Themen aus drei Kontinenten

Die aktuelle Ausgabe des Tertulia-Newsletters wartet mit Themen aus drei Kontinenten auf:

  • Ich stelle Euch Estanislao Medina Huesca vor, einen jungen Schriftsteller aus Malabó, der Hauptsstadt Äquatorialguineas. Spanisch ist eine Nationalsprache des afrikanischen Landes, weil es von 1778 bis zur Unabhängigkeit 1968 spanische Kolonie war, die einzige in Afrika südlich der Sahara.
  • El País hat eine guten Überblick über Neuerscheinungen zum Thema republikanisches Exil veröffentlicht. Der Zeitpunkt kommt nicht von ungefähr, denn das spanische Ministerium für Präsidiales, die Beziehungen zum Parlament und das demokratische Gedächtnis (Ministerio de la Presidencia, Relaciones con las Cortes y Memoria Democrática, MPR) hat am 08. Mai einen Staatsakt zum Gedenken und zur Ehrung der spanischen Exilanten durchgeführt. Das ist auch für mich ein guter Anlass, auf ein paar Bücher meiner Lieblingsautoren hinzuweisen, die das Thema des republikanischen Exils literarisch verarbeiten.
  • Der Philosoph José Luis Villacañas hat eine neue Biographie über den Humanisten Luis Vives geschrieben. Dazu gibt es auch den Link zu einem Video, in dem er anlässlich einer Veranstaltung mit dem Centro Sefarad-Israel das Buch vorstellt. Etwas länger, aber dafür etwas dialogischer, ist diese Buchbesprechung in der Fundación Juan March, die das Projekt finanziert hat. Auch Luis Vives ist streng genommen eine Art Exilant. Der Sohn von conversos verliess aus Sorge vor der Inquisition Spanien und lebte später hauptsächlich in Brügge. Er schrieb alle seine Werke in lateinischer Sprache.

Und wie immer gibt es zum Schluss etwas Musikalisches, Genussvolles oder etwas Nachdenkliches. Dieses Mal handelt es sich um eine Twitter-Reflexion des Kulturkritikers Jorge Carrión.

Viel Spass bei der Lektüre: Tertulia, vol. 11

Der Blick zurück: Juan Gabriel Vásquez‘ neuer Roman

Die Katastrophe dieser Tage zählt bereits etwa dreißig Tote, aber in Wirklichkeit reicht die Liste der Opfer sehr weit in die Vergangenheit zurück. Das geht in meinem Land, das von den schlechten Nachrichten der Gegenwart so überwältigt ist, dass es weder Zeit noch Kopf hat, sich mit der näheren Vergangenheit zu beschäftigen, leicht vergessen. (Juan Gabriel Vásquez, „Protestas en Colombia: La historia de un incendio“, El País, 9.5.21)

Mit diesen Sätzen kommentiert der kolumbianische Schriftsteller Juan Gabriel Vásquez die aktuellen Ereignisse in Kolumbien, wo seit dem 27. April zahlreiche Demonstrationen und Proteste als Ausdruck der Unzufriedenheit mit der sozioökonomischen Situationen des Landes stattfinden. Die Proteste, paro nacional, haben zu einer Eskalation der Gewalt geführt, mit inzwischen mehr als 30 Toten und zahlreichen Vermissten auf Seiten der Demonstrierenden sowie zu mehr als 600 verletzten Polizisten. Wie Vásquez richtig schreibt, kommen diese Proteste nicht ganz unvorbereitet, sondern sind Ausdruck einer Unzufriedenheit, die sich seit einigen Jahren aufgestaut hat.

Was Vásquez in seinem Kommentar für El País beschreibt, ist immer wieder Thema einiger seiner Romane: die politische und soziale Polarisierung in seinem Land, die rasche und unversöhnliche Eskalation der Gewalt der beteiligten Parteien sowie die utopische Suche nach einer Zukunft, die alle einschliessen könnte – auch wenn dies bedeuten könnte, dass diejenigen, die gegenläufige Vorstellungen haben, zum Schweigen gebracht werden müssen. So auch in seinem neuen Roman, Volver la vista atrás: Es braucht Zeit und Kopf, die eigene Vergangenheit und Grundhaltungen kritisch zu analysieren, um neue Wege zu finden.


Bei dem Buch handelt es sich um einen Rückblick auf das Leben des bekannten kolumbianischen Regisseurs Sergio Cabrera und seiner Familie. Die Familiensage illustriert, wie politischer Idealismus zu Gewaltbereitschaft und Terror führen kann. Der Roman ist sehr gut geschrieben, in einem kristallklaren und sehr nüchternen Stil, wie er für Vásquez typisch ist. Mit diesem Rückblick gelingt ihm nicht nur eine Rückschau auf 80 Jahre Familiengeschichte, sondern auch eine Rückschau auf das 20. Jahrhundert, seine sozialen Bewegungen und das Engagement von Intellektuellen.

In meinem aktuellen Newsletter habe ich ausführlicher über den Roman und seinen kulturellen Kontext geschrieben.