohnerin der Indigenen-Siedlung Karmata Rúa. Die Siedlung liegt zwischen Andes und Jardín. Die Indigenen, die dort leben, gehören zur Ethnie der Emberá Chamí. Die Frau arbeitet, wie viele junge indigene Frauen aus dem ländlichen Raum, als Hausangestellte bei einer Familie in Medellín und kann nur alle 14 Tage am Wochenende nach Hause fahren, um ihre drei Kinder zu sehen.

Im Ort selber ist der Dorfplatz das absolute Highlight – dort spielt sich das Dorfleben ab. Die Plaza ist Treffpunkt für Einheimische und Touristen gleichermassen. Ich habe mehrere Stunden dort gesessen und den Menschen amüsiert zugeschaut, bis mich dann ein kurzer Regenschauer für kurze Zeit vertrieb. Ansonsten passierte nicht viel.

Während des Regens ging ich ins Dorfmuseum Museo Clara Rojas Peláez. Das Gebäude gehörte einer der Gründerfamilien Jardíns. Ich fand die ausgestellten Stücke etwas wirr zusammengestellt, aber die Architektur des Hauses ist doch typisch für die ersten (wohlhabenden) Siedler in dieser Gegend und daher recht interessant. Die Architektur des Ortes hat sich seit der Kolonisation kaum geändert.

Die Wanderwege rund um das Dorf sind ebenfalls empfehlenswert (Mückenschutz nicht vergessen!). Die Landwirtschaft ist kleinteilig und hinterlässt deshalb einen hübschen und abwechslungsreichen Eindruck: Kaffee, Bananen, Mangos, Bohnen und Avocados wachsen hier. Also so ziemlich alles, was in Kolumbien traditionell auf den Tisch kommt. Es gibt auch organisierte Besichtigungen von Kaffeefarmen oder Forellenzucht in der Umgebung, aber ich habe mich lieber von dem trägen Fluss des Dorflebens treiben lassen. Auch für Bird Watcher ist Jardín eine gute Adresse; man müsste allerdings früher aufstehen, als ich es getan habe, um die Farbenpracht der einheimischen Vögel bewundern zu können. Nach der Hektik und den Staus in Medellín habe ich die Ruhe Jardíns sehr genossen. Es war nachts so still, dass es mir zunächst fast unheimlich wurde. Ich habe mich jederzeit sehr sicher gefühlt.

Gewohnt habe ich im familiären Hostal Mi Sueño, das ich sehr empfehlen kann. Ich habe umgerechnet 30 Franken für Übernachtung (Zimmer mit eigenem Bad) und Frühstück bezahlt. Für eine Sache bin ich meinen Gastgebern Fernando und Gilma besonders dankbar: Ich hatte mein Handy im Zimmer liegen gelassen und Doña Gilma suchte mich überall am Busbahnhof, um es mir zurückzugeben. Super nett! Ich wage gar nicht, mir vorzustellen, ich hätte erst während der Rückfahrt gemerkt, dass mein Handy fehlt. Das Bus-Ticket Medellín-Jardín kostet übrigens etwa 8 Franken für den einfachen Weg. Die Busse starten vom Terminal Sur in Medellín.

Wer geschäftlich oder privat in Medellín zu Besuch ist und mehr als einen Tag Zeit für einen Ausflug in das ländliche Antioquia hat, dem kann ich Jardín ans Herz legen. Da das Dorf auf 1750 Meter Seehöhe liegt, sind die Temperaturen sehr angenehm. Wer nur einen Tag Zeit hat, ist mit einem Ausflug nach Guatapé oder Santafé de Antioquia vielleicht besser bedient.

Der Mann, der Hunde liebte – Ein Roman über die Revolution(en)

Revolutionen sind tot, mit ihnen der Kommunismus stalinistischer Prägung. Nur in Kuba hat die Revolution kommunistischer Machart noch eine offizielle Heimat und begrüßt die Touristen mit einem verblassten Zitat Fidel Castros: Dentro de la revolución todo, contra la revolución nada (innerhalb der Revolution alles, gegen sie nichts). Wer die Insel kennengelernt hat, weiss, dass von der grossen Rhetorik nur Repression und Armut für die meisten übrig geblieben sind.

