Der Mann, der Hunde liebte – Ein Roman über die Revolution(en)

Revolutionen sind tot, mit ihnen der Kommunismus stalinistischer Prägung. Nur in Kuba hat die Revolution kommunistischer Machart noch eine offizielle Heimat und begrüßt die Touristen mit einem verblassten Zitat Fidel Castros: Dentro de la revolución todo, contra la revolución nada (innerhalb der Revolution alles, gegen sie nichts). Wer die Insel kennengelernt hat, weiss, dass von der grossen Rhetorik nur Repression und Armut für die meisten übrig geblieben sind.

 

Mit Der Mann, der Hunde liebte hat sich Padura auf großes historisches Terrain gewagt. In seinem Roman spannt er einen weiten Handlungsbogen, der die wesentlichen Revolutionen des 20. Jahrhunderts – von der Russischen des Jahres 1917, dem Spanischen Bürgerkrieg, dem postrevolutionären Mexiko der Maler Diego Riviera und Frida Kahlo, der Revolution Fidel Castros bis zu den Ereignissen im Prag 1968 – umfasst.

Im Mittelpunkt des Geschehens stehen die letzten Lebensjahre Lew Dawidowitsch Bronsteins, besser unter seinem Pseudonym Leo Trotzki bekannt, und seines Mörders Ramón Mercader. In wechselnden Perspektiven erzählt Padura von Trotzkis zermürbenden Jahren auf der Flucht und der Vorbereitung Mercaders auf das Attentat, dem Trotzki 1940 im mexikanischen Exil zum Opfer fällt. Zusätzlich verschachtelt wird der Roman dadurch, dass ein rätselhafter Mann mit zwei Hunden am Strand Havannas dem jungen, frustrierten Schriftsteller Iván Cárdenas die Geschichte eben jenes Attentäters Mercader erzählt, der sie niederschreibt und an seinen Freund Daniel Fonseca Ledesma weitergibt. Diese Distanzierung des Autors zu den Übermittlern seiner Geschichte sagt schon sehr viel über die Motivation des Romans aus: Padura hat nicht weniger vor, als jeglichen politischen Fanatismus als ideologischen Irrsinn zu entlarven – das alles eingebettet in den tristen kubanischen Alltag (was wiederum an die Fälle seines Polizisten Mario Conde aus den Havanna-Krimis erinnert).

Was mich inhaltlich besonders gepackt hat, sind die eindringlichen Charakterdarstellungen, wie stalinistische Überzeugungen zum Verlust von Menschlichkeit führen und die Revolutionen degradieren. Bürokratie und Kontrollwahn lassen vergessen, für wen die Revolution begonnen wurde. Ganz deutlich wird dies während der Ausbildung Ramón Mercaders, der seine Identität wechselt und damit alle menschlichen Gefühle abstreift, um seine revolutionäre Mission zu erfüllen. Der Fanatismus macht aus ihm eine Maschine im Dienste Stalins, die ihn sogar seine große Liebe vergessen lässt. Dabei bleibt Mercader ideologisch unscharf; zu keinem Zeitpunkt wirkt er indoktriniert. Fast wirkt er auf uns sympathisch, wie er seinen Platz im Leben sucht, so wie wir alle. Es scheint fast so, als sei er durch die Umstände seiner Zeit fast zufällig in diese Rolle geschlüpft. Erst allmählich gewinnt seine Person an Kontur. Das Training in Sibirien macht ihn zu einem kaltblütigen Killer.

Diese menschliche Kälte ist nicht nur in der Person des Täters beobachtbar, sondern auch in der seines Opfers Trotzki, der bis auf wenige Augenblicke unnahbar bleibt. Im Dienste der Revolution gefährdet er immer wieder das Wohlergehen seiner Familie und seiner selbst. Voller Leidenschaft will er unermüdlich bis zum letzten Augenblick „seine“ Form von Revolution weiterverfolgen, auch wenn es nur noch darum gehen kann, ihre Ursprünge richtig zu dokumentieren. Einzig im Verhältnis zu seinem Hund und einer späten Leidenschaft für die Malerin Frida Kahlo flackert so etwas wie ein Hauch menschlicher Wärme in ihm auf.

