Ladino-Sommerfestival

Letztes Jahr habe ich angefangen, Ladino zu lernen, was ich auf diesem Blog mehrfach dokumentiert habe. Für alle neuen Leserinnen und Leser möchte ich zunächst ein paar Begriffsklärungen vornehmen:Ladino ist die romanische Sprache der Juden, die sie nach der Vertreibung aus Spanien und Portgual in der Diaspora weiter gesprochen und über Jahrhunderte erhalten haben. Ladino wird oft auch Judenspanisch genannt. Die Nachkommen dieser jüdischen Menschen werden als Sephardim bezeichnet. Das Wort „Sephardim“ stammt von dem hebräischen Wort für die iberische Halbinsel, Sepharad, das in der Bibel vorkommt.

Mit guten Spanischkenntnissen fällt es leicht, Ladino zu verstehen. Sprechen ist herausfordernder, gerade weil die Nähe zum aktuellen Spanisch doch sehr gross ist und phonetische Abweichungen sehr systematisch erfolgen. Leider gab es für einen Konversationskurs, den ich über den Sommer besuchen wollte, nicht genügend Anmeldungen, so dass ich mich anderweitig auf die Suche nach interessanten Themen zu Sprache und Kultur des Judenspanischen gemacht habe. In meinem aktuellen englischsprachigen Newsletter habe ich drei Themen vorgestellt, die einen guten Überblick über verschiedene kulturelle Aspekte des Ladino geben:

  • das Video Saved by language erzählt die Geschichte eines bosnischen Sefarden, der bis zur Vernichtung seiner Gemeinde durch die Nazis Ladino sprach.
  • der Roman The beauty queen of Jerusalem bzw. Die Schönheitskönigin von Jerusalem erzählt die Geschichte einer sefardischen Familie in Jerusalem von den Zwanziger bis in die Siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts.
  • drei Online-Kurse in spanischer Sprache, die einen guten Einblick in die Geschichte und Kultur des jüdischen Spanien bieten.

Ausführlichere Informationen zu den drei Themen gibt es im aktuellen Newsletter.

Spurensuche in Kuba

Die US-amerikanische Kulturanthropologin Ruth Béhar hat 2002 einen Dokumentarfilm über ihre eigene Identitätssuche gedreht. Filme verdanken ihren Erfolg manchmal ihrem Titel: «Adio kerida» («Goodbye, dear love») ist eines der bekanntesten sefardischen Volkslieder.

Kinoplakat

Ruth Béhar ist in La Habana geboren. Ihre Eltern sind beide in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts nach Kuba ausgewandert, um vor dem wachsenden Antisemitismus in Europa zu fliehen. Ihre Grosseltern mütterlicherseits waren jiddisch-sprechende Ashkenazi aus dem heutigen Polen/Russland. Ihre Grosseltern väterlicherseits kamen aus der Nähe von Istanbul und sprachen Ladino, das altertümliche Spanisch der vertriebenen sefardischen Juden. Kuba zeigte sich in den Zwanziger Jahren noch recht grosszügig gegenüber jüdischen Flüchtlingen. Die Motivation für die Aufnahme hatte jedoch ebenfalls rassistische Hintergründe: Die weisse Oberschicht, so Béhar, war daran interessiert, mehr Weisse ins Land zu holen, weil sie immer mehr Angst vor der afrikanisch-stämmigen Bevölkerung Kubas bekamen. Die jüdischen Neu-Kubaner waren häufig selbständige Kaufleute. Viele hatten ihre Geschäfte in der Calle de los Oficios. Nach der Revolution wurden sie enteignet. Auch Béhars Familie zog es wieder weg. Sie siedelte sich schliesslich in Queens/New York an. Als Anthropologin machte sich dann Béhar im Erwachsenenalter auf die Suche nach den Spuren ihrer Familie in Kuba.

Béhar führt uns in ihrem Dokumentarfilm an viele Orte, die sie in Kuba besucht hat. Da ist zum einen das Elternhaus in La Habana, das gleich neben der Synagoge stand. In ihm leben heute noch die ehemaligen Hausangestellten. Auch Möbel und Geschirr sind noch von damals. Gemeinsam besuchen wir mit ihr auch die ehemaligen und noch bestehenden Synagogen in La Habana. Bizarrerweise befand sich die erste sefardische Synagoge, die 1914 gegründet wurde, in der Calle Inquisidor. Sie ist heute eine Ruine. Béhar spricht auf ihren Besuchen auch mit den wenigen Juden, die nach der Revolution blieben. Während die einen darauf beharren, dass sie auch in Kuba als Juden respektiert werden können, möchten andere endlich aus Kuba wegkommen und nach Israel auswandern. Israel zahlt Ausreisewilligen Überfahrt und den Start im neuen Land. Béhar trifft auch Exil-Kubaner in Miami, die in ihren Seniorenheimen die Traditionen sefardischer Gebäcksorten aufrecht erhalten. Die Börekitas erinnern jedenfalls mehr an die türkische Küche als an die kubanische.

Der Film verläuft sehr ruhig. Die Kameraführung hat einen privaten, fast intimen Charakter, was auch damit zu tun haben mag, dass Béhars Sohn Gabriel für die Aufnahmen verantwortlich war. Im Gedächtnis geblieben ist mir das Interview mit dem Promi-Friseur Sami. Auch er ist ein Kubaner, dessen jüdische Familie zunächst aus der Türkei in Kuba gelandet war und nach der Revolution weiter nach Miami zog (im Jargon Miamis ein „Juban“. Er sagt, er sei froh für die Offenheit, die er dem Zusammentreffen so vieler verschiedener Kulturen in seiner Person verdanke.