 

Mit Der Mann, der Hunde liebte hat sich Padura auf großes historisches Terrain gewagt. In seinem Roman spannt er einen weiten Handlungsbogen, der die wesentlichen Revolutionen des 20. Jahrhunderts – von der Russischen des Jahres 1917, dem Spanischen Bürgerkrieg, dem postrevolutionären Mexiko der Maler Diego Riviera und Frida Kahlo, der Revolution Fidel Castros bis zu den Ereignissen im Prag 1968 – umfasst.

Im Mittelpunkt des Geschehens stehen die letzten Lebensjahre Lew Dawidowitsch Bronsteins, besser unter seinem Pseudonym Leo Trotzki bekannt, und seines Mörders Ramón Mercader. In wechselnden Perspektiven erzählt Padura von Trotzkis zermürbenden Jahren auf der Flucht und der Vorbereitung Mercaders auf das Attentat, dem Trotzki 1940 im mexikanischen Exil zum Opfer fällt. Zusätzlich verschachtelt wird der Roman dadurch, dass ein rätselhafter Mann mit zwei Hunden am Strand Havannas dem jungen, frustrierten Schriftsteller Iván Cárdenas die Geschichte eben jenes Attentäters Mercader erzählt, der sie niederschreibt und an seinen Freund Daniel Fonseca Ledesma weitergibt. Diese Distanzierung des Autors zu den Übermittlern seiner Geschichte sagt schon sehr viel über die Motivation des Romans aus: Padura hat nicht weniger vor, als jeglichen politischen Fanatismus als ideologischen Irrsinn zu entlarven – das alles eingebettet in den tristen kubanischen Alltag (was wiederum an die Fälle seines Polizisten Mario Conde aus den Havanna-Krimis erinnert).

Was mich inhaltlich besonders gepackt hat, sind die eindringlichen Charakterdarstellungen, wie stalinistische Überzeugungen zum Verlust von Menschlichkeit führen und die Revolutionen degradieren. Bürokratie und Kontrollwahn lassen vergessen, für wen die Revolution begonnen wurde. Ganz deutlich wird dies während der Ausbildung Ramón Mercaders, der seine Identität wechselt und damit alle menschlichen Gefühle abstreift, um seine revolutionäre Mission zu erfüllen. Der Fanatismus macht aus ihm eine Maschine im Dienste Stalins, die ihn sogar seine große Liebe vergessen lässt. Dabei bleibt Mercader ideologisch unscharf; zu keinem Zeitpunkt wirkt er indoktriniert. Fast wirkt er auf uns sympathisch, wie er seinen Platz im Leben sucht, so wie wir alle. Es scheint fast so, als sei er durch die Umstände seiner Zeit fast zufällig in diese Rolle geschlüpft. Erst allmählich gewinnt seine Person an Kontur. Das Training in Sibirien macht ihn zu einem kaltblütigen Killer.

Diese menschliche Kälte ist nicht nur in der Person des Täters beobachtbar, sondern auch in der seines Opfers Trotzki, der bis auf wenige Augenblicke unnahbar bleibt. Im Dienste der Revolution gefährdet er immer wieder das Wohlergehen seiner Familie und seiner selbst. Voller Leidenschaft will er unermüdlich bis zum letzten Augenblick „seine“ Form von Revolution weiterverfolgen, auch wenn es nur noch darum gehen kann, ihre Ursprünge richtig zu dokumentieren. Einzig im Verhältnis zu seinem Hund und einer späten Leidenschaft für die Malerin Frida Kahlo flackert so etwas wie ein Hauch menschlicher Wärme in ihm auf.