Sowohl Mercader als auch Trotzki werden Opfer ihrer eigenen Ideologie, womit Padura einmal wieder zeigt, dass die Revolution ihre Kinder frisst. Wie heißt es an einer Stelle des Romans so treffend: „Mich kotzte an der Geschichte alles an.“ Gemeint ist damit nicht nur die Unfassbarkeit dieser beiden erzählten Leben im Roman, die auf tragische Weise miteinander verbunden waren, sondern auch die Geschichte im Sinne der Entwicklung unseres Menschseins. Die tristesse des zeitgenössischen Kuba setzt dem noch die Krone auf.

Padura hat die historischen Ereignisse ausgesprochen akribisch recherchiert. Mir hat vor allem auch gefallen, wie gut er die Zerrissenheit der westlichen Eliten in den dreißiger Jahren angesichts der entstehenden Totalitarismen aufzeigt. Genau das macht das Buch wiederum sehr aktuell. Das wortgewaltige Buch liest sich sprachlich sehr flüssig und ist souverän von Hans-Joachim Hartstein ins Deutsche übersetzt worden. Die komplexe Struktur wirkt nie störend oder verschleppend, sondern macht den Erzählstrang abwechslungsreich. Denn wie die Geschichte endet, wissen wir ja alle; es geht mehr um die psychologischen Antriebsfedern der handelnden Personen.

Wer sich mit der literarischen Verarbeitung historischer Revolutionen bereits vorher beschäftigt hat, findet teils Bestätigung, aber auch reine Wiederholung. Lange ist es her, aber ich habe mich etwa in meiner eigenen Magisterarbeit 1994 mit dem Begriff der Revolution in ausgewählten Werken des kubanischen Schriftstellers Alejo Carpentier beschäftigt. Wenn ich Padura beispielsweise mit Carpentiers kompaktem Roman Das Reich von dieser Welt (El reino de este mundo, 1949) vergleiche, wirken auf mich einige Passagen Paduras ein wenig langatmig, gerade auch wegen der engmaschigen historischen Bezüge. Etwas weniger wäre mehr gewesen.

Diese Buchbesprechung stammt aus dem Archiv und wurde ursprünglich 2011 auf dem Informationsportal The Intelligence veröffentlicht. Einige Passagen habe ich deshalb gekürzt bzw. aktualisiert.

Der Roman Der Mann, der Hunde liebte ist in deutscher Sprache im Unionsverlag erschienen.

Colombia Calling: Hörenswerter Podcast aus und über Kolumbien

Mit über 300 Folgen ist der Journalist und Hotelier Richard McColl längst ein Podcast-Veteran. Wöchentlich berichtet er in englischer Sprache aus Bogotá und damit „2600 metres closer to the stars“. Sein Podcast besteht aus einem Newsteil, den Adriaan Alsen von Colombia Reports aus Medellín beisteuert, und einem Interview mit thematischem Schwerpunkt. McColl selber beziffert die wöchentlichen Downloads auf etwa 10’000. Das ist eine sehr gute Zahl, wenn man bedenkt, dass er mit seinem Angebot eine Nische bedient. Wer will schon nach Kolumbien? Sein Zielpublikum besteht zum einen aus Expats in Kolumbien, vor allem aber aus Menschen, die gerne für kürzer oder länger nach Kolumbien reisen und sich jenseits der gängigen Klischees informieren möchten.

