Letzte Woche schrieben rund 300 deutsche Touristen an Bord des Kreuzfahrtschiffs MS Hamburg Geschichte, als sie in der kolumbianischen Hafenstadt Buenaventura anlegten. Während ihres Besuchs machten die Touristen das, was Touristen auf Tagesausflug so tun: Sie schlenderten den Malecón entlang, genossen ein traditionelles Mittagessen, erkundeten ein nahe gelegenes Naturschutzgebiet und schlossen ihren Ausflug auf einem Markt für Kunsthandwerk ab, um Souvenirs einzukaufen.
Das Ereignis erregte in Kolumbien landesweites Medieninteresse. Denn welcher Kolumbianer, welche Kolumbianerin, so fragten einige spitz, will schon in Buenaventura Ferien machen? Buenaventura ist eine der Städte Kolumbiens mit der höchsten Kriminalitätsrate. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Abwanderungsrate daher ebenfalls. In meinem aktuellen Newsletter zeichne ich die Debatte nach. Dort könnt Ihr die Debatte um die touristische Zukunft der Stadt am Pazifik nachlesen.
Bei der Vorbereitung einer Buchbesprechung für den Podcast Mikroökonomen stieß ich auf ein technologisches Projekt, das in Fachkreisen der Management-Kybernetik und des Operations Research bekannt ist, aber eine weitaus breitere Öffentlichkeit verdient. Es handelt sich um das chilenische Projekt Cybersyn (abgeleitet von Kybernetik + Synergie, auch „Proyecto Synco“) aus den Jahren 1971-1973, das unter der Regierung des Präsidenten Salvador Allende entworfen wurde, leider aber nie über den Status eines Prototyps hinauskam Werfen wir einen kurzen Blick auf dieses Projekt, das seiner Zeit konzeptionell weit voraus war.
Das Projekt habe ich in meinem aktuellen englischsprachigen Newsletter vorgestellt. Wenn Ihr auf das Bild klickt, kommt Ihr zum Text.
Lange habe ich überlegt, ob ich einen eigenen Beitrag zu diesem wichtigen Ereignis der lateinamerikanischen Geschichte des 20. Jahrhunderts schreiben soll. Doch werden dieser Tage, in denen sich der Jahrestages des Militärputsches gegen die Regierung Salvador Allendes zum 50. Mal jährt, einige gute Rückblicke geschrieben bzw. dokumentiert, so dass ich Redundanz vermeiden und stattdessen auf diese verweisen kann.
Besonders empfehle ich die dreiteilige Dokumentationsserie Der Kampf um Chile von 1975-1979. Sie wird diese Woche von ARTE auch im analogen Fernsehen ausgestrahlt, ist aber bis 2026 in der Mediathek verfügbar. Sie ist ein wichtiges Zeitzeugnis der 70er Jahre und hat auch noch mein späteres Bild des Staatsstreiches als Schülerin geprägt.
Wie Gitte Cullmann für die Heinrich-Böll-Stiftung schreibt, sind aus den Wunden von damals Narben geworden. Sie hindern die politischen Seiten im Land (und außerhalb) immer noch daran, einen zukunftsgerichteten Diskurs im Umgang mit dieser gewalttätigen Machtübernahme Augusto Pinochets zu finden. Deshalb ist die Initiative des derzeitigen chilenischen Staatspräsidenten Gabriel Boric und vier seiner Vorgänger bzw. Vorgängerin, die seit dem Wiederherstellen der Demokratie das Land geführt haben, umso wichtiger. Sie appellieren, jenseits aller politischen Differenzen die Erinnerung an die Ereignisse wach zu halten, um die Demokratie weiter zu stärken. Ob die Initiative über den symbolischen Charakter hinaus etwas bewegen kann, ist völlig unklar. Es braucht mehr als Papier, um die zerstrittenen Parteien wieder miteinander ins Gespräch zu bringen.