Der Film ist denjenigen zu empfehlen, die sich für die Diaspora des sefardischen Judentums in Amerika interessieren. Sehr angenehm fand ich, dass Béhar ihre Geschichte sehr persönlich erzählt und keinen Drang empfindet, ihre Erfahrungen bewertend zu verallgemeinern. Wer sich mit Béhars Motivation auch aus akademischer Sicht beschäftigen möchte, dem empfehle ich ihren Artikel «While Waiting for the Ferry to Cuba: Afterthoughts about Adio Kerida» aus der Michigan Quarterly Review (er ist frei zugänglich). Es gibt übrigens unzählige Varianten des Volksliedes «Adio Kerida», aber keine ist so schmissig wie die kubanische am Ende des Dokumentarfilms. Ich habe sie weder auf YouTube noch auf Spotify gefunden. Alleine deshalb lohnt sich der spanischsprachige Film. Er kann auf Vimeo für 48 Stunden ausgeliehen werden:

Adio Kerida (Goodbye Dear Love) from Women Make Movies on Vimeo.

Benjamin von Tudela: der jüdische Marco Polo des Mittelalters

Der Vergleich in der Überschrift mag anmassend klingen, denn Marco Polo ist mit seinen Reisen weltberühmt geworden. Die Reisen Benjamin von Tudelas (hebräischer Name: Biniamin ben rabbí Yonah mi-Tudela) führten denn auch tatsächlich nicht ganz so weit in den Osten, doch sie geben ein gutes Zeugnis über die Eindrücke eines jüdischen Reisenden in die Region, die wir heute als Nahen Osten bezeichnen. Immerhin gilt er als der erste Europäer der Neuzeit, der China mit dem heutigen Namen erwähnt. Anders als Marco Polo ist Benjamin von Tudela bis heute weitgehend unbekannt. Auch ich traf heute erstmals in einem Artikel der La Vanguardia auf die Reiseberichte des Rabbinersohns aus dem navarrischen Städtchen Tudela.

Die Reisen

Er notierte genau, was er auf seinen Reisen zwischen 1160 und 1173 beobachtete (eine andere Quelle behauptet auch ab 1158). Seine Notizen, die von einem unbekannten Autoren im Libro de viajes (Masa’ot Binyamin) zusammengestellt worden sind, machen ihn bis heute zu einem bedeutenden Geographen und Darsteller der jüdischen Geschichte des Mittelalters. Seine genaue Route ist nicht bekannt, aber sie kann wie folgt rekonstruiert werden:

Benjamin of Tudela route – ru.svg: Kaidor (talk · contribs) derivative work: rowanwindwhistler / CC BY-SA

Besonders angetan war er vom damaligen Konstantinopel:

„An diesem Ort“, fährt er fort, „zeigen sich vor dem König und der Königin alle Arten von Menschen auf der Welt, wie durch Zauberei; und sie bringen Löwen, Panther, Bären und Zebras dazu, gegeneinander zu kämpfen; sie tun dasselbe mit Vögeln, und so ein Spektakel sieht man in keinem anderen Land.“

übersetzt aus dem Spanischen, https://www.lavanguardia.com/historiayvida/edad-media/20200630/482013608705/benjamin-tudela-marco-polo-judio-libro-viajes-constantinopla-bagdad.html

Auch von Bagdad und der Person des Kalifen ist er sehr begeistert. Mit grossem Detail schildert er das Leben der jüdischen Gemeinschaften und hält seine Eindrücke vom städtischen Leben insgesamt in seinen Notizen fest. So schreibt er genau auf, wie die jüdische Gemeinde lebt, wer sie anführt und wie ihre Lage jeweils ist – ob sie marginalisiert sind und unterdrückt werden oder ob sie sich mit den Machthabern arrangiert haben. Bis heute spekulieren Historiker und Philologen über die Motive seiner Reise. Eine häufig geäusserte Hypothese ist die, dass er als Händler neue Märkte suchte. Da er sich einige Male interessiert über Korallen äussert, vermutet man, dass er möglicherweise mit Schmuck handelte.

Das Buch

Wenn ich die Quellenlage richtig deute, ist die Originalausgabe 1543 in hebräischer Sprache in Konstantinopel erschienen, also 50 Jahre nach der Vertreibung der Juden aus Spanien. Es ist wenig erstaunlich, welch lange Reise die Notizen machen mussten, um endlich veröffentlicht zu werden. Sie zeichnet das Schicksal vieler sefardischer Juden nach, die nach 1492 gen Osten ziehen mussten. Es scheint fast so, dass die erste spanische Übersetzung erst 1918 herausgegeben wurde. Sie ist als pdf erhältlich. 1994 hat die Regierung Navarras auch eine dreisprachige Ausgabe in Spanisch, Baskisch und Hebräisch herausgegeben.

Wer das Buch lieber auf Englisch lesen möchte, findet eine Übersetzung auf dem Projekt Gutenberg: http://www.gutenberg.org/files/14981/14981-h/14981-h.htm

Eine deutsche Übersetzung ist leider nur antiquarisch erhältlich: https://www.zvab.com/buch-suchen/titel/juedische-reisen-im-mittelalter/autor/tudela/