Es gibt Tage, da wäre auch ich gerne Berlinerin! Die Ausstellung zum „Surrealismus in Lateinamerika“ wird am 12. Dezember 2024 um 19 Uhr im Lesesaal des IAI eröffnet.
Autor: Barbara Bohr
Mein Sommer im grünen Norden Spaniens
In Zürich liegt der erste Schnee. Zeit, endlich meine Fotos vom Sommer nochmals anzuschauen und das laufende Reisetagebuch zu aktualisieren. Auf meinem aktuellen Newsletter findet Ihr meinen Rückblick in englischer Sprache – mit vielen Fotos. Kommt mit nach Donostia, Olite und Bilbao. Hier geht’s zum Reisetagebuch: https://tertulia.substack.com/p/exploring-the-basque-country

PS: Wir waren auch noch in Hendaye, Hondarribia, Pamplona und Gernika, um auch ohne Wandern möglichst nah am Camino del Norte zu bleiben; aber dazu vielleicht später einmal mehr…
Unsere Welt in Flammen
In meinem aktuellen Newsletter stelle ich den Roman El mundo que vimos arder (2023) des Schriftstellers und Journalisten Renato Cisneros vor. Der Roman erzählt abwechselnd die Schicksale zweier Protagonisten. Da ist zum einen der peruanische Journalist, der nach der Trennung von seiner Frau nach Spanien zurückkehrt, um sein Leben neu zu ordnen. Einige Jahrzehnte zuvor verlässt Matías Giurato Roeder, ebenfalls ein Peruaner, sein Heimatland und geht in die USA, wo er die Strapazen als Soldat die Schrecken des Zweiten Weltkriegs durchlebt.

Ich kann die Lektüre nur empfehlen, denn das Buch hat mich sehr bewegt. Besonders beeindruckend war für mich die Darstellung von Matías‘ traumatischen Kriegserfahrungen und deren Auswirkungen auf ihn. Manches US-College würde den Roman wohl mit Trigger-Warnungen ausstatten: Krieg, seelische, körperliche und sexualisierte Gewalt, Tod, Flucht und Migration.
Meine Reiseerlebnisse haben die Lektüre zusätzlich intensiviert. Ich las den Roman während meines Sommerurlaubs an der nordspanischen Atlantikküste, als ich auch Gernika besuchte. Gernika wurde 1937, mitten im Spanischen Bürgerkrieg, von der Legion Condor stark bombardiert. Die Zahl der zivilen Opfer ging in die Hunderte, wobei bis heute die genaue Zahl nicht ermittelt werden kann, da sich damals zahlreiche Flüchtlinge in der baskischen Stadt aufhielten. Eine Freiluftausstellung im Stadtzentrum dokumentiert die Bombardements. Die in El mundo que vimos arder geschilderten Kriegserfahrungen wirkten wie ein bedrückendes Echo, das meinen Besuch in Gernika noch eindringlicher und erschütternder machte.
Hier geht es zur Rezension: https://tertulia.substack.com/p/the-world-we-see-burning
Neuer Spanien-Podcast: Sangría – und sonst?
Heute möchte ich Euch einen brandneuen Podcast vorstellen, in dem monatlich Themen präsentiert werden sollen, die Spanien beschäftigen. Er heisst Sangría – und sonst?
Moderiert und gestaltet wird der Podcast von zwei Journalistinnen: Julia Macher berichtet aus Barcelona, Antonia Schäfer aus Madrid. Bereits die erste Episode zeigt, dass diese Verortung nicht bedeutet, dass sich die beiden Podcasterinnen auf die beiden Metropolen beschränken, sondern auch aus anderen spanischen Regionen berichten, die thematisch jeweils relevant sind. Julia Macher ist seit vielen Jahren als freie Journalistin tätig und arbeitet u.a. für die Wochenzeitung die ZEIT oder auch für den Deutschlandfunk und die Blätter für deutsche und internationale Politik. Antonia Schäfer ist ebenfalls als freie Journalistin tätig und arbeitet ebenfalls für die ZEIT, Die Deutsche Welle und den Spiegel. Während ich Julia Macher vor allem dafür schätze, dass sie immer wieder spannende Themen aus der vermeintlichen spanischen Provinz für ein deutsches Publikum aufbereitet, kannte ich Antonia Schäfer bisher vor allem durch ihre Videobeiträge aus Kolumbien, von wo sie 2 Jahre berichtet hat.

Gute persönliche, kulturelle und fachliche Voraussetzungen also für einen inhaltlich wertvollen Podcast, der nicht nur Klischees bedienen will. Die erste Episode hat mich überzeugt. Es geht um Overtourism in Spanien und wie Spanien in verschiedenen Regionen – im Mittelpunkt des Podcasts stehen Barcelona, Mallorca und Teneriffa – mit diesem umgeht. Die beiden stützen ihre differenzierten Aussagen auf Interviews, die sie im Rahmen ihrer Aufträge führen/geführt haben. Es geht also weniger um die eigene Einschätzung, sondern um die Vermittlung der spanischen Wahrnehmung des Themas. Die beiden wechseln sich gut ab und führen das Gespräch fragegeleitet.
Der Podcast ist technisch sehr solide produziert und kommt glücklicherweise auch ohne den inzwischen vielfach üblichen Podcast-Schnickschnack (z.B. unterlegte Musik, Werbeunterbrechungen, Jingles und andere hektische Audio-Einsprengsel) aus, der mich so nervt. Zumindest bei der ersten Episode bleiben sie unter einer Stunde Laufzeit, was ich auch sehr angenehm finde.
Einen Punkt würde ich anders machen: Es könnte mehr O-Töne geben, die dann in deutscher Sprache kurz zusammengefasst werden. Ich bin überzeugt, dass viele Spanien-begeisterte Hörerinnen und Hörer dieses Podcasts des Spanischen so weit mächtig sind, dass sie grob folgen können bzw. durch die Zusammenfassung erfahren, wie viel sie verstanden haben 😎. Rieke Havertz und Klaus Brinkbäumer machen das in ihrem Podcast Okay, America? beispielsweise sehr gut, indem sie immer wieder an zentralen Stellen englische O-Töne bringen, die sie dann in deutscher Sprache zusammenfassend wiedergeben.
Ich jedenfalls wünsche dem Podcast viel Erfolg und ein langes Leben und freue mich auf die nächste Episode. Ich finde es toll, dass regelmässig aus Spanien über Spanien berichtet wird.
Hier geht es zur Homepage des Podcasts: https://sangria-und-sonst-der-spanien-podcast.simplecast.com
Windkraftprojekte und Bevölkerungswachstum: Hornillos de Cerrato als Vorzeigeprojekt
Auf meinem Newsletter auf Substack berichte ich diese Woche über die kleine Gemeinde Hornillos de Cerrato in der nordspanischen autonomen Region Castilla y León. Dort hat sich in den beiden letzten Jahrzehnten enorm viel getan. Erstmals konnte der negative Trend der Bevölkerungsentwicklung umgekehrt werden. Dank den Einkünften der Gemeinde aus den Windkraftprojekten auf ihrem Gebiet entwickelt sich allmählich wieder ein Gemeindeleben, das dem Wohlergehen der gesamten Bürgerschaft dient.
Wie sich Hornillos de Cerrato zum Vorzeigeprojekt entwickelt hat und was andere windreiche Gemeinden davon lernen, könnt Ihr in meinem aktuellen Newsletter nachlesen: https://tertulia.substack.com/p/hornillos-de-cerrato-harnessing-wind

Goldener Zankapfel: Kolumbien will den Quimbaya-Schatz zurück
In dieser Woche schreibe ich in meinem Newsletter über eine Sammlung prähispanischer Artefakte der Quimbaya-Zivilisation, die als Tesoro Quimbaya (Quimbaya-Schatz) bekannt ist. Das Museo de América in Madrid beherbergt einen Teil dieser schönen und ausserordentlich wertvollen Sammlung von Keramik- und Goldgegenständen.
Nach einer langen Kontroverse um die Restitution der Kunstgegenstände hat Kolumbien im Mai dieses Jahres die spanische Regierung förmlich um die Rückgabe der 122 Objekte gebeten. Die Geschichte, die sich hinter dieser Rückgabeforderung verbirgt, hat allerdings wenig mit den üblichen Geschichte von goldraubenden spanischen Eroberern zu tun, die den Ureinwohnern Amerikas alles nahmen, was sie besassen. Vielmehr handelt es sich um eine Herkunftsgeschichte, die so abenteuerlich klingt, als hätte sie sich Gabriel García Márquez ausgedacht.
Was es mit dem Schatz von Quimbaya auf sich hat und wie dieser nach Spanien kam, könnt Ihr hier nachlesen.

Verano azul im April
Im April war ich für eine gute Woche in Nerja, einem Küstenort etwa 60 km östlich von Málaga. Ich habe mich am Mittelmeer sehr gut erholt und vieles unternommen. Die Temperaturen waren angenehm und der Jahreszeit angemessen. An zwei Tagen trübte der Sandwind Calima etwas die Sicht, vor allem am Morgen. Anders als die nördlicheren Provinzen Spaniens blieben wir allerdings von Schlammregen verschont.
Gewohnt haben wir im Parador, der auf einer Klippe direkt über der Playa Burriana (s. Foto) thront. Die Gartenanlage ist wunderschön und ein Paradies für Vögel.
Die Highlights des Aufenthalts könnt Ihr in meinem Newsletter nachlesen: die Wanderung nach Frigiliana, ein Sonntagskonzert in der Kapelle an der Plaza de la Ermita und unser Ausflug zum Museo Carmen Thyssen in Málaga.
https://substack.com/embedjs/embed.jsDona Gracia Nasi – eine vergessene Heldin der Renaissance
Ein Leser hat mich dankenswerterweise auf eine interessante Hörsendung des Bayerischen Rundfunks aufmerksam gemacht. Darin geht es um Dona Gracia Nasi, die ich im letzten Jahr in meinem Newsletter und auch an dieser Stelle vorstellte.
Im Mittelpunkt der Sendung von Simon Demmelhuber stehen die Erfolge Gracia Nasis als erfolgreiche Kauffrau, aber auch die dauernde Gefahr, als Tochter einer konvertierten jüdischen Familie von der Inquisition verfolgt und entmachtet zu werden. Diese Gefahr führte zu einer lebenslangen Flucht durch zahlreiche europäische Länder. Als Experte steht der Redaktion Matthias Lehmann, Professor für Neuere Jüdische Kultur- und Sozialgeschichte am Martin-Buber-Institut für Judaistik der Universität zu Köln, zur Verfügung. Seine historische Einordnung ist überaus hilfreich.
Der Beitrag, den ich sehr empfehle, kann in der Mediathek des Bayerischen Rundfunks nachgehört werden.
Neues aus der Welt des Juden-Spanischen
In meinem aktuellen englischsprachigen Newsletter schreibe ich über drei Events aus der Welt des Ladino, der Sprache der sephardischen Juden. Dabei geht es um folgende drei Aktivitäten:
- Bereits im Januar stattgefunden hat der 7. New Yorker Ladino Day, dieses Mal mit überraschendem Besuch.
- Für die Publikation des beliebten Kinderbuches Romances de la rata sabia in Ladino werden noch Spenden gesucht, denn das Fundraising-Ziel ist noch nicht erreicht. Die Übersetzung ist bereits fertiggestellt.
- Im Sommer findet an der Hebrew University in Jerusalem ein Intensivkurs für Ladino und die sephardische Kultur statt.
Details zu diesen Events und kulturellen Aktivitäten könnt Ihr in meinem Newsletter nachlesen.

Eine wegweisende Abstimmung?
Am 18. Januar 2024 hat das spanische Abgeordnetenhaus entschieden, das Wort „disminuidos“ aus der Verfassung zu streichen. Behindertenverbände haben dies gefordert. Die Abstimmung kann nicht nur als wichtiger Erfolg der Verbände gedeutet werden, sondern vielleicht auch als ein erster Schritt, in entscheidenden Themen einen politischen Konsens der demokratischen Parteien zu finden.
Die Forderung einer sprachlichen Anpassung der spanischen Verfassung
Seit vielen Jahren forderten die Verbände, die sich für die Rechte von Personen mit Behinderungen einsetzen, dass der Artikel 49 der spanischen Verfassung an die international gängige Terminologie zur Bezeichnung von Menschen mit Behinderung angepasst werden müsse. Der Artikel 49 der spanischen Verfassung lautete bisher:
Los poderes públicos realizaran una política de previsión, tratamiento, rehabilitación e integración de los disminuidos físicos, sensoriales y psíquicos, a los que prestarán la atención especializada que requieran y los ampararán especialmente para el disfrute de los derechos que este Título otorga a todos los ciudadanos.
Agencia Estatal Boletín Oficial del Estado, BOE, Constitución Española (versión en castellano), 1078
https://www.boe.es/legislacion/documentos/ConstitucionCASTELLANO.pdf (Stand 19.01.24)
Der Begriff „disminuidos“ wurde von Betroffenen als diskriminierend empfunden, denn „disminuido“ kann zwar auch mit „behindert“ übersetzt werden, enthält aber auch die Assoziation des „weniger wert sein“. Die katalanische Vertreterin des Comité catalán de representantes de personas con discapacitat (Cocarmi), Mercè Battle erläutert die negative Bedeutung folgendermaßen:
„Subnormal, disminuido, minusválido… son palabras con connotación negativa, ofensiva, pero es que además sitúan a la persona afectada en inferioridad de condiciones. Es el ‚ay pobrecitos‘ de toda la vida“
Elisenda Colell, ¿Por qué hay que desterrar la palabra ‚disminuido‘ para hablar de discapacidad?, El Periódico, 06.12.22 (aktualisiert am 17.1.24) https://www.elperiodico.com/es/sociedad/20221206/usar-disminuido-constitucion-discapacidad-79627789 (Stand 19.01.24)
Aus diesem Grund hatte die Real Academia de la Lengua Española das Wort in der Bedeutung von „behindert“ bereits 2020 aus ihrem Wörterbuch gestrichen und durch „discapacitado“ ersetzt. Dieser Vorschlag entsprach noch nicht vollständig den Forderungen des Comité Español de Representantes de Personas con Discapacidad (CERMI). Dem Komitee war es nämlich wichtig, zu betonen, dass die Bezeichnung ‚discapacitado‘ auch nicht ideal sei, da die Bezeichnung einer Person mit einem Adjektiv so klinge, als ob die Behinderung die massgeblich bestimmende Eigenschaft dieser Person sei. Wer als „discapacitado“ bezeichnet wird, ist eben in erster Linie behindert. Stattdessen schlug das Komitee vor, dass mit der Bezeichnung die Wertschätzung der individuellen Lebenslage einer Person anzuerkennen sei. In der Vergangenheit wurde Menschen mit Behinderungen oft der Status als vollwertige Personen abgesprochen. Daher empfahl das Komitee, besser den Begriff „personas con discapacidad“ zu verwenden, um zu zeigen, dass die Behinderung nur eine Facette der Persönlichkeit sei und nicht die gesamte Persönlichkeit der Behinderung untergeordnet werde.
Der politische Vollzug der Verfassungsänderung
Dieser Schritt ist nun endlich mit Blick auf die spanische Verfassung gelungen. Im Abgeordnetenhaus stimmten 312 Abgeordnete dafür, dass der Begriff „disminuido“ im Verfassungstext durch „personas con discapacidad“ ersetzt wird. Nur die Abgeordneten der rechtsextremen Partei VOX stimmten mit „Nein.“ Nun muss noch der Senat zustimmen, was als Formsache gilt, damit der Artikel 49 der spanischen Verfassung angepasst werden kann.
Die symbolische Dimension der Abstimmung
Was zunächst nach einem rein sprachlichen Entgegenkommen gegenüber 4 Millionen Spaniern und Spanierinnnen klingt, kann möglicherweise auch als eine Entscheidung mit symbolischer politischer Bedeutung gedeutet werden. Erstmals kam es zu einem grossen Konsens von PSOE und PP, die gemeinsam für das Streichen des Begriffs aus der Verfassung stimmten.
Wie erwähnt, stimmte VOX mit „Nein“, was die Partei damit rechtfertigte, dass sie keinen Vorschlag der derzeitigen Regierung annehmen könne, da sie diese als illegal ansehe (Sánchez hat aus einer Position der Minderheit eine regierungsfähige Koalition formiert, was verfassungskonform ist, aber von VOX anders gesehen wird). Für mich ist dieses Abstimmungsverhalten ein klares Zeichen, dass es VOX nicht um inhaltliche Sachthemen geht, sondern um ein fundamentales Dagegen. Sie profitieren nur von Polarisierung, der Konsens schwächt ihre Position. Derzeit ist die Polarisierung in Spaniens Politik so stark – in meinem letzten Beitrag schrieb ich darüber – dass es für die extremen Parteien aus taktischen Gründen keinen Konsens zwischen den oppositionellen Parteien im Kongress geben darf. Eine konsensorientierte Politik könnte den Extremen also umgekehrt auch den Wind aus den Segeln nehmen. Ein Treffen zwischen Ministerpräsident Sánchez und PP-Führer Feijóo sorgte dafür, dass es bei diesem Thema eine gemeinsame Haltung der beiden grossen Parteien geben würde. Das Treffen der beiden wurde in der spanischen Presse häufig erwähnt, was ich so interpretiere, dass diese erste gemeinsame Abstimmung möglicherweise als ein erster Schritt zur Zusammenarbeit bei weiteren Themen gehandelt werden kann. So lud denn auch Sánchez in seiner Ansprache am Abstimmungstag die Opposition zur weiteren konstruktiven Zusammenarbeit ein. Mögen denn neben vielen anderen sozialen Themen zukünftig auch Programme dazu gehören, die den Menschen mit Behinderung nicht nur sprachlich entgegenkommen, sondern ihre besonderen Bedürfnisse materiell anerkennen.