Auch literarisch spielt der Militärputsch gegen Salvador Allende bis heute eine grosse Rolle. Anekdotisch empfehlen möchte ich an dieser Stelle Roberto Ampueros El último tango de Salvador Allende. Die taz hat eine Übersicht der bekanntesten Bücher zusammengestellt, in denen der Putsch behandelt wird. In dieser Übersicht finden sich neben fiktionalen Werken auch einige Sachbücher. Was Isabel Allende angeht, würde ich Mi país inventado ergänzen.
Für mich bleibt die Machtübernahme 1973 unweigerlich auch mit dem Tod Victor Jaras verbunden. Er ist für mich bis heute einer der wichtigsten politischen Kunstschaffenden Lateinamerikas. Seine Musik prägte die progressive deutsche Jugend der 80er Jahre. Jara wurde in den ersten Tagen nach dem Putsch mit vielen anderen brutal im Fussbaldstadion Santiago de Chiles gefoltert und gequält. Seine Leiche wurde am 16. September 1973 aufgefunden. Erst vor kurzem – vermutlich ist das Timing politisch mit Blick auf den Jahrestag motiviert – wurden die Verantwortlichen der Greueltat rechtskräftig verurteilt.
Das diesjährige Filmfestival von Locarno hat dem klassischen mexikanischen Kino eine unterhaltsame und künstlerisch wertvolle Retrospektive gewidmet.
Filmland Mexiko
Mexiko gilt heute als eines der bedeutensten und produktivsten Kinoländer der Welt. Guillermo del Toro, Alejandro González Iñárritu, Alfonso Cuarón und Natalia Beristain gehören zu den bekannteren Namen der internationalen Kinowelt. Doch die Relevanz des mexikanischen Kinos beschränkt sich nicht nur auf die Gegenwart. Das Filmfestival von Locarno hat dem klassischen mexikanischen Kino der 1940er bis 1960er Jahre seine diesjährige Retrospektive gewidmet. Kuratiert wurde die Retrospektive von Programmgestalter und Filmkritiker Olaf Möller, dem Kritiker Roberto Turigliatto und dem Direktor der Filmbibliothek der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko (UNAM), Hugo Villa. Ihren Titel «Espectáculo a diario» (Alltägliches Spektakel) trägt der Tatsache Rechnung, dass das Kino in jenen Jahrzehnten zur alltäglichen Unterhaltung weiter (städtischer) Bevölkerungskreise zählte. Eine Übersicht über alle Filme findet sich im Programm des Filmfestivals. Die Retrospektive bestand aus insgesamt 30 Filmen aus den Jahren 1940 bis 1969. Die Retrospektive zeigt deutlich, dass das mexikanische Kino jener Epoche nicht auf die heute noch bekannten Namen Cantinflas und María Félix reduziert werden sollte.
Meine Filmauswahl
Leider habe ich nur einen Bruchteil der angebotenen Filme sehen können, denn ich war nur vom 09. bis zum 12.08. vor Ort in Locarno. Neben der mexikanischen Retrospektive wollte ich schliesslich auch noch einige neue Filme sehen. Hier sind meine ausgewählten Filme:
La música de siempre(1956) war einer der ersten Farbfilme, die in Mexiko gedreht wurden. Die Handlung ist recht belanglos. Es geht darum, eine Rahmenhandlung zu finden, die es einer Filmcrew erlaubt, musikalische Szenen, die zunächst nichts miteinander zu tun haben, sinnstiftend aneinanderzureihen. Das ist sehr lustig und kurzweilig gestaltet, hatte aber einen ernsthaften sozialen Hintergrund. Bei dem Film handelt es sich sozusagen um eine Arbeitsbeschaffungsmassnahme für Künstler und Künstlerinnen, da der damalige Gouverneur von Mexiko-Stadt sehr hart gegen die Unterhaltungsbranche vorging. Regie führte der Chilene Tito Davison. Ich habe mich köstlich amüsiert.