Sowohl Mercader als auch Trotzki werden Opfer ihrer eigenen Ideologie, womit Padura einmal wieder zeigt, dass die Revolution ihre Kinder frisst. Wie heißt es an einer Stelle des Romans so treffend: „Mich kotzte an der Geschichte alles an.“ Gemeint ist damit nicht nur die Unfassbarkeit dieser beiden erzählten Leben im Roman, die auf tragische Weise miteinander verbunden waren, sondern auch die Geschichte im Sinne der Entwicklung unseres Menschseins. Die tristesse des zeitgenössischen Kuba setzt dem noch die Krone auf.

Padura hat die historischen Ereignisse ausgesprochen akribisch recherchiert. Mir hat vor allem auch gefallen, wie gut er die Zerrissenheit der westlichen Eliten in den dreißiger Jahren angesichts der entstehenden Totalitarismen aufzeigt. Genau das macht das Buch wiederum sehr aktuell. Das wortgewaltige Buch liest sich sprachlich sehr flüssig und ist souverän von Hans-Joachim Hartstein ins Deutsche übersetzt worden. Die komplexe Struktur wirkt nie störend oder verschleppend, sondern macht den Erzählstrang abwechslungsreich. Denn wie die Geschichte endet, wissen wir ja alle; es geht mehr um die psychologischen Antriebsfedern der handelnden Personen.

Wer sich mit der literarischen Verarbeitung historischer Revolutionen bereits vorher beschäftigt hat, findet teils Bestätigung, aber auch reine Wiederholung. Lange ist es her, aber ich habe mich etwa in meiner eigenen Magisterarbeit 1994 mit dem Begriff der Revolution in ausgewählten Werken des kubanischen Schriftstellers Alejo Carpentier beschäftigt. Wenn ich Padura beispielsweise mit Carpentiers kompaktem Roman Das Reich von dieser Welt (El reino de este mundo, 1949) vergleiche, wirken auf mich einige Passagen Paduras ein wenig langatmig, gerade auch wegen der engmaschigen historischen Bezüge. Etwas weniger wäre mehr gewesen.

Diese Buchbesprechung stammt aus dem Archiv und wurde ursprünglich 2011 auf dem Informationsportal The Intelligence veröffentlicht. Einige Passagen habe ich deshalb gekürzt bzw. aktualisiert.

Der Roman Der Mann, der Hunde liebte ist in deutscher Sprache im Unionsverlag erschienen.

Colombia Calling: Hörenswerter Podcast aus und über Kolumbien

Mit über 300 Folgen ist der Journalist und Hotelier Richard McColl längst ein Podcast-Veteran. Wöchentlich berichtet er in englischer Sprache aus Bogotá und damit „2600 metres closer to the stars“. Sein Podcast besteht aus einem Newsteil, den Adriaan Alsen von Colombia Reports aus Medellín beisteuert, und einem Interview mit thematischem Schwerpunkt. McColl selber beziffert die wöchentlichen Downloads auf etwa 10’000. Das ist eine sehr gute Zahl, wenn man bedenkt, dass er mit seinem Angebot eine Nische bedient. Wer will schon nach Kolumbien? Sein Zielpublikum besteht zum einen aus Expats in Kolumbien, vor allem aber aus Menschen, die gerne für kürzer oder länger nach Kolumbien reisen und sich jenseits der gängigen Klischees informieren möchten.