Quelle: Facebook-Seite, @ColombiaCalling

Aktuelle Episode zu Umweltproblemen Kolumbiens

Gerade die aktuelle, letzte Podcast-Episode des Jahres 2019 fand ich besonders informativ. Mit der Wissenschaftskommunikatorin Juliana Cuccaro spricht er über die drängendsten Umweltfragen Kolumbiens: Da sind zum einen das Fracking, in das die kolumbianische Öl- und Gasfirma Ecopetrol in den nächsten Jahren massiv investieren möchte. Erdöl ist eines der wichtigsten Exportgüter des Landes. Ein anderer ökologischer Dauerbrenner ist Glyphosat, dessen Einsatz zur Ausmerzung von Koka-Pflanzungen 2015 von der kolumbianischen Regierung unter Santos ausgesetzt wurde, nun aber von der Regierung Duque wieder eingefordert wird, weil sie keine anderes einfaches Mittel finden, um den Anbau der Koka-Pflanzen einzudämmen. Sehr engagiert und kenntnisreich ist Cuccaro auch bei der Diskussion um die Gefährdung der Páramos. Die Páramos sind eine in den Anden typische Hochlandsteppe, die ein wichtiges Wasserreservoir bilden. Mehrere dieser Ökosysteme sind in Kolumbien durch Bergbauprojekte bedroht z.B. in Cruz Verde, das eine wichtige Rolle in der Wasserversorgung Bogotás spielt.

Vielfältiges Themenspektrum

Die aktuelle Episode geht auf einen Hörerwunsch zurück, was wenig verwundert, denn viele Touristen kommen wegen der Biodiversität und Schönheit der Landschaft nach Kolumbien. Dank seines Netzwerks kann Richard McColl insgesamt ein grosses Themenspektrum abdecken. Da geht es – mit Blick auf das Zielpublikum und das eigene wirtschaftliche Interesse McColls (er betreibt mit seiner Frau ein Hotel in Mompós) – oft um Tourismus (z.B. LGBT-Travel, die Musikszene in Cali oder eine Erkundung des Darién, der Grenzregion zu Panamá) oder die Möglichkeiten, sich als Expat in Kolumbien eine eigene Existenz aufzubauen. Er bringt aber auch immer wieder gute Hintergrundberichte zur aktuellen politischen Lage Kolumbiens. Angesichts der starken Polarisierung der kolumbianischen Öffentlichkeit bin ich manchmal ganz froh, wenn ich mich bei ihm in einer halben Stunde recht ausgewogen informieren kann.

Podcast mit viel Potenzial

Manchmal hört McColl sich gerne selber reden. Da denke ich, er hält sich für den ultimativen Kolumbien-Kenner; aber letztlich hat er ein wirklich gutes Händchen dafür, immer wieder kompetente Gesprächspartner für seinen Podcast zu gewinnen. Er ist gut vernetzt. Teilweise lässt ab und an die Audio-Qualität zu wünschen übrig, insbesondere dann, wenn viele Nebengeräusche und Rauschen das Hörvergnügen stören. Doch man darf auch nicht vergessen, dass viel Freizeit in diesen Podcast fliesst – sowohl von Seiten McColls als auch seiner Gesprächspartner. Viele der Interviewten haben offensichtlich kein professionelles Equipment und nutzen Skype für die Interviews. Mit etwas besserer finanzieller Ausstattung könnte die technische Qualität vermutlich schnell verbessert werden. Es scheint so, dass McColl auch auf der Suche nach neuen Geldmitteln für seinen Podcast ist:

Ich jedenfalls wünsche Richard McColl weiterhin viel Erfolg mit seinem Podcast und hoffe, dass er langfristige Sponsoren findet. Der Podcast kann über alle gängigen Podcast-Apps gehört und heruntergeladen werden.

Colònia Güell – Architekturperle bei Barcelona

Nur wenige Barcelona-Touristen finden den Weg in die ehemalige Industriesiedlung Colònia Güell. Das hat sicherlich viel damit zu tun, dass Barcelona bereits im Stadtkern so viele Attraktionen zu bieten hat. Das hat aber auch mit der Eile vieler Touristen zu tun, die sich – wenn überhaupt – nur einen Ausflug in die nähere Umgebung gönnen. Und dieser eine Ausflug geht dann doch eher in das weltbekannte Kloster Montserrat. Die haben auch definitiv den besser ausgestatteten Souvenir-Shop.

Der Besuch ist einfach zu organisieren

Doch ein Ausflug lohnt sich. Ich habe das Gelände während meines letzten Barcelona-Besuchs besichtigt. Von der Plaça d’Espanya kann man jeden beliebigen S-Zug der FGC nehmen, um in weniger als einer halben Stunde nach Colonia Güell zu fahren. Vom Bahnhof ist der 10-minütige Fussmarsch zum Informationszentrum sehr gut ausgeschildert. Es befindet sich an zentraler Stelle in der ehemaligen Konsumgenossenschaft der Siedlung. Dort habe ich mir einen recht guten Audioguide ausgeliehen, der mich auf einem Rundweg in gut einer Stunde zu den wichtigsten Gebäuden führte. Der Eintritt kostet 8.50 Euro (Audio-Guide inclusive). Und ja, es hat dort auch einen kleinen Shop, der aber weitestgehend Gaudí-Souvenirs anbietet, die man auch in Barcelona selber kaufen kann. Sehr gut gelungen fand ich dagegen das Fabrikmodell im hinteren Bereich des Gebäudes, das sehr gut die Arbeitsprozesse in der ehemaligen Textilfabrik erklärt.

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Ein Ort für produktive Arbeiter

Die Industriesiedlung wurde nach ihrem Eigentümer Eusebi Güell benannt und umfasst neben den Fabrikgebäuden eine Siedlung für die Arbeiter und die bekannte Krypta, die von Antoni Gaudí stammt. Güell war für seine Zeit sehr grosszügig: Die Arbeiterhäuser hatten eine Wohnfläche von 80-140 qm. Neben der Textilfabrik und den Wohngebäuden liess Güell auch kulturelle Einrichtungen für die Bewohner bauen. Ich mochte vor allem das Schulgebäude und Lehrerhaus, die sich derzeit allerdings etwas hinter Bauzäunen verstecken. Der Fabrikant Güell hat die Arbeitersiedlung nicht aus reiner Menschenliebe gebaut. Ihm ging es auch darum, die Arbeiter fern von den Arbeitsaufständen in Barcelona der Zeit anzusiedeln und so die Produktion zu sichern: „Den Arbeitnehmern soll es an nichts fehlen, damit sie der Verpflichtung nachkommen können, jeden Tag zur Arbeit zu gehen und zu produzieren“ (eigene Übersetzung, Quelle: https://elpais.com/diario/2009/10/18/catalunya/1255828046_850215.html).

Der Gründer und Eigentümer der Siedlung auf dem Dorfplatz:
Eusebi Güell i Bacigalupi, Graf von Güell
Dieses stattliche Haus am Ortseingang steht zum Verkauf.

Schmuckstück Krypta

In einer solchen Siedlung durfte eine Kirche nicht fehlen. Antoní Gaudí erhielt den Auftrag, sie zu bauen. Sie blieb unvollendet. Lediglich das untere Schiff wurde fertig und dient noch heute als Kirche. Gaudí entwarf auch das Mobiliar (Bänke, Taufbecken, Weihwasserbehälter) für die Kirche – absolut sehenswert. Die Kirche ist das meistbesuchte Gebäude der Siedlung.

Blick ins untere Schiff der Kirche

Wenig touristisch

Stilistisch ist die Architektur dem katalanischen Modernisme zuzuordnen, auch wenn Gaudí – sonst wäre er nicht Gaudí – solche Zuordnungen gerne sprengt. Wenn heute Touristen in den Ort kommen, dann sicherlich in erster Linie wegen seiner Krypta. Insgesamt liegt der Ort sehr verschlafen da. Die heutigen Bewohner arbeiten wohl wieder eher in Barcelona und nicht mehr dort, wo sie wohnen. Die Colonia gehört zur politischen Gemeinde Santa Coloma de Cervelló. Die wenigen Bars und Restaurants richten sich in erster Linie an die Wohnbevölkerung, nicht die Touristen. Ich war allerdings auch im Oktober dort und habe das milde Wetter ebenfalls für einen Spaziergang durch die Felder genutzt. Die Ruhe tat mir gut, bevor ich mich dann wieder ins trubelige Barcelona zurückgekehrt bin.

Die Tweets stammen aus einem Thread während meines Besuchs.