Edith Piaf im Film La música de siempre
El caso de la mujer asesinadita (1955) ist ebenfalls ein höchst unterhaltsamer und vergnüglicher Film, bei dem erneut Tito Davison Regie führte. Eine reiche Frau lebt ein langweiliges Leben in ihrem prächtigen Haus. Da sie sich langweilt, liest sie viel. Diese Lektüren führen zu wilden Träumen und Vorahnungen über ihre eigene Ermordung. Der Film basiert auf dem Theaterstück von Miguel Mihura und Alvaro Laiglesia, wodurch er wie eine Art Kammerspiel wirkt.
Eine der imaginierten Szenen aus dem Film La mujer asesinadita
El corazon y la espada (1953) ähnelt vielen anderen Mantel-und-Degen-Filmen, die im Mittelalter angesiedelt sind. Das Besondere daran ist jedoch, dass es der erste mexikanische Film war, der in 3D gedreht wurde. Die Degen reichen förmlich in den Publikumsraum hinein. Die einfache Filmkulisse, die die Innenräume der Alhambra darstellen soll, erreicht so einen eindrucksvollen räumlichen Effekt. Der Plot ist ebenfalls schnell erzählt. Ein spanischer Edelmann möchte sich am Kalifen von Granada für den Tod seiner Eltern rächen. Ihn begleiten Ponce de León auf der Suche nach der Rose von Granada, die ewige Jugend verspricht, und Lolita, die das alchimistische Rezept für Gold in Granada sucht. Der Film nimmt es mit den historischen Fakten nicht allzu genau. Auch die Darstellungen der unterschiedlichen Kulturen dienen eher der dekonstruktivistischen Auseinandersetzung mit historisch geläufigen Stereotypen als der historischen Wahrheitsfindung. Regie führten Edward Dein und Carlos Véjar Jr. Die Rolle der Lolita wird übrigens von Katy Jurado gespielt, der ersten lateinamerikanischen Schauspielerin, die einen Golden Globe Award für ihre Nebenrolle im Filmklassiker High Noon erhielt.
Filmposter El corazón y la espada (der Film wurde in Locarno in S/W gezeigt)
Einordnung der Retrospektive
Leider hat die Zeit nicht für mehr Filme gereicht. Die beiden folgenden Links beinhalten eine umfassendere Bewertung der Retrospektive: einmal aus mexikanischer Perspektive, einmal aus Schweizer Sicht. Auf der Filmplattform MUBI sind einige der in Locarno vorgestellten Filme kostenlos zu sehen. Sicherlich wird man auch auf YouTube teilweise fündig. Unbedingt nachschauen möchte ich den Film La mujer murciélago und einen der zahlreichen Horrorfilme. Obwohl Horror sonst nicht zu meinen Genres gehört, erwarte ich mir vom mexikanischen Kino einen künstlerisch lustvollen Umgang mit dem Tod und seinen vermeintlichen Schrecken.
Ich war jedenfalls begeistert über die originelle und selbstbewusste Art und Weise, wie in Mexiko Filmtraditionen etwa aus den USA übernommen, emuliert bzw. auch ganz neu geschaffen wurden. Bemerkenswert ist auch – darauf wies auch Kurator Olaf Möller in einer seiner kurzen Einführungen zu den Filmen hin – wie international das mexikanische Kino in jenen Jahren bereits aufgestellt war.
Die heutigen Filmschaffenden Mexikos haben mit dem klassischen mexikanischen Kino grossartgie Vorbilder erhalten, die sie auch heute noch wertschätzen. Dies zeigt sich z.B. darin, dass der Film El suavecito dank der Zusammenarbeit mit Guillermo Del Toro restauriert werden konnte. Dank der Retrospektive «Espectáculo a diario» hat endlich auch eine grösseres Kinopublikum wieder Gelegenheit erhalten, diese Filme neu zu entdecken.
Vor kurzem wurde die gemeinsam mit RTVE produzierte Serie Los pacientes del Doctor García auf Netflix zur Verfügung gestellt. Ich habe mir die zehn Episoden, die auf Almudena Grandes‘ gleichnamigem Roman beruhen, angeschaut und in meinem Newsletter bewertet.
Es ist schon eine Weile her; aber wenn ich an den letzten Sommerurlaub in Lissabon zurückdenke, läuft mir schnell das Wasser im Mund zusammen. Da wir mir unserem Sohn unterwegs waren, der sich ausschliesslich vegan ernährt, haben wir uns konsequent für vegane Restaurants entschieden. Dies auch, weil wir die Erfahrung gemacht haben, dass in vielen konventionellen Restaurants Pommes Frites und Salat die einzigen veganen Angebote sind.
Eine Auswahl unserer Favoriten habe ich in meinem letzten Newsletter zusammengestellt, gerade rechtzeitig für die neue Sommersaison. Lissabon hat vegan viel zu bieten. Teils gibt es die typischen internationalen veganen Gerichte (vor allem Curry, Dal, Burger, Pies), die inzwischen überall in den grossen Metropolen angeboten werden. Teils gibt es aber auch phantasievolle vegane Variationen der einheimischen Küche. Gute Reise und guten Appetit!
Zur Vorbereitung unserer jährlichen Wanderung auf dem Camino de Santiago habe ich endlich Sergio del Molinos Essay La España vacía. Viaje a un país que nunc tue (2016) gelesen.
Meine Besprechung findet sich – wie immer – in meinem gleichnamigen Newsletter in englischer Sprache. Hier könnt Ihr die Kritik nachlesen: https://tertulia.substack.com/p/empty-spain
Auch wenn der Titel einen Reisebericht suggeriert, ist es doch eine Art komplementäre und selektive Literaturgeschichte Spaniens, die gutes Vorwissen voraussetzt.
Die deutsche Übersetzung ist übrigens im letzten Jahr unter dem Titel Leeres Spanien. Reise in ein Land, das es nie gab im Wagenbach-Verlag erschienen. Übersetzt wurde das Buch von Peter Kultzen.
Heute gibt es einmal etwas ganz anderes, ein Impro-Gedicht. Ich habe es geschrieben, als mir im App Store einmal mehr ein Sammelsurium von Meditations- und Produktivitäts-Apps angeboten wurde.
Meinen aktuellen Newsletter widme ich einer bedeutenden Frau der Renaissance. Gracia Nasi (1510-1569), auf den christlichen Namen Beatrice de Luna Miques getauft, teilweise auch Gracia Mendes (nach dem Familiennamen ihres Mannes) oder Hannah Nasi genannt. Bereits die Frage, wie wir diese Frau benennen, ist eine eigene Studie über kulturelle Identität wert. So wird Gracia als eine hispanisierte Form ihres hebräischen Vornamens Hannah gedeutet. Auch ihren Zeitgenossen und Zeitgenossinnen im damaligen Konstantinopel ging es ähnlich. Sie nannten Gracia Nasi der Einfachheit halber «La Señora», die Herrin, was uns einen ersten Eindruck ihrer Macht und ihrer sefardischen Herkunft verrät.
In meinem Newsletter führe ich in einige gute Quellen zum ereignisreichen Leben der Kauffrau, deren Lebensweg als Kind aragonesischer «Conversos» in Lissabon beginnt, dann nach Antwerpen, Venedig, Ferrara und schliesslich nach Istanbul führt, ein. Gracia Nasis Leben ist nicht nur auf einer biografischen Ebene superspannend, sondern vermittelt uns einen Einblick in das Schicksal der sefardischen Juden, die nach der Vertreibung von der Iberischen Halbinsel Zuflucht in mehreren europäischen Handelsstädten suchten, letztlich aber nur im Ottomanischen Reich vor der Inquisition sicher sein konnten.
Der Newsletter ist unter dem Titel „A polyglot by faith“ für alle kostenlos auf Substack zu lesen.