Quelle: Facebook-Seite, @ColombiaCalling

Aktuelle Episode zu Umweltproblemen Kolumbiens

Gerade die aktuelle, letzte Podcast-Episode des Jahres 2019 fand ich besonders informativ. Mit der Wissenschaftskommunikatorin Juliana Cuccaro spricht er über die drängendsten Umweltfragen Kolumbiens: Da sind zum einen das Fracking, in das die kolumbianische Öl- und Gasfirma Ecopetrol in den nächsten Jahren massiv investieren möchte. Erdöl ist eines der wichtigsten Exportgüter des Landes. Ein anderer ökologischer Dauerbrenner ist Glyphosat, dessen Einsatz zur Ausmerzung von Koka-Pflanzungen 2015 von der kolumbianischen Regierung unter Santos ausgesetzt wurde, nun aber von der Regierung Duque wieder eingefordert wird, weil sie keine anderes einfaches Mittel finden, um den Anbau der Koka-Pflanzen einzudämmen. Sehr engagiert und kenntnisreich ist Cuccaro auch bei der Diskussion um die Gefährdung der Páramos. Die Páramos sind eine in den Anden typische Hochlandsteppe, die ein wichtiges Wasserreservoir bilden. Mehrere dieser Ökosysteme sind in Kolumbien durch Bergbauprojekte bedroht z.B. in Cruz Verde, das eine wichtige Rolle in der Wasserversorgung Bogotás spielt.

Vielfältiges Themenspektrum

Die aktuelle Episode geht auf einen Hörerwunsch zurück, was wenig verwundert, denn viele Touristen kommen wegen der Biodiversität und Schönheit der Landschaft nach Kolumbien. Dank seines Netzwerks kann Richard McColl insgesamt ein grosses Themenspektrum abdecken. Da geht es – mit Blick auf das Zielpublikum und das eigene wirtschaftliche Interesse McColls (er betreibt mit seiner Frau ein Hotel in Mompós) – oft um Tourismus (z.B. LGBT-Travel, die Musikszene in Cali oder eine Erkundung des Darién, der Grenzregion zu Panamá) oder die Möglichkeiten, sich als Expat in Kolumbien eine eigene Existenz aufzubauen. Er bringt aber auch immer wieder gute Hintergrundberichte zur aktuellen politischen Lage Kolumbiens. Angesichts der starken Polarisierung der kolumbianischen Öffentlichkeit bin ich manchmal ganz froh, wenn ich mich bei ihm in einer halben Stunde recht ausgewogen informieren kann.

Podcast mit viel Potenzial

Manchmal hört McColl sich gerne selber reden. Da denke ich, er hält sich für den ultimativen Kolumbien-Kenner; aber letztlich hat er ein wirklich gutes Händchen dafür, immer wieder kompetente Gesprächspartner für seinen Podcast zu gewinnen. Er ist gut vernetzt. Teilweise lässt ab und an die Audio-Qualität zu wünschen übrig, insbesondere dann, wenn viele Nebengeräusche und Rauschen das Hörvergnügen stören. Doch man darf auch nicht vergessen, dass viel Freizeit in diesen Podcast fliesst – sowohl von Seiten McColls als auch seiner Gesprächspartner. Viele der Interviewten haben offensichtlich kein professionelles Equipment und nutzen Skype für die Interviews. Mit etwas besserer finanzieller Ausstattung könnte die technische Qualität vermutlich schnell verbessert werden. Es scheint so, dass McColl auch auf der Suche nach neuen Geldmitteln für seinen Podcast ist:

Ich jedenfalls wünsche Richard McColl weiterhin viel Erfolg mit seinem Podcast und hoffe, dass er langfristige Sponsoren findet. Der Podcast kann über alle gängigen Podcast-Apps gehört und heruntergeladen werden.

Colònia Güell – Architekturperle bei Barcelona

Nur wenige Barcelona-Touristen finden den Weg in die ehemalige Industriesiedlung Colònia Güell. Das hat sicherlich viel damit zu tun, dass Barcelona bereits im Stadtkern so viele Attraktionen zu bieten hat. Das hat aber auch mit der Eile vieler Touristen zu tun, die sich – wenn überhaupt – nur einen Ausflug in die nähere Umgebung gönnen. Und dieser eine Ausflug geht dann doch eher in das weltbekannte Kloster Montserrat. Die haben auch definitiv den besser ausgestatteten Souvenir-Shop.

Der Besuch ist einfach zu organisieren

Doch ein Ausflug lohnt sich. Ich habe das Gelände während meines letzten Barcelona-Besuchs besichtigt. Von der Plaça d’Espanya kann man jeden beliebigen S-Zug der FGC nehmen, um in weniger als einer halben Stunde nach Colonia Güell zu fahren. Vom Bahnhof ist der 10-minütige Fussmarsch zum Informationszentrum sehr gut ausgeschildert. Es befindet sich an zentraler Stelle in der ehemaligen Konsumgenossenschaft der Siedlung. Dort habe ich mir einen recht guten Audioguide ausgeliehen, der mich auf einem Rundweg in gut einer Stunde zu den wichtigsten Gebäuden führte. Der Eintritt kostet 8.50 Euro (Audio-Guide inclusive). Und ja, es hat dort auch einen kleinen Shop, der aber weitestgehend Gaudí-Souvenirs anbietet, die man auch in Barcelona selber kaufen kann. Sehr gut gelungen fand ich dagegen das Fabrikmodell im hinteren Bereich des Gebäudes, das sehr gut die Arbeitsprozesse in der ehemaligen Textilfabrik erklärt.

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Ein Ort für produktive Arbeiter

Die Industriesiedlung wurde nach ihrem Eigentümer Eusebi Güell benannt und umfasst neben den Fabrikgebäuden eine Siedlung für die Arbeiter und die bekannte Krypta, die von Antoni Gaudí stammt. Güell war für seine Zeit sehr grosszügig: Die Arbeiterhäuser hatten eine Wohnfläche von 80-140 qm. Neben der Textilfabrik und den Wohngebäuden liess Güell auch kulturelle Einrichtungen für die Bewohner bauen. Ich mochte vor allem das Schulgebäude und Lehrerhaus, die sich derzeit allerdings etwas hinter Bauzäunen verstecken. Der Fabrikant Güell hat die Arbeitersiedlung nicht aus reiner Menschenliebe gebaut. Ihm ging es auch darum, die Arbeiter fern von den Arbeitsaufständen in Barcelona der Zeit anzusiedeln und so die Produktion zu sichern: „Den Arbeitnehmern soll es an nichts fehlen, damit sie der Verpflichtung nachkommen können, jeden Tag zur Arbeit zu gehen und zu produzieren“ (eigene Übersetzung, Quelle: https://elpais.com/diario/2009/10/18/catalunya/1255828046_850215.html).

Der Gründer und Eigentümer der Siedlung auf dem Dorfplatz:
Eusebi Güell i Bacigalupi, Graf von Güell
Dieses stattliche Haus am Ortseingang steht zum Verkauf.

Schmuckstück Krypta

In einer solchen Siedlung durfte eine Kirche nicht fehlen. Antoní Gaudí erhielt den Auftrag, sie zu bauen. Sie blieb unvollendet. Lediglich das untere Schiff wurde fertig und dient noch heute als Kirche. Gaudí entwarf auch das Mobiliar (Bänke, Taufbecken, Weihwasserbehälter) für die Kirche – absolut sehenswert. Die Kirche ist das meistbesuchte Gebäude der Siedlung.

Blick ins untere Schiff der Kirche

Wenig touristisch

Stilistisch ist die Architektur dem katalanischen Modernisme zuzuordnen, auch wenn Gaudí – sonst wäre er nicht Gaudí – solche Zuordnungen gerne sprengt. Wenn heute Touristen in den Ort kommen, dann sicherlich in erster Linie wegen seiner Krypta. Insgesamt liegt der Ort sehr verschlafen da. Die heutigen Bewohner arbeiten wohl wieder eher in Barcelona und nicht mehr dort, wo sie wohnen. Die Colonia gehört zur politischen Gemeinde Santa Coloma de Cervelló. Die wenigen Bars und Restaurants richten sich in erster Linie an die Wohnbevölkerung, nicht die Touristen. Ich war allerdings auch im Oktober dort und habe das milde Wetter ebenfalls für einen Spaziergang durch die Felder genutzt. Die Ruhe tat mir gut, bevor ich mich dann wieder ins trubelige Barcelona zurückgekehrt bin.

Die Tweets stammen aus einem Thread während meines Besuchs.