https://www.wikidata.org/wiki/Q58175745#/media/File:Anton_Fugger_burning_the_debenture_bonds_of_Charles_V_in_1535_by_Carl_Ludwig_Friedrich_Becker.jpg

Die finanzielle Infrastruktur der Macht

Kürzlich habe ich Greg Steinmetz‘ Buch Der reichste Mann der Weltgeschichte. Leben und Werk von Jakob Fugger gelesen, um mich auf eine Reise zu den ehemaligen Fugger-Faktoreien in Spanien vorzubereiten. Die deutsche Übersetzung des englischen Originals von 2015 wurde 2025 neu aufgelegt. 2025 jährte sich Jakob Fuggers Todestag nämlich zum 500. Mal. Hier sind meine Gedanken zum Buch:

Albrecht Dürer, Jakob Fugger der Reiche (1518)

Worum geht’s

Der US-amerikanische Journalist Greg Steinmetz erzählt das Leben von Jakob Fugger (1459–1525), dem einflussreichsten Kaufmann und Bankier der Renaissance. Er zeigt, wie ihn sein unternehmerisches Geschick, sein Machtbewusstsein und seine hohe Risikobereitschaft zu enormem wirtschaftlichem und politischem Einfluss verhalfen. Das Buch schildert Fuggers Aufstieg vom Augsburger Handelshaus zur globalen Finanzmacht, seine Rolle als Kreditgeber europäischer Könige, Kaiser und des Papstes sowie seine strategischen Investitionen in Bergbau und Handel. Zugleich verbindet Steinmetz die Biografie Fuggers mit einer grösseren wirtschafts- und machtgeschichtlichen Perspektive: Jakob Fugger wird als Prototyp eines frühkapitalistischen Patrons dargestellt. Er baut ein Wirtschaftsimperium auf, von dem die Politik in vielfacher Weise abhängig wird. Günter Ogger hat dies bereits 1979 auf die griffige Formel Kauf Dir einen Kaiser gebracht.

Was mir gefiel

Ich mochte den unterhaltsamen Stil. Das Buch liest sich wie ein Drehbuch für eine Fernsehdokumentation. Das wirkt lebendig, mit dramatischen Szenen und einer klaren Erzählstruktur entlang der Lebensstationen Fuggers. Steinmetz versteht es auch, komplexe Finanztransaktionen verständlich und spannend zu vermitteln. Die Mischung aus Biografie und wirtschaftshistorischem Kontext bietet einen guten Überblick, weshalb das Buch als Einstieg für Nicht-Historiker geeignet ist. Damit sind wir aber auch schon bei den Kritikpunkten.

Was mir weniger gefiel

Steinmetz stützt sich stark auf sekundäre Literatur, was eine historisch geschulte Leserschaft nicht überzeugen kann. Die chronologische Darstellung führt zu Wiederholungen, da Fuggers Handeln oft ähnliche Muster aufweist oder zumindest vermuten lässt. Eine thematische Verdichtung (z.B. entlang dieser Muster oder Geschäftsgebaren) wäre gerade für die finanz- oder wirtschaftsgeschichtliche Einordnung aufschlussreich gewesen. Einige Schilderungen wirken auch sehr oberflächlich und zeugen von wenig Ortskenntnis. Zum Beispiel wird die Quecksilbermine von Almadén in die Verwaltungseinheit des Maestrazgo in Aragón verlegt (S. 260). Almadén befindet sich jedoch in der Provinz Ciudad Real (Kastilien-La Mancha). Hier sitzt Steinmetz einer rein sprachlichen Übereinstimmung von Begriffen auf. Die gebirgige Landschaft des Maestrazgo hat ihren Namen von den Meistern der Militärorden («los maestres»), die dort die Gerichtsbarkeit ausübten. In den Geschäftsunterlagen der Fugger bezeichnet «maestrazgo» dagegen das Recht oder Amt des «maestre», der für den Betrieb der Bergwerke zuständig war. Auch hier geht der Begriff darauf zurück, dass diese Rechte bei den Militärorden lagen, bevor sie an die Krone fielen. Wenn wir also im Zusammenhang mit den Fuggern von «maestrazgo» sprechen, geht es nicht um eine territoriale Bezeichnung, sondern allgemein um das Unterhalts- und Nutzungsrecht an einem Bergwerk. Mit solchen «maestrazgos» sicherte Fugger nicht nur seine Kredite ab, sondern liess sich die Kredite auch gut bezahlen, denn diese Einkünfte bildeten eine im Rahmen des kirchlichen Zinsverbots konstruierte Form der Kompensation.

Fazit

Das Buch ist unterhaltsam und flüssig geschrieben. Als populärwissenschaftlicher Einstieg taugt es gut, doch für eine fundierte Auseinandersetzung mit Fuggers Motivation und der historischen Einordnung sind spezialisiertere Quellen erforderlich. Wer eine dramatische Erzählung sucht, wird sich gut bedient fühlen. Wer analytische Tiefe erwartet, sollte weiterlesen. Für die Vorbereitung meiner Spanienreise taugte es jedenfalls überhaupt nicht. Was Spanien angeht, ist denn auch Jakobs Neffe Anton von grösserer Bedeutung. Erst Anton erweiterte die Geschäftsaktivitäten mit Spanien massiv; aber sein Onkel Jakob legte mit der massiven finanziellen Unterstützung Karls V. den Grundstein dafür.

Spannend bleibt Fuggers Leben und Wirken bis heute, denn die Fragen, die sich aus der Lektüre ergeben, sind aktuell und relevant: Was treibt Menschen an, die nach immer mehr Macht und Reichtum streben? Wie kann man diese Gier nach Wachstum erklären? Wie entsteht die wirtschaftliche Infrastruktur eines der grössten Reiche, die Europa je hatte, und wer hatte das Sagen? Wie viel Macht sollen Finanzakteure über politische Entscheidungen haben? Wann und wie soll man sie regulieren? Wenig überraschend funktionieren viele von Fuggers Methoden und Verhaltensstrategien noch heute im Geschäftsleben. Tatsächlich zeigt Fuggers Geschichte aber auch, dass der Kapitalismus nicht naturgegeben ist, sondern ein von Menschen gemachtes System, das bei Bedarf umgestaltet werden